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Andreas Kossert: Flucht - eine Menschheitsgeschichte

Cover Andreas Kossert: Flucht - eine Menschheitsgeschichte. Siedler Verlag (München) 2020. 431 Seiten. ISBN 978-3-8275-0091-5. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressourcen: ISBN: 9783570550069; 9783570550205; 9783570551011; 9783570551196.
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Wurzeln und Wirrungen

Der anthrôpos ist, seit er evolutionär existiert, ein Homo migrans. Es sind die gewollten, geplanten und ungewollten, erzwungenen Wanderungen, die ihn veranlassen, seinen angestammten Lebensbereich zu verlassen und anderswo ein besseres, aussichtsreicheres Dasein für sich und die Seinen zu finden. Individuelle und Völkerwanderungen erzeugen Hoffnungen und Spannungen. Es wird vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“ gesprochen, weil sich derzeit weltweit rund 80 Millionen Menschen auf der Flucht befinden. In der Migrationsforschung werden die Ursachen und Auswirkungen dieser Situation analysiert; als Push- und Pull-Faktoren dargestellt; als Willkommens- und Ablehnungs-Argumente diskutiert (siehe z.B.: „Gute Flüchtlinge, schlechte Flüchtlinge?!“. Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit, Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21024.php).

Entstehungshintergrund und Autor

„Jeder kann morgen ein Flüchtling sein“. Mit dieser Erkenntnis, die als Fakt und Feststellung gemeint ist, leitet der Berliner Historiker Andreas Kossert das Buch „Flucht“ ein. Er hat bereits in mehreren Arbeiten darauf aufmerksam gemacht, dass die Geschichte der Menschen immer wieder gekennzeichnet ist von Trivialitäten, Triumphen und Tragiken: „Am Umgang mit Flüchtlingen lässt sich ablesen, welche Welt wir anstreben… Wieviel Ablehnung Flüchtlinge erfahren, lässt Rückschlüsse zu auf tiefsitzende Angst der Aufnehmenden, selbst einmal entwurzelt zu werden“ (siehe dazu auch: Andreas Kossert, Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6654.php). In der sich immer interdependenter, entgrenzender und wohl auch ungerechter entwickelnden Welt halten sich Hilflosigkeit und Gewissheit die Waage; Hilflosigkeit ob der konfliktreichen und gewaltsamen Entwicklung hin zu immer mehr sozialer Ungerechtigkeit und des mehr und mehr auseinanderdriftenden humanen Existierens der Menschen in der (Einen?) Welt; und der scheinbaren, ego- und ethnozentrischen Positionen, die sich in Einstellungen zeigen, wie: „Jeder ist sich selbst der Nächste!“, „Ego first“, „Das Boot ist voll!“, „Refugees not welcome“. Das global geltende Menschenrecht auf Asyl wird immer mehr ignoriert, oder von Staaten ausgehebelt. Ob sich ein Volk als Einwanderungsland versteht oder Mauern und Zäune um das eigene Territorium errichtet, zeigt, welche Stimmungen, Einstellungen, Verhaltensweisen und Politik im Land vorherrschen. Dort, wo von „Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsflut“ und „Flüchtlingskrise“ gesprochen wird, werden die Menschen zu „Massen“ und zu zerstörerischen „Wellen“ umgedeutet. Es sind nicht die einzelnen Schicksale und Existenzen der Vertriebenen, sondern Zahlen und Statistiken, die das Leben und Wohlbefinden der „Einheimischen“ bedrohen. Verdrängt und ignoriert wird, dass Einwanderer vielfach die angestammte Gesellschaft positiv verändern. Forderungen und Erwartungshaltungen von „Anpassung“ und „Assimilation“ überwiegen: „Nur wenn ihr so werdet wie wir, können wir euch aufnehmen!“; integrative Aspekte kommen nur dann in Frage, wenn das „Ich“ und „Wir“ vor dem „Gemeinsamen Neuen“ steht. Die Warnungen vor einer ego- und ethnozentristischen Flüchtlingspolitik werden eher lax und pflichtgemäß aufgenommen (Alexander Betts/Paul Collier, Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22625.php). Es sind Diskriminierungen und Verletzungen, die Ankommende erleiden; wenn z.B. die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Heimsuchung“ (2008) über die Zeiten hinweg fragt: „Wenn man angekommen ist, heißt die Flucht dann immer noch Flucht? Und wenn man auf der Flucht ist, kommt man dann jemals an?“. Und wie kommt man an, wenn die Angekommenen selbstbewusst und überzeugt feststellen, dass eine gelingende Integration von Eingewanderten und ihren Nachkommen in die dominante Mehrheitsgesellschaft nicht Unterordnung, sondern Einordnung und Einbringung von Werten und Identitäten ist (Aladin El-Mafaalani, Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24884.php). Es sind die gemeinsamen Bemühungen von Eingesessenen und Eingewanderten, sich eines humanen Heimatbegriffs und -bewusstseins zu versichern (Edouardo Costadura/Klaus Ries, Hg., Heimat gestern und heute, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21311.php).

