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Sabine Flick: Zur Kritik der partizipativen Forschung

Cover Sabine Flick: Zur Kritik der partizipativen Forschung. Forschungspraxis im Spiegel der Kritischen Theorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 316 Seiten. ISBN 978-3-7799-6300-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Schon früh identifizieren Lincoln/Guba (1985, S. 296) als ein Kriterium der Bewertung der Güte qualitativer Forschung einen Aspekt, den sie als „credibility“ bezeichnen. Gemeint ist damit die Forderung, über die Ausgestaltung der Forschungspraxis zu gewährleisten, den (multiplen) Perspektive(n) der Forschungspartner*innen möglichst unverstellt Raum zu geben. Die so verstandene Glaubwürdigkeit der Befunde könne demonstriert werden „by having them approved by the constructors of the multiple realities being studied.“ In dieser Forderung drückt sich ein Forschungsverständnis aus, das auch für partizipative Forschung als konstitutiv gelten kann. Unter dem Sammelbegriff „partizipative Forschung“ werden Ansätze subsumiert, die ihre Forschungspraxis dahingehend ausrichten, den Akteur*innen der von ihnen erforschten Lebenswelten möglichst umfassend Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht in allen relevanten Aspekten des Forschungsprozesses einzuräumen. Häufig werden dabei Gruppen untersucht, die von sozialem Ausschluss oder von Marginalisierung betroffen sind. Die zentrale Zielsetzung solcher sich als partizipativ verstehenden Ansätze besteht in der Regel nicht nur darin, diese Lebenswelten in ihrer sozialen Binnenlogik zu erschließen, sondern mit den Forschungsergebnissen zudem auch einen Beitrag zu einer Verbesserung der dort angetroffenen Lebensverhältnisse und/oder einem Empowerment der Akteur*innen zu leisten.

Als zentrales Anliegen ihres Bandes „Zur Kritik der partizipativen Forschung“ bzw. der dort versammelten Beiträge formulieren die Herausgeber*innen in ihrer Einleitung das Ziel, partizipative Forschungsansätze einer kritischen Würdigung zu unterziehen und sie zugleich mit kritischer Theorie ins Gespräch bringen zu wollen (S. 8). Dabei gehe es in den Beiträgen darum, „beides, die Potenziale wie die Fallstricke [partizipativer Forschung] vor dem Hintergrund der Frage nach Gesellschaftskritik zu betrachten“ (S. 13).

HerausgeberInnen und AutorInnen

Sabine Flick ist als Professorin für Geschlecht und Sexualität in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Fulda tätig und ist assoziierte Wissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung Frankfurt. Alexander Herold, M.A. studierte u.a. in Frankfurt Soziologie und Politikwissenschaft und ist freiberuflich in der politischen Bildungsarbeit tätig. Unter anderen sind auch zwölf Masterstudierende der Goethe-Universität Frankfurt Main an den Beiträgen beteiligt. Sie reflektieren ihre Erfahrungen, die sie in studentischen Projekten im Rahmen eines universitären Forschungspraktikums zu partizipativen Verfahren gemacht haben. Insgesamt weist die überwiegende Mehrheit der beitragenden Autor*innen Bezüge zum gesellschafts-, kultur- und erkenntniskritischen Denken der sog. Frankfurter Schule auf.

Aufbau

Der vorgelegte Band lässt sich in vier Abschnitte unterteilen. Der erste mit „Kritische Theorien partizipativer Forschung“ überschriebene Part umfasst Beiträge, die nach den methodologischen Grundprinzipien partizipativer Forschung fragen und diese in ihrer wechselseitigen Anschlussfähigkeit mit den Anliegen der Kritischen Theorie genauer in den Blick nehmen wollen.

Im zweiten Teil „Kritische Sozialforschung zwischen Rekonstruktion und Partizipation“ sind Beiträge versammelt, die – so die Herausgeber*innen – „einen rekonstruktiven Ansatz kritischer Sozialforschung gegen den partizipativen Ansatz der Kritik diskutieren (S. 14).

