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Hektor Haarkötter: Notizzettel

Cover Hektor Haarkötter: Notizzettel. Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 590 Seiten. ISBN 978-3-10-397330-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Reihe: S. Fischer Wissenschaft.
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Thema

Notizen halten Flüchtiges fest, sind dabei oft unzusammenhängend, stichwortartig, vorläufig, schnell verfasst, mit einer Skizze versehen und stellen eine Art Universalmedium für Gedanken dar. Organisiert, sortiert, strukturiert sind sie oft Ausgangspunkt für umfangreichere Texte, Ideensteinbrüche von Schriftsteller:innen, Wissenschaftler:innen, Denker:innen, Schreiber:innen jedweder Couleur.

Autor

Hektor Haarkötter ist Professor für Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Journalist und Fernsehregisseur. Er ist ehrenamtlicher Vorstand der Initiative Nachrichtenaufklärung. (www.h-brs.de/de/sv/hektor-haarkoetter)

Aufbau und Inhalt

Notizzettel gliedert sich in sieben Kapitel, die jeweils einem Thema rund um das Notieren gewidmet sind. Dabei bietet Haarkötter zahlreiche Einblicke in unterschiedliche Notierpraktiken und Zetteleien anhand von bekannten und weniger bekannten Notiz-Nutzer:innen. Mit diesen Fallbeispielen des Notierens beginnt er seine Kapitel. Eingestreut in diese Kapitel findet sich ebenfalls eine Theorie des Notizzettels in sechs Teilen.

„Die Erfindung des Notizzettels“ – führt Haarkötter auf Lionardo da Vinci zurück, der ein ganzes Konvolut an Zetteln, zusammengebundenen und verstreuten, hinterlassen hat. „Verzettelt denken“ – ist die Spezialität Ludwig Wittgensteins gewesen, dessen Werken dies durchaus anzusehen ist.

„Das handgeschriebene Buch“ – nimmt vom Notizheft des Reiseschriftstellers Bruce Chatwin über das Haushaltsbuch, barocke Ego-Dokumente, die Lichtenbergschen Sudelbücher, hin zu Labor- und Exzerpierbüchern diverse Kladden in den Blick und reflektiert auch die zeitgeistige Tendenz zum schicken Notizbuch – oft nur ein Accessoire, das Denken vortäuscht.

„Der Zettel im Kasten“ – beschäftigt sich mit der Ordnung von Zetteln und thematisiert sowohl Arno Schmidts Zettels Traum, als eine publizierte Zettelwirtschaft als auch Exzerptsammlungen in Kästen und schließlich den berühmtesten Zettelkasten des Ex-Verwaltungsfachmanns, nun bekannten Soziologen, Niklas Luhmann.

„Notizen an der Wand“ – greift Graffiti und Tischgekritzel, antike Wandmitteilungen, Toilettenschmierereien und Plakatierungen als öffentliche, oftmals großflächige Notate auf und verortet sie ebenfalls in einer Kulturgeschichte des Notizzettels.

„Begehbare Notizzettel“ – vertieft dieses Notieren an Wänden und richtet den Blick auf ganze Räume, wie Zellenwände, Francis Bacons Inspiration durch sein Messie-Atelier und die Ego-Collagen aus Zetteln, Heften, Kassetten und Videos eines Erkki Kurenniemi. Haarkötter bewegt sich mit uns vom Zettel zum Buch, zur Wand, zum Raum, ins Audio-visuelle und schließlich ins Digitale, wobei alle diese Möglichkeiten des Notierens parallel weiterbestehen.

Denn „Der Fluss der Kommunikation“ – bestehe heute nicht nur in sozialen Netzwerken, Blogs, auf Smartphones und Tabletts, sondern immer noch in Notizbüchern und auf papierenen Zetteln. Kommunikation umgibt uns und wir haben an ihr teil, aber nur selten werde sie zur Mitteilung an andere. Notizen sind daher die Elementarteilchen der Kommunikation, schließt Haarkötter.