Aufbau und Inhalt

Andreas Kossert schreibt seine „Menschheitsgeschichte“ als Erzähl-Analyse. Die Überschriften seiner historisch-literarischen Arbeit verdeutlichen die Zugänge dazu: „Jeder kann morgen ein Flüchtling sein“ – „Heimat. Von den Ambivalenzen eines Gefühls“ – „Was war, endet nicht“. Es sind Geschichten über Flucht, Vertreibung, Verzweiflung und erfolgreiches und erfolgloses Ankommen von Menschen im Anderswo; etwa, wenn die Schriftstellerin Ulrike Draesner fragt, was es bedeutet, die Heimat zu verlassen: „Das Wegenetz einer Flucht zieht man ein Leben lang hinter sich her“ (Sieben Sprünge am Rand der Welt, 2016). Wenn die Vereinten Nationen alljährlich den 20. Juni als Weltflüchtlingstag ausrufen. Wenn karitative und Menschenrechtsorganisationen fordern: „Du darfst nicht ertrinken lassen!“. Wenn die junge, aus Syrien stammende, in Berlin lebende Poetin Widad Nabi über die Erinnerung an die Heimat dichtet: „Die Dunkelheit gedeiht/in den verlassenen Häusern/wie das Kraut im April./Trotzdem ist der Ort von Erinnerung beleuchtet“. Oder wenn der Menschenrechtler Rupert Neudeck (geboren 1939 in Danzig, gestorben 2016 in Siegburg) feststellte, dass in jedem Menschen ein Flüchtling stecke, und deshalb Flüchtlingsschicksale Teil der kollektiven Erfahrung sein sollten.

Es sind die Gutwilligen, die Aufgeklärten, die Humanisten, Utilitaristen und Altruisten, die ein verantwortungsbewusstes, aktives Bewusstsein vermitteln, dass die Menschheit nur dann human und menschenwürdig überleben kann, wenn jeder Einzelne und jede Gemeinschaft dabei mitarbeitet, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Menschenrechtsadeklaration).

Diskussion

In der Erzähl-Analyse verbindet Andreas Kossert die historische Auseinandersetzung mit Begriffen und Bewegungen von Flucht, Vertreibung, Verfolgung mit denen von individuellen und kollektiven Schicksalen von Menschen. In der Genfer Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 wird definiert, dass ein Flüchtling eine Person ist, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt“. Im Artikel 14 der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 postulierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es unmissverständlich: „Jedermann hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen“. Es wird immer wieder gefordert, diese Rechtsformulierungen auszuweiten auf Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden, die aus Gründen von materieller Not, Natur- und Umweltkatastrophen fliehen. Es geht hier also zuvorderst um Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil ihr Leben bedroht ist. Die Unterscheidung zu Migrantinnen und Migranten, die sich aus eigenen Motiven auf den Weg machen, etwa, weil sie sich an einem anderen Ort ein besseres Leben erhoffen, ergäbe zwar nicht grundsätzlich einen anderen, humanen Blick; jedoch die Bedrängnisse und Verantwortlichkeiten der Heimatlosen und Beheimateten verschöben sich. Es sind die Unterschiede, wie sie sich in der menschenrechtlichen Asylsuche und einer staatlich und gesetzlich geregelten Einwanderung ergeben. Es ist deshalb der historische Blick des Autors, der sich verbindet mit der literarischen Quellensuche, der die Einzigartigkeit der Erzähl-Analyse hervorhebt und darauf aufmerksam macht: „Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, sind so alt wie Menschheit selbst“. Diese Tatsache freilich, das ist Kosserts Anliegen, darf niemals dazu führen, das Unrecht von Ausweisung, Vertreibung und Verfolgung von andersdenkenden und -lebenden Menschen zu akzeptieren oder zu relativieren.

Fazit

Es sind Erzählungen, die Begriffe wie Herkunft, Heimat, Vater- oder Mutterland als Konstante oder Konstrukte aufweisen; die zu bedenken geben oder in Frage stellen, wie z.B. die Schilderung, die der Historiker Rudolf von Thadden bringt: Im Grenzdurchgangslager Friedland trifft er russlanddeutsche Spätaussiedler aus Kasachstan, die freudestrahlend ausdrücken, in der „Heimat der Väter“ angekommen zu sein. Seine Nachfrage, aus welcher Heimat denn die Vorfahren vor rund 200 Jahren ausgewandert seien, ihre Antwort: „Aus dem Elsass“… Es sind die vielfältigen Strukturen und Situationen, die herausfordern: Autochthone und Zugewanderte, denn „Vertreibung macht aus Menschen Objekte fremden Willens“. Über Vertreibung und Flucht gibt es Berichte, Dokumente und Biographien, aus der Vergangenheit. Und die Gesichter in der Gegenwart schauen uns hilfesuchend und empathisch an. Die Flüchtlinge kommen aus Syrien, aus dem Irak, Bangladesch, dem Jemen… Wir sehen sie hinter den Zäunen und Mauern in den Flüchtlings- und „Auffang“- Lagern an Europas Grenzen – und sind hilflos? Doch die Parallelen, die Kossert zieht, von den deutschen Flüchtlingen, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen mussten, und den anderen Vertriebenen aus Europa, Amerika und Asien hin zu den Flüchtlingen Heute, an Europas Grenzen, vermitteln denjenigen, die sich ein offenes, ganzheitliches Bewusstsein von der Einheit der Menschheit und den globalen Verantwortlichkeiten bewahrt haben und pflegen, dass es für jeden Menschen wichtig ist, Heimat zu haben: „Menschen, die in den Meeren dieser Welt ertrinken, sind nicht die Verursacher von Krisen – gleichgültig, ob Ostpreußen in der Danziger Bucht, vietnamesische Boatpeople im Südchinesischen Meer oder syrische Bürgerkriegsflüchtlinge in der Ägäis“.

Die Zusammenstellung der historischen, aktuellen und literarischen Fundsachen über Flucht und Flüchtlingsschicksale in der Menschheitsgeschichte werden in 61seitigen Anmerkungen notiert. Sie bieten den Leserinnen und Lesern weiterführende Hinweise und Anregungen; ebenso ermöglicht das mehrseitige Personenregister die Handhabe als Nachschlagewerk und Handbuch. Zahlreiche SW-Abbildungen illustrieren die Ausführungen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.11.2021 zu: Andreas Kossert: Flucht - eine Menschheitsgeschichte. Siedler Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-8275-0091-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28632.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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