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Björn Milbradt, Anja Frank u.a. (Hrsg.): Handbuch Radikalisierung im Jugendalter

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 06.05.2022

Cover Björn Milbradt, Anja Frank u.a. (Hrsg.): Handbuch Radikalisierung im Jugendalter ISBN 978-3-8474-2559-5

Björn Milbradt, Anja Frank, Frank Greuel, Maruta Herding (Hrsg.): Handbuch Radikalisierung im Jugendalter. Phänomene, Herausforderungen, Prävention. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 370 Seiten. ISBN 978-3-8474-2559-5. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.
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Thema

Der Umgang mit Jugendlichen, die die Gemeinschaft stören, also mit ‚Kriminellen‘, ‚Verwahrlosten‘, ‚Drogenabhängigen‘, war immer schon die Achillesferse der Sozialpädagogik. Und zwar um so mehr, je gewalttätiger sie handeln, je mehr sie sich in Gruppen zusammenfanden und je eindeutiger sie die zentralen Werte der Gesellschaft in Frage stellten. Und nun also seit den Nuller Jahren (2001,2010) – zumindest massenmedial – die ‚radikalisierten Jugendlichen‘, die ‚rechts‘ gegen Migranten und demokratische Werte vorgehen, ‚links‘ die staatlich-kapitalistische Verfasstheit ablehnen oder ‚islamistisch‘ Ungläubige bekämpfen: In Rostock-Lichtenhagen gegen indonesische Gastarbeiter (1992), Randale beim G20-Gipfel in Hamburg (2017), Al-Quaida in New-York (2001). Ein – wieder einmal – neu aufgenommenes Arbeitsfeld im ambivalenten Zwielicht zwischen sozialpädagogischer Hilfe und staatlichem Sicherheitsbemühen: „‚Die’ Pädagogik ist also aufgerufen, verlorengegangenes Terrain von dominierenden Sichtweisen der Programmträger und Sicherheitsbehörden […] wieder zurückzugewinnen“ (Becker S. 136); sowie mit dem Problem, diese unerwünschten Radikalisierungen vom erwünschten jugendspezifischen Autonomie-Streben abzugrenzen: „[H]aben wir es beim Linksextremismus mit einem ambivalenten Phänomen zu tun, da zumindest in Teilen Ziele wie Antirassismus und Orientierung an Menschenrechten sowie Demokratisierungsprozesse verfolgt werden, die streckenweise nicht weit von den Grundlagen existierender Demokratien entfernt sind.“ (Milbradt/​Herding S. 80).

Herausgeber*innen

Das von vier Mitarbeitern des Deutschen Jugendinstituts in Halle herausgegebene Handbuch versucht, aus einer sozial- und erziehungs-wissenschaftlichen Perspektive, eingerahmt von einer Einleitung und einem Resümee, in 18 Beiträgen den gegenwärtigen Forschungsstand dieses bisher wissenschaftlich wenig erschlossenen Arbeitsfeldes darzustellen.

Aufbau und Inhalt

Nach ihrer Einleitung, in der die Herausgeber*innen sowohl die genannte Ambivalenz wie den noch unzureichenden Forschungsstand unterstreichen, werden in den ersten drei Folgebeiträgen (Teil A) zunächst diese drei Radikalisierungs-Phänomene vorgestellt: „Autoritarismus und Dominanzanspruch, Delinquenz und Gewaltausübung, Solidarität und Kameradschaft in Kombination mit Verschwörungsmythen und religiösem Dogmatismus verschmelzen im Islamismus zu einer extremistischen, gewaltorientierten Ideologie.“ (Davolio S. 61).

 Ein zweiter Hauptteil B behandelt die ‚üblichen‘ sozialpädagogischen Analyse-Faktoren in 6 Abschnitten: ‚Biographie und Familie‘; ‚Peergroups und Jugendkulturen‘; ‚Geschlechtsspezifische Aspekte‘; ‚Digitale Medien und Mediennutzung‘; ‚Radikale Milieus und Gruppendynamiken‘; ‚Zur Bedeutung von Gewalt‘. Und zwar jeweils getrennt für rechtsradikale und islamistische Gruppierungen, während linksradikale Gruppierungen mangels Materials unter den Tisch fallen. Um dann doch im dritten – mit 60 Seiten relativ dünn besetztem – Abschnitt (Teil C) zur ‚pädagogischen Spezialpraxis im Umgang mit den Phänomenen‘ in einem der dort platzierten drei Beiträge wieder aufgenommen zu werden: „Zu den am häufigsten realisierten Präventions- und Distanzierungsansätzen zählen vor allem Angebote der politischen und religiösen Bildung, medienpädagogische sowie sozialpädagogische Angebote der (aufsuchenden) Jugendarbeit und der (systemischen) Umfeldberatung.“ (Schau/​FiglestahlerS. 321).