Ein dritter Abschnitt („Herausforderungen partizipativer Forschung“) fasst Beiträge, die stärker auf die forschungspraktische Seite partizipativer Ansätze zielen und die sich dort stellenden Schwierigkeiten adressieren.

Schließlich runden die im Abschnitt IV unter der Überschrift „Zur Kritik der partizipativen Forschung“ versammelten Beiträge den Band ab, indem sie einen durchaus kritischen Blick auf die Grenzen partizipativer Forschung werfen und aufzeigen, wo diese Ansätze auch häufig hinter den Ansprüchen zurückbleiben.

Inhalt

I. Kritische Sozialforschung zwischen Rekonstruktion und Partizipation

Vor dem Hintergrund der sie interessierenden Frage nach dem Potenzial partizipativer Ansätze für eine feministische Gesellschaftskritik zielen Sabine Flick und Katharina Hoppe in ihrem Beitrag darauf ab, die Probleme feministischer partizipativer Aktionsforschung zu verdeutlichen, indem sie „die (oft impliziten) epistemologischen Voraussetzungen eines solchen Forschungsprogramms freilegen“ (S. 20). In dieser Intention geben sie zunächst einen Einblick in die Programmatik feministisch-partizipativer Forschung, indem sie die von Patricia Maguires herausgearbeiteten Dimensionen des hier zugrunde liegenden Wissenschafts- und Methodenverständnisses verdeutlichen. Die hier formulierten methodischen Postulate finden ihre epistemologische Entsprechung in den klassischen feministischen Standpunktheorien, deren Entwicklungslinien entlang der Positionen Sandra Hardings, Nancy M. Hartsocks und Donna Haraways nachgezeichnet werden. Auf der Basis dieser methodisch-methodologischen und epistemologischen Verortungen setzen die Autor*innen zu ihrer Kritik an, die sie erstens in einer zu wenig systematisch angelegten Form der machtanalytisch-strukturellen Form der Reflexion sehen, die sie zweitens festmachen an der Unmöglichkeit, durch (identifizierende) Reflexion zu einer Transformation (und nicht nur Nivellierung) aufgrund struktureller Differenzen vorhandenen Konflikte beizutragen, die drittens im Fortbestehen eines inhärenten epistemischen Paternalismus gesehen wird („Ihr sollt herausfinden, was wir (immer schon) verändern wollen“ (S. 36) und schließlich viertens die Ungeklärtheit der Frage, wie Parteilichkeit der Forschung vereinbar ist mit der grundlegenden Forderung nach Offenheit.

Stefan Thomas startet seine Überlegungen mit dem Hinweis, dass Kritische Theorie in Forschung und Theoriebildung stets die Möglichkeit einer anderen (vernünftigen, besseren) Gesellschaft mitzudenken habe. Mit diesem Anspruch setze sie grundlegender an als die Participatory Action Research, der es vor allem um eine pragmatische Fortentwicklung von Handlungspraxen gehe und die daher zu kurz greife (S. 46). Als methodische Realisierung von partizipativer Forschung stellt er – am Beispiel eines Mehrgenerationenwohnprojekts – das Research Forum vor, das als offenes Diskursfeld Raum für die Erarbeitung einer konsensuellen Metaperspektivität schafft, indem in kollektiven Sozialpraxen auf eine Verallgemeinerung von partikularen Situationsdeutungen, Interessenlagen und Handlungsentwürfen hingearbeitet wird (S. 59).

