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Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert u.a.: (Ost)Deutschlands Weg

Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert, Holger Kulick: (Ost)Deutschlands Weg - 80 Studien zur Lage des Landes (2 Bände). Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn) 2021. 1348 Seiten.


Thema und Erinnerung

Mit der Revolution im Herbst 1989 und den anschließenden Wendeereignissen ging nicht nur die DDR unter, ein Staat, der mal als Diktatur, mal als Unrechtsstaat bezeichnet wird, der auf jeden Fall eine geschlossene Gesellschaft war, in der es aber durchaus auch ein richtiges Leben im falschen gab. Über den Satz von Theodor W. Adornos, nach dem es kein richtiges Leben im falschen gebe (Adorno 2003, S. 43), haben Politikerinnen und Politiker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie Akademikerinnen und Akademiker kurz nach der Wende reichlich gestritten. Manche tun es noch immer. Die einen, meist aus dem Westen Deutschlands, meinten, in einem Unrechtsstaat wie die DDR, sei es unmöglich, ein gutes, menschengerechtes Leben zu führen. Jene, die die DDR nicht verlassen haben, hätten sich angepasst und so den Unrechtsstaat gestützt. Andere, die nicht nur aus Angst und Anpassung im Lande geblieben waren, hielten dagegen, es sei nicht alles schlecht gewesen. Nicht nur der grüne Pfeil oder das Sandmännchen, auch die Liebe der eigenen Kinder oder die Verlässlichkeit und das Vertrauen der engen Freunde seien feste Punkte in schwierigen Zeiten gewesen. Richard Schröder, Mitglied der 1990 frei gewählten Volkskammer der DDR und später Richter am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg sowie Professor für Philosophie und Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, schrieb 2006: „Selbstverständlich gab es auch in der DDR erfülltes Leben und glückliche Tage, aber nicht wegen, sondern trotz der Diktatur. Wer behauptet, es gebe kein richtiges Leben im falschen, hat keine Diktatur erlebt“ (Zeit Online 2006). So weit, so gut. Aber wie war das nun mit dem Unrechtsstaat, mit der friedlichen Revolution, mit der Maueröffnung, dem Transformationsprozess in Ost- und Westdeutschland? Wie friedlich war die Revolution in der DDR tatsächlich und wie lässt sie sich in das damalige Weltgeschehen einordnen? Was ist vom Leben in der DDR 31 Jahre nach der Revolution übriggeblieben? Ist das, was zusammengehört, auch zusammengewachsen?

Autor*innen und ihre Beiträge

Der Doppelband bietet ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart, mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Marianne Birthler, Gerd Poppe, Jens Reich, Hans Modrow, Steffen Mau, Andreas Zick, Raj Kollmorgen und 82 weiteren Autorinnen und Autoren; in alphabetischer Reihenfolge sind das: Susan Arndt (Kulturwissenschaftlerin, Bayreuth), Christian Bangel (Journalist, Berlin), Jens Beckert (Soziologe, Köln), Achim Beier (Leipzig), Almuth Berger (Theologin, Berlin), Matthias Bernt (Soziologe, Leipzig), Hendrik Berth (Psychologe, Dresden), Marianne Birthler (Berlin), Marcus Böick (Bochum), Elmar Brähler (Mainz), Jutta Braun (Berlin), Hélène Camarade (Bordeaux), Marc Dierikx (Amsterdam), Esther Dischereit (Berlin), Frank Ebert (Berlin), Rainer Eckert (Leipzig), Judith Christine Enders (Berlin), Bernd Florath (Berlin), Peter Förster (Leipzig), Naika Foroutan (Berlin), Jérémie Gagné (Berlin), Markus Goldbeck (Münster), Thomas Großbölting (Hamburg), Hanna Haag (Frankfurt a.M.), Anne Hahn (Berlin), Saskia Handro (Münster), Frauke Hildebrand (Potsdam), Dierk Hoffmann (Berlin), Andrej Holm (Berlin), Everhard Holtmann (Halle), Thorsten Holzhauser (Stuttgart), Tobias Huff (Mainz), Joachim Jauer (Kirchberg im Wald), Elke Kimmel (Potsdam), Heike Kleffner, Raj Kollmorgen (Zittau-Görlitz), Ilko-Sascha Kowalczuk (Berlin), Laura-Kristine Krause (Berlin), Kata Krasznahorkai (Zürich), Daniel Kubiak (Berlin), Holger Kulick, Beate Küpper (Mönchengladbach), Alexander Leistner (Leipzig), Christoph Links (Berlin), Albrecht von Lucke (Berlin), Michael Lühmann (Göttingen), Marko Martin (Berlin), Jerzy Maćkȯw (Regensburg), Philip Manow (Bremen), Sandra Matthäus (Kiel), Steffen Mau (Berlin), Hans-Joachim Misselwitz (Brandenburg), Hans Modrow, Petra Morawe (Schönbach), Ehrhart Neubert (Limlingerode), Angelika Nguyen (Berlin), Johannes Nichelmann (Berlin), Karl-Heinz Paqué (Magdeburg), Gerd Poppe (Berlin), Eva Reich (Berlin), Jens Reich (Berlin), Christoph Renner (Jena), Sabine Rennefanz (Berlin), Antonie Rietzschel (Leipzig), Axel Salheiser (Jena), Katja Salomo (Berlin), Sylvia Sasse (Zürich), Sabine Schleiermacher (Berlin), Rolf Schmachtenberg (Berlin), Christine Schoenmakers (Berlin), Anja Schröter (Berlin), Christina Schwarz (Leipzig), Annette Simon (Berlin), Krisztina Slachta (Budapest), Dominik Stegmayer (Wien), Yve Stöbel-Richter (Zittau-Görlitz), Konrad Sziedat (München), Christoph Tannert (Berlin), Elisabeth von Thadden (Hamburg), Philipp Ther (Wien), Wolfgang Thierse (Berlin), Alexander Thumfart (Erfurt), Mandy Tröger (München), Bettina Tüffers (Berlin), Bernd Wagner (Berlin), Andreas Willisch (Schlemmin), Frank Willmann (Berlin), Markus Zenger (Magdeburg-Stendal), Andreas Zick (Bielefeld), Michael Zschiesche (Berlin).

