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Frederic Hanusch, Claus Leggewie u.a.: Planetar denken

Cover Frederic Hanusch, Claus Leggewie, Eric Meyer: Planetar denken. Ein Einstieg. transcript (Bielefeld) 2021. 200 Seiten. ISBN 978-3-8376-5383-0. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 22,90 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
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Autoren

Dr. Frederic Hanusch ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des „Panel on Planetary Thinking“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen; Prof. Dr. Dr. h.c. Claus Leggewie ist Inhaber der Ludwig-Börne-Professur und Initiator des „Panel on Planetary Thinking“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen; Dr. Erik Meyer ist Politikwissenschaftler und freier Autor mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation.

Thema

Planetares Denken betrachtet die „Erde auch im interplanetaren Vergleich und als Teil des Kosmos“. Ein „Wissen zwischen den Disziplinen und das sie verbindende Wissen“ stehen „im Vordergrund, ebenso die Suche nach Synergien, womit etwa die konzeptionellen Gemeinsamkeiten der Erdsystemwissenschaften mit dem indigenen Ansatz des ‚Living Forest‘ in den Blick geraten“ (S. 135). Planetar, informieren die Autoren gleich zu Beginn des Vorworts, geht auf das altgriechische Wort „planes“ zurück, was „umherschweifend und irrend“ meint, eben auch zwischen scheint’s disparaten, nicht im strengen Sinne wissenschaftlichen Deutungen; ein etymologischer Angelpunkt, die Erde anders zu denken, nämlich als Planeten mit allfälligen Konsequenzen, weshalb hier eine Denkrichtung präsentiert und problematisiert wird, „die in räumlicher, zeitlicher und materieller Hinsicht auch über das gerade viel diskutierte Anthropozän hinausreicht und dem Nachdenken über die Zukunft der Menschheit neue Möglichkeiten eröffnet“ (S. 14). Dabei ist planetares Denken „nicht identisch, aber verwandt mit (und Teil von) Kosmologien und Kosmogonien, den Lehren vom Ursprung, Entwicklung und Strukturen unseres Planeten im Universum“, wobei es auch und innerhalb eines weiter gesteckten Rahmens um Letztfragen nach Raum und Zeit und „Herkunft und Bestimmung des Menschen“ und um „die Bedingungen (geht), unter denen man in Frieden mit anderen Menschen und im Einklang mit der natürlichen Umwelt leben kann“ (S. 16 f.). In Anlehnung an den Vorschlag der Literaturwissenschaftlerin Spivak wird hervorgehoben, dass sich die heutigen Menschen „eher als planetare Subjekte denn als globale Agenten, lieber als planetare Geschöpfe denn als Untereinheiten des Globalen“ betrachten sollten, „eher planetar als kontinental“ (S. 15). Schließlich muss auch „planetares Denken in ein planetares Handeln“ einmünden, „das über konventionelle Umweltpolitik hinausreicht“ und den Mut zu „transformativen Schritten“ steigere (S. 142 f.). Planetares Denken problematisiere dabei „identitäre Schließungen im kulturellen Relativismus und überwindet nicht zuletzt die Dichotomie von Natur und Kultur“, wobei „(g)ewissermaßen en passant (…) damit die Selbstüberschätzung des Menschen als ‚Krone der Schöpfung‘ oder als prometheischer Freisetzer der Produktivkräfte“ entfällt (S. 34); dies alles kraft der intellektuellen Leistung, „die Erde epistemologisch, ontologisch und ethisch als Planeten anzuerkennen, menschliches (Zusammen-)Leben also durch einen sich stets wandelnden Planeten zu verstehen, der sich räumlich vom Erdkern bis in den interplanetaren Raum erstreckt, zeitlich von der Nanosekunde bis zur geologischen Tiefenzeit dehnt und materiell vom Elementarteilchen bis zur dunklen Materie im Weltraum reicht“ (S. 24). Eine „Form transdisziplinärer Forschung“ ist dabei „Eckpfeiler planetaren Denkens“, soweit die „Beiträge diverser Wissenskulturen und Handlungsgebiete bei der Identifikation und Bearbeitung von Problemen“ genutzt werden und darauf zu vertrauen ist, „dass die (Wieder-)In-Wert-Setzung materieller und ideeller Umweltgüter nur unter aktiver Beteiligung von ‚Laien‘ möglich ist“ (S. 134). Mahnende Botschaft und zugleich Wegweiser ist: „Der Planet ermöglicht den Menschen, der Mensch aber nicht den Planeten.“ Das gehe einher mit „semantischen Verlagerungen: Statt Reparieren rückt Behüten in den Vordergrund, statt Innovation Belebung, statt Wachsen Fördern, statt Autorität Emergenz und statt Karte Kompass“ (S. 123).