Ohne auf die einzelnen, sich teilweise überschneidenden Beiträge näher einzugehen – zumal die jeweilige Befundlage trotz längerer Literaturnachweise relativ dünn ausfällt – lassen sich doch, methodisch wie inhaltlich, Gemeinsamkeiten festhalten: Zunächst die unsichere Bestimmung des Forschungsfeldes: ‚Extremismus‘, ‚Radikalisierung‘, ‚gewalttätig‘ oder doch nur adoleszenter Protest? Dann das theoretische Umfeld: miso-, meso- oder doch auch makro-soziale Faktoren, zumal man zumeist doch nur auf die bekannten ‚biographischen‘ Individual-Faktoren zurückgreift: „So fällt auf, dass wirkungsmächtige und breit rezipierte Krisendiagnosen der gegenwärtigen Gesellschaft […] von der Radikalisierungsforschung […] weitgehend ignoriert werden und jene oftmals auf der Individualebene der Analyse verharrt“ meinen die Herausgeber in ihrer Einleitung (S. 21). Das Fehlen einer zureichenden ‚Theorie‘ wie der Bezug zu den einschlägigen allgemeineren jugendsoziologischen Theorien wird ebenso beklagt, wie der unzureichende Forschungsstand, etwa im problematischen Rückgriff auf Inhaftierte, und besonders deutlich auf dem schwer zugänglichen Feld des ‚Links-Extremismus‘. Ein Manko, das dann vor allem auch in den drei Präventions-Kapiteln deutlich wird, die ja eigentlich auf solchen Befunden aufbauen müssten: „da umfassende und evidente wissenschaftliche Erkenntnisse für eine adäquate Prävention benötigt werden“ (Zschach/​Fahrig/​Schott S. 87), die jedoch – im Rahmen diverser vom Bund und den Ländern finanzierter ‚Sonderprogramme‘ – faktisch im Überwiegen kurzfristig angelegter ‚universeller‘ Bildungs-Angebote zu versanden droht: „Generell lässt sich mit Blick auf die präventive Ausrichtung festhalten, dass in der Praxislandschaft Angebote der universellen Prävention dominieren, wobei der Schwerpunkt auf curricularen, kurzzeitpädagogischen Präventionsangeboten liegt.“ (Greuel S. 304). Hier hilft dann auch nicht die obligate Forderung nach weiterer, möglichst als ‚Längsschnitt-Forschung‘ in „mehrjährigen Verlaufsstudien“ angelegter Forschung (Resümee S. 370), während die notwendigen Fremd-Evaluationen im gesamten Handbuch kaum Erwähnung finden.

Auch inhaltlich fallen Gemeinsamkeiten zwischen diesen drei Gruppen auf: Zunächst wird die im Handbuch-Titel angeführte ‚Jugend‘ zumeist eher durch junge Männer vertreten, die weniger ihren ‚adoleszenten‘ Autonomie-Aufgaben und ‚Identitätsbildungsprozessen‘ (Frank/​Scholz S. 108) folgen, sondern eher Stigmatisierungs- und Benachteiligungs-Erfahrungen verarbeiten: Eine „Dynamik von Marginalisierungen, Diskriminierungen und vom Rückzug auf islamistische Identitätskonzepte“, in einem Deutungsrahmen, „der über die Herausforderungen des Jugendalters hinausweist.“ (Niang/​Nordbruch S. 144, 151). Auch die oben genannten ‚üblichen Analyse-Faktoren‘ gleichen sich hier, wie überhaupt auf dem Feld sog. ‚auffälliger Jugendlicher‘: „In Parallelität zum Rechtsextremismus wirken Frauen auch im Salafismus in hohem Maße szenestabilisierend, indem sie die nachfolgenden Generationen im Sinne ihrer Ideologie erziehen.“ (Fritzsche S. 180). Gemeinsamkeiten, die dann auch mit ‚Brückennarrativen‘ die einzelnen Gruppierungen in puncto Gewaltanwendung und Opfer-Wahl in „unerwarteten Allianzen“ (Resümee S. 360) einander annähern, etwa in der sich hochschaukelnden Auseinandersetzung mit der Polizei oder in ihren antisemitischen Einstellungen. Gemeinsam ist insbesondere die Funktion der jeweiligen – zumeist schlagwortartig eingeschränkten – Gruppen-Ideologie: „Im radikalen Milieu findet dann eine Verdichtung der Weltanschauung statt“ (Virchow S. 234); so sehr deren Inhalte auch jeweils gruppierungs-spezifisch ausfallen: Migrations-feindliche ‚Umvolkungs‘-Sorgen, ‚kapitalistische Repression‘ oder religiös-salafistische ‚Missionierung‘. Ingroup-outgroup-Mechanismen, die emotionale Gruppen-Sicherheit versprechen, Gewalt legitimieren und gegen präventiv ausgerichtete Konterstrategien immunisieren. Wobei die einen sich ‚identitär‘, rassistisch oder auch kulturell, von ihrem ‚minderwertigen‘ Gegenüber absetzen, während die anderen ‚antifaschistisch‘ eben hierin ihren Gegner finden, und muslimische Dschihad-KämpferInnen, im Glauben sicher, für eine Umma kämpfen, in der solche Unterschiede aufgehoben sind.

