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Arnd-Michael Nohl (Hrsg.): Rekonstruktive Erziehungsforschung

Cover Arnd-Michael Nohl (Hrsg.): Rekonstruktive Erziehungsforschung. Springer VS (Wiesbaden) 2020. 261 Seiten. ISBN 978-3-658-28125-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 55,50 sFr.

Reihe: Rekonstruktive Bildungsforschung - Band 20.
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Thema

Der Herausgeberband von Arnd-Michael Nohl befasst sich mit Erziehung als Kernkonzept der Erziehungswissenschaft und beleuchtet unterschiedliche Felder und Themen erzieherischen Handelns. Der Band will eine Lücke schließen und das vernachlässigte Thema Erziehung für die Erziehungswissenschaft wieder stärker zugänglich machen und damit der Theoriebildung wie der Forschung in Bezug auf Erziehung zu neuem Schwung verhelfen. Die Beiträge beziehen sich auf unterschiedliche Felder, schwerpunktmäßig geht es um Familie, Frühpädagogik und Schule. Auch methodisch und in der Analyseperspektive spannen die Beiträge einen weiten Bogen, von Diskursanalyse über Ethnografie bis Interviewstudien sind unterschiedliche Forschungsansätze prominent vertreten. Um diese Bandbreite in dem schmalen Band gut zu präsentieren, ist auf eine thematische Bündelung verzichtet worden, die Einzelaufsätze stehen daher gleichberechtigt und ungeordnet nebeneinander. Im einleitenden Beitrag von Nohl sowie in vielen Einzelbeiträgen wird betont, dass Erziehung für die Forschung aber auch in theoretischer Perspektive schwer greifbar ist, da Zusammenhänge und Einflussfaktoren komplex sind. Mit den beispielhaft vorgestellten Studien und Überlegungen wird daher ein Bezugsrahmen für die aktuelle Erziehungsforschung angeboten.

Herausgeber und Autoren

Der Herausgeber und Autor Arnd-Michael Nohl ist Professor für Erziehungswissenschaft, insbesondere für Systematische Pädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität sowie der Universität der Bundeswehr in Hamburg, wo er sich vor allem mit erziehungswissenschaftlichen Grundlagen und dem von ihm bereits schon lange bearbeiteten Feld der migrationsbezogenen Pädagogik befasst. Die Autorinnen und Autoren der Einzelbeiträge sind VertreterInnen der erziehungswissenschaftlichen Disziplin. Die Mehrheit von ihnen begleitet eine Professur für Erziehungswissenschaft oder einer pädagogischen Teildisziplin. Die Forschungsschwerpunkte der Autorinnen und Autoren reichen inhaltlich von der Schul- über die Familienforschung bis zur Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt des Sammelbandes war das Forschungsforum „Begrifflichkeit und methodische Anlage der empirisch-rekonstruktiven Erziehungsforschung“ auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft im Jahre 2018 in Essen.

Der Herausgeber Nohl hat zwei Beiträge zum Buch beigesteuert: Einleitend führt er in einer breiten Perspektive in das Thema ein. Nohl beschreibt Erziehung als pädagogischen Grundprozess und vielschichtiges Phänomen. Die Interaktion zwischen Erziehenden und Zu-Erziehenden ist mit Bedeutung aufgeladen und bezieht sich gleichzeitig implizit wie explizit auf unterschiedliche Ebenen. Die Komplexität des alltäglichen Handelns zwingt die Erziehungsforschung von einer klaren Verständigung von Erziehung auszugehen, um aus dem Alltagshandeln etwa in Familien überhaupt Erziehungsbezüge rauslesen zu können. Gleichzeitig ermöglicht die rekonstruktive Perspektive Erziehungsmomente und damit das Wesen von Erziehungshandeln überhaupt erst erkennen zu können, um den Erziehungsbegriff in der empirischen Auseinandersetzung weiter zu entwickeln.

