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Michael Richter: Jungen als Bildungsgewinner

Cover Michael Richter: Jungen als Bildungsgewinner. Eine qualitative Studie zu bildungserfolgreichen Jugendlichen in Risikolebenslagen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 251 Seiten. ISBN 978-3-8474-2529-8. D: 50,90 EUR, A: 52,40 EUR.

Reihe: Studien zu Differenz, Bildung und Kultur - 10.
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Thema

Die vorliegende Untersuchung kann in den Bereich der Forschung zur ungleichen Bildungspartizipation von Heranwachsenden eingeordnet werden. Vor dem Hintergrund des Postulats einer bildungsgerechten Gesellschaft sucht der Autor nach Faktoren, die – ausgehend von Risikolebenslagen – nicht zu Bildungsdisparitäten führen. Oder positiv formuliert: Gesucht wird nach handlungsleitenden Orientierungen von – aufgrund unterschiedlicher Faktoren benachteiligten – Heranwachsenden, die diesen zu erfolgreichen Lern- und Bildungsprozessen verholfen haben. Am Beispiel männlicher Heranwachsender, teilweise mit Migrationshintergrund, teilweise mit Eltern, die über keinen (deutschen) Schulabschluss und aufgrund einer Tätigkeit im niedrigqualifizierenden Sektor nicht über solide finanzielle Ressourcen verfügen, wird in der vorliegenden Studie von Dr. Michael Richter geklärt, warum trotzdem erfolgreich am „formalen Setting“, also am formalen Bildungsprozess, teilgenommen wird. Die Erforschung ungleicher Bildungspartizipation wird bislang von auf Defizite ausgerichteten Untersuchungen zu Benachteiligungen im Bildungsprozess dominiert. Die vorliegende Untersuchung trägt durch die Suche nach Faktoren, die den subjektiven Bildungsprozess unterstützen, zu einer Bereicherung der diesbezüglichen Forschungslandschaft bei.

Autor

Dr. Michael Richter arbeitet als Studienrat im Realschuldienst im Freistaat Bayern.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit an der vorliegenden Studie war in das Promotionskolleg „Bildung als Landschaft – Zum Verhältnis von formalen und non-formalen Bildungsorten sowie formellem und informellem Lernen im Kindes- und Jugendalter“ eingebettet. Betreuerin und Betreuer waren Prof. Dr. Annette Scheunpflug (Otto-Friedrich Universität Bamberg) und Prof. Dr. Ralf Kuckhermann (Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg).

Aufbau

Nach dem einleitenden Kapitel folgt ein Kapitel zum historischen Kontext von Bildung, Bildungsdisparitäten und Risikolebenslagen. Das dritte Kapitel gibt den aktuellen Forschungsstand zum Thema wieder und das vierte Kapitel beschreibt den methodologischen und methodischen Zugang. Danach folgt die Darstellung der empirischen Ergebnisse (Kap. 5), die Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse (Kap. 6) sowie in Kap. 7 einige Anregungen für Forschung und Praxis.

Inhalt

Forschungsführende Frage in der vorliegenden Untersuchung ist die nach den handlungsleitenden Orientierungen männlicher Jugendlicher und junger Männer. Diese sind von Risikolebenslagen und „erweiterten Risikolagen“ (s.u.) betroffen, nehmen aber „erwartungswidrig erfolgreich an formalen und nonformalen Bildungssettings“ (S. 21) teil. Die Beforschten weisen eine eher geringe Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Bildungsverlauf auf, weil „sie von Risikolebenslagen ('soziale Risikolage', 'finanzielle Risikolage' sowie 'Risikolage gering qualifizierter Eltern') … und erweiterten Risikolagen (z.B. Erziehungsdefizite, fehlende Zuwendung, Misshandlung) … beeinflusst werden“ (S. 22).

