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Martin Heinzelmann: Das Altenheim - immer noch eine "totale Institution"?

Cover Martin Heinzelmann: Das Altenheim - immer noch eine "totale Institution"? Eine Untersuchung des Binnenlebens zweier Altenheime. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2004. 286 Seiten. ISBN 978-3-86537-276-5. 40,00 EUR.
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Hintergrund

Die Arbeit ist als Dissertation zur Erlangung des sozialwissenschaftlichen Doktorgrades der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen von Martin Heinzelmann im Jahre 2004 vorgelegt worden. Grundlage der Arbeit ist eine 1996 von Heinzelmann in zwei Altenheimen durchgeführte empirische Studie. Als Methoden sind Befragungen von 60 nicht-pflegebedürftigen HeimbewohnerInnen und Beobachtungen in den Einrichtungen zum Einsatz gekommen. Im Jahre 2002 ist das Datenmaterial durch zwei ExpertInneninterviews, geführt mit dem Leiter bzw. der Leiterin der untersuchten Heime, erweitert worden, um die Veränderungen in der stationären Altenpflege und   -betreuung seit Einführung der Pflegeversicherung zu berücksichtigen.

Als Bezugsrahmen dient Heinzelmann das von dem US-amerikanischen Soziologen Erving Goffman 1961 in seinem Werk "Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen" dargelegte Konzept der "Totalen Institution". Anhand des Beispiels von Psychiatrien postuliert Goffman die grundsätzliche Anwendbarkeit des mit diesem Ausdruck verbundenen Konzepts auf verschiedene Einrichtungen wie Konzentrationslager, Kriegsgefangenenlager, Kasernen, Krankenhäuser, Konvente, Internate, Arbeitslager und eben auch Institutionen, die für die Fürsorge von Menschen geschaffen wurden, wie Waisenhäuser, Armenasyle sowie Altenheime. Das entscheidende Merkmal aller "Totalen Institutionen" ist die Aufhebung der Trennung zwischen den Orten des Schlafens, Spielens und Arbeitens für deren Mitglieder. Alle Angelegenheiten ihres Lebens finden für die Zeit des Aufenthaltes an derselben Stelle statt. Ein weiteres Kriterium ist die Verfügung über die Zeit der Betroffenen. Der Tagesablauf ist vorgeplant und strukturiert. Zudem existiert ein ausgeprägtes Machtgefälle zwischen dem Funktionspersonal und den Mitgliedern. Die Betroffenen müssen die Regeln der Einrichtungen strikt befolgen. Der streng hierarchisch gegliederte Stab aus Funktionären ist für die Einhaltung derselben verantwortlich. Das Personal übt eine allumfassende Kontrolle aus. Die Existenz derartiger Institutionen wird durch ihre Ziele gegenüber der Gesellschaft gerechtfertigt.

Anhand dieses Bezugsrahmens überprüft Heinzelmann die Gültigkeit des Konzepts der "Totalen Institution" für die heutigen Altenheime. Ziel der Arbeit ist darüber hinaus, den Alltag der Heime vollständig zu erfassen. Dementsprechend bezogen sich die Forschungsfragen des teiloffenen Leitfadens auf die Aufenthaltsorte der BewohnerInnen, ihre Zeitverwendung, Aktivitäten und sozialen Beziehungen. Als empirische Basis ist jeweils ein Heim in Ost- und Westdeutschland ausgesucht worden, um schlussendlich der allgemeinen Analyse der Institution Altenheim einen Regionenvergleich hinzuzufügen. Die Gültigkeit der erfassten und analysierten Daten sieht der Autor zwar nur für die beiden konkreten Einzelfälle gegeben, die Ergebnisse lassen ihm zufolge aber eine Einschätzung der gesamten gegenwärtigen Situation der Altenheime in Deutschland zu.

Quintessenz

Der Autor beantwortet die mit dem Buchtitel gestellte Frage anhand der aus der empirischen Studie gewonnenen Ergebnisse folgendermaßen:

Merkmale von Altenheimen, die dem Konzept der "Totalen Institutionen" zuwiderlaufen, sieht Heinzelmann in der vorhandenen Zeit zur individuellen Alltagsgestaltung, in der Möglichkeit, die Einrichtung zu verlassen, in der prinzipiellen Möglichkeit, die Zimmer zu verschließen, im geringeren Anpassungsdruck, dem rechtlichen Status, der privaten Kleidung, dem Mangel an Zukunftsperspektiven sowie dem Vorhandensein von struktureller und subtiler Macht im Gegensatz zu offener Machtausübung.