Einige Einblicke in die Einzelbeiträge

Thorsten Fuchs betrachtet die Werteerziehung in einem Generationenvollzug als familiengeschichtliche Tradierung. Von Überlegungen Jürgen Oelkers ausgehend wird die Erziehungstheorie in zwei Spuren nachgezeichnet, die sich mit Blick auf den normativen Gehalt von Erziehung (Werte) besonders deutlich unterscheiden: das bewusste Einwirken auf Zöglinge sowie die Freiheit der Entwicklung. Fuchs betrachtet die Transmission von Haltungen der Großeltern hin zu ihren Enkeln, da ihm die Beschränkung auf die Eltern-Kind-Verbindung für die Erziehungsforschung gerade im Hinblick auf Werte zu eng erscheint. Die theoretischen und empirischen Überlegungen von Fuchs überzeugen und erscheinen gleichzeitig als zu kurz gegriffen. Wenn Tradierung als Thema im Kontext von Erziehung angesprochen wird, verwundert es, warum Kultur als Wertebezug und rahmendes Moment von Erziehung nicht wenigstens erwähnt wird, die gesellschaftliche Funktion von Erziehung damit außen vor bleibt. Interessant sind Fuchs Ausführungen dazu, wie Werteerziehung einer starken Rationalität unterliegt und sich im Vollzug aber weitgehend irrational vollzieht.

Jutta Ecarius beleuchtet Möglichkeiten der qualitativen Erziehungsforschung, indem sie sich auf wichtige theoretische Ansätze bezieht und fünf Schlüsselkategorien (doppelte Kontingenz, Lernen, Zeit/Zeitlichkeit, Emotionen und Erziehungsinhalte) herausarbeitet. Erziehung ist immer mit vielfältigen Ebenen verbunden und insbesondere in der Familie schwer greifbar. Daher ist die theoretische wie thematische Schwerpunktsetzung in der Erziehungsforschung unerlässlich, um empirisch zu arbeiten. Der Aufsatz betrachtet Familienerziehung als Projekt unter den Bedingungen der Spätmoderne. Zudem wird die Funktion von Erziehung herausgearbeitet: Kinder zu Gesellschaftsmitglieder zu machen und gleichzeitig Gesellschaftsgestaltung zu betreiben. Eindrücklich wird hergeleitet, dass Erziehung nicht im Moment, sondern im Prozess zu finden ist, der zudem durch vielfältige zusätzliche Einflüsse (auch im Wechselspiel mit der/dem Zu-Erziehenden) bestimmt ist sowie welche Forschungsüberlegungen diese Prämissen aufnehmen.

Ethnografie ist für Jürgen Budde ein besonders geeigneter Zugang zur Erforschung von Erziehungshandeln (als Praxis in einer Gemeinschaft). Am Beispiel des Klassenrats untersucht Budde, wie sich der Einzelne und die Gemeinschaft in Erziehungspraktiken intentional miteinander verbinden, d.h. wie aus Praktiken soziale Ordnung emergiert. Die besondere Qualität der Ethnografie ermöglicht die Prozesshaftigkeit von Erziehung forschend einzufangen und gleichzeitig Regeln, Normen einzubeziehen. Eine besondere Leistung von Budde besteht darin, Theorie und Methodik miteinander zu verschränken und mit „Intentionalität, Normativität, intendierter Verhaltensveränderung sowie einer pädagogischen Rahmung […] vier theoretische Grundpfeiler von Erziehungstheorien heraus[zu]stellen“ (S. 70).

Eine stärker gesellschaftliche Perspektive auf Erziehung ergibt sich aus der Diskursanalyse, die Steffen Großkopf am Beispiel von Publikationen der Frühpädagogik behandelt. Sein Interesse gilt dem Wandel im Fach selbst, der Frage, wie der Erziehungsbegriff in der Erziehungswissenschaft zugunsten von Bildung an Bedeutung verlor. Da er als Erziehungswissenschaftler nicht außerhalb der Diskursarena steht, macht er auf die Schwierigkeit aufmerksam, Diskurse im Wissenschaftssystem selbst herauszuarbeiten. Da Diskurse in einer höheren Ordnung Wirklichkeit konstruieren, kann mit dem gestärkten Bildungsbegriff die „professionelle Pädagogik als spezifische unersetzbare Instanz für alle auch unter Dreijährigen“ (S. 98) positioniert werden. Gleichzeitig kann der Diskurs die Familienerziehung abwerten und eine semantische wie räumlichen Trennung zwischen dem privaten Leben und öffentlichen Bildungsorten begünstigen (S. 106). „Öffentliche Kleinkinderziehung als ‚Bildungsbeteiligung‘ erfährt eine explizite Aufwertung, die Familie[nerziehung] hingegen eine implizite Abwertung.“ (ebd.).

