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Phil C. Langer, Aisha-Nusrat Ahmad u.a.: Jugend in Afghanistan

Rezensiert von Dr. Olga Frik, 13.09.2022

Cover Phil C. Langer, Aisha-Nusrat Ahmad u.a.: Jugend in Afghanistan ISBN 978-3-8379-2953-9

Phil C. Langer, Aisha-Nusrat Ahmad, Ulrike Auge, Khesraw Majidi: Jugend in Afghanistan. Ringen um Zukunft in Zeiten des Krieges. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 240 Seiten. ISBN 978-3-8379-2953-9. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.
Reihe: Forschung psychosozial
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Thema und Aktualität

Das Buch „Jugend in Afghanistan“ berichtet über die Situation der Jugend in einem Land, in dem gewaltsame Auseinandersetzungen über die Jahrzehnte hinweg zu einer alltäglichen Normalität geronnen sind. In der Einleitung finden wir entsprechende Informationen: Dem im Juni 2020 veröffentlichten Global Peace Index zufolge ist Afghanistan nun schon zum zweiten Mal in Folge das weltweit am wenigsten friedvolle Land der Welt, gefolgt von Syrien, Südsudan, Irak und Jemen (Institute for Economics and Peace, 2020, S. 2). Mittlerweile vergeht kaum eine Woche, in der nicht über terroristische Anschläge oder militärische Gefechte berichtet wird. Von der andauernden Gewalt im Land und ihren weitreichenden und tiefgehenden Folgen sind Kinder und Jugendliche, die in Konflikten stets als hoch vulnerable Gruppe gelten können und die auch im Mittelpunkt des vorliegenden Buches stehen, besonders betroffen.

Die Autoren und Autorinnen stellen folgende Fragen: Was aber bedeutet es, unter solchen Bedingungen aufzuwachsen? Was heißt es, in dem nun offiziell am wenigsten friedvollen Land der Welt groß zu werden?

Heutzutage ist die Lage in Afghanistan nach wie vor unübersichtlich. Nach 50 Jahren Krieg und Bürgerkrieg ist Afghanistan heute eines der ärmsten Länder der Welt. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Krieg, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit, schwierige Versorgungslage stürzen viele Menschen dort in schwere Depressionen.

Das Thema des Buches ist sehr aktuell: etwa zwei Drittel der Bevölkerung in Afghanistan sind unter 24 Jahre alt. Somit bildet die Jugend quantitativ wie qualitativ die Zukunft des Landes.

Auch der Bezug zu Deutschland ist offensichtlich: Derzeit leben offiziell etwas mehr als 250.000Afghan*innen in Deutschland, nichtstaatliche Quellen geben auch schon mal 350.000 an (vgl. S. 16).

Entstehungshintergrund

Im vorliegenden Buch handelt es sich um Afghan Youth Project, dessen Ziel ist es, Jugendlichen in Afghanistan – mit ihren Problemen und Ängsten, Hoffnungen und Träumen – eine Stimme zu geben. Das Projekt hat 2016 begonnen. Über zwei Jahre hinweg waren die Autoren und Autorinnen des Buchs und ihre Forschungspartner*innen in den Provinzen Balkh und Kunduz– und ein wenig auch in Kabul– forschend unterwegs, kamen mit über 220 jungen Menschen ins Gespräch über ihre lebensweltlichen Erfahrungen, ihre Wahrnehmungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihre Vorstellungen, Wünsche und Hoffnungen für die politische Zukunft des Landes. An dem Buch wurde zu viert über ein Jahr hinweg kollaborativ geschrieben. Mit diesem Buch zum Afghan Youth Project (AYP) möchten die Autoren und Autorinnen die Leser*innen einladen, mit ihnen gemeinsam diese Reise(n) mit all ihren Ambivalenzen und Widersprüchen, die dem Projekt als konstitutiver Teil des Forschungsfeldes selbst eingeschrieben sind, nachzuvollziehen. Es geht um das Ringen um Hoffnung einer jungen Generation in einem Land, in dem diese in der alltäglichen Konfrontation mit Gewalt und Leiden, scharfer sozialer Ungleichheit und prekären Teilhabechancen, gesellschaftlicher Fragilität und politischer Instabilität permanent desavouiert wird.

