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Hanna-Lena Neuser, Maximilian Graeve u.a. (Hrsg.): Was ist mit der Jugend los?

Cover Hanna-Lena Neuser, Maximilian Graeve, Robert Wolff (Hrsg.): Was ist mit der Jugend los? Protestbewegung und Protestkultur im 20. und 21. Jahrhundert. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 224 Seiten. ISBN 978-3-7344-1280-6. D: 28,90 EUR, A: 29,80 EUR.

Reihe: non-formale politische Bildung.
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Thema

Der Sammelband ist in der Reihe „Non-formale politische Bildung“ des Wochenschau Verlages erschienen. Er trägt den Untertitel „Protestbewegung und Protestkultur im 20. und 21. Jahrhundert“. Die Herausgeber:innen machen im Vorwort das spezifische Anliegen des Bandes deutlich: er hebt sich von anderen Bänden zum Thema Protest dadurch ab, dass „junge Aktivist*innen, renommierte Wissenschaftler*innen, Politiker*innen, Multiplikator*innen aus der Jugendarbeit und Jugendbildung“ (S. 10) „gleichberechtigt auf das Thema schauen“ (ebd.). Die Publikation versteht sich somit als die Herstellung einer „Plattform“ (S. 11) mit verschiedenen Gesichtspunkten, Betrachtungsweisen und Motivationen (vgl. S. 10) um weitergehende Diskurse, unterschiedlich gelagerte Kontroversen und gemeinsame Lernerfahrungen (vgl. S. 11) zur ermöglichen. Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, sich dem komplexen Thema der Proteste und Protestbewegungen multipel anzunähern und in einer diversen Breite zu begegnen – seien es mit analogen und digitalen, praktischen und theoretischen, nationalen und internationalen Zugängen zur Protestkultur junger Menschen.

Die Herausgeber:innen

Der Diversitätsanspruch, nämlich aus verschiedenen Perspektiven über das Thema „Protestkultur junger Menschen“ miteinander ins Gespräch zu kommen, wird auch in der Herausgeberschaft des Bandes deutlich. Graeve ist Geschäftsführer der Dr. Arthur-Pfingst Stiftung, Neuser ist Studienleiterin und stellvertretende Direktorin der Evangelischen Akademie Frankfurt und Wolff Doktorand an der Goethe-Universität Frankfurt mit u.a. den Forschungsschwerpunkten historische Protest- und Bewegungsforschung.

Entstehungshintergrund

Die Tagung „Protestkult|ur – Politisches Engagement Studierender gestern und heute“, die im Oktober 2019 stattfand, war Ursprung für diese Veröffentlichung. Die Initiator:innen der Tagung (eine Kooperation der Dr. Arthur Pfingst-Stiftung und der Evangelischen Akademie) fragten sich unter anderem im Vorfeld (vgl. S. 9):

  • Was muss passieren, dass junge Menschen ihre Stimme erheben?
  • Welche Formen suchen und finden sie, um gegen oder für etwas einzustehen?
  • Wo liegen die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Interessen junger Menschen?

Einige der Aspekte des Sammelbands sind aus dieser Tagung hervorgegangen und wurden für das Buch „erweitert, vertieft und ergänzt“ (S. 9).

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 221 Seiten und ist in acht Kapitel unterteilt. Nach dem einführenden Kapitel werden in sieben weiteren Kapiteln und deren Unterkapiteln die thematischen Schwerpunkte der Veröffentlichung entwickelt. Diese sind:

  • Gesellschaftliche Rahmenbedingungen von Protest und Protestbewegungen mit Praxisbeispielen
  • Historische Zugänge zum Thema
  • Institutionen des Protests: Universitäten, Gewerkschaften
  • Internationale Perspektiven aus vier Ländern und einer globalen Perspektive
  • Digitale Formen des Protests: Petitionen
  • (Jugend-) Bildung und Protest
  • Ausblick

Den Inhalt der insgesamt 21 Kapitel des Sammelbandes in dieser Rezension in all seiner angelegten Diversität nachzuzeichnen, kann nur schwer gelingen. Daher wird die inhaltliche Beschreibung in zwei thematischen Bereichen verortet: dem Bereich „Blick aus der Praxis“, weil er mit 44 Seiten eine Schwerpunktlegung des Buches ist und dem Bereich „Proteste weltweit“, weil er mit 36 Seiten das umfangreichste Einzelkapitel darstellt.

Die o. g. thematischen Schwerpunkte werden in den meisten Kapiteln mit einem Unterkapitel „Blick aus der Protestpraxis“ versehen und bereichert. Diese sind von Aktiven selbst verfasst und bringen die Leser:innen somit in die 'Zentren des Geschehens' selbst. So werden im zweiten Kapitel die Verwobenheit der Themen Demokratie und Protest (Kapitel 2.1) anhand des ersten von Studierenden initiierten Frankfurter Demokratiekonvents reflektiert und facettenreiche Einblicke in die Fridays for Future Bewegung und deren Abgrenzung und Verankerung zur Landespolitik Baden-Württembergs gegeben (2.2.). Im Kapitel 3.2. wird der wirkungsvolle Weg der Friedensbewegung aus langjähriger Aktiven-Sicht reflektiert und in einen weiten Horizont gestellt. Die Entwicklungen der Jugend-Gewerkschaftsarbeit werden im Kapitel 4.2. vor dem Hintergrund des Begriffes der sozialen Bewegung aus DGB-Perspektive nachgezeichnet und weiterentwickelt. Im Kapitel „digitaler Protest“ 6.1. berichten vier Aktivistinnen aus ihrer Praxis der Petitionen mit der Plattform change.org. Sie stellen dabei ihre Grenzerfahrungen mit ihren Protestanliegen in den Mittelpunkt: In der Darstellung der Themen „All in for climate change“, „Umsatzsteuer auf Menstruationsprodukte“, „TrueDiskriminierung“ und „Rassismus durch das N-Wort“ verweben sie Aspekte der persönlichen Betroffenheit, Mobilisierung der Öffentlichkeit und politischen (Selbst)Wirksamkeit.