Andreas Wernet leuchtet den Umgang der objektiven Hermeneutik mit Erziehung (in Abgleich zu Sozialisation) aus und sucht nach Erziehung im Unterricht, indem er die Sozialbeziehungen in der Schule betrachtet. Das Melden ist für ihn hier ein Schlüsselphänomen mit erzieherischer Wirkung.

Gruppendiskussionen sind das empirische Material mit dem Martin Hunold Erziehung (von Erwachsenen) in Organisationen einfängt. In Bezug zur praxeologischen Wissenssoziologie wird das Spannungsverhältnis zwischen Erziehung und Macht bearbeitet (breit betrachtet auch als „symbolischen Gewalt“ nach Pierre Bourdieu).

Unter dem Titel „Familienerziehung als reflexive soziale Praxis“ beleuchten Dominik Krinninger und Hans-Rüdiger Müller erzieherische Alltagspraxis („unorganisierte“ Pädagogik) in der Familie. Der Generationenbezug von Familienerziehung wird über Interviews mit Eltern und Großeltern erfasst, ihre Aussagen werden miteinander abgeglichen. Über eine wissenssoziologische Einbettung wird dem wichtigen Generationenverhältnis von Erziehung, aber auch der Einfluss öffentlicher Diskurse auf Erziehung nachgespürt. Spannend sind die Reflexionen zur verschränkten Betrachtung des allgemeinen gesellschaftlichen und des spezifisch-familiären Bezugsrahmens von Erziehung, die sich als bewusste Praxis und ganz oft auch nur in kleinen Gesten zeigt. Dieser Varianz und Überlagerung nähern sich die Autoren in praxistheoretischer Perspektive, denn Erziehung entfaltet sich „in einem Spannungsfeld von Routiniertheit und Unberechenbarkeit“ (S. 170).

Sylvia Jäde und Christoph Kairies befassen sich unter Rückgriff auf Elterninterviews mit Zeit im Kontext von Familienerziehung. Die zeitliche Organisation und der zeitliche Rahmen werden in den Familien genutzt, Familienzeit zu leben und aktiv zu gestalten. Das empirische Material des Aufsatzes ist gut gewählt und wird unmittelbar auf ein theoretisch aufgearbeitetes Gerüst bezogen. Die Analyse schließt die beiden präsentierten Einzelfälle nachvollziehbar auf, setzt sie miteinander in Dialog und bindet die Befunde an die Theorie zurück. Gerahmt sind diese Forschungsüberlegungen mit einem Kulturbezug (nach Wolfgang Sünkel), um die Bedeutung von Erziehung in historischer Generationenfolge als Transmission von Kultur (Vermittlung und Aneignung) herauszuarbeiten.

Erziehung in der Schule betrachten Barbara Asbrand und Matthias Martens am Beispiel von Lehrer-Schüler-Interaktionen bei videografierten Klassenratsitzungen. Zum Verständnis von Erziehung sind Situationen spannend, in denen Störungen vorliegen oder die intuitiven Handlungspraxen haken, da Reflexion notwendig wird, um den Handlungsmomenten zu begegnen. Diese Reflexion ist zudem sprachlich zugänglich.

Im abschließenden Beitrag stellt der Herausgeber Nohl die Reanalyse einer videografierten Essensszene im Kindergarten vor und ordnet das Material durch seine Perspektive auf Routinen und Basisregeln neu ein. Spannend sind vor allem die allgemeinen Überlegungen, in denen Nohl Erziehung praxistheoretisch veranschaulicht: Übereinstimmung und Diskrepanz bilden die wichtigen Anschlussstellen des Erziehungsgeschehens, da die Ausgangslage mit der Zielstellung, aber auch die Perspektive von Erzieher und Zögling beim Erziehungsprozess in einem Spannungsverhältnis zueinanderstehen. „So verstanden, basiert Erziehung immer auf Rahmenkongruenz und Rahmendiskrepanz zugleich: Um überhaupt jemandem Lebens- oder Handlungsorientierungen zumuten zu können, ist eine Rahmendiskrepanz unabdingbar.“ (S. 256).