Dem Subjekt-Objekt-Verhältnis im Kontext partizipativer Forschung wenden sich Raem Abd-Al-Majeed, Daniel Günther und Frederik Schuck in ihrem Beitrag zu. Sie gehen zunächst von Adornos dialektischer Bestimmung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt auf erkenntnistheoretischer Ebene aus und loten von dort kommend die Voraussetzungen sowie auch Möglichkeiten und Grenzen der Subjektwerdung im partizipativen Forschungsprozess aus und fragen danach, inwieweit mit der dort intendierten Veränderung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses auch eine Veränderung sozialer Wirklichkeit außerhalb des Forschungsprozesses erreicht werden kann. Mit einer solchen Perspektivierung – so die Autoren – sei es möglich, die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Subjekts zu erschließen.

II. Kritische Sozialforschung zwischen Rekonstruktion und Partizipation

In seinem Beitrag unternimmt Ferdinand Sutterlüty den Versuch einer Verhältnisbestimmung von partizipativer Forschung und einer sich als rekonstruktiv verstehenden Kritik, als deren zentrales Anliegen er die Frage nach den normativen Maßstäben der Kritik sieht. Entlang seiner Forschungen zum einen zu den französischen und englischen Riots der Jahre 2005 bzw. 2011 und zum anderen zum Rechtsprinzip des Kindeswohls verdeutlicht er die Notwendigkeit einer Beobachter*innenperspektive jenseits der berichteten Erfahrungen und Deutungen der Akteur*innen des Untersuchungsfeldes und weist so auf die Grenzen der partizipativen Forschung hin.

Auch Sarah Speck richtet in ihrem Beitrag „Parteilichkeit, Partnerschaft, Partizipation“ kritische Fragen an die epistemologischen Prämissen partizipativer Forschung, wenn sie auf die Notwendigkeit einer Asymmetrie im Forschungsprozess verweist. Dabei verdeutlicht sie für das Feld einer (an der Analyse von Herrschaftsverhältnissen interessierten) Geschlechterforschung zum einen, wie systematische Parteinahme die Autonomie der Erkenntnisgewinnung einschränkt, indem sie das Postulat nach Offenheit verletzt und zum anderen, warum rekonstruktive Forschung zwingend über die Wahrnehmungen und Deutungen der Akteur*innen selbst hinausgehen muss.

Den – Partizipation erschwerenden oder verunmöglichenden – strukturellen Grenzen partizipativer Forschung wendet sich auch Annette Hilscher zu. In ihrem Beitrag diskutiert sie Strategien des doing reflexivity, die auf die Dezentrierung der Deutungsmacht der Forschenden zielen. Entlang ihrer eigenen Forschungserfahrungen mit von Rassismus betroffenen Menschen zeigt sie zum einen die (selbst-)reflexive Betrachtung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen und ihre Auswirkungen auf Forschungsprozesse und zum anderen die Rekonstruktion diskursiver Praktiken auf der Basis des vorliegenden Analysematerials als Modi einer sich als machtkritisch verstehenden Sozialforschung auf.

III. Herausforderungen partizipativer Forschungspraxis

Gesine Bär und Christian Reutlinger fragen in ihrem Beitrag nach dem in der Sozialen Arbeit zugrunde liegenden Verständnis von partizipativer Forschung. In ihrer Spurensuche folgen sie u.a. dem Konzept des „sentipensante“ bei Orlando Fals Borda und beziehen sich auf Paolo Freires Vorstellungen von „concienciación“ (Bewusstseinsbildung) im Dialog. In dieser Weise sensibilisiert geben sie Einblicke in ihre Forschungserfahrungen aus zwei verschiedenen Projekten (Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Kinder- und Jugendhilfe und Veränderungsprozesse im Kontext von gesundheitsbezogener Ungleichheit bei Kita-Familien).