Aufbau, Inhalt und Diskussion

„Was aber ist geschafft, was gescheitert, was ist noch oder endlich zu tun?“ (so die Herausgeber im Einleitungsbeitrag zu Teil I der vorliegenden Bände, S. 21). Im März 2020, vor dem ersten Corona-Lockdown, trafen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Publizistinnen und Publizisten auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung, um mit Unterstützung der Robert-Havemann-Gesellschaft über diese und viele andere Fragen zu diskutieren und zu streiten. Herausgekommen ist der Doppelband, den es zu besprechen gilt; 2,3 Kilogramm schwer und 1348 Seiten dick, keine leichte Urlaubslektüre und doch von vorn bis hinten lesens- und empfehlenswert, auch wegen der mehr als 100 Fotos, die Christoph Ochs von der Robert-Havemann-Gesellschaft ausgesucht hat.

Im Teil I (1989 bis heute) finden sich 45 Studien und Essays zur Lage des Landes. Nach einem Einleitungsteil folgen ein Kapitel I zum „Abbruch, Umbruch, Aufbruch 1989/90“, und ein Kapitel II „Die Jahre 1990 bis heute“. [1]

Im Einleitungsteil (Einleitendes) erläutern zunächst die Herausgeber Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert und Holger Kulick den Entstehungskontext des Doppelbandes und wünschen sich, er möge auch ein Angebot sein, über Ost- und Westdeutschland hinauszudenken. Anschließend liefert Ilko-Sascha Kowalczuk höchst lesenswerte Anstöße, worauf sich die Diskussionen über (Ost)Deutschland beziehen könnten und worauf das Hinausdenken hinauslaufen müsste. „Woanders ist auch Scheiße! Die Auswirkungen der Transformation nach 1990 auf die Gesellschaft in Ostdeutschland. Ein Überblick“ ist der Beitrag überschrieben. Der Mauerfall vom 9. November 1989 und die Währungsunion vom 1. Juli 1990 markieren Zensuren, die tief in das Leben der Ostdeutschen eingegriffen haben. Bekanntlich fiel die Mauer nicht einfach um, sondern wurde von den Ostdeutschen umgeworfen (S. 29). Allerdings – und das muss betont werden: „Die meisten verhielten sich, wie bei jeder Revolution, passiv, warteten ab, hofften im Stillen. Revolutionen sind immer Kämpfe von Minderheiten um die Mehrheit“ (S. 31). Die Führungsrolle der SED hat sich zu dieser Zeit faktisch schon erledigt. In Berlin organisierte sich am 7. Dezember der zentrale „Runde Tisch“, um Neuwahlen und eine neue Verfassung vorzubereiten. Die nicht zu unterbietende Alternative kam aus dem Westen: Sofortige Einführung der DM-Mark und baldige Vereinigung von Ost- und Westdeutschland. Die Mehrheit der Ostdeutschen wählte am 18. März 1990 die „Allianz für Deutschland“. Den weiteren Lauf der Geschehnisse konnten weder Ochs noch Esel aufhalten. Am 1. Juli 1990, dem Tag, an dem der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion von Ost- und Westdeutschland in Kraft trat, versprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Fernsehansprache, dass es gelingen werde, „Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt“ Die Ostdeutschen konnten sich ab dem 1. Juli 1990 über das Westgeld, das nun auch ihr Geld war, freuen und sich die lang ersehnten Bananen kaufen. Die selbst erkämpfte Freiheit bezahlten die Ostdeutschen allerdings zunächst mit dem massenhaften Verlust an Arbeitsplätzen, mit dem Abriss von Betrieben, dem Verlust an wirtschaftlichem und sozialem Halt (S. 34 f.). Aber wer sind die Ostdeutschen? Ilko-Sascha Kowalczuk entscheidet sich für eine sozial-konstruktivistische Antwort: Ostdeutschsein ist „bestimmt durch die Sozialisation durch ostdeutsche Erfahrungspraxen, die eng an die Jahre bis 1989 und die ersten zehn bis 20 Jahre der