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Hermann-Josef Große Kracht: »Solidarität zuerst«

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 08.06.2022

Cover Hermann-Josef Große Kracht: »Solidarität zuerst« ISBN 978-3-8376-5837-8

Hermann-Josef Große Kracht: »Solidarität zuerst«. Zur Neuentdeckung einer politischen Idee. transcript (Bielefeld) 2021. 194 Seiten. ISBN 978-3-8376-5837-8. D: 30,00 EUR, A: 30,00 EUR, CH: 36,80 sFr.
Reihe: Edition Politik - 124
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Thema und Autor

Die Solidarität ist im Vergleich zur Freiheit und zur Gerechtigkeit merkwürdig »theorielos«. Liegt dies an der Dominanz eines politischen Liberalismus aus vorindustriellen Zeiten, der unser Denken bis heute prägt? An die sozialphilosophischen Aufbrüche des französischen Solidarismus von Akteuren wie Léon Bourgeois, Alfred Fouillée und Charles Gide erinnernd, fragt Hermann-Josef Große Kracht, ob es nicht an der Zeit ist, die philosophischen Freiheitslektionen des 18. Jahrhunderts mit den soziologischen Solidaritätslektionen des 19. Jahrhunderts zu einem postliberalen Solidarismus zu verbinden.

Herausgeber des Bandes ist Prof. Dr. Hermann-Josef Große Kracht, akademischer Oberrat am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Vorwort in sieben Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Vorwort“ wird betont, dass das vorgelegte Essay in pointierter Form an die Aufbrüche des französischen „solidarisme“ erinnern soll, und zwar für die sozialmoralischen Debatten um das normative Selbstverständnis der westeuropäischen Gegenwartsgesellschaften.

Das erste Kapitel widmet sich der „Solidarität – das unverstandene Lieblingskind der Moderne“. Das Phänomen der Politik- und Demokratieverdrossenheit sei unübersehbar und die Rede von der „Krise der Demokratie“ sei längst ein fester Bestandteil unserer Zeitdiagnose. An der Solidarität entzündeten sich immer wieder Wünsche nach sozialer Verbundenheit, nach wechselseitiger Verantwortung sowie nach intensiven Gefühlen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit über unsere Familien und den Freundeskreis hinweg.

In Kapitel zwei wird die Frage gestellt „Noch immer Bürgergesellschaft mittlerer Existenzen?“. Beim Nurlohnarbeiter hingen die Bedingungen seines materiellen Lebens und Überlebens nicht von seiner individuellen Leistungsbereitschaft ab, sondern einzig und allein von den Nachfrageverhältnissen des Arbeitsmarktes. Seines eigenen Glückes Schmied kann nur derjenige sei, der auch über eine eigene Schmiede verfüge (S. 33). So erwartet jeder, dass wir nicht nach unserem subjektiven Verdienst, sondern nach dem Wert, den unsere Leistungen für andere haben, entlohnt werden.

„Normative Ernüchterungen. Ungeliebte Einsichten postliberaler Solidaritätssoziologie“ ist der Titel des folgenden Kapitels. Die neue Sozialwissenschaft wollte sich nicht einfach als eine an den sozialen und moralischen Fragen desinteressierten Naturwissenschaft orientieren, sie wollte eine politische Krisenwissenschaft sein (S. 61 ff) sein. In den folgenden Ausführungen wird das Konzept Comtes der arbeitsteilig induzierten sozialen Solidarität näher und das von Durkheim, der zwischen „mechanischer“ und „organischer“ Solidarität unterschied, ausgeführt.

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels steht das Programm „Solidarität zuerst. Programm und Profil des Solidarismus“. Um die Jahrhundertwende entstanden in Frankreich zahlreiche Gesetze zur Sozialpolitik -kostenloser Zugang zu medizinischen Leistungen, Regulierung von Arbeitsunfällen oder die Unterstützung für Alte, Schwache, Waisenkinder und Wöchnerinnen. Anhand von Comte, einem französischen Universitätsgelehrten und dem frühen Durkheim weist der Autor die Moralwissenschaften in Deutschland nach.