Aufbau

Das u.a. mit Grafiken, Tabellen, Diagrammen, Schaubildern und Fotos wie u.a. von Kunstwerken reich bebilderte Buch ist nebst Danksagungen, Anmerkungen, Bildnachweisen und einer umfänglichen Bibliographie in vier Hauptkapitel mit jeweils Unterkapiteln gegliedert, gerahmt von einem Kapitel „Planetare Agenda“, das den Charakter eines Vorwortes hat, und einer einseitigen Schlussbemerkung des Titels „Planetare Momente (in nuce)“.

Inhalt

Der planetare Denkraum, „der nicht an den Grenzen der Erde endet“ (S. 37), wird im ersten Kapitel mit dem Titel Overview vorgestellt, und zwar aus Sicht der Raumfahrt, die „schlagartig die Relativität und Relationalität menschlicher Existenz auf dem sprichwörtlich gewordenen ‚Raumschiff Erde‘“ (S. 7) vor Augen geführt habe und in diesem Zuge u.a. auch, dass das „Zeitalter der Nationen (…) vorbei“ ist (zit. Wadlow, S. 16). Die Autoren streifen frühe Vorläufer planetaren Denkens, so die Veden und die Stoa, schließlich Hegel, Schelling und Hölderlin mit ihrer programmatischen Ambition, „eine neue Mythologie zu begründen, die alles Leben einschließt und die Fantasie nicht durch die Vernunft niederhält“ (S. 19), und prominent Humboldt mit seiner Erkenntnis: „Alles ist Wechselwirkung“, womit er ein „Axiom planetaren Denkens“ formuliert habe und „auch dessen Arbeitsstil“ (S. 21). Nachhaltigkeit steht auf der Agenda, habe bereits ein Astronaut gefolgert, ein ableitbares Desiderat auch daraus, dass der „Planet Erde (…) kein solider Block (ist), der sich menschenfreundlich entwickeln lässt, er bleibt Teil einer komplexen, fluiden und riskanten Biosphäre“ (S. 33), worauf aber auch eine andere „Fährte“ im „Spektrum planetaren Denkens“ führt, in dem die „formalisierten Betrachtungen des Erdsystems nämlich wieder mit spirituell-physisch geprägten Konzepten indigener Kulturen“ konvergieren (S. 36). Am Beispiel des „lebendigen Waldes“ wird nach eben auch indigenen spirituellen Vorstellungen in Analogie zur „Komplexitäts- und Chaosforschung“ hervorgekehrt, „dass alles mit allem zusammenhängt und kleinste Störungen Auswirkungen auf das Gesamtsystem haben können“ (S. 37). Auch daran sei zu denken, wenn man konstatiert, dass „Menschen (…) zu einer ähnlichen Kraft geworden (sind) wie ein Meteoriteneinschlag“ (S. 38).

Im zweiten Hauptkapitel Engführung schlagen die Autoren eine „erste Sortierung planetarer Wissensökologien“ vor (S. 8) und gehen den Fragen nach, „welche Implikationen für politisches Handeln in demokratischen Gesellschaften“ sich aus planetarem Denken und seinen Erkenntnissen ergeben und ob es sich „nützlich machen“ kann (S. 39). Dazu wird die Planet-Mensch-Beziehung definiert, werden Wechselwirkungen aufgezeigt, Überlegungen zur Normativität des Planetaren angestellt, schließlich auf Wissensökologien eingegangen und Forschungsagenden vorgestellt. Dazu gehören Neologismen wie u.a. „‚natureculture‘“ (S. 49), naturphilosophisch wird parallelisiert, demzufolge der Mensch „eine ephemere Gestalt in den Metamorphosen des Lebensstroms“ ist (S. 51), mit Blick auf Normativität wird Kant zitiert, wonach „‚ursprünglich aber niemand an einem Ort der Erde zu sein, mehr Recht hat, als der andere‘“ (S. 57). Anschließend gehen die Autoren entlang zahlreicher, vertiefender Beispiele auf der „Betrachtungsebene“ auf „Wissensökologie“ mit der „profilbildende(n) Frage“ ein: „Welche ethisch-onto-epistemologischen Wissensökologien entstehen, welche Welten werden damit geschaffen?“ (S. 81).