Eine Gruppe Master-Studierende um Annika Becker, Clara Becker, Stephanie Costagli, Jacqueline Herget und Florian Wehrle beschäftigt sich mit sozialen Nähebeziehungen zwischen Forschenden und Co-Forschenden, wie sie in partizipativer Forschung häufig anzutreffen sind. Die Qualität dieser Beziehung beschreiben sie mit dem Begriff der instrumentellen Nähe, da die Herstellung von Nähe nicht zuletzt der Gewinnung von Daten diene, die im neoliberal-kapitalistischen Wissenschaftsbetrieb verwertet werden können. Eine angemessene Reflexion der gesellschaftlich vermittelten Hierarchien und Sichtweisen, inklusive der Positionierung der Forschenden innerhalb der Gesellschaft wird als eine zentrale Voraussetzung markiert, damit überhaupt Erkenntnis durch einen – unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen sehr schwer zu realisierenden – gleichberechtigten dialogisch-transformierenden Prozess erreicht werden können.

Eine weitere MA-Studierendengruppe um Ina Braune, Angelina Schaefer, Miriam Schmitt, Madleina Spatz und Maximilian Voigt richtet den Fokus auf mögliche Zumutungs- und Überforderungserfahrungen, wie sie in partizipativen Forschungssettings auf Seiten der Co-Forschenden aber auch der wissenschaftlich Forschenden beobachtet werden können und fragen nach deren Bedeutung für die Aneignung des Forschungsprozesses durch die Co-Forschenden. Als zentrale Einsichten aus zwei studentischen Partizipationsprojekten (mit Senior*innen und Heranwachsenden) formulieren sie, dass auf Gesprächen basierende Versuche einer forcierten Bearbeitung von Überforderung wenig hilfreich sind und stattdessen die Öffnung des Forschungsprozesses im Sinne einer eigensinnigen Übernahme von Verantwortung für die Ausgestaltung in der forschenden Praxis zu einem aneignendem und emanzipatorischem Moment werden könne.

Michael May wendet sich einer spezifischen Variante partizipativer Forschung zu, der Practitioner Research. Hier sind es die professionellen Fachkräfte eines Arbeitsfeldes, die als Co-Forschende die Forschungspraxis mitgestalten. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit durch partizipative Zugänge für das jeweilige professionelle Feld der Sozialen Arbeit reflexive Professionalität erreicht werden kann. Dabei differenziert er – entlang eines Modellvorschlags von Heikkinen, Jong und Vanderlinde – verschiedene, sich in epistemologischer Hinsicht unterscheidende Ansätze von Practitioner Research und gibt einen Überblick der bisher in diesem Feld erarbeiteten Vorschläge für Gütekriterien, die – so der Autor – zu wenig auf einen gesellschaftskritischen Anspruch von Practitioner Research zielen.

IV. Zur Kritik der partizipativen Forschung

Dieser Teil des Bandes wird eröffnet durch einen Beitrag von Vanessa E. Thompson, die ihre Überlegungen zu einer Verbindung von Elementen partizipativer Aktionsforschung und einem postkolonial-feministischen Ansatz der Ethnografie vorstellt. Sie erarbeitet ein Verständnis von Ethnografie, demzufolge ethnografische Repräsentationen als positionierte Teilwahrheiten zu verstehen sind, bei deren Hervorbringung die Biografien der Forschenden involviert sind und machtkritisch zu reflektieren ist, wie die „einheimische Stimme“ einbezogen ist an der Konstituierung bestimmter Phänomene als untersuchungswürdig. Für ihre Arbeit mit einem überwiegend Schwarzen urbanen antirassistischen Basiskollektiv nutzt sie das von Pratt erarbeitete Konzept der Kontaktzone, um zu verdeutlichen, wie in der postkolonial-feministischen ethnografischen Forschung die Ambivalenzen postkolonialer Relationalität analytisch fassbar und reflexiv zugänglich gemacht werden können.