Die „Relative und progressive Autonomie. Solidaristische Solidarität und individuelle Freiheit“ ist das Thema des fünften Kapitels. Der Solidarismus war als normative politische Theorie daran interessiert, ein modernes republikanisches Personenkonzept vorzulegen. Im Unterschied zu den Organismen der Biologie seien die sozialen Organismen, mit denen sich die Soziologie beschäftige, immer auch in ihren intellektuellen und moralischen Dimensionen zu erfassen (S. 109). Gide, Fouille und Bourgeois betonten, dass sich die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit nur im Kontext der gleichzeitigen Entwicklung der Gesellschaft vollziehen könne, da erst die Evolution zu diesem Resultat führe, wobei die Triebfeder nicht die Konkurrenz, sondern die Kooperation sei.

„Soziale Hypotheken und rückwirkender Quasi-Vertrag“ nennt sich Kapitel sechs. Das Kernanliegen der Solidaristen war die soziale Gerechtigkeit in einer hocharbeitsteilig organisierten Gesellschaft. Fouillee sprach von drei Formen politisch zu gewährleistenden sozialen Eigentums, auf die demokratische Gesellschaften allen ihren Mitgliedern einen Partizipationsanspruch einräumen müssten. Teilhabe am kollektiven Kapital, an öffentlichen Diensten sowie Teilhabe an der politischen Macht und Teilhabe an intellektuellen und moralischer Bildung. Bourgeois dagegen ging es um eine moderne Gerechtigkeitstheorie des umverteilenden Wohlfahrtsstaates (S. 151).

Das letzte und damit siebente Kapitel ist mit „Ein Neustart solidarischer Vernunft?“ überschrieben. Die Ausführungen gehen um die de facto-Solidaritäten wechselseitiger Abhängigkeit, die in den modernen Gesellschaften immer größer und unübersichtlicher werden – und in dem Maße ansteigen, in dem diese Gesellschaften ein immer komplexeres weltgesellschaftliches Globalgeflecht ausbilden. De facto-Solidaritäten konstituieren uns zuallererst als soziale Wesen, als moralisch sensible Individuen. Denn erst im permanenten Austausch mit der Gesellschaft entfalten die Gesellschaftsmitglieder ihre kritische Urteilskraft, ihre eigenen moralischen Standards und ihre politische Identität. Es spreche vieles dafür, dass die öffentliche Moral unserer Gesellschaft gegenwärtig eine Phase der Regression durchlebe. Die Solidaritäten bildeten den Ausgangspunkt jeder gesellschaftlichen Selbstverständigung. Mit ihnen beginne alles und ohne sie geht nichts.

Diskussion

Die Ausführungen basieren vorwiegend auf wissenschaftlichen Positionen französischer Avantgardisten, die sich mit Fragen des Solidarismus auseinandersetzen. Die, von Fouilee, Comte,Durkheim und Bourgeois stehen im Mittelpunkt und rahmen die Gedankenexplikationen des Autors, die wissenschaftlich tiefgründig sind. Auf den französischen Solidarismus zurückzublicken, bedeutet nicht nur, eine weithin vergessene, aber relevante Theorietradition des neueren politischen Denkens wieder aufzufrischen. Es eröffnet vor allem die Frage, ob uns der „solidarisme“ nicht daran erinnert, dass wir uns schon längst von den sozialethischen Standard Interpretationen des politischen Liberalismus hätten verabschieden können und sollen (S. 155).

Fazit

Ich bin mir sehr unsicher, was diese Explikationen für die Leser*innen bringen sollen. Es sind durchaus wichtige Gedanken, die aber heute zumindest nur eine sehr marginale Bedeutung haben.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 181 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 08.06.2022 zu: Hermann-Josef Große Kracht: »Solidarität zuerst«. Zur Neuentdeckung einer politischen Idee. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5837-8. Reihe: Edition Politik - 124. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28648.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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