Durchführung lautet der Titel des dritten Hauptkapitels, in dem die Autoren Konsequenzen planetaren Denkens für die Weltgesellschaft vorstellen, megatechnische Problemlösungsstrategien zwischen „‚Terraforming‘“ (S. 8) bis hin zur Besiedlung ferner, ggf. erdähnlicher Himmelskörper kritisch erörtern. Ökologische Belastungsgrenzen und Kippelemente im Erdsystem kommen zur Sprache wie auch in diesem Zuge Klima- und Artenschutz, was lokal angegangen werde, aber nur transnational zu bewältigen sei. Herrschende Politik bleibt nicht ungeschoren und auf den Begriff der „‚Oikopoiese‘“ von Höffe wird verwiesen, der meint: „‚Statt den derzeitigen Menschen zu überwinden oder ihn ganz hinter sich zu lassen, gestalte (-poiese) der Mensch sowohl seine natürliche als auch soziale Umwelt derart, dass sie zu seinem oikos, zu seiner vertrauten und vertrauenswürdigen Heimstatt werde‘“ (zit. S. 104). Anzuzielen ist vorab ein „Netzwerk der ‚Earth System Governance‘“, aufgerufen sind erst einmal (u.a.) die EU nebst weiterer demokratischer Institutionen wie auch NGOs.

Die gegenwärtige Pandemie zumal mit Blick auf „Amphixenosen“ (S. 128) bleibt im vierten Kapitel Down to Earth nicht außen vor, in dem „planetare Denkpfade für das Bildungswesen, die Politikberatung und den Wissenstransfer in die Gesellschaft“ ausgelegt werden, so nach Ankündigung der Autoren (S. 8). Betont wird, dass das „prekäre Verhältnis vom menschlicher, tierischer und Umweltgesundheit eine Triangulation nahe(legt), die über die anthropozentrische ‚Global Health‘-Disziplin hinausreicht.“ Auch sei die Erkenntnis „durchgedrungen, dass Tiere ein Bewusstsein, einen Willen und Gefühle besitzen und ihnen als Mitbewohner des Planeten mehr Respekt entgegenzubringen ist“ (S. 129). Auch darin zeige sich, dass „transdisziplinäre Forschung (…) ein Eckpfeiler planetaren Denkens“ ist, wobei sich „Spezialdisziplinen für planetare Fragestellungen“ öffnen müssten, da auch „wie der Denkanstoß des Anthropozän (…) die ‚Environmental Humanities‘ mit dem planetaren Denken verwandt (sind), aber nicht identisch“, weil es jener die „erdsystemare, interplanetare und Wechselwirkungen“ berücksichtigende „planetare Perspektive“ ermangele und demnach herkömmliche Forschungsprojekte „inhaltlich und institutionell angeschärft werden“ müssten (S. 134 ff.). Auch hinsichtlich des Klimawandels, der eine „schleichende und säkulare Katastrophe“ ist, müsste diese Perspektive eingenommen werden, vor allem auch um den „Mut zu transformativen Schritten“ zu steigern, aber auch, weil im Blick auf „Vorsorge und Nachhaltigkeit (…) Klimainvestitionen umso teurer (werden), je länger man mit ihnen wartet“ (S. 142 f.)

In Planetarer Moment (in nuce), der letzten Seite des Fließtextes, kehren die Autoren hervor, der „Einstieg in planetares Denken“ habe gezeigt: „Es werden dabei stets mehr Fragen aufgeworfen als Probleme gelöst“, der Planet trete als „vierte Dimension neben die Erde, den Globus und die Welt“, eine „planetare Perspektive“ verbinde „anthropozentrische und planetozentrische Sichtweisen“, und schlussendlich verlange die gegenwärtige Situation den „heute lebenden und künftigen Generationen die Setzung neuer Prioritäten“ ab (n. pag.).