Für die Studie wurde ein „qualitativ-rekonstruktiver und hypothesengenerierender“ (ebd.) Zugang gewählt. Inhaltlich wird der Umgang mit Risikolagen thematisiert. Es handelt sich um eine explorative Studie, zu dessen Forschungsthema eher wenige Hintergrundinformationen vorhanden sind: „Mit der Rekonstruierung der handlungsleitenden Orientierungen soll damit die Orientiertheit der Beforschten in formellen und informellen Lernprozessen sichtbar gemacht werden“ (ebd.). Insgesamt wurden Interviews mit 15 Befragten im Alter von 13–50 (!) Jahren durchgeführt. Interpretiert wurden letztlich 11 Interviews mit Befragten im Alter von 13–25 Jahren, davon („zur Kontrastierung“; S. 23) zwei weibliche Personen. Die Datenerhebung erfolgte mit Hilfe autobiografisch-narrativer Interviews (die jeweils etwa 30–70 Minuten dauerten), und die Auswertung erfolgte nach der dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2014), die auf die Rekonstruktion von handlungsleitendem, kommunikativem Wissen abzielt (vgl. Mannheim 1980, S. 155 f., zitiert nach Richter, S. 23). Die Interviews wurden zwischen September 2013 und September 2017 (!!) (S. 113) geführt. Dieser lange Zeitraum wird mit dem „vergleichsweise schwierigen Zugang zum Feld“ (ebd.) begründet.

Nicht der Interpretationsprozess selbst, sondern – anhand ausgewählter Transskriptausschnitte – für die Forschungsfrage relevante Ergebnisse werden exemplarisch dargelegt:

„Nach der Darstellung eines solchen Materialausschnittes wird dessen Inhalt auf seinen dokumentarischen Sinngehalt hin untersucht und interpretiert. Anhand der Interpretationsstufen wird anschließend ausgeführt, wie diese zu einer Rekonstruktion der handlungsleitenden Orientierungen führen und sich diese zu einer Typologie verdichten lassen“ (S. 129).

Der Verfasser stellt letztlich rekonstruierte Orientierungen vor, die Lern- und Bildungsprozesse strukturieren. Es werden vier unterschiedliche Idealtypen herausgearbeitet (S. 180ff):

  1. Idealtypus „Selbstwirksamkeit durch Selbstrelationierung“: Hier zeigt sich eine deutliche Internalisierung handlungsleitender Orientierungen: Die Beteiligung an Lern- und Bildungsprozessen ist erfolgreich, weil Veränderungen im Sinne von Zuwachs wahrgenommen werden, für den die Ausgangssituation den Referenzrahmen bildet. Es sind Bewältigungsstrategien vorhanden, die eine Bildungspartizipation ermöglichen.
  2. Idealtypus „Selbstwirksamkeit durch soziale Distinktion“: Hier deutet sich ein Zusammenspiel aus Internalisierung und Alterität als bedeutsam an. Signifikante Personen aus dem lebensweltlichen Kontext, deren soziokulturelle Lage als attraktiv und divers zur eigenen wahrgenommen wird, bilden den Kontrast, der zu einer handlungsleitenden Orientierung führt.
  3. Idealtypus „Auftragserfüllung bedingt Selbstwirksamkeit“: Hier werden „Bildungsaufträge“ aus der umgebenden Gesellschaft (Familienmitglieder oder andere Bezugspersonen) wahrgenommen. Diese erteilen eigene Bildungsaufträge, deren Auftragserfüllung durch Zertifikate nachgewiesen wird.
  4. Idealtypus „Anpassung zur Überwindung von Alterität“: Hier wird Bildung als der gesellschaftliche Standard identifiziert, den es zu erreichen gilt, um die wahrgenommene Alterität aufzulösen.

In allen vier Settings lässt sich kein limitierender Einfluss von Risikolebenslagen im ursprünglichen Sinne rekonstruieren. Die Vielfalt der identifizierten handlungsleitenden Orientierungen kann als Nachweis der verschiedenen Wege gedeutet werden, mit denen sich die untersuchten Probanden ihren eigenen Weg durch die Bildungslandschaft gebahnt haben.