Diskussion

Erziehung ist in der Erziehungswissenschaft aktuell kein zentrales Forschungsthema. Dass Bildung in der Erziehungswissenschaft sehr viel häufiger behandelt wird als Erziehung, wird in unterschiedlichen Beiträgen benannt, zum Teil werden spannende theoretische und forschungspraktische Gründe hierfür herausgearbeitet.

Die theoretischen Überlegungen in den Einzelaufsätzen, wesentlich eindrucksvoller aber die vorgestellten Forschungsperspektiven und -befunde, machen deutlich, welch zentrales und facettenreiches Thema Erziehung ist und dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit Erziehung in der Erziehungswissenschaft aber auch in den pädagogischen Teildisziplinen überfällig ist. Das Buch macht in einer anregenden Weise den Sack auf, lädt ein, Erziehung auf der Mikroebene, im dyadischen und institutionellen Rahmen sowie auf einer gesellschaftlichen Ebene als wichtiges Konzept zu verstehen, wenn es um die intentionale Formung von Heranwachsenden geht.

Die methodische und inhaltliche Breite der Beiträge verdeutlicht, dass Erziehung als Kernbegriff der Erziehungswissenschaft empirisch vielfältige Ansatzpunkte bietet. Erziehung wird breit verhandelt, von Sozialisation abgegrenzt, auf einer diskursiven Ebene, als Machtinstrument betrachtet, in unterschiedlichen Vollzugsräumen untersucht (etwa die der Frühpädagogik, der Familie oder der Schule). Insgesamt wirkt dies als Einladung der empirischen Erziehungsforschung mehr Aufmerksamkeit zu schenken und den ausgelegten Spuren in zukünftigen Publikationen gezielter nachzugehen, Positionen, Forschungsperspektiven und Befunde gezielter miteinander ins Gespräch zu bringen, um aus der Empirie heraus auf die Theoriebildung zurückzuwirken und das Erziehungsverständnis stärker zu konturieren und gleichzeitig breit auszuleuchten.

Ein Verdienst des Bandes ist es, sehr unterschiedliche Forschungszugänge vorzustellen und durch konkrete Projekte und Material zu illustrieren. Rekonstruktive Erziehungsforschung – so zeigt der Band – kann sowohl diskursanalytisch, dokumentarisch oder hermeneutisch daherkommen, welche Fragestellungen und Erziehungsbegriffe durch die methodische Ausrichtung jeweils vertieft werden können und wie diese sich verbinden können, bleibt jedoch mitunter offen. Vorhaben, die auf einer Mikroebene erzieherische Praxis studieren und gleichzeitig den historisch-kulturellen Rahmen von Erziehung in Form einer Diskursbeobachtung einbeziehen, sind besonders überzeugend. Erziehung muss als normatives Thema in den gesellschaftlichen Rahmen ihres Vollzugs verortet werden. Eine zitierte Warnung von Krinninger, dass auch die Erziehungswissenschaft selbst diskursiv wirken kann (S. 169), macht deutlich, dass die Disziplin bei der Beschäftigung mit pädagogischen Grundkonzepten einen wissenssoziologischen und selbstreflexiven Blick benötigt. Praxis und Diskurse können nie vollständig voneinander getrennt werden, ein dialektisches Vorgehen in der Formulierung von Forschungsfragen und der Analyse von Daten ist wichtig. Auch ein kritischer Review der eigenen Erziehungsvorstellungen ist in diesem Prozess notwendig.

Die empirischen Beispiele zeigen eine Varianz an Erziehungskontexten und -praxen in Familie und Institutionen. Empirisches Material wird zum Teil stark deskriptiv vorgestellt. Die Breite eines Themas, die Vielschichtigkeit der Bezüge und Perspektiven, wird dadurch an einigen Stellen wenig deutlich. Beim Lesen entsteht manchmal der Eindruck, vorgestelltes Material sei nicht im Kontext betrachtet, die Praxisakteure mit ihren Sichtweisen und Erklärungen seien bei der Analyse wenig bedacht worden. Wenn die Verbindung zwischen allgemeinen theoretischen Reflexionen und vorgestellten empirischen Befunden gezogen wird, entstehen zum Teil sehr spannende Einblicke, die auf das Erziehungsverständnis der Erziehungswissenschaft gut zurückwirken können (etwa bei Jäde und Kairies). In der Kürze eines Aufsatzes ist all dies natürlich eine herausfordernde Aufgabe und auch nur eingeschränkt möglich.