Theorie des Notizzettels. Haarkötter verbindet seine verschiedenen Beispiele für das Notieren und die Notizzettel mit einer Fülle von Theorien aus unterschiedlichen Bereichen: Kommunikations-, Medien-, Kognitions-, Sprach- und Kulturwissenschaft. Dabei ergibt sich für seine eigene Theorie des Notizzettels das Folgende: Notizzettel sind Kommunikanten ohne Kommunikat, sie richten sich an kein Gegenüber und teilen nichts mit – entziehen sich damit dem Anspruch an Verständlichkeit. Gelegentlich richten sie sich an uns selbst und exemplifizieren dabei eine zentrale Eigenschaft von Medien: Sie helfen uns dabei, Dinge vergessen zu dürfen. Ihre Ungeordnetheit und die Disparität des nebeneinander Notierten sind ein Abbild der Disparität unserer Denkinhalte. Jedoch können Notizen – über Auswahl und Anordnung, z.B. als Liste, als Grundbausteine für die Produktion größerer Texte dienen.

Diskussion

Persönlich hat mich am Aufbau des Buches gestört, dass Haarkötter seine Theorie des Notizzettels in sechs Teilen im Buch verstreut. Dass er über das Notieren, über Zettel und Zettelkästen sowie ihre Funktion und ihre Benutzer:innen anschaulich erzählen möchte – und dies auch tut – ist ja durchaus eine sehr gute Idee. Aber das Einstreuen der Theorie, was wohl vermeiden sollte, mit einem Kapitel Theorie des Notizzettels das Buch zu beenden, trägt nicht wirklich zur besseren Lesbarkeit bei. Vielmehr führt es dazu, dass Haarkötter sich häufig wiederholt, was seine zentralen, oft in pointierten Merksätzen vorgetragenen Thesen angeht: Notizzettel sind Kommunikanten ohne Kommunikat und Medien sind zum Vergessen da. Dass dies nur zum Teil stimmt bzw. nur für einen Teil der Notizzettel und nur für bestimmte Medien gilt, wird an vielen Stellen seines Buches deutlich, doch sein Hang zur Pointe und Generalisierung lässt differenziertere Betrachtungen nur gelegentlich durchscheinen.

Dies zeigt sich auch darin, dass Haarkötter viele Phänomene über einen Kamm schert und es oft unklar ist, ob es ihm um den Notizzettel als Medium oder um das Notizen machen als Tätigkeit geht, dass eben auch in Büchern, auf Wänden, Tischen, in elektronischen Dokumenten geschehen kann. Diese Möglichkeiten Notizen zu machen werden jedoch mit einem Federstrich unter die Form des Zettels subsumiert.

Fazit

Haarkötter kennt sehr viele Notier-Beispiele, die anschaulich sind, und entwickelt pointenreiche Thesen, die eingängig sind. Doch sein Anspruch, das Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert analysiert zu haben, ist dann doch etwas zu vollmundig. Eine Bezugnahme auf Digitalisierung und digitales Notieren kommt zwar hin und wieder vor, doch werden z.B. kollaborative Notiermöglichkeiten, das einfache Teilen von Notizen oder auch der Stand der Technik im Bereich automatisierter Notizen bzw. Textzusammenfassungen nicht erwähnt (siehe dazu: Kruse/Rapp 2021).

Dafür finden sich eine Menge spannender Gedanken zum Thema Notieren, Notizbuch und Medien im Allgemeinen, auch ist Haarkötters Theorie des Notizzettels anschlussfähig an viele Wissenschaften, die sich mit Schreiben, Arbeitsorganisation und Medien beschäftigen. Sein ziegelsteindickes Buch ist eher ein Steinbruch, aus dem an vielen Stellen Grundsteine für weiterführende Studien gebrochen werden können.


Rezension von
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 10.11.2021 zu: Hektor Haarkötter: Notizzettel. Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-10-397330-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28661.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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