Die Autoren und Autorinnen des Buchs behaupten, dass die Potenziale für gesellschaftlichen Wandel in der jungen Generation erkennbar werden: Die Jugendlichen sehen sich als »Zukunftsmacherinnen«, die grassierende Gewalt, soziale Ungleichheit, ethnische und geschlechtliche Diskriminierung und die politische Stagnation überwinden möchten. Mehr als 220 von ihnen haben das Projekt durch ihre Lebensgeschichten, Gesellschaftsdiagnosen und Zukunftsvorstellungen bereichert. Die Autoren und Autorinnen zeichnen auf Basis dieses reichhaltigen Materials ein aktuelles und differenziertes Bild der Jugend in Afghanistan.

Autoren und Autorinnen

Phil C. Langer, Dr. Phil., ist Professor für Sozialpsychologie und Sozialpsychiatrie an der International Psychoanalutic University (IPU) Berlin.

Aisha-Nusrat Ahmad, M.A. ist Research Fellow an der IPU Berlin. Sie hat ihre Dissertation an der Goethe-Universität Frankfurt zur Solidarität unter jungen Frauen in Afghanistan verfasst.

Ulrike Auge, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der IPU Berlin und arbeitet als Psychologin bei einem Sozialpsychiatrischen Verbund. Aktuell befindet sie sich im Ausbildungsgang zur tiefenpsychologisch fundierten und analytischen Psychotherapie.

Khesraw Majidi, B.A. absolviert zurzeit ein Masterstudium in Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bis 2016 hat er die ISAF-Mission in Afghanistan unterstützt.

Inhalt

Das erste Kapitel „Das Afghan Youth Project“ gibt eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau der Arbeit. Es dient der Vorstellung des Forschungsprojektes: der gesellschaftlichen und politischen Kontexte (Abschnitt1.1), auf die es reagierte und dessen Teil es zugleich war und ist; der wissenschaftlichen Debatten (Abschnitt 1.2), an die das Projekt mal mehr, mal weniger gut anschließen konnte oder wollte und zu denen es einen kleinen Beitrag leisten möchte; seiner Genese, Konzeption und prozesshaften Entfaltung schließlich mit unseren je spezifischen subjektiven Einsätzen. In diesem Einleitungskapitel wird die Untersuchungsperspektive der Studie erläutert und in die Forschungslandschaft eingeordnet.

Im Kapitel 2 („Forschen mit Jugendlichen in Konfliktgebieten Zum methodischen Ansatz“) wird der methodische Zugang zur Untersuchungsgruppe ausführlich dargestellt. Hier werden die Herausforderungen empirisch-qualitativen Forschens im Kontext von Konflikt und Krieg und die Strategien, mit denen die AutorInnen versucht haben, diesen Herausforderungen zu begegnen, aufgezeigt. Ferner wird hier die Forschung in postkolonialer Perspektive problematisiert. Dann wird hier das eigentliche Forschungsdesign der Studie dargestellt. 

Im Kapitel 3 („Geschichten Ausgewählte Fallvignetten und Essays“) werden die LeserInnen etwas genauer und intensiver mit dem empirischen Material der Studie – den Interviews und Drawings – bekannt gemacht.

Zu Beginn des Kapitels 4(„Bedeutungen von Gewalt“) merken die Autoren und Autorinnen an, „dass Gewalt zwar ein unverzichtbarer Ausgangspunkt der politischen wie wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Situation und der perspektive Afghanistans sein muss, aber nicht ihr alleiniger oder Endpunkt sein darf“ (S. 153). Hier werden die Befunde der Analyse in Bezug auf gewalttheoretische Ansätze diskutiert. Dann im zweiten Abschnitt des Kapitels werden die gewonnenen Einsichten in kritischer Absicht auf bestehende Konzeptionen von Trauma bezogen. Im dritten Abschnitt wird Bodybuilding in Afghanistan dargestellt, ein Phänomen, das zunächst wenig mit Gewalt zu tun zu haben scheint.