Einige Beiträge beziehen sich auf Andreas Reckwitz, um die gesellschaftliche Dimension alltäglicher Praxis im Fall von Erziehung anschaulich zu machen. Dies bereichert die häufig an der Mikroebene verorteten Forschungsvorhaben um eine wichtige Perspektive. An Reckwitz anschließend hat Nohl Erziehung praxeologisch bestimmt, diese Überlegungen werden von eingen AutorInnen des Bandes genutzt (etwa, wenn Asbrand und Martens die Verbindung von Handlungsvollzug mit der Reflexion von Handlungsabsichten betrachten, S. 216). Der von Nohl eingebrachte Erziehungsbegriff verbindet die auf Selbstständigkeit gerichtete Entwicklungsbegleitung und das Setzen von Ansprüchen („nachhaltige Zumutung von Lebens- und/oder Handlungsorientierung“, S. 241) den Heranwachsenden gegenüber, die häufig von einem Widerspruch zwischen dem Sein und Soll sowie zwischen den beteiligten Akteuren ausgehen und diese auflösen sollen.

Modelle und Befunde aus der Psychologie werden nicht explizit erwähnt, dabei bieten sich hier vielfältige Anschlussstellen an. Obwohl die gesellschaftlichen Einflüsse auf Erziehung angesprochen sind, wird die gesellschaftliche Funktion von Erziehung als Kulturvermittlungsinstanz nur bei Ecarius und Jäde & Kairies explizit herausgearbeitet.

Wie die Aufsätze der Fachdebatte in der Erziehungswissenschaft nützen, in sie einfließen und zu welchem Erziehungsverständnis im Fach damit gefunden werden kann, wie der Erziehungsbegriff neben dem übermächtigen Bildungsverständnis seinen Platz stärken kann, ist im vorliegenden Band noch wenig ausbuchstabiert. Ob sich ein verbindender Erziehungsbegriff finden lässt, der alle vorgestellten Erziehungsthemen und Perspektiven auf Erziehung umfassend rahmen kann, muss daher offenbleiben. Hier macht der Band hoffentlich Lust und Mut, weitere Fachdiskussionen anzuschließen und sich multiperspektivisch mit Erziehung zu befassen.

Fazit

Die vorgestellte Publikation wagt einen Spagat, betrachtet Erziehung aus einer überwiegend empirischen Perspektive vom thematisch fokussierten Blick auf eine erzieherische Einzelsituation bis hin zu Erziehungseinstellungen im Generationenverlauf oder den diskursiven Wandel von Erziehung. Diese bunte und breite Palette ist spannend und macht Sinn, da der Band Erziehung als Kernthema der Erziehungswissenschaften erneuern will. Je nach eigener fachlicher Verankerung kann die Leserin/der Leser daher einen Anknüpfungspunkt an eigene Themen finden.

Die Aufsätze fallen teilweise weit auseinander. Einzelne AutorInnen machen ausgewähltes empirisches Material zugänglich, argumentieren sehr einzelfallspezifisch, in anderen Artikel stehen theoretische oder thematische Überlegungen im Zentrum oder werden unterschiedliche Blickrichtungen und Facetten zu Aspekten erzieherischen Handelns behandelt. Dies macht den Band aber nicht beliebig oder verwirrend, sondern ist eine gute Möglichkeit den breiten Rahmen und die unterschiedlichen Ebenen auf die hin Erziehung untersucht werden kann, einzufangen. Die rekonstruktive Verortung der Beiträge ist eine gute Klammer, mit der diese Varianz zusammengehalten wird. Insgesamt bietet der Band eine anregende Lektüre, durch die sowohl die thematische Vielschichtigkeit von Erziehung, die Ebenen und Einflussfaktoren, aber auch mögliche Analyseperspektiven gut sichtbar werden und nebeneinander Bestand haben können.


Rezension von
Claudia Frank
Ethnologin, Psychologin und Traumafachberaterin
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Zitiervorschlag
Claudia Frank. Rezension vom 13.12.2021 zu: Arnd-Michael Nohl (Hrsg.): Rekonstruktive Erziehungsforschung. Springer VS (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-28125-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28625.php, Datum des Zugriffs 22.01.2022.


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