Diskussion

Unter der Voraussetzung, den Aufruf der Autoren annähernd richtig dechiffriert zu haben: Denken wir nicht längst ‚planetar‘? Jedenfalls möchte man nach Lektüre des Buches in Zweifel und in Unsicherheit darüber geraten, ob man vielleicht zu begriffsstutzig ist, befangen gar in einem überkommen logischen Denken, Hegel’schem und Kant’schem Philosophieren über das Denken, in sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen und Diskursen, zumal gesellschaftskritischen. Auch scheint es weiterer Erörterung wert, ob interdisziplinäre Ansätze, mühsam errungene, tatsächlich immer noch viel zu kurz greifen, ob zu stark anthropozentrische (oder dystopisch anthropofugale) ‚Weltbilder‘ in Theorieansätzen und praktischem Handeln durchschlagen. Unbeschadet des hohen Unterhaltungswertes oder als Bestandteil höherer Bildung, aber ob Mythen indigener Gruppen oder künstlerische Botschaften (mit ihrer „Vorreiterrolle“ in der „planetaren Bewusstwerdung“ [S. 138]) zwingend eingemeindet gehören, bleibt in der wie vorgetragenen Prominenz höchst diskussionswürdig, selbst wo sie als Deutung oder Warnung auch da eingespielt werden, wo sie mit Botschaften aus planetarem Denken koinzidieren. Auch der Erbantritt beim „Ansatz eines ‚allgemeinen Systemprogramms‘“ und dann Hegel als Referenz, bereitet eine Irritation. Das abgebildete und spät entdeckte Einzelblatt trägt zwar Hegels Handschrift, listet aber nur Gegenstände einer Abhandlung auf. Es passt nach Auffassung etlicher Forscher nicht zur Philosophie des jungen Hegel und man nimmt an, dass es sich lediglich um die Abschrift Hegels eines Textes von Schelling oder Hölderlin handelt. Mit Verweis auf das Hölderlin-Zitat als Motto dieses Kapitels: „So komm, daß wir das Offene schauen“, räumen die Autoren ein, dass hier eher Hölderlins Geist weht; doch von einer „gemeinsamen Denkanstrengung“ (S. 19) zu sprechen scheint interessiert, um sich als Nachfolger des großen Denkers zu empfehlen. Hier die Begründung einer allumfassenden, die Phantasie nicht durch die Vernunft niederhaltenden „neuen Mythologie“ (s.o.) entdecken zu können, ist eine gewagte Behauptung und nährt den Verdacht eines Eklektizismus.

Dass alles mit allem zusammenhängt, sagt nicht viel. Die Forschung allerdings wirft diesbezüglich Bruchstückchen für Bruchstückchen mehr ab; gerade die Forschungsergebnisse der Biologie belehren da über eine ungeahnte Komplexität, die nicht nur staunen macht, sondern weitere Forschungsaufgaben stellt, deren Ergebnisse weitere Stoppschilder vor die einseitig interessierte, profitorientiert ausbeuterische Nutzung von ‚Natur‘ stellen. Was man weiß und in dem Ausmaß vielleicht nur ahnte, verdichtet sich zudem zu beweisbarem Wissen, dass ‚die Natur‘ nur ein Fließgleichgewicht kennt, in das so einzugreifen, wie es weiterhin – wenn auch mit gekräuselter Stirn – geschieht, u.a. Arten(aus)sterben und im Falle eines sich zur Katastrophe verdichtenden Klimawandels bedeutet, wo schließlich das Fließgleichgewicht auch der Menschheit an den Kragen zu gehen droht. Chaotische Zustände stehen ins Erdhaus, ob danach noch wer Ordnung schaffen kann, steht vielleicht, aber nicht ablesbar in den Sternen. Mit Blick auf den Kosmos wies Einstein in seiner bekannten Sentenz auf ein wesentliches Problem hin: „Nichts kann existieren ohne Ordnung. Nichts kann entstehen ohne Chaos.“ Überträgt man diese Sentenz in die Frage, inwieweit die Ordnung hienieden für alles, was lebt, existenzbedrohend (geworden) ist und in Richtung eines Fegefeuers des Chaos mehr schnell als langsam trudelt, nach dem absehbar kein Eingang in Himmelgefilde winkt, dann braucht es eine dem Chaos ein Schnippchen schlagende Ordnung, was die Autoren in dieser Allgemeinheit nicht bestreiten würden. Auch extraterristische Beheimatung scheint mehr illusorisch hilfloser Ausweg aus einem realistischen Bangen, ein „Novozän“ (Lovelock), eine posthumane Evolution unter der Ägide einer Künstlichen Intelligenz, dürften die meisten Erdenbewohner nicht als behagliche Heimstatt selbst auf diesem oder jenem Planten empfinden. Um Ordnung geht’s, um eine neue, und deren Binnengestaltung bis in ihre basale Regulierung ist höchst umstritten. Ob sie demokratisch entschieden werden wird, ist nicht garantiert und bei gegenwärtiger Einschätzung imponderabel. Planetares Denken will da gangbare Wege pflastern.