Weitestgehende Übereinstimmung mit dem Konzept ist an dem Punkt gegeben, dass alle Phasen des Tagesablaufs der Mitglieder an einem Ort stattfinden. Die Gründe sind dem Autor zufolge aber im Gesundheitszustand der BewohnerInnen und nicht in der Zielsetzung der Institution zu suchen. Der Charakter einer "Totalen Institutionen" findet sich in der Struktur des Tagesablaufs, im Mangel an Privatsphäre, in der Dienstkleidung der Angestellten und der hierarchischen Gliederung des Personals.

Heinzelmann resümiert, dass der Begriff der "Totalen Institutionen" für die gegenwärtigen Heime nicht mehr zutrifft. Die Merkmale einer klassischen "Totalen Institutionen" treffen entsprechend seiner Analyse nur zum Teil und meistens nur in abgeschwächter Form zu. Als Alternative schlägt er daher vor, den Einrichtungstypus als "Pseudo-Totale-Institutionen" (S. 233) zu bezeichnen.

Zielgruppen

Vom Autor selbst wird keine Zielgruppe benannt. Die Arbeit ist aus meiner Sicht für verschiedene Gruppen geeignet:

  • Alle in einer stationären Alteneinrichtung Beschäftigten sind als Zielgruppe zu benennen. Diese Gruppe umfasst die AltenpflegerInnen, die Sozialdienst-MitarbeiterInnen, die Angestellten im hauswirtschaftlichen Bereich, die Angestellten der Leitungsebene eines Altenheims aber auch die Geschäftsführung. Die Erstgenannten können in ihrem Arbeitsalltag und die Letztgenannten durch Grundsatzentscheidungen mit dazu beitragen, in den jeweiligen Einrichtungen die Symptome des "Totalen" zu reduzieren.
  • Ältere Menschen, die über einen Heimeinzug nachdenken oder bereits in einer Alteneinrichtung leben sowie deren Angehörige sind eine weitere Zielgruppe. Durch den mit der Lektüre dieses Buches erlangten Kenntnisstand kann die Heimplatzsuche zielgenauer gestaltet werden. Die Aneignung des Buchinhalts fördert eine Sensibilisierung für Kriterien, inwiefern die jeweilige Einrichtung Aspekte wie Selbstverwirklichung, Wahrung und Entfaltung der Persönlichkeit oder Privatsphäre gewährleistet. Das Werk kann ebenso die Motivation der BewohnerInnen oder deren VertreterInnen fördern, in den Heimen die Mitwirkungsrechte wahrzunehmen und über den Heimbeirat auf Missstände aufmerksam zu machen oder Verbesserungsvorschläge einzubringen.
  • Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Thema "Totale Institutionen" auseinandersetzen, können auch als Zielgruppe benannt werden. Die Publikation leistet einen Beitrag zur Erforschung des Konzepts der "Totalen Institution" bezogen auf einen Einrichtungstyp.

Aufbau und Überblick

Die 280 Seiten des Buches verteilen sich auf zehn Kapitel. [Anzumerken ist an dieser Stelle, dass der Autor für "Kapitel" den Begriff "Abschnitt" (s. S. 8) und umgekehrt verwendet (s. S. 6).] Das I. Kapitel stellt eine Einleitung dar. Kapitel II und III führen in den theoretischen Hintergrund und in die Untersuchung ein. Der Hauptteil der Arbeit ist in fünf Kapitel (IV - IX) gegliedert. Gemäß dem Goffmanschen Bezugsrahmen (s.o.) werden folgende Themenkomplexe behandelt:

  • Die Lebenssituation der alten Menschen vor dem Einzug wird mit der des Heimlebens kontrastiert.
  • Aktivitäten außerhalb des Hauses werden von solchen in den offenen Räumen der Einrichtungen und denen innerhalb der privaten Zimmer unterschieden.
  • Die Phasen des Heimlebens werden analysiert, dabei werden die Einzugsphase, der Alltag und das Ende des Heimaufenthalts separat beleuchtet.
  • Der Tagesverlauf und die Tagesstruktur werden analysiert, Handlungsspielräume von HeimbewohnerInnen erörtert.
  • Die Gestaltung des Zusammenlebens und die sozialen Beziehungen zu Verwandten, Freunden und dem Heimpersonal werden betrachtet.