Das Kapitel 5 „Internationale Protestbewegungen“ wird mit einem Überblick über die viel(fältig)en Proteste weltweit abgeschlossen. Kraushaar spannt darin eine Hintergrundfolie auf, die als Momentaufnahme der Proteste im Jahr 2019 ein Schlaglicht auf alle im Band diskutierten Themen wirft und mit einer These des Historikers Ferguson zur Bildungsfrustration die gemachten Aussagen zum Protest relativiert. Zuvor wird in vier internationalen Situationen deutlich, welche politischen Auswirkungen (bspw. Rücktritt der Regierung in Bulgarien 1989, Assoziationsabkommen der Ukraine mit der EU 2014) (Studenten-) Proteste haben können, aber auch, dass die Protestierenden bereit sind, einen hohen Preis für die Verlautbarung ihrer Meinung zu bezahlen. Dieser Zusammenhang wird von Üstüner vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als eine sich für ihre Privilegien schämende (vgl. S. 122) Auslandsstudentin in Chile reflektiert. Und von Naim bekräftigt, wenn er den Blick auf die Protestkultur in seinem Herkunftsland Afghanistan wirft: Menschen riskieren ihr Leben, wenn sie auf die Straße gehen (vgl. S. 119).

Doch nicht nur in den praktischen und internationalen Beiträgen stehen Aspekte der kritischen Grundhaltung, der politischen Neu-Orientierung oder des Einsatzes, den (junge) Menschen für ihren Protest erbringen, im Mittelpunkt der Aussagen. In allen Beiträgen wird reflektiert, wie (junge) Menschen bereit sind (oder es werden), kritisch ihre Welt zu betrachten und sich für eine Veränderung zu engagieren.

Diskussion

Aus Sicht der Herausgeber:innen ist die wohl größte Herausforderung für das Buch, dass es von den Jugendlichen selbst überholt wurde (vgl. S. 13 f.). Die zum Zeitpunkt der Erstellung und Veröffentlichung wohl weltweit dominierendste Protestbewegung Jugendlicher – Fridays for Future (FfF) – mobilisierte die Massen. Und somit fanden einige der Fragen, die die Grundlage für die inhaltliche Ausprägung der Tagung und somit der Veröffentlichung bildeten, auf der Straße weltweit bereits eine Antwort aus der Bewegungspraxis selbst- vor Veröffentlichung des Buches. Und nicht nur diese neuen Entwicklungen der Protestkultur junger Menschen, sondern auch ihre gesellschaftliche Rezeption und Diskussion begaben sich auf eine neue Ebene. Aus meiner Sicht tut dies dem Buch aber keinen Abbruch. FfF wird nicht nur in einem eigenen Kapitel beschrieben und reflektiert (2.2.), sondern wird in unterschiedlichen Beiträgen immer wieder als Referenz- und Entwicklungspunkt beschrieben und somit gewürdigt. Denn Ansatz des Buches ist es, verschiedene Perspektiven in Dialog zu bringen, was gerade auch dadurch gelingt, dass FfF keinen zentralen Platz bekommt. Somit ist das wohlüberlegte Konzept, durch Beiträge von Autor:innen mit verschiedenen Perspektiven, Lebensaltern und gesellschaftlichen Positionen in einem breit gefächerten Aufriss die Protestbewegungen junger Menschen im 20. und 21. Jahrhunderts der Leser:in nahe zu bringen, sehr bereichernd und horizonterweiternd.

Andererseits verlangt dieses Konzept dem Leser: in einiges ab: in der offenen Darstellung und Selbstbeschreibung der Autor:innen im Anhang gehen Informationen verloren, die für eine pointierte und selektive Rezeption der Texte wesentlich und förderlich gewesen wären. Bspw. wäre eine strukturierte Abfrage und Darstellung der Aktivist:innen – haften Rollen oder Erfahrungen der Autor:innen (egal ob in der Jugend oder aktuellen Lebensphase) hilfreich gewesen, genauso wie ein explizites Darstellen von Positionen junger Menschen selbst. In einer eingehenden Analyse und Internetrecherche bleibt dies in der Verantwortung des Käufer:in des Buches. Was machbar und sehr aufschlussreich ist, hätte aber gerade bei diesem konzepthaften multiperspektivischen Ansatz, der bei der Planung der Texte ja schon immanent ist, Leser: in-freundlicher gelöst werden können.

Fazit

Das Buch ist für die Leserschaft, die die Herausgeberschaft in den Blick genommen hat „(frühere) Aktivist:innen, Multiplikator:innen der Jugendarbeit und junge Menschen selbst“ (vgl. S. 13) ein Gewinn. Denn es zeichnet multiperspektivisch einzelne Stränge von Protestbewegungen weltweit nach, überrascht mit aktivierenden Analysen und motiviert die Leser: in, die eigene Protesthaltung weiterzuentwickeln.


Rezension von
Dr. phil. Stefan Hoffmann
Landesjugendreferent im EJW-Weltdienst und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der EH Ludwigsburg in Forschungsprojekten zum Thema Jugenddemokratieforschung und Rückkehrende aus internationalen Freiwilligendiensten.
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Zitiervorschlag
Stefan Hoffmann. Rezension vom 24.11.2021 zu: Hanna-Lena Neuser, Maximilian Graeve, Robert Wolff (Hrsg.): Was ist mit der Jugend los? Protestbewegung und Protestkultur im 20. und 21. Jahrhundert. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1280-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28646.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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