Dass einer holistischen Betrachtungsweise, wie in der Philosophie schon vor über zweitausend Jahren vorgestellt und zwischenzeitlich immer mal wieder hochgeschwemmt wurde und von den Autoren weiterführend aufgenommen wird, der auch der Gedanke (und die richtige Erkenntnis) folgt, dass die Annahme einer Zentralstellung des Menschen, seine „Selbstüberschätzung (…) als ‚Krone der Schöpfung‘“ (s.o.), seine Souveränitätsillusionen zu relativieren bis zu erschüttern ist, daran mag planetares Denken anknüpfen und behaupten, es für wissenschaftliches Forschen und Erkenntnisfortschritt zu erweitern – nur: Ist das vonnöten und tut es das wirklich, oder wird da etwas gespreizt und in eine Worthülse gepackt, die mit dem Anspruch von Novität auf den Wissenschaftsmarkt vordringen will? Und vor allem: cui bono? Jene aus der ‚Krone der Schöpfung‘ hervorquellenden Allmachtsphantasien dürften außerhalb der Vorstellungswelt einwandsimmuner Betonköpfe durch spürbare Entwicklungen weithin stark erschüttert sein, es sei denn, man greift ersatzweise in die eingestaubte Klamottenkiste liberaler ökonomischer Machbarkeitsvorstellungen.

Solche interessierten Fragen keimen auch da auf, wenn im ‚Fluiden‘ des planetaren Denkens „auch anorganische Materie (…) als eigenartig lebendig wahrgenommen“ wird (S. 45), was nicht zuletzt eine Frage der Trennschärfe von Begriffen und schließlich der Definition ist (die ihre Haken haben kann); auch wenn „die Erkenntnis durchgedrungen“ sein sollte, „dass Tiere ein Bewusstsein, einen Willen und Gefühle besitzen und ihnen als Mitbewohner mehr Respekt entgegenzubringen ist“ (S. 129), wo moralinhaltiger Applaus winkt, trifft solche Äußerung insoweit auf einen zwar immer noch schmalen, aber breiter werdenden Rand des Zeitgeistes, was mit gesicherten Erkenntnissen der Biologie in interdisziplinärem Zusammenwirken zu unterfüttern ist. Jenseits solcher populistisch anmutenden Äußerungen bleibt die Frage nach einer überzeugenden Beweisführung, die der kritische Philosoph Ruschig liefert. Stichwort ist ‚eidos‘, ein „eidetisches Moment“ in den „Art-Formen“, durch die in „Populationen“ existierenden „Lebewesen“ bestimmt sind, schreibt Ruschig in seinem unlängst erschienenen, Marcuses Argumentation aufgreifenden und fortführenden Buch über „Die Befreiung der Natur“, um schließlich zu dem Schluss zu kommen, dass die „Befreiung von der Kapitalherrschaft auch den Kampf um die Befreiung der Natur von dieser Herrschaft einschließen“ muss, und „(b)eide Kämpfe (…) zwei Seiten ein und derselben Medaille“ sind. – Was Ruschig in einer höchst ausgefeilten, philosophisch und politisch weiterentwickelnden und gegen den Strich gängiger Narrative gebürsteten Argumentation vorstellt (und hier fast sträflich verkürzend eingebracht ist), einen solchen, eben auch praktisch und politisch relevanten Erkenntnisschritt hat das planetare Denken nicht im Gepäck.

