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Heidi Süß (Hrsg.): Rap & Geschlecht

Rezensiert von Dennis Just, 11.11.2022

Cover Heidi Süß (Hrsg.): Rap & Geschlecht ISBN 978-3-7799-6366-0

Heidi Süß (Hrsg.): Rap & Geschlecht. Inszenierungen von Geschlecht in Deutschlands beliebtester Musikkultur. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 342 Seiten. ISBN 978-3-7799-6366-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: HipHop Studies - 3.

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Thema

HipHop als beliebteste Jugendkultur der Gegenwart bestimmt alltägliche Lebenswelten, akademische Diskurse und die mediale Öffentlichkeit gleichermaßen. Die Musikkultur muss sich indes mit vielfacher Kritik befassen, denn schon seit den Ursprungsjahren spielen Misogynie und Homophobie, und damit Fragen nach dem Geschlechterverhältnis eine wichtige Rolle. Unterdessen hat sich in den letzten Jahren innerhalb der HipHop-Szene einiges verändert: Personen, die sich als Flinta* (Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen) identifizieren, werden sichtbarer und erzielen enorme kommerzielle Erfolge. Damit einher geht auch eine Verschiebung der Diskurse innerhalb des HipHop, denn queerfeministische Positionen gewinnen an Deutungsmacht und formulieren Kritik an Missständen, die in der Jugendkultur seit Jahrzehnten nicht problematisiert wurden (s. #MeToo im Deutsch-Rap). Kurzum: Die Vormachtstellung von Männern im Rap bröckelt. Damit rücken Fragen in den Vordergrund, die bisher eher randständig diskutiert wurden und einer wissenschaftlichen Aufarbeitung bedürfen. Der vorliegende Sammelband versucht jene Fragen in insgesamt 14 Beiträgen von 22 Autor:innen aus einer intersektionalen und interdisziplinären Perspektive zu beantworten.

Herausgeberin

Die Herausgeberin studierte angewandte Sprachwissenschaften, Politik- und Medienwissenschaften an der Universität Hildesheim, wo sie auch ihre Magisterarbeit zum Thema „Gangsta-Rap als Mittel zur Identitätskonstruktion im Migrationskontext“einreichte. Neben zahlreichen weiteren Publikationen profilierte sie sich vor allem mit ihrer Dissertationsschrift „Eine Szene im Wandel. Rap-Männlichkeiten zwischen Tradition und Transformation“.

Aufbau und Inhalt

Die Annäherung an das Thema Rap und Geschlecht erfolgt aus vier Richtungen. Der erste Teil „Inside Deutschrap – Selbstermächtigung und neue Sichtbarkeiten“ widmet sich dem Thema Weiblichkeit. So wird weibliche Selbstdarstellung analysiert, die Geschichte von Frauen im deutschsprachigen Rap rekonstruiert und weibliche Selbstermächtigung diskutiert. Einleitend rücken Nitzsche & Spilker (S. 26) die Selbstinszenierung von Shirin David, eine der einflussreichsten und erfolgreichsten Akteur:innen der lokalen Szene, in den Fokus ihrer Analyse. Ausgehend von einer näheren Betrachtung des Social-Media-Auftritts der Künstlerin kommen die Autor:innen zu zweierlei Schlüssen: Einerseits nutzt Shirin David ihre Weiblichkeit als Medium zur Selbstvermarktung in einer Art und Weise, die dem männlichen Blick gefallen soll. Das offene Zur-Schau-Stellen des eigenen Körpers zum Mittel der Selbstvermarktung verteidigt sie dabei mit feministischen Argumentationsfiguren. Inwiefern sich Shirin David, die selbst als light-skinned oder weiß gelesen wird, im Rahmen ihrer medialen Selbstdarstellung in Misogynie und Rassismus verstrickt, um die eigene Authentizität zu betonen, stellt den zweiten Schwerpunkt des Beitrags dar. Die Autorinnen argumentieren plausibel, dass sich die Künstlerin im Zuge ihrer kulturellen Aneignungsversuche mit Vorwürfen des Colorism und black-fishing Auseinandersetzen muss, denn „für David ist Schwarzsein ein Kostüm, um ihre realness als Rapperin zu unterstreichen“ (S. 37, kursiv im Org.).

Der Sammelband verfolgt ferner den Anspruch, Diskurse um Rap & Geschlecht jenseits der hiesigen Ländergrenzen nachzuzeichnen. Deshalb erfolgt im Kapitel „Transnationale Perspektiven“ eine Analyse der Resignifizierung des bitch-Konzepts im postjugoslawischen Rap. Doch auch eine kritische Perspektive auf die Selbstinszenierung von lesbischen Rapperinnen aus dem nordamerikanischen Kontext kann dem Teil entnommen werden.