In den entsprechenden Kapiteln werden die jeweiligen Untersuchungsergebnisse präsentiert und interpretiert. Originalaussagen der BewohnerInnen, Ausschnitte aus den Tagebucheintragungen, die im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung entstanden sind und Auszüge der ExpertInneninterviews werden eingeflochten.

An den Hauptteil schließt sich Kapitel X mit einer Schlussbetrachtung an.

II Gesellschaft und Altenheim

In Kapitel II wird auf den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Altenheim eingegangen. Dem Autor zufolge wirkt die Umwelt durch unterschiedliche Mechanismen auf jeden Einrichtungstyp ein, so dass auch die Institution Altenheim nicht vollständig durch eine isolierte Betrachtung erklärt werden kann. (Ergänzend muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass der soziologische Ansatz von der Hinzuziehung entsprechender Literatur bis hin zur Interpretation des Materials reicht.)

  • Im 1. Abschnitt wird der historische Entstehungsprozess von Altenheimen geschildert. Dieser beginnt bei Spitälern für Arme, Alte als auch arbeitsunfähige Menschen im Umfeld von Klöstern im Mittelalter und endet mit den drei Entwicklungsschritten seit Bestehen der BRD. Aus den Verwahranstalten der Nachkriegszeit wurden in den 1960er Jahren krankenhausähnliche Einrichtungen, die wiederum in den 1980er Jahren von den Heimen heutigen Typs abgelöst wurden, die als Wohn- und Lebensraum begriffen werden. Nicht ausgeklammert werden Aspekte wie Lebenserwartung, Sicht der Gesellschaft auf das Alter und demographische Entwicklung der Bevölkerung. Auch wird auf das sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen und ab 1889 in Gesamtdeutschland etablierende System der Alterssicherung eingegangen. Hingewiesen wird außerdem auf das 'Euthanasieprogramm' des 'Dritten Reiches' als "Tiefpunkt der abendländischen Altenpolitik" (S. 23). Abschließend wird die Situation der Heime in der DDR beleuchtet.
  • Im 2. Abschnitt wird die aktuelle Situation der Altenheime und der alten Menschen in Deutschland geschildert. Der Autor geht auf die verschiedenen Organisationsformen ein, die von Altenwohngemeinschaften bis zu Hospizen reichen. Die Sozialstruktur der Betagten und die Rahmenbedingungen gegenwärtiger Altenheime werden dargelegt. Außerdem verweist der Autor darauf, dass er sich bei der Auswahl der beiden untersuchten Heime an der Sozialstruktur des statistischen Durchschnittsheimes von 1994 orientiert hat. Des Weiteren wird auf den neuartigen Charakter der Altenpflege eingegangen. Inzwischen wird sich am Konzept der "aktivierenden Pflege" (S. 37) orientiert, die eine Wiederherstellung der Selbständigkeit bzw. die Aufrechterhaltung der Autonomie anstrebt.  Der letzte Punkt behandelt die veränderten Rahmenbedingungen seit Einführung der Pflegeversicherung. Das SGB XI hat Heinzelmann zufolge die Heime entgültig aus dem Bereich der Wohltätigkeit freigesetzt und den Gesetzen der Marktwirtschaft unterworfen. Auch konstatiert er durch die Pflegeversicherung eine Tendenz weg vom Altenheim hin zum ausschließlichen Pflegeheim.
  • Im 3. Abschnitt wird das öffentliche Bild der Institution Altenheim und des Alters wiedergegeben. In neuerer Zeit hat in der Betrachtung des Alters eine Differenzierung in verschiedene Phasen stattgefunden. Die Gruppe der "jungen Alten" (S. 46) ist zwischen 60 und 80 Jahre alt. Sie werden in den Medien, respektive dem Fernsehen, in der Werbung, in der Literatur und in öffentlichen Debatten als aktive Menschen dargestellt, die ihren Lebensabend genießen. Den Hochbetagten jenseits der 80 Jahre werden dem Autor zufolge weiterhin die negativen Attribute des Alters zugeschrieben. Das hohe Alter wird mit Multimorbidität gleichgesetzt. Der öffentlichen Wahrnehmung zufolge handelt es sich somit um eine Lebensphase, die mit einer kostenintensiven Betreuung einhergeht. Analog dazu ist die Berichterstattung der Medien über Altenheime. Nach Heinzelmann sind es vor allem die keineswegs repräsentativen Skandale und Missstände, die von den Medien aufgegriffen werden. Unverhältnismäßigkeit bescheinigt Heinzelmann aber auch den Einrichtungen, die mit beschönigenden Selbstdarstellungen in ihren Informationsbroschüren auffallen und somit an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Wirkungen dieser Broschüren und einer Pressearbeit, die auf die Lokalteile der Regionalzeitungen abzielt, ist dem Autor zufolge jedoch begrenzt. Er resümiert, dass die Alteneinrichtungen verstärkt als Orte verstanden werden, an dem sich die stigmatisierten Hochbetagten befinden.
  • Im 4. Abschnitt geht der Autor auf das Konzept der "Totalen Institution" ein, er bestimmt den Begriff näher und stellt den aktuellen Forschungsstand im Allgemeinen sowie den Forschungsstand bezogen auf Altenheime im Speziellen vor. Einleitend wird das bereits oben angerissene klassische Konzept von Goffman erläutert. Anschließend geht der Autor auf das Werk "Die Konstitution der Gesellschaft" (1995) von Anthony Giddens ein, der das Konzept der "Totalen Institution" in Zusammenhang mit dem der Disziplinargesellschaften von Michel Foucault bringt. Giddens zufolge ist die "Ausübung von Macht" (S. 56) der dominierende Faktor einer jeden "Totalen Institutionen". Unter den gegebenen Lebensbedingungen kommt es zu einem unfreiwilligen Zurschaustellen des eigenen Körpers und zur Auflösung der Privatsphäre. Infolgedessen stellt sich eine systematische Schwächung des Selbstwertgefühls und eine Veränderung der Persönlichkeit ein. Inwiefern Altenheime in der sozialwissenschaftlichen Forschung der letzten Jahrzehnte als "Totalen Institution" eingeschätzt wurden, wird abschließend behandelt. Verschiedene Quellen zitierend hält der Autor fest, dass "die Heime der zweiten Generation (s.o.) ... in enger Affinität zu diesem Konzept standen" (Prahl/Schroeter 1996; S. 59) sich aber restriktive Bestimmungen in den gegenwärtigen Heimordnungen nicht mehr finden lassen.