Jasna Russo begibt sich auf das Feld der partizipativen Ansätze in der Psychiatrie- und Versorgungsforschung. Ausgehend von einer Kritik am biomedizinischen Modell und den Besonderheiten des Expertenwissens in der Psychiatrie verweist sie auf das lange delegitimisierte (wenngleich zunehmend als Ressource erkannte) Erfahrungswissen psychiatrisierter Menschen und die so entstehende testimoniale und hermeneutische Ungerechtigkeit. Allen Anstrengungen, dem Erfahrungswissen von psychiatriebetroffenen mehr Gewicht im Rahmen der bestehenden Strukturen der Wissensproduktion einzuräumen steht die Autorin eher skeptisch gegenüber und schlägt vor, „die Wissensproduktion zu Verrücktheit und psychischer Not nachhaltig von der psychiatrischen Forschung zur trennen“ (S. 281).

In ihrem abschließenden Beitrag wenden sich die Herausgeber*innen Sabine Flick und Alexander Herold verschiedenen Aspekten der (Selbst-)Kritik (an) partizipativer Forschung zu, nicht ohne zuvor noch einmal deren zentrale Ansprüche und Prämissen zu markieren. Als zwei Kernprobleme partizipativer Forschung beschreiben sie zum einen eine weithin anzutreffende Grundhaltung des „epistemischen Paternalismus“, mit der akademisch Forschende in der Zielrichtung der anzustoßenden Veränderungen der Praxis und des Denkens oft schon im Vorfeld festgelegt seien. Neben einer solchen (häufig in Form einer Viktimisierung und Romantisierung der Marginalisierten daherkommenden) wohlmeinenden Parteinahme sehen die Herausgeber*innen ein weiteres Problem in einer in Aussicht gestellten transformativen Reflexivität, mit der strukturelle Ungleichheiten und Hierarchien aufzulösen seien. Einem solchen Anspruch partizipativer Forschung wird eine klare Absage erteilt. Hilfreich und notwendig sei demgegenüber eine den gesamten Forschungsprozess begleitende „machtanalytisch-strukturelle Reflexivität“.

Diskussion

Die in dem Band versammelten Beiträge geben insgesamt einen sehr guten Einblick in eine Reihe von grundlegenden Fragen und Problemen, die sich um Kontext partizipativer Forschung stellen. Dabei zeichnet die Beiträge fast durchgehend aus, dass sie auf hohem methodologischem Niveau das eigene Forschungshandeln evaluieren und reflektieren. Die gewonnenen Einsichten profitieren wesentlich davon, dass sie durchgehend auf der Basis von empirischen Studien gewonnen wurden, die einer partizipativen Methodologie folgen. Diese Studien – und hier liegt eine weitere Stärke des Bandes – stammen aus einem weiten Spektrum unterschiedlicher Forschungsfelder mit allein lebenden Senior*innen, mit psychiatrisierten Menschen, mit Aktivist*innen eines Schwarzen antirassistischen urbanen Basiskollektivs oder (um nur einige Beispiele zu nennen) mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten als zentrale Akteure bzw. als Co-Forschende. So gelingt es, vor dem Hintergrund dieser Breite an Lebenswelten unterschiedliche Ausgangslagen und Herausforderungen von partizipativer Forschung in den Blick zu bekommen.

Insgesamt setzen sich die Autor*innen dabei in durchaus kritischer Weise ins Verhältnis zu den Möglichkeiten solcher auf Beteiligung setzender Forschungszugänge. So treten eine Reihe von strukturellen Problemen und Herausforderungen deutlich zutage, die wesentlich in Zusammenhang stehen mit der Frage, inwieweit die Realisierung solcher Forschungspartnerschaften die strukturell gegebenen Machtverhältnisse bearbeitbar machen, inwieweit diese reflexiv transformiert oder gar neutralisiert werden können und wie sich die Forderung nach Parteilichkeit mit der Forderung nach Autonomie der Wissenschaft vermitteln lässt. Diesen Fragen wird sehr gründlich nachgegangen, sodass eine Lektüre vor allem auch jenen empfohlen werden kann, die bislang wenig Erfahrung mit partizipativer Forschung haben und sich hier methodologisch wappnen wollen, um nicht ihre möglicherweise zu großen Erwartungen an die Möglichkeiten partizipativer Forschung enttäuscht zu sehen.