Als „Erdling“, dem bereits aus dem Anthropozän-Diskurs bekannt ist und dort keineswegs derart ausgelotet und begrifflich bei Weitem nicht so differenziert geklärt ist wie bei Ruschig, „dass nicht nur Menschen die Erde bevölkern, sondern auch andere Lebewesen, denen subjekttheoretisch der gleiche oder zumindest ein ähnlicher Status zukomme“ (S. 22), wird man abgsehen davon, dass man über „subjekttheoretisch“ stolpert, am Punkt der Befreiung von Natur und Mensch nach Ruschig insoweit geerdet, als dann der „Erdling“ auf den Kern all der Probleme auf seinem Heimatplaneten guckt, den er so schnell nicht wird verlassen können. Angesichts der ca. sechs Milliarden Kilometer, aus denen Voyager 1 die Erde fotografierte, sind die paar Kilometer, die der leibhaftige Mensch in den Raum vorgedrungen ist (und schon fleißig vermüllt hat), nicht einmal eine Stecknadelkopf große Entfernung, eine Besiedlung fremder, erdähnlicher Planeten auch in künstlichen Habitaten scheint allzu utopisch, bedenkt man, dass bei längeren Aufenthalten auch im nahe gelegenen All die Mikrogravitation zu Muskel- und Knochenschwund führt, zu verformten Augäpfeln und dank mangelhafter Durchblutung auch die oder der Fitteste sein Infarktrisiko beträchtlich steigert und die kosmische Strahlung das Krebsrisiko erhöht. Jener „Erdling“ wird sich darauf besinnen müssen, sein Haus zu bestellen, diesen ganz und gar nicht mehr wohnlichen Heimatplaneten, dessen Problematiken die Autoren nicht müde werden, in Umrissen und vor allem in ihren spürbaren Folgen vorzustellen, ohne jedoch zu fundamentalen Ursachen vorzustoßen. Es erlaubt ihnen Orientierung etwa an Latours ‚politischer Ökologie‘ oder konkreter bei Beck im Sinne seiner Vorschläge in seinem posthum edierten Werk „Die Metamorphose der Welt“ anzudocken, „multilaterale Politiknetzwerke“ und „supranationale Organisationen“ zu stärken (S. 142), dann im Sinne planetaren Denkens „über konventionelle Umweltpolitik“ hinausreichend (S. 143).

Erst einmal ist es angezeigt, jenes „Erdzeitalter namens Anthropozän“ (S. 47) durch den inzwischen gängigen und eine weit bescheidenere Zeitspanne umfassenden Begriff des Kapitalozän zu ersetzen. Es ist, bildlich gesprochen, das marode Fundament einer ganz und gar nicht „vertrauten und vertrauenswürdigen Heimstatt“, auf dem keine „‚Oikopoiese‘“ (Höffe, s.o.) zu machen ist. Ob es sakrosant oder die Schlachtung einer heilige Kuh in Gestalt eines goldenen Mutterkalbes ist, sei dahingestellt, jedenfalls lassen die Autoren Kapitalismuskritik oder gar -analyse außen vor, zitieren zwar „Extinction Rebellion Hannover“ mit „Hope dies – Action begins“ und testieren, es gehe nicht so sehr um die „Durchsetzung konkreter klimapolitischer Forderungen“, sondern um einen „radikalen Systemwechsel“, was die „Mobilisierung einer kritischen Masse der Bevölkerung (erfordere), die für eine politische Transformation ausreiche“, wobei aber auch hier eine „Perspektive ‚globalen Regierens‘ mit demokratischer Legitimation (…) nebensächlich (erscheine) oder fast völlig (fehle)“ (S. 107 ff.). – Dafür, wie die notwendigen „transformativen Schritte“, zu denen es „Mut“ braucht (S. 142), auch historisch anders und nicht immer mit langfristigem Erfolg, aber nachwirkend unternommen worden sind, dass ‚Radikalität‘ nun mal bedeutet, an die Wurzeln zu gehen, was derzeit conditio sine qua non ist und womit das Mantra ökonomischen Wachstums oder platterdings ein ‚Weiter so‘, nur eben moderater und um Nachhaltigkeit als Möglichkeit bettelnd, weiter in die Tragödie des Stolperns von einer Katastrophe in die nächste führt oder zur bitteren Farce auf politischen und ideologischen Kampffeldern, dagegen scheint dieses weitgreifende und dann doch nicht alles mit allem als zusammenhängend begreifende planetare Denken immunisiert – oder immunisierend.

An etlichen Stellen mag man stutzen, wenn die Autoren bspw. Kant wegen des Rechts „gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde“ (S. 57) als Referenz heranziehen. Ausgeblendet bleibt, dass es Kant wesentlich um ein „ursprüngliches“ Recht ging, welches das Privateigentum begründen soll, was als Problem für planetares Denken eine harte Nuss werden könnte. (Am Rande: Wahlweise hätten die Autoren vielleicht besser Rousseau als Mundwalt heranziehen können, der die Inbesitznahme von Land für die nicht unter einem guten Stern stehende Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft hielt, in der Folge dieser Tat und dann eben der folgenden gesellschaftlichen, d.h. bürgerlichen Ordnung inhärent „Elend und Schrecken“ erkannte, daher mahnte nicht zu vergessen, „dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“)