III Forschungsaufbau und Untersuchungsdurchführung

In Kapitel III werden der Forschungsaufbau und die Durchführung der Untersuchung beschrieben. Außerdem sind in diesem Kapitel die demographischen Angaben zu den BewohnerInnen zusammengestellt. Einleitend erläutert der Autor den Forschungsaufbau. Nach Aussage des Autors existiert (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung) keine Studie speziell zu diesem Thema (vgl. S. 65). Er stellt seine ersten Überlegungen und die Planung vor, beschreibt die Visitationen in verschiedenen Einrichtungen, den ausgewählten Untersuchungs-gegenstand und die Forschungsinstrumente. Des Weiteren legt der Autor die Durchführung der Feldforschung und die Art der Datengewinnung offen. Auch auf die Befragungssituationen, ExpertInneninterviews sowie die Schwierigkeiten und den Nutzen einer teilnehmenden Beobachtung wird eingegangen. In Tabellenform werden die demographischen Angaben gemacht. Den LeserInnen werden die Dauer der Interviews, das Geschlecht sowie das Alter der interviewten Personen, der Familienstand, der frühere Beruf als auch die Wohnzeit im Heim im Überblick vorgestellt.

IV Lebenssituation von HeimbewohnerInnen

In Kapitel IV werden Einzelheiten der Lebenssituation der HeimbewohnerInnen vor ihrem Umzug und nach diesem Zeitpunkt vorgestellt. Heinzelmann beginnt mit einer Betrachtung der unterschiedlichen Gründe für den Einzug. Der Schritt ins Altenheim kann freiwillig oder erzwungen sein, der Termin kann plötzlich kommen oder lange vorher bereits feststehen. Der Autor analysiert, dass die Lebensumstände, die zum Umzug führen, für das spätere Wohlbefinden in der neuen Umgebung von maßgeblicher Bedeutung sind. Er sieht eine Kombination aus sich verschlechterndem Gesundheitszustand und den Wegfall bisheriger sozialer Bindungen als Bedingungen für den Umzug an.

