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Francis Seeck: Care trans_formieren

Rezensiert von Dr. Barbara Stiegler, 14.04.2022

Cover Francis Seeck: Care trans_formieren ISBN 978-3-8376-5835-4

Francis Seeck: Care trans_formieren. Eine ethnographische Studie zu trans und nicht-binärer Sorgearbeit. transcript (Bielefeld) 2021. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-5835-4. D: 25,00 EUR, A: 25,00 EUR, CH: 31,60 sFr.
Reihe: Queer Studies - 31
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Thematischer Hintergrund

Der Equal Care Day wird in Deutschland am 29. Februar begangen. Die Wahl eines Schalttages soll darauf aufmerksam machen, dass Care Arbeit für Kinder, unterstützungsbedürftige, kranke und alte Menschen gesellschaftlich unsichtbar ist. Nicht zuletzt die Corona Pandemie hat gezeigt, dass Care Arbeit systemrelevant ist und überwiegend auf den Frauen lastet. Dieser Gender Aspekt von Care ist inzwischen im Mainstream angekommen, Männern wird ein Care-Defizit zugeschrieben, Frauen eine hohe Belastung durch Care Arbeit. Francis Seeck belegt aber nun mit ihrer ethnographischen Studie, dass der Care Begriff bislang viel zu eng gefasst ist und dass Geschlechteraspekte viel weiter reichen als es die Betrachtung von Männern und Frauen leisten kann. Sie untersucht die Sorgearbeit von trans und nicht binären Personen und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Autor_in

Francis Seeck, geb.1987, promovierte Kulturanthropolog_in, Antidiskriminierungstrainer_in und Autor_in. Studium der Kulturwissenschaften (B.A.) an der Europa Universität Viadrina und Europäische Ethnologie (M.A.) an der Humboldt Universität. Die vorliegende Studie ist die Dissertationsschrift.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit gliedert sich in acht Kapitel. Neben der Einleitung und dem Schlusskapitel, das auch einen Bezug zur Corona Pandemie herstellt, gibt es ein ausführliches Methodenkapitel und fünf Kapitel, in denen die Auswertungsergebnisse von 19 Interviews in Form von Fallstudien vorgestellt werden.

In der Einleitung wird bereits deutlich, dass das bisherige, heteronormative Care Verständnis erweitert wird, wenn Praktiken der Selbstsorge und kollektiven Fürsorge von trans und nicht binären Personen im Mittelpunkt der Forschung stehen. Dabei geht es auch um die Aufdeckung der Verwobenheit von Gender, Class und Care. Theoretische Bezüge werden gezogen zu queerfeministischen kulturanthropologischen Ansätzen sowie zur Care Forschung und zu trans-Studien.

Die breiten methodischen Überlegungen im zweiten Kapitel drehen sich um die interessante Frage, wie sich das Prinzip der Fürsorge methodisch auch auf den Forschungsprozess übertragen lässt. Unter der Bezeichnung „sorgende Ethnographie“ und „geschlechtliche Zusammenarbeit“ werden Haltung und Praxis von Forschenden vorgestellt: Bei sorgender Ethnographie taucht der/die Wissenschaftler_in so in das Forschungsfeld ein, dass letztlich das erworbene Wissen wieder in den Kreis der Forschungspartner_innen und Aktivist_innen zurückgegeben wird. Mit „geschlechtlicher Zusammenarbeit“ ist eine Forschungspraxis benannt, die die geschlechtliche Selbstbestimmung durch eine entsprechende Interviewführung relational und interaktiv ermöglicht und unterstützt.

Wie wichtig die Bedeutung der Klassenzugehörigkeit für den Zugang zu Fürsorge und Unterstützung ist, zeigt das dritte Kapitel. Wer in materieller und symbolischer Hinsicht prekär leben muss, hat eine doppelte Behinderung zu überwinden, um Care Arbeit leisten und empfangen zu können. Umgekehrt gibt es klassenspezifische Sorgeketten: von Prekarität betroffene trans Personen bieten wohlhabenden trans Personen gegen Spenden Care Arbeit an: Informationen, Beratungen und Begleitungen zu genitalangleichenden Operationen bis ins ferne Thailand. Auch die räumliche Position spielt für die Situation der trans Personen eine große Rolle: In Großstädten, speziell in Berlin lebende trans- und nicht binäre Personen haben es generell leichter, da ihnen eine Vielzahl von Unterstützungsmöglichkeiten der Community zur Verfügung steht. Die häufige Vereinzelung im ländlichen Raum führt demgegenüber mangels angebotener Care Tätigkeiten oft zu einer Vergrößerung der Unsicherheit der einzelnen Personen.

In den urbanen Räumen gibt es eine andere Form der Prekarität: ein prekäres Selbstunternehmer_innentum von trans Personen. Die Care Arbeit der Beratung und Unterstützung, die sie in Cafés, Kneipen und anderen Treffpunkten leisten, wird nur teilweise (gering) bezahlt, üblicher sind Spenden. Es gibt die Norm, dass Sorgearbeit eigentlich ehrenamtlich zu leisten ist und dabei die je eigene Prekarität unsichtbar gemacht wird. Bei der Care Arbeit spielt das Geschlecht keine Rolle, sondern sie hängt von dem Wissen ab, das sich Personen angeeignet haben. Oft wird die eigene Überlebensstrategie auf diese Weise zwar ökonomisiert, aber auch prekäre Professionalisierungsprozesse sind die Folge.