Auch wo ein planetares Denken beansprucht, „über konventionelle Umweltpolitik“ (s.o.) hinauszureichen, mag man sich fragen, ob es dazu dieses Denknovum braucht, gibt es doch deutliche Stimmmeldungen, die dieses politisch propagierte und interessierte Konventionelle kritisieren und seine Erfolgsaussichten in Abrede stellen. Wird doch immer deutlicher und durchsichtig, dass implizit für einen Stabilitätserhalt innerhalb der in Wirklichkeit höchst unstabilen Zustände und Verhältnisse plädiert wird auch da, wo das Konventionelle strapaziert wird, aber nicht unbotmäßig, so lange formal-demokratisch legitimierte Institutionen angerufen und von ihnen Reparaturstrategien reklamiert werden, die, ob bürokratisch blockiert oder durch gegenläufige Interessen verbogen, nicht die Wurzeln des Übels anrühren, soweit das vom Status quo absehbar ist, womit auch ein planetares Denken zu rechnen hat. So richtig wie zugleich letztlich vertrauensvoll gegenüber herrschendem politischem Prozedere verweisen die Autoren allerdings darauf, dass alle brennenden Probleme nur im internationalen Schulterschluss zu bewältigen sind. – Da muss planetares Denken nicht fürchten anzuecken, verlautbart solche Botschaft doch auch und nicht ohne Verweis auf (erdober)flächendeckende, multiple Problemlagen aus den Mündern hochrangiger Politiker und Vorsitzender bedeutsamer Vereinigungen, was allseits bekannt ist, weil telegen inszeniert.

Künstler:innen werden da häufig deutlicher, was im Buch dokumentiert wird. Dass die Autoren mit Verve auf das Kreative, Künstlerische, Phantasievolle verweisen und es gegen im Wortsinn kalkulierende Rationalität und eine „instrumentelle Vernunft“ (Horkheimer) in Position bringen, mag eine mögliche künstlerische Form der Aufklärung über den Modus einer anderen denn wissenschaftlichen Kritik in Position bringen, was auch schon länger Desiderat ist, lässt man das Wort von Thomas Mann nachklingen: „Kunst ist Opposition“, worüber man kunstsoziologisch gerade mit Blick auf den Kunstmarkt kontrovers und abwägend debattieren kann; Parteinahme ist die Bemerkung von Mann, was deutlich wird, liest man ein paar Zeilen weiter, mit denen er Penzoldt (mit Blick auf dessen Erzählung „Squirrel“) bescheinigte, „alles wurde gut, freundlich, stachellos, unpolemisch in seinem Munde, auch wenn es aus bitterem Leiden kam am hoffnungslos Dummen und Gemeinen.“ – Wie Mythen und indigene ‚Weltdeutungen‘ nachdenklich stimmen mögen, kann auch Kunst das leisten und sensibilisieren und auf den Weg jenes „sapere aude“ führen, was von Kant bei Horaz entliehen und für die Aufklärung fruchtbar gemacht wurde und nach wie vor aktuell ist. Doch „hoffnungslos“ (Mann)? – Bleibt für Leser:innen zu erkunden, inwieweit planetares Denken die Steigbügel hält, um aus grassierenden Zukunftsängsten und gebeutelten Hoffnungen auf ein Pferd zu satteln, das mit einer „kritischen Masse“ im Sattel die Hürde einer „politische(n) Transformation“, eines „radikalen Systemwechsel(s)“ (s.o.) zu nehmen in der Lage ist.