Den erhobenen Daten zufolge ist der überwiegende Teil der BewohnerInnen weiblich, verwitwet und mit geringen finanziellen Mitteln ausgestattet. Zwei Drittel sind zwischen 70 und 90 Jahre alt, die Restlichen jünger oder älter. Mehr als drei Viertel haben schon vor dem Umzug in der jeweiligen Stadt gewohnt, sie bleiben also in ihrer gewohnten Umgebung. Heinzelmann zufolge empfindet die Mehrheit der BewohnerInnen den Umzug als eine Verbesserung der Wohnsituation, da sie aus einer unbefriedigenden räumlichen Umgebung kommen.

Nur 10% der befragten BewohnerInnen würde nicht noch einmal in ein Altenheim einziehen. Die alten Menschen versprechen sich Schutz, Gesellschaft sowie medizinische und allgemeine Versorgung von dem Heimleben. Veränderungsbedarf geben nur wenige von ihnen an. Zu wenig Personal benennen nur drei BewohnerInnen (!) und nur fünf den Mangel an Veranstaltungen. Der Autor zieht daraus den Schluss, das sich viele alte Menschen mit der neuen Situation arrangieren, wie es charakteristisch für das Verhalten in "Totalen Institutionen" ist (vgl. S. 106).

V Raumstrukturen

In Kapitel V werden die Raumstrukturen der Einrichtungen betrachtet. Dabei werden die Umgebung der Altenheime, die teilöffentlichen Bereiche der Einrichtungen, wie der Empfangsraum, die Cafeteria, der Speisesaal, die Sitzecken, der Aufenthaltsraum und die Korridore sowie die Zimmer der BewohnerInnen analysiert.

Eingangs erläutert der Autor, dass der architektonische Aufbau der Einrichtungen für den Bezugsrahmen "Totale Institution" von entscheidender Bedeutung ist und die Beschaffenheit des jeweiligen Ortes eine wichtige Rolle im Interaktionsprozess spielt (vgl. S. 108 f.). Anhand des Heimes in den neuen Bundesländern weist er anschließend nach, dass die geographische Lage der Einrichtung zu einer Segregation der BewohnerInnen führen kann. Die Einrichtungen sind seiner Analyse zufolge jedoch offener als "Totale Institutionen" und auch als die Altenheime früherer Generationen. Die Rezeptionen entsprechen Heinzelmann zufolge denen von Hotels. Im positiven Verständnis dienen sie dem Einholen von Auskünften, im negativen kontrollieren sie den Personenverkehr. Während der Betrieb einer Cafeteria dem Konzept der "Totalen Institution" widerspricht, sind die Flure in den untersuchten Einrichtungen analog zum Bezugsrahmen gleichförmig und lang. Die beiden Altenheime verfügen über Einzelzimmer, so dass in diesem Punkt eine Veränderung zu klassischen Heimen konstatiert werden kann. Der Autor problematisiert jedoch die Zugangsregelung, die er feststellen konnte: Die Angestellten der beiden Häuser klopfen zwar an, warten aber keine Eintrittsaufforderung ab.

VI Zeit im Altenheim

In Kapitel VI wird die Gesamtheit der im Altenheim verbrachten Zeit der Mitglieder anhand einzelner Zeitabschnitte untersucht. In der Einzugsphase ist das Ziel von "Totalen Institutionen", den Neuankömmlingen die Allmacht der Einrichtung vor Augen zu führen (vgl. S. 148). Übergangsriten muss ein neuer Bewohner in einem Altenheim auch durchlaufen, da er mit einer Gruppe von Menschen mit einem anderen sozialen Status zusammentrifft, die ihm zudem  unbekannt sind. Der Unterschied liegt nach Heinzelmann jedoch darin, dass der "Einzugsschock" (S. 152) zu den negativen Begleiterscheinungen beim Umzug in eine Alteneinrichtung gehört, während er bei einigen anderen "Totalen Institutionen" erwünscht ist.