Im fünften Kapitel geht es um Care jenseits der Transnormativität, also um nicht-binäre Für- und Selbstsorge. In vier Fallstudien werden Care Formen dargestellt, die von nicht- binären trans Personen, also a-gen, genderqueer, genderfluid oder bi-gender Personen praktiziert oder empfangen werden. Bei ihnen spielt die Selbstsorge zunächst eine große Rolle, wird aber als Voraussetzung für die Fürsorge betrachtet und nicht als Selbstoptimierung gesehen. Non binäre trans-Personen grenzen sich teilweise von der Transnormativität klassischer Trans-verbände ab und schaffen sich eigene Räume. Das erhöht den Bedarf an Selbstsorge. Die Gründung neuer Gruppen, die Arbeit zu zweit „am Küchentisch“ oder in Bildungskollektiven braucht jedoch viel Energie. Sie müssen, weil es an Vorbildern oder Studien zu einer non-binären Lebenssituation mangelt, die Sorgearbeit, die Wissensproduktion und die Theoriearbeit neu entwickeln.

Im sechsten Kapitel wird der Aufbau und die Aufrechterhaltung von Fürsorgeräumen durch trans und non-binäre Personen untersucht. Am Beispiel der Tanzcafés und der begleitenden Beratungs- und Vernetzungsarbeit wird gezeigt, wie Care Praktiken entwickelt werden, aber auch, welche Ausschlüsse, Hierarchien und Care Lücken dabei entstehen können. Es entstehen Spannungsfelder von Professionalisierung und Entprofessionalisierung, erschöpfendem Ehrenamt und Institutionalisierung. Es können sich aber auch emanzipatorische Potenziale entwickeln, die gegen eine neoliberale Vereinnahmung geschützt werden.

Im siebten Kapitel stehen Fragen nach der Zukunft im Mittelpunkt. Es kommen Aktivist_innen zu Wort, die Care als Haltung verstehen, die sich nicht nur auf trans/​queere Communitys bezieht, sondern die sich auch gesamtgesellschaftlichen Fragen stellen. Mit den von ihnen neu entwickelten Ritualen, Rhythmen und Formen der Fürsorgearbeit tragen sie auch zu Visionen für die Zukunft bei. Andererseits sehen einige sowohl die eigene Zukunft als auch die der Räume gegenseitiger trans Sorge als sehr unsicher an.

Im achten Kapitel gibt es eine Zusammenfassung, die die Erkenntnisse noch einmal in einem wissenschaftlichen Kontext diskutiert. Der kurze Ausblick, in dem auch auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie eingegangen wird, zeigt, dass bei bereits vor der Pandemie prekär lebende trans- und nicht binäre Personen die Prekarität zunahm und Hoffnungen auf berufliche Selbstständigkeit gedämpft wurden.

Diskussion

Die Studie von Francis Seeck ist in mehrfacher Hinsicht innovativ: Der Forschungsprozess wird mit der Methodik der „geschlechtlichen Zusammenarbeit“ als einen Teil von Care dargestellt, also als ein Geben und Nehmen. Damit wird die Beziehung zwischen Forscher_in und Forschungspartner_in zu einer Kooperation auf Augenhöhe. Die Selbstreflexion der Forscher_in wird zu einem Teil des ganzen Prozesses. Die „Sorgende Ethnographie“ erinnert an die Anfänge der Frauenforschung, insbesondere an die methodischen Postulate von Maria Mies. Eine konzeptionelle Innovation bietet darüber hinaus der Blick von Francis Seeck auf die Care Arbeit: mit der intersektionalen Perspektive, die sowohl die verschiedenen Formen von Geschlechtlichkeit einbezieht als auch die Frage nach den ökonomischen und sozialräumlichen Bedingungen, wird die Care Arbeit von ihrer verbreiteten heteronormativen Prägung gelöst: trans Care ist (auch) lebensnotwendig, verändert aber die Care Beziehungen in spezifischer Weise und impliziert Wissens- und Theoriearbeit. Die Studie öffnet den Leser_innen die Augen für die Lebenssituation der verschiedenen Gruppen von trans Personen, für ihre Probleme und Kämpfe, zeigt aber auch ihre Stärken.

Fazit

Diese Studie kann ich allen empfehlen, die ihr Wissen über Care Arbeit erweitern möchten und sich dazu eine spannende Lektüre wünschen.

Literatur

Mies, Maria (1978): Methodische Postulate zur Frauenforschung- dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, 1. Jg., H. 1, S. 41-63.

Rezension von
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
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Es gibt 42 Rezensionen von Barbara Stiegler.

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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 14.04.2022 zu: Francis Seeck: Care trans_formieren. Eine ethnographische Studie zu trans und nicht-binärer Sorgearbeit. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5835-4. Reihe: Queer Studies - 31. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28649.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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