Diskussion

Das in diesem Handbuch angesprochene Radikalisierungs-Feld steht, wie die gesamte, inzwischen hundertjährige Erforschung jugendlich abweichend/​devianten Verhaltens vor einer dreifachen Schwierigkeit:

  • Es versucht – theoretisch wie praktisch – einen breit gestreuten, als ‚abweichend‘ definierten und sicherheitspolitisch bearbeiteten Verhaltensbereich, wenn auch typologisch unterteilt (rechts, links, islamisch), als einheitlichen ‚Radikalisierungs‘-Bereich zu erklären. Einen sich – auch innerhalb dieser ‚Typen‘ – tatsächlich jedoch ständig diversifizierenden Verhaltensbereich, der sich wandelnden jugendlichen Moden folgt und der versucht, sich entsprechend an äußere, mehr oder weniger wohlmeinende Einfluss-Versuche reaktiv anzupassen. In diesem Sinne sprechen etwa Niang/Nordbruch (S. 146 f.) vom „lebensweltlich modernen ‚Pop-Islam‘“, während der rechte Rückgriff auf die ‚identitäre‘ Bewegung ‚Springerstiefel und Bomberjacken‘ verschwinden ließ: „Die Ikonografie eines jugendlichen Rechtsextremismus in der Öffentlichkeit oder in den Medien ist schon lange nicht mehr stimmig“ (Becker, S. 129).
  • Problematischer noch ist die naheliegende Tendenz, solche Phänomene ‚linear-kausal‘ zu erklären: „[I]m Gegenzug werden Multidimensionalität, Unregelmäßigkeit und Spezifität von Radikalisierungsverläufen betont.“ „Tatsächlich ist von einem spezifischen Zusammenwirken von Struktur- und Handlungsfaktoren auf den verschiedenen Ebenen auszugehen, was freilich eine Modellbildung vor erhebliche Herausforderungen stellt […], wenn nicht gar unmöglich macht. Versteht man Radikalisierung zudem als einen Prozess, der Individuen nicht widerfährt, sondern an dem sie durch Entscheidungen aktiv beteiligt sind, so können unterschiedliche Ausgangsbedingungen zu gleicher Entwicklung (Äquifinalität) führen, gleiche Risikokonstellationen jedoch unterschiedliche Folgen zeitigen (Multifinalität).“ (Virchow S. 233 f.).
  • Wobei die in diesen Bereichen immer wieder feststellbare Kluft zwischen ‚theoretisierenden‘ Analysen und praxisorientierter Prävention auch in diesem noch jungen Radikalisierungs-Feld sich – nicht nur vom erwähnten Seiten-Umfang her – im Missverhältnis zwischen dem ‚erklärenden‘ Teil B und den praktischen Folgerungen im präventiven Teil C zeigt. Ein Missverhältnis zwischen Theoretikern und Praktikern, das auch durch eine Ausbildung und Professionalisierung der bisher überwiegend ‚privat‘ organisierten Präventions-Arbeit kaum zureichend behoben werden kann: „Jenseits von Fragen der Fachlichkeit und Professionalisierung liegen die Bedarfe der fachlichen Weiterentwicklung vor allem auf der Ebene der Erreichung spezifischer Zielgruppen und des inhaltlich-methodischen Zuschnitts pädagogischer Ansätze.“ (Greuel S. 308).

Fazit

Das lobenswerte Vorhaben, den gegenwärtigen Stand des Umgangs mit ‚radikalisierten‘ Jugendlichen – keineswegs unkritisch – zusammen zu fassen, bestätigt auch für dieses Präventions-Feld meine Analyse ihrer älteren Schwester im ‚Elend der Suchtprävention‘ (socialnet Rezensionen: Das Elend der Suchtprävention).

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 06.05.2022 zu: Björn Milbradt, Anja Frank, Frank Greuel, Maruta Herding (Hrsg.): Handbuch Radikalisierung im Jugendalter. Phänomene, Herausforderungen, Prävention. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2559-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28647.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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