Das Älterwerden in Alteneinrichtungen unterscheidet sich in drei Punkten von dem in anderen "Totalen Institutionen": Zum Ersten fehlt den BewohnerInnen die Zukunftsperspektive im Gegensatz zu Mitgliedern anderer "Totaler Institutionen". I.d.R. verbringen die BewohnerInnen ihren zeitlich nicht konkretisierbaren Lebensabend in den Heimen, während die Mitgliedschaft in anderen "Totalen Institutionen" durch eine definierte Dauer begrenzt wird. Zum Zweiten erleben sie den Verlust von MitbewohnerInnen und Freunden. Zum Dritten wird ihnen das eigene Schicksal durch die permanente Anwesenheit anderer gesundheitsbeeinträchtigter Menschen vor Augen geführt.

VII Tagesablauf, Angebote, Aktivitäten der BewohnerInnen

In Kapitel VII werden der Tagesablauf sowie die Angebote in den untersuchten Einrichtungen als auch die Aktivitäten der BewohnerInnen durchleuchtet.

Kennzeichen einer jeden "Totalen Institution" ist die vorgegebene Struktur des Tages, die den Mitgliedern keinen Entscheidungsspielraum lässt (vgl. S. 159). Zu den primären Zielen der Institution Altenheim gehört es im Gegensatz zu anderen "Totalen Institution", die BewohnerInnen von den Mühen der alltäglichen Verrichtungen zu entlasten. Daraus resultieren festgelegte Arbeitsabläufe des Personals, die Priorität genießen. Demzufolge müssen die BewohnerInnen auf die vorgegebenen Tagesordnungspunkte warten. Somit ist die Organisation des Heimes nach Heinzelmann mit struktureller Macht verbunden. Der Autor weist jedoch darauf hin, dass die festen Zeiten des Tagesablaufs auch als Orientierungshilfe dienen und soziale Zusammentreffen gewährleisten. Außerdem resultiert aus den Ergebnissen der Untersuchung seine Annahme, dass die meisten BewohnerInnen erhebliche Probleme damit haben, die zeitlichen Lücken zwischen den Terminen mit eigenen Initiativen zu schließen. Die Schwierigkeit zur sinnvollen Gestaltung der Freiräume wird durch die Angebote der untersuchten Einrichtungen nicht vollständig behoben (vgl. S. 187). Die BewohnerInnen wählen dem Autor zufolge nur Veranstaltungen aus, die sie besonders interessieren, so dass jeweils nur eine fest umrissene Klientel angesprochen wird.

VIII Soziale Beziehungen

In Kapitel VIII werden die sozialen Beziehungen der BewohnerInnen zu außenstehenden Personen, zu den MitbewohnerInnen des eigenen Wohnbereichs und zu denen der Pflegebereiche sowie zum Personal untersucht.

Zu den Merkmalen von "Totalen Institutionen" gehört, dass die Individuen ihrer alten sozialen Beziehungen beraubt und diese durch neue Relationen ersetzt werden (vgl. S. 189). Altenheime gehören dagegen zu den Institutionen, in denen das Unterbinden von sozialen Kontakten der Mitglieder zur Außenwelt nicht vorgesehen ist. Den Ergebnissen der Untersuchung zufolge sind die Hauptansprechpartner der BewohnerInnen die Verwandten. Je geringer jedoch die Außenkontakte der alten Menschen sind, desto intensiver interagieren sie innerhalb der Altenheime.

Die Beziehungen der BewohnerInnen untereinander sind aber überwiegend oberflächlich, selbst wenn sie regelmäßig sind. Von einer "zwanghaften Vergesellschaftung wie in anderen 'Totalen Institutionen'" (S. 207) kann in den untersuchten Heimen somit nicht die Rede sein. Zumindest ein Teil der alten Menschen hat Heinzelmann zufolge starke Ressentiments gegenüber den MitbewohnerInnen aufgebaut, so dass von einer "gewissen Atmosphäre des Misstrauens" (S. 203) gesprochen werden kann.

Der Umgang mit BewohnerInnen, die körperliche Einschränkungen aufweisen, stellt sich dem Autor zufolge als unproblematisch dar, hingegen sind geistige und kognitive Störungen bei den alten Menschen mit einer negativen Konnotation versehen.

Gegenüber dem Personal existiert in den untersuchten Einrichtungen keine klare "Frontstellung" (S. 217) wie in anderen "Totalen Institutionen". Von der Ausübung einer ständigen Kontrolle durch die Angestellten kann Heinzelmann zufolge nicht gesprochen werden. Jedoch nimmt er subtile Formen der Machtdarstellung wahr, als Beispiele werden "warten lassen" und "Verletzung der Privatsphäre" angeführt.

