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Frank Schulz-Nieswandt, Ursula Köstler: Lehren aus der Corona-Krise

Rezensiert von Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann, 15.02.2022

Cover Frank Schulz-Nieswandt, Ursula Köstler: Lehren aus der Corona-Krise ISBN 978-3-8487-6364-1

Frank Schulz-Nieswandt, Ursula Köstler: Lehren aus der Corona-Krise. Modernisierung des Wächterstaates im SGB XI : Sozialraumbildung als Menschenrecht statt „sauber, satt, sicher, still“. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 138 Seiten. ISBN 978-3-8487-6364-1. 29,00 EUR.
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Thema

Jede vierte pflegebedürftige Person lebt in einer stationären Altenpflegeeinrichtung. Diese Wohnform beziehungsweise humangerechte Alternativen dazu und eine Entinstitutionalisierung des Wohnens im Kontext der Corona-Pandemie stehen im Mittelpunkt der Analysen dieses Buchs.

Band 39 der Reihe: Studien zum sozialen Dasein der Person

Herausgeber und Herausgeberinnen

Frank Schulz-Nieswandt ist Professor für Sozialpolitik und Genossenschaftwesen in Köln und Vallendar. Er hat den Vorstandvorsitz des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe (KDA) inne. Ursula Köstler und Kristina Mann sind beide Sozialwissenschaftlerinnen und arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der Universität Köln.

Aufbau

Auf 138 Seiten werden fünf Kapitel dargelegt:

  • Sozialraumorientierte Pflegepolitik als Daseinsvorsorge. Dichte Darlegung als Vision
  • Heterotope Räume
  • Lehren aus der Corona-Krise: Sozialraumbildung als Menschenrecht statt „sauber, satt, sicher, still“
  • Sektorversagen und Wächterstaat: Fazit und Ausblick
  • Corona verändert die Welt!?

Ein gutes Drittel des Buches besteht aus dem Literaturverzeichnis. Das Autorenteam weist angesichts dieser großen Menge auf die Inter- und Multidisziplinarität der Themenbehandlung hin und versteht es als ein Dienstleistungsangebot für die Leserschaft.

Inhalt

Die anstehende Reform der Pflegeversicherung im SGB XI ist nicht losgelöst von infrastruktureller Gesellschaftspolitik und kultureller Grammatik der Sorgekultur zu betrachten. Das Autorenteam zeichnet argumentative Schritte einer transformativen Politik als Wohlfahrtskulturwandel nach.

Ein Vorwort und eine Einführung in die Problematik und Grundlage der Sichtweise legen eine Basis für die nachfolgenden Abschnitte. Stationäre Altenpflegeeinrichtungen werden soziologisch und gesellschaftlich auf abstrakte Art und Weise betrachtet. Alter wird in diese Sonderwelt hinein ausgegrenzt und auf individueller sowie kollektiv psychodynamischer Ebene in Übertragung und Gegenübertragung entwickelt – abweichend von der Normalität, die hier als eine an statistische Mehrheit gekoppelte Standards in der Lebensführung verstanden wird. Dies wird im Kontext von u.a. Konsum, Kapitalismus und den Formen der Leistungsgesellschaft ausgeführt.

Abschnitt I zur sozialraumorientierten Pflegepolitik als kommunale Daseinsvorsorge nimmt die inkludierende Gemeinde in den Blick. Wohnen wird hier verstanden als ein Existential, da es die alltägliche Verankerung der Sorge als Struktureigenschaft menschlicher Existenz bezeichnet. Reformen der Pflegepolitik sollen helfen, Menschen eine Chance auf Selbstbestimmung in aktiver Teilhabe am Gemeinwesen zu leben. An diesem Axiom der Würde sei die soziale Wirklichkeit zu skalieren. Komplexe, nachhaltig wirksame Caring Communities - sorgende Gemeinschaften - mit Hilfe-Mix-Arrangements im lokalen Raum sind dem Autorenteam zufolge die Basis der professionellen Infrastruktur. Hybride Formen zwischen privater Häuslichkeit und stationärer Langzeitpflege („stambulant“) müssen geschaffen werden. Daran knüpfen Gedanken zu einer Mischfinanzierung von Kommunen und Sozialversicherungen an.

Abschnitt II führt in heterotope Räume ein und meint damit eine positive Andersartigkeit zwischen isolierter privater Häuslichkeit und Heimen als sogenannte konfigurierte Räume mit besonderen Verhältnissen von Macht, Freiheit und Teilhabe. Das Konstrukt der Großfamilie mit seiner besonderen sozialpolitischen Einordnung wird als Mythos durchleuchtet. Heterotope Räume sind individuell genutzte und erlebte, aber kollektiv getragene Formen eines anderen Miteinanders als gestaltende Gesellschaftspolitik. Hierzu wird ein Projekt zur Förderung der Selbsthilfe im Kreis Görlitz skizziert. Selbsthilfestrukturen konnten hier durch Netzwerkarbeit, edukative Anteile, Erprobung neuer digitaler Wege, Erhöhung der öffentlichen Wahrnehmung und Wirkung auf politischer Ebene gestärkt werden. Damit bildet sich, so das Autorenteam, Sozialraum als Sozialkapital und soziales Miteinander als lokale Kultur.

An diese Sozialraumbildung knüpft Abschnitt III an und setzt die Idee in den Kontext der Coronapandemie. Zwischen Empathie und Ausgrenzung, der Eskalation der Kasernierung älterer Menschen wird die Sozialraumöffnung eingeordnet und die Vision einer neuen Versorgungslandschaft mit den bereits benannten Care Communities gleichsam mit einer Modernisierung des Wächterstaates entwickelt, gleichzeitig aber auch der derzeitige, als wenig nachhaltige politische und wissenschaftliche Diskurs kritisiert.

Diskussion

Das Setting der Altenhilfe – hier bewusst groß gefasst und nicht unterschieden in eine der bestehenden Versorgungsformen – ist unbestritten reformbedürftig. In diesem Buch werden im Kontext der Coronapandemie neue Ansätze sorgender Gemeinschaften und Sozialraumbildung dargelegt. Für ein akademisches Lesepublikum mit reichlich soziologischem und sozialpolitischem Kontextwissen gibt es neue Impulse. Für die praktische Umsetzung braucht es sicher weitere Explikation und sich anschließende Veröffentlichungen.

Fazit

Die Corona-Krise radikalisiert die drängende Frage nach den Alternativen zum Pflegeheim. Mit diesem Satz beginnt das Buch und zeigt Wege auf: Sozialraumorientierung und Caring Communities sind der Mittelpunkt der in diesem Buch entwickelten Vision. Die Debatten sind Thema sind nicht neu, erhalten aber mit den KDA-Positionen, in die dieses Buch eingeordnet werden kann, eine weitere Dimension.

Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Hannover Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales
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Es gibt 77 Rezensionen von Nina Fleischmann.

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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 15.02.2022 zu: Frank Schulz-Nieswandt, Ursula Köstler: Lehren aus der Corona-Krise. Modernisierung des Wächterstaates im SGB XI : Sozialraumbildung als Menschenrecht statt „sauber, satt, sicher, still“. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-6364-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28655.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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