Diskussion

Es handelt sich um eine spannende qualitative Untersuchung. Man merkt dem Buch die vielen Stunden an, die der Verfasser seiner Untersuchung gewidmet hat. Jeder einzelne Arbeitsschritt wurde gewissenhaft und umfassend bearbeitet. Insbesondere gefällt mir persönlich das methodische Kapitel, in dem die Besonderheiten der dokumentarischen Methode nach Bohnsack (2014) minutiös herausgearbeitet werden. Aber auch die anderen Kapitel sind sehr spannend und innovativ. Kritisch finde ich die oben angedeutete Auswahl der Probanden. Dies führt beispielsweise zu den folgenden Fragen: Wieso wurden in einer Untersuchung mit dem Fokus auf Heranwachsende auch ein 43-jähriger bzw. ein 50-jähriger Mann interviewt? Welchen Stellenwert haben die beiden „aus Vergleichsgründen“ in die Untersuchung aufgenommenen weiblichen Personen in der Forschung? Wieso hat es vier oder gar fünf (2013-2017) Jahre gedauert, bis alle 15 Interviews der Untersuchung durchgeführt waren?

Trotz dieser noch offenen Fragen (auf die der Verfasser sicherlich sinnvolle Antworten geben könnte):Dr. Michael Richter hat mit seiner Veröffentlichung einen wesentlichen Beitrag zur vergleichenden Bildungsforschung vorgelegt – es ist zu hoffen, dass sein Buch entsprechende Verbreitung findet.

Fazit

Die Forschungsfrage in der vorliegenden Untersuchung lautet:

„Welche handlungsleitenden Orientierungen weisen männliche Jugendliche und junge Männer auf, die von Risikolebenslagen und erweiterten Risikolagen betroffen sind und erwartungswidrig erfolgreich an formalen und nonformalen Bildungssettings partizipieren?“ (S. 177)

Vor dem Hintergrund eines vielkritisierten Bildungssystems, welchem u.a. die Verstärkung von Ungleichheiten in der Gesellschaft vorgeworfen wird, hat die Frage danach, wie Heranwachsende es trotz teilweise multipler Benachteiligungen schaffen, ihren Weg durch die Bildungslandschaft erfolgreich abzuschließen, durchaus Berechtigung. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass unsere Bildungslandschaft erheblicher Reformen bedarf. „Schule“ ist, um es mit Lothar Böhnisch (2019) zu formulieren, auf außerschulische und innerschulische soziale Ressourcen angewiesen. Eine hinreichende Versorgung mit diesen Ressourcen kann nicht nur einigen, sondern vielen Heranwachsenden bei ihrer erfolgreichen Bewältigung des Bildungsweges behilflich sein.

Noch zwei Anmerkungen: a) Das bemerkenswerte Literaturverzeichnis des Buches von Dr. Richter umfasst 32 (!) Seiten; b) Der Verlag verkauft das Buch für über 50 Euro – ich hoffe, es handelt sich bei diesem Preis um eine Ausnahme. Für die Attraktivität von Büchern wäre es fatal, wenn mit Preisen wie diesen neue allgemeine Maßstäbe gesetzt werden sollen!? Glücklicherweise lässt sich das Buch als PDF kostenlos auf der Verlagsseite des Verlages Barbara Budrich herunterladen. Für Menschen, die nicht so viel für ein Buch ausgeben wollen/können, eine hervorragende Gelegenheit, sich über handlungsleitende Orientierungen bzw. über „erwartungswidrig bildungserfolgreiche männliche Heranwachsende und junge Männer“ (S. 184) zu informieren.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 23.09.2021 zu: Michael Richter: Jungen als Bildungsgewinner. Eine qualitative Studie zu bildungserfolgreichen Jugendlichen in Risikolebenslagen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2529-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28645.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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