IX Besonderheiten des Alterns in Altenheimen

In Kapitel IX werden die Situation älterer Menschen in Deutschland und die Besonderheiten der Altenheime erörtert als auch nochmals ein gesellschaftlicher Zusammenhang hergestellt. Heinzelmann setzt sich einleitend mit dem Leben von alten Menschen in einer eigenen Wohnung auseinander. Dem Autor zufolge unterscheidet sich dieses in den meisten Punkten nicht gravierend von Leben der Altenheim-BewohnerInnen. Sowohl das Freizeitverhalten als die soziale Struktur sind vergleichbar. Von der Hausarbeit sind die HeimbewohnerInnen jedoch freigesetzt, außerdem unterliegt ihr Tagesablauf einer rigideren Tagesstruktur.

Der Autor schließt das Kapitel mit einer Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung im 20. Jahrhundert. Mit dem Schritt von der Moderne zur Postmoderne hat ihm zufolge ein gravierender gesamtgesellschaftlicher Wandel stattgefunden, in dessen Kontext er die jüngere Entwicklung der Altenheime verstanden sehen will. Als besondere Merkmale dieser Epoche führt er das Verschwinden traditioneller sozialer Strukturen und die Ausdifferenzierung der Lebensstile an. Das fehlen von einheitlichen Maßstäben kann zu Orientierungslosigkeit bei Individuen und zum Verlust der moralischen Verpflichtung führen, den Älteren einen humanen Lebensabend zu ermöglichen.

X Schlussbetrachtung

Das Kapitel X enthält die Schlussbetrachtung, in der ein Ost-West Vergleich gezogen, die Gültigkeit des Bezugsrahmens überprüft und die zukünftige Entwicklung der Institution Altenheim antizipiert werden. Die Gegenüberstellung der Informationen aus den beiden Heimen hat eine hohe Übereinstimmung in zahlreichen Punkten mit teilweise gleichen mengenmäßigen Verteilungen erbracht. Nach Heinzelmann verläuft der Heimalltag in den neuen und den alten Bundesländern (bezogen auf das Jahr 1996) im Wesentlichen gleich ab.

Die grundsätzliche Frage dieser Arbeit, ob das Altenheim immer noch eine "Totale Institution" ist, beantwortet er mit "nein" (vgl. S. 246 u. "Quintessenz"). Jedoch sieht er das von Goffman entwickelte Konzept der "Totalen Institutionen" zum gegebenen Zeitpunkt im Generellen als diskussionswürdig an, da sich die Institutionen seiner Meinung zufolge im Zuge der Modernisierungswelle in den 1970er Jahren zum Teil tiefgreifenden Reformen unterzogen haben.

Für die Zukunft sieht der Autor die Gefahr, dass eine Situation entstehen kann, die der mittelalterlichen Aufteilung in Stifte (für Reiche) und Spitäler (für Arme) entspricht. Von der Innovation der Märkte und der Differenzierung der Einrichtungen werden Heinzelmann zufolge die "jungen Alten" und Wohlhaben profitieren, während die pflegebedürftigen und sozial schwachen Menschen in einer zunehmend an wirtschaftlichen Erwägungen orientierten Gesellschaft von der Entwicklung abgekoppelt werden. Um die Renaissance der "Totalen Institutionen" zu verhindern, fordert er gesetzliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den betagten Menschen ein Leben in Würde ermöglicht.