„Tröstlich“, lautet der letzte Satz der Autoren vor „Planetarer Moment (in nuce)“, „ist schließlich die in größten Katastrophenzeiten bestätigte Erkenntnis, dass immer Neues zu beginnen war, worin man weiter die Essenz des Politischen sehen darf“ (S. 146). Ein Trost von sehr abgehobener Warte (einer planetaren?), hier und heute ein schwacher Trost; „Essenz des Politischen“ bleibt insoweit gefällige Leerformel, solange sie nicht als theoretisch ausgewiesene und fundierte „ad hominem demonstriert“ und dadurch laut Marx „radikal“ wird, was heiße, so Marx weiter, „die Sache an der Wurzel“ zu fassen, und die „Wurzel für den Menschen“ sei „aber der Mensch selbst“. Da menschliche Wesen den Kapitalismus, den Marx wenige Jahre später als eine zwar die Produktivkräfte steigernde, aber menschenverachtende und zerstörerische Ökonomie analysiert hat, geschaffen haben, sind oder wären sie auch demzufolge in der Lage, ihn abzuschaffen. Reformierungen, stets aufs Neue das Geschäft vor allem staatlicher Interventionen, der Integration dienend, generieren nur neue Problemlagen oder laufen ins Leere. Wahrhaben will man das – auch ‚wissenschaftlich‘ – höchst widerwillig. Doch der inzwischen weltumspannende Kapitalismus, dessen destruktive Kräfte ersichtlich schon an den Rand eines kollektives Selbstmordprogramms führen, so jedenfalls die Prognosen ernstzunehmender, nicht erst durch planetares Denken angestoßener wissenschaftlicher Disziplinen, spricht durch die letztlich durch ihn verursachten Schäden eine andere, knallharte Sprache. Auch wenn aus Sicht der Autoren in defizitärer interdisziplinärer Zusammenschau heben zahlreiche wissenschaftlichen Ergebnisse erst einmal ohne politisches Hintergrundrauschen ‚Systemtransformation‘ zwischen Domestizierung bis Überwindung der (nahezu) weltweit (be)herrschenden Ökonomie in den Rang einer Überlebensnotwendigkeit. Nicht lange her, da eine polit-ökonomische Warte der Inaugenscheinnahme von Kapitalismus und gesellschaftlichen Verhältnissen als abgehoben und, da angeblich auf überalterter Analyse fußend, ganz und gar nicht alltagstauglich abgewinkt wurde. Diese theoretische Fundierung wurde darüber hinaus als Vehikel absichtsvoll zersetzender Subversion verdächtigt, was alles, wenn auch schwächer, noch nachhallt. Doch inzwischen ist auch der Begriff ‚Kapitalismus‘ wieder hoffähig geworden. Narrative, die solche Analysen zu diskreditieren antreten, kommen häufig allzu plakativ und vielfach wie Beschwörungsformel gegen diese „Schreckenswelt“ daher, in der „nicht ohne Angst“ zu leben möglich ist, in der man nicht ohne „Angst verschieden sein“ kann, was unter herrschenden Verhältnissen darum kaum anders realisierbar ist, weil es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, so pointierend Adorno. Widersprüche spitzen sich höchst alltagswirksam zu und werden je punktuell erfahrbar, was lauter werdenden Unmut und Skepsis bis praktischen Widerstand oder auch isolationistische Abwendung bei gleichzeitiger Verfolgung egoistischer Bedürfnisse erzeugt. Selbst bei politisch ausgerufener ‚Alarmstufe rot‘ (selbstredend werden Heilsversprechen angekoppelt, die nicht zu sehr schmerzen), wird versucht, so pekuniär machbar, im ‚falschen Leben‘ einen Zipfel fragwürdigen Glücks zu haschen. Dass es so, wie es ist, nicht richtig ist, wird gleichwohl bewusster. Dass die Verhältnisse restituierbar sind und es dann so bleiben soll, wie es weithin auf der nördlichen Hemisphäre dieses Planeten über Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts immerhin ganz angenehm bis erträglich war, diese Hoffnung zerbröselt offenkundig und ein Klima aufgeregter Ratlosigkeit scheint sich zu verbreiten. Eine sich vorwagende Phantasie (welche die Autoren stark machen wollen) und selbst konkret utopisches Denken, die das ganz anders Mögliche und prospektiv Notwendige weit jenseits gegenwärtiger ökonomischer, sozialer und politischer Umstände der Jetztzeit skizziert, wird als eben unrealistische Phantasterei abgetan und wenn nicht bekämpft, so bestenfalls gutmütig belächelt. Was manch eine und einer denken mag, im Wortsinne radikale Schritte aber scheut, ist: „Wir wären gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ (Brecht) Doch dem „Erdling“, ob er will oder nicht, tritt deutlicher die Forderung aus Marxens kategorischem Imperativ vor Augen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. – Das zu erkennen, dazu braucht es nicht erst eine planetare Optik, die allerdings dann schadet, was sicherlich nicht Intention der Autoren ist, wenn sie falsch tröstet und auf politische Verleitfährten führt.

Fazit

Das Buch von Hanusch, Leggewie und Meyer ist dankenswert lesefreundlich geschrieben und richtet sich nicht nur an ein akademisches Publikum, wiewohl es den wissenschaftlichen Forschungs- und Erkenntnishorizont zu erweitern antritt. Die immer sinnvoll in den Text komponierte Bebilderung tut beim ersten Durchblättern ein Übriges, um Neugier auf die Botschaften der Autoren zu wecken. Ein Fazit ist nicht kurz und bündig zu ziehen und das Buch kann sicherlich weitere Diskussionen provozieren.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 08.10.2021 zu: Frederic Hanusch, Claus Leggewie, Eric Meyer: Planetar denken. Ein Einstieg. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5383-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28653.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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