Partizipative Forschung – oder wie sie in früheren Ansätzen auch bezeichnet wurde: Handlungs- oder Aktionsforschung – kann im deutschsprachigen Raum auf eine erste Hochphase ihrer Anwendung in den 1970er zurückblicken. Vor allem in der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Sozialen Arbeit, kritischen Psychologie und Politikwissenschaft galt diese Art der Forschung vielen als eine Möglichkeit, einem traditionellen empirisch-analytischen Verständnis von Wissenschaft und Forschungsmethoden einen alternativen Entwurf entgegenzusetzen. Auf diese Wurzeln partizipatorischer Forschung wird in keinem der Beiträge systematisch Bezug genommen. Dies ist bedauerlich, weil zum einen bereits in dieser Phase bei einigen Protagonist*innen deutliche Verweise auf die Kritische Theorie erkennbar werden und zum anderen auch bereits grundlegende Aspekte einer Kritik partizipatorischer Forschung ausgearbeitet wurden, und zwar nicht nur erwartbar von den Vertreter*innen traditioneller Wissenschaft, sondern auch „intern“ von Vertreter/innen der Aktionsforschung selbst (von Unger, Block und Wright 2007). Wer mit den damaligen Debatten vertraut ist, wird bei vielen der Überlegungen in den Beiträgen des Bandes ein Déjà-vue erfahren.

„Nichts über uns – ohne uns!“ – so lautet ein Motto der internationalen Behindertenrechte-Bewegung, welches gelegentlich auch im Kontext der partizipativen Forschung aufgegriffen wird (so auch in einigen Beiträgen des vorgelegten Bandes). Vor diesem Hintergrund überrascht, wie wenig die Perspektive der Co-Forschenden in dem Band repräsentiert ist. Wenn Partizipation zentral auf die Beteiligung zentraler Akteur*innen des Untersuchungsfeldes zielt, dann ist zumindest in dieser Hinsicht wenig Partizipation im Band enthalten. Fast durchgehend sind es kluge Forscher*innen, die über ihre Forschungserfahrungen nachdenken und diese auswerten. Zwar werden hier Überlegungen dazu angestellt, inwieweit tatsächlich echte und nicht nur Pseudo-Beteiligung für die Co-Forschenden durch Partizipation realisiert wird oder auch z.B. welchen Überforderungen und Zumutungen durch eine partizipative Wissensproduktion sich Co-Forschende ausgesetzt sehen, allerdings geschieht dies über Prozess-Einschätzungen, die von den Forschenden vorgenommen werden. Der zentrale Anspruch, Menschen nicht nur zu beforschen, sondern sie zum Subjekt der Forschung zu machen und ihnen Stimme zu geben, scheint in diesem Punkt zumindest nicht erfüllt zu sein.