Bewertung - negative Aspekte

  • Das ausgewählte Forschungsfeld repräsentiert lediglich eine Minderheit der stationären Alteneinrichtungen. Betrug der Anteil von klassischen Altenheimplätzen 1995 immerhin noch 31%, sank er in nur fünf Jahren auf 6% (vgl. S. 9). Die im Jahre 2002 an den Heimleiter der westdeutschen Alteneinrichtung gestellte Frage: "Die Heimbewohner, wie ich sie damals befragt habe, wird es in Zukunft gar nicht mehr geben?" wird dementsprechend mit einem kurzen "nein" beantwortet (S. 272).
  • In diesem Kontext muss auch die große zeitliche Distanz erwähnt werden, die zwischen der Erhebung der Daten und der Veröffentlichung der Arbeit liegt. Vor dem Hintergrund, dass im Jahr der Datenerhebung (1996) die Pflegeversicherung mit gravierenden Auswirkungen auf die stationäre Altenhilfe eingeführt worden ist, wie der Autor auch freimütig einräumt, kann die Studie entweder als ein Stück Geschichte der jüngeren Zeit oder zumindest als nicht mehr aktuell bezeichnet werden.
  • Um den Wandel der Pflegelandschaft der letzten Jahre zu berücksichtigen, hat Heinzelmann zwei ExpertInneninterviews nachgeschoben, aus denen er Passagen "in die Arbeit montiert" (S. 11). Dieses Verfahren wirkt aus meiner subjektiven Sicht sehr aufgesetzt. Die Fragmente erscheinen wie Fremdkörper in der stringenten Auswertung der vorangegangenen Studie.
  • Die Arbeit hätte um ein paar Seiten kürzer ausfallen können, da der Autor einzelne Aussagen und ganze Passagen wiederholt. Beispielsweise erläutert Heinzelmann in ähnlicher Form auf den Seiten 6, 7, 12, 24, 30, 49, 57, 222, 233 und 237, dass der "gesamtgesellschaftliche Zusammenhang" bei der Betrachtung einer Institution nicht ausgeklammert werden darf.
  • Die Einförmigkeit der Überschriftengröße und der Gliederung macht es dem Leser besonders zu Beginn der Lektüre schwer, auf einen Blick nachvollziehen zu können, ob nun ein neues Kapitel, ein neuer Abschnitt oder ein neuer Punkt begonnen hat.

Bewertung - positive Aspekte

  • Titel und Untertitel der Arbeit korrelieren in vollem Umfang mit dem Inhalt der Publikation. Sowohl die mit dem Buchtitel verbundene Frage wird zur Zufriedenheit beantwortet als auch die Erwartungen erfüllt, die sich durch den Untertitel aufbauen.
  • Die Studie entspricht den Standards der empirischen Sozialforschung. Die Vorgehensweise wird transparent gemacht, die einzelnen Arbeitsschritte werden präzise erläutert. Die Auswertung enthält Techniken der quantitativen und der qualitativen Forschung, so dass nicht nur Mengenangaben, sondern auch konkrete Aussagen der BewohnerInnen helfen, das Bild des Lesers zu formen.
  • Die auf der (teilnehmenden) Beobachtung basierenden Tagebucheintragungen lockern die Auswertung auf, die naturgemäß auf Daten, Tabellen und Analysen fußt. Die Tagebucheintragungen führen den Leser als entspannende Ergänzung im prosaischen Stil in die Details der Welt der untersuchten Altenheime ein.
  • Bevor in die Auswertung der einzelnen Themenkomponenten eingestiegen wird, werden die an dieser Stelle relevanten Aspekte des Bezugsrahmens ("Totale Institution") vorangestellt, um einen direkten Vergleich zu ermöglichen.
  • Lässt die Gestaltung im optischen Sinne Defizite erkennen (s.o.). so kann der inhaltliche Aufbau als gelungen bezeichnet werden. In den Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln sind grundlegende Informationen zur folgenden Thematik enthalten, am Ende von Abschnitten und Kapiteln steht ein Fazit, dass neben einer Zusammenfassung der Auswertung eine Interpretation des Materials enthält.

Fazit

Das Buch musste geschrieben werden. Diese Studie über den Charakter der sich nach außen als modern gerierenden Altenheime, die sich als Wohn- und Lebensort verstehen, kann dazu beitragen, sowohl Ressentiments gegenüber der Institution Altenheim abzubauen als auch den Blick zu schärften für den bestehenden Veränderungsbedarf. Eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Pflegeheime ist bis zu einem gewissen Grad möglich, eine Studie in einer Pflegeeinrichtung wäre sinnvoller gewesen. Menschen, die sich für die Themenfelder Kontrollgesellschaft oder Altenarbeit interessieren, ist die Publikation wärmstens ans Herz zu legen (falls es bei dem Preis nicht zu sehr bluten sollte).

 


Rezensent
Dipl. Soz.-Arb. Torsten Thomas
Sozialdienst-Mitarbeiter eines Altenpflegeheims


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Zitiervorschlag
Torsten Thomas. Rezension vom 07.02.2006 zu: Martin Heinzelmann: Das Altenheim - immer noch eine "totale Institution"? Eine Untersuchung des Binnenlebens zweier Altenheime. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2004. ISBN 978-3-86537-276-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2863.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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