Im Kapitel 5 (»Serving Afghanistan«Bedeutung(en) der Nation und die Mission der Jugend) wird den programmatischen Bezugnahmen auf Nation nachgespürt, die sich in ihrer kollektiven identitätsstiftenden Funktion bereits im vorangegangenen Abschnitt in der Fallskizze zum Bodybuilding angedeutet wurde (vgl.S. 193). Hier wird der generationsspezifische Auftrag, dem Land Einheit und Frieden zu bringen, den sich die Jugendlichen geben, rekonstruiert. Dieses Bemühen wird dann in einem historischen Exkurs kontextualisiert. 

Im Kapitel 6 („Perspektiven auf Adoleszenz“) geht es um die Verortung der Jugendlichen innerhalb eines nationalen und generativen Kollektivs mit einem psychoanalytischen Fokus. Die Autoren und Autorinnen gehen der Frage nach, „wie afghanische Jugendliche im Kontext von zivilen und militärischen Konflikten und einer sich stetig wandelnden, fragmentierten und konfliktreichen Gesellschaft mit teilweise erodierenden Strukturen den Übergangscharakter der Adoleszenz verhandeln…? (S. 233).

Im Kapitel 7 („Solidarität und Agency“) wird den gesellschaftspolitischen Vorstellungen und den mit ihnen verbundenen Handlungsoptionen als perspektiven der Einlösung jener Hoffnung nachgespürt. Hier gehen die Autoren und Autorinnen auf die Bedeutungen von Solidarität, den Imaginationstraum, die ambivalenten Wahrnehmungen von Migration und Flucht als spezifischen Ausdruck sozialer Agency, ein.

Im Kapitel 8 („Ein offenes Ende“) interpretieren die Autoren und Autorinnen die Gesamtergebnisse der empirischen Befunde ihrer Studie. Der Leser findet hier einerseits den Rück- und Ausblick auf erfolgreich abgeschlossenes Forschungsprojekt. Die Ergebnisse der Studie werden zusammengefasst und die sich aus dem Forschungsprojekt ergebenden wissenschaftlichen und praktischen Konsequenzen werden dargestellt. Andererseits soll der Leser durch ein offenes Ende zum Überlegen angeregt werden, er kann aus der Interpretation des Textes mögliche Schlüsse auf die Weiterentwicklung des Geschehens ziehen. Ein offenes Ende bedeutet auch, dass die Situation sich ständig weiter entwickelt.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für MitarbeiterInnen von den mit Bildungs- und Berufsberatung befassten Institutionen, sowie für Studierende und Lehrende der Studiengänge aus den Bereichen empirische Sozialforschung und Migrationsforschung.

Diskussion

Wie bereits erwähnt, hat das Buch ein offenes Ende, dadurch wird der Leser zum Überlegen angeregt. Dies scheint nachvollziehbar zu sein. Die Autoren und Autorinnen erläutern, dass sie mit der Diskussion der Wahrnehmung von Flüchtlingsperspektiven eine Grenze erreicht haben, die sie nicht überschreiten können. Im letzten Kapitel werden Fragen aufgelistet, die nur begrenzt zufriedenstellend beantwortet werden können.

Fazit

Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit widmet sich der Situation der Jugend in einem Land, in dem gewaltsame Auseinandersetzungen über die Jahrzehnte hinweg zu einer alltäglichen Normalität geronnen sind.

Es handelt sich um ein gelungenes und sehr zu empfehlendes Buch, das die Situation einer jungen Generation in Afghanistan lebensnah, empirisch und theoretisch darlegt. Die gesammelten Erkenntnisse machen es zu einer aufschlussreichen und lohnenswerten Lektüre.

Rezension von
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität, Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Es gibt 42 Rezensionen von Olga Frik.

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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 13.09.2022 zu: Phil C. Langer, Aisha-Nusrat Ahmad, Ulrike Auge, Khesraw Majidi: Jugend in Afghanistan. Ringen um Zukunft in Zeiten des Krieges. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-2953-9. Reihe: Forschung psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28628.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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