Praxisrelevante Aspekte des Rap werden im Teil „Diskurse und Interventionen zwischen Theorie und Praxis“ aufgegriffen. Als besonders lesenswert gilt es den Beitrag „Revisted – Keine Kapitulation, aber eine Rekapitulation“ der Künstlerin Sookee hervorzuheben. Aus der Retrospektive unterzieht die Künstlerin alte Positionen einer neuen Lesart: Beeindruckend ist hier das Maß an Ehrlichkeit, Offenheit und Reflexionsfähigkeit, mit dem Sookee aufzeigt, welche Rolle eine kritische Haltung, Sexismus, Misogynie, Selbstzweifel und psychische Belastungen in ihrer Biographie darstellten und welche Herausforderungen damit einhergingen.

Dem letzten Teil des Sammelbandes „Männer-Rap – Neue Sichtweisen auf alte Strukturen“ ist zu entnehmen, wie Kollegah, einer der erfolgreichsten Gangsta-Rapper des letzten Jahrzehnts, einen neuen Typus von Männlichkeit entwirft, den Martin Seeliger als „heroische Unternehmermännlichkeit“ (S. 270) typisiert. Im darauffolgenden Beitrag erweitert die Herausgeberin das Feld der Rap-Studies um eine sozialisationstheoretische Perspektive: Basierend auf einer Analyse der omnipräsenten Thematisierung der eigenen Mutter und der De-thematisierung des eigenen Vaters im Rap offeriert Heidi Süß einen Zugang, der den Untersuchungsgegenstand aus psychoanalytischer Perspektive zu deuten versucht.

Diskussion

Der Sammelband adressiert zahlreiche Neuerungen der Szene und liefert in Bezug auf das Thema „Männer-Rap“ auch „Neue Sichtweisen auf alte Strukturen“ (S. 269 ff.). Anregend wäre darüber hinaus auch eine Analyse von neuen Strukturen innerhalb des Männer-Rap gewesen: Denn dort können sich seit einigen Jahren neben hypermaskulinen auch andere Männlichkeitskonstruktionen etablieren: So veröffentlichte der Rapper Ufo361 im September 2022 ein Video, in dem er sich stilbewusst mit High-Heels inszenierte; ein klarer Bruch mit klassischen Männerbildern. Auch weitere Szenegrößen, wie Apache 207, Rin oder Yung Hurn konstruieren Formen von Männlichkeit, die sich jenseits von Hypermaskulinität verorten lassen und deren Analyse den Sammelband sinnvoll ergänzt hätten.

Emanzipative Diskurse, die sich auf gesellschaftlicher Ebene vollziehen, dringen langsam, aber sicher auch in die dominanteste Jugendkultur der Gegenwart. So werden gegenwärtig auch innerhalb der Rap-Szene Gleichberechtigung und Diversifizierung akzentuiert und die männliche Vormachtstellung sowie die damit verbundenen Privilegien kritisiert. Der vorliegende Sammelband ist im Fahrwasser jener Diskurse zu lokalisieren, denn er macht weibliche Perspektiven sichtbar, hilft männliche Selbstinszenierungen zu verstehen, greift internationale Diskussionen auf und thematisiert Erfahrungen von Expert:innen aus der Praxis. Überzeugungskraft erlangt das Werk allein schon wegen des interdisziplinären Zugangs: Erfahrende Praktiker:innen, szenerelevante Akteur:innen und Künstler:innen sowie etablierte Forscher:innen der deutschsprachigen Rap-Studies beleuchten das Geschlechterverhältnis im Rap aus verschiedenen Perspektiven.

Fazit

Wer sich für die Rolle von Geschlecht im deutschsprachigen Rap interessiert, kommt um eine Lektüre des vorliegenden Sammelbandes nicht umhin. Rap & Geschlecht ist ein lesenswerter Beitrag, der das Geschlechterverhältnis in der beliebtesten Jugendkultur Deutschlands kritisch und interdisziplinär analysiert.

Rezension von
Dennis Just
(M.Ed.) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er promoviert zu Jugendkulturen und außerschulischer Jugendbildung.
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Es gibt 1 Rezension von Dennis Just.

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Zitiervorschlag
Dennis Just. Rezension vom 11.11.2022 zu: Heidi Süß (Hrsg.): Rap & Geschlecht. Inszenierungen von Geschlecht in Deutschlands beliebtester Musikkultur. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6366-0. Reihe: HipHop Studies - 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28635.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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