Der vorgelegte Band trägt den Untertitel „Forschungspraxis im Spiegel Kritischer Theorie“. Wer nun aber dieses Buch bestellt in der Hoffnung, mehr und Genaueres über die konkret realisierten Zugänge und ihre Umsetzung im partizipativen Forschungsfeld zu erfahren, wird enttäuscht werden. Partizipative Methoden im Sinne systematisierter Vorgehensweisen der Datenerhebung und Datenauswertung spielen in den Beiträgen kaum eine Rolle. Stattdessen sind die Einlassungen ganz wesentlich auf epistemologisch-methodologischer Ebene angesiedelt, d.h. sie fragen nach den Prämissen, Implikationen und Folgen, die mit partizipativ angelegten methodischen Vorgehensweisen für die Erkenntnisgewinnung verbunden sind (insbesondere bezogen auf die Frage, was diese für die Ermöglichung von Kritik bedeuten). Ohne Frage sind dies hochrelevante Aspekte, die für die partizipative Forschung zu diskutieren sind. Gleichzeitig hätten einige Beiträge aber davon profitieren können, (statt auf die Ergebnisse der jeweiligen zugrunde liegenden Studien einzugehen) tatsächlich stärker – wie durch den Untertitel avisiert – auf die konkrete Forschungspraxis einzugehen und genauer zu verdeutlichen, wie dort jeweils partizipativ gearbeitet wurde. So wäre es z.B. in dem Beitrag von Stefan Thomas wünschenswert gewesen, nicht nur zu erfahren, dass bei dem Format „Research Forum“ angestrebt wird, ein „offenes Diskursfeld“ zu schaffen, sondern auch eine genauere Vorstellung gewinnen zu können, wie dies ganz praktisch ermöglicht werden kann bzw. wie dort konkret zusammen geforscht wird. Dies gilt auch für die Beiträge des mit „Herausforderungen partizipativer Forschungspraxis“ überschriebenen Teils des Bandes. Auch diese sind vor allem auf eine kritische Reflexion der Forschungspraxis ausgerichtet und weniger auf Einblicke in deren praktische Ausgestaltung. Dabei sind es jedoch gerade die Beiträge zweier studentischer Arbeitsgruppen, die mit ihrem Nachdenken über die Probleme der „instrumentellen Nähe“ (Becker et al.) bzw. dem potenziellen Überforderungscharakter partizipativer Forschung (Braune et al.) nah an den eigenen Felderfahrungen bleiben und so sehr wichtige Einsichten gewinnen, die über eher grundsätzliche Fragen wie die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Herstellung von Symmetrie oder der Gewährleistung von Offenheit trotz Parteilichkeit hinausgehen und daher mit großem Gewinn zu lesen sind.

Fazit

Der vorgelegte Band richtet sich vor allem an Leser*innen, die Interesse daran haben, über die spezifischen Potenziale von Forschungsansätzen nachzudenken, die sich zum Ziel setzen, Akteur*innen eines Untersuchungsfelds als Expert*innen ihrer Lebenswelt anzuerkennen und ihnen Möglichkeiten der Mitwirkung an der Ausgestaltung des Forschungsprozesses einzuräumen. Gleichzeitig richten die Beiträge aber auch einen Fokus auf die besonderen Herausforderungen (an Forschende wie Co-Forschende), die sich im Kontext partizipativer Forschung stellen, ebenso wie auch deren Grenzen ausgelotet werden, vor allem auch hinsichtlich der Frage, inwiefern durch diese Art der Forschung tatsächlich eine Kritik der sozialen Verhältnisse ermöglicht werden kann.

Diese Fragen werden in den Beiträgen nicht abstrakt-theoretisierend sondiert, sondern – und hier liegt eine Stärke des vorgelegten Bandes – auf der Grundlage der Forschungserfahrungen, welche die Autor*innen in ihren jeweiligen partizipativen Projekten gemacht haben. Diese werden nahezu durchgehend auf hohem methodologischen Niveau ausgewertet und reflektiert, sodass eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, sich als Forschende für die letztlich nicht auflösbare Asymmetrie der Forschungsbeziehungen zu sensibilisieren und hier nicht einem übersteigerten und naiven Partizipationsoptimismus zu verfallen.

Literatur

Lincoln, Y.S./Guba, E.G. (1985): Naturalistic Inquiry. Newbury Park, CA: Sage

von Unger, H./Block, M./Wright, M.T. (2007): Aktionsforschung im deutschsprachigen Raum. Veröffentlichungsreihe der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Download: http://skylla.wzb.eu/pdf/2007/i07-303.pdf


Rezension von
Dr. Anna Brake
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Zitiervorschlag
Anna Brake. Rezension vom 27.12.2021 zu: Sabine Flick: Zur Kritik der partizipativen Forschung. Forschungspraxis im Spiegel der Kritischen Theorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6300-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28637.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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