Transformation gebunden sind“ (S. 39). Über diese Erfahrungspraxen und ihren Folgen gibt es bekanntlich sehr unterschiedliche west- und ostdeutsche Auffassungen. Während die einen, eben meist Westdeutsche, von den Ostdeutschen, Anpassung forderten, den „Aufbau Ost“ konzipierten und den Ostdeutschen erklärten, „wie es zu laufen hat“ (S. 46), war für die anderen, den Ostdeutschen, der Fahrstuhl nach oben in der Regel besetzt. Sicher, „der so konzipierte Aufbau Ost wäre ohne das Personalaus dem Westen so nicht möglich gewesen“ (S. 44). Die Folgen waren und sind indes fatal: Austausch der Eliten und Führungskräfte, wirtschaftliche Übernahme Ostdeutschlands, Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft, abgehängte und durch innerdeutsche Migration ausgedünnte Gebiete im Osten, illiberales Denken, Nationalismus, Populismus und Rassismus usw. (S. 45 ff.). Nicht nur für Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler liegen die Themen, die nicht nur typisch ostdeutsche sind, auf der Hand. Auch für Historikerinnen und Historiker ergeben sich teils „völlig neue wissenschaftliche Fragestellungen gerade auch für die Zeit seit 1990“ (S. 56; Hervorh. im Original). Ilko-Sascha Kowalczuk plädiert schlussendlich an die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Forschungen zur Entwicklung Ostdeutschlands „aus dem engen Korsett der DDR-, Ostdeutschland- und Transformationsgeschichte“ (S. 56) zu befreien und auch die Transformationsprozesse im Westen sowie im globalen Kontext in den Blick zu nehmen. Das sieht der Rezensent nicht anders.

Kapitel I „Abbruch, Umbruch, Aufbruch 1989/90“:

Die Beiträge dieses Kapitels las der Rezensent auch als Versuche, manche Mythen über die friedliche Revolution 1989 zu dekonstruieren. Beispiele: Alexander Leistner (Oppositionelle Akteurskonstellationen im Herbst 1989) macht u.a. darauf aufmerksam, dass die Oppositionsbewegung in der DDR nicht nur eine lange Geschichte hat, sondern auch sehr heterogen war und die friedliche Revolution in einer „unabgeschlossenen Geschichte“ (S. 70) stecken geblieben ist. Der „mythologisierende Bezug auf 1989“ (S. 75), den Pegida und seine Ableger derzeit pflegen, gehört zu dieser unabgeschlossenen Geschichte. Auf die lange Geschichte von „Unrecht, Recht und Gerechtigkeit“ in der DDR, auf die Heterogenität der DDR-Opposition, auf die nicht abgeschlossene Aufarbeitung des SED-Unrechts und auf unerfüllte Träume von einer sich weltweit ausbreitenden Demokratie nach 1989 verweist Gerd Poppe. Achim Beier (Mythos Montagsdemonstration. Vom Anfang, Ende und Missbrauch einer Demonstrationskultur) zeigt, dass besagter Mythos eine „Folge populärer Wende-Erinnerungen“ ist. Die DDR ist keine „Fußnote der Geschichte“, wie Ulrich Wehler (2008) meinte, sondern war Teil des sowjetischen Einflussbereichs. [2] Deshalb plädiert Krisztina Slachta (Die DDR und der Ostblock) u.a. dafür, die Wende in der DDR als Teil des Umbruchs im Ostblock zu betrachten. Um diesen Zusammenhang geht es auch Joachim Jauer (Vergessene Vorarbeiter). Zu diesen Vorarbeitern gehören Ungarn, das im September 1989 seine Grenze zu Österreich für zehntausende DDR-Flüchtlinge öffnete, die tschechoslowakischen Bürgerrechtler und ihre „Charta 77“ für Menschenrechte sowie die streikenden polnischen Arbeiter von Solidarność. Zum Kontext der „Wende“ gehören ebenfalls die internationalen diplomatischen Verwicklungen, Auseinandersetzungen und Erklärungen über das „Gespenst der deutschen Wiedervereinigung“ (S. 133), an das Marc Dierikx (Als die Mauer verschwand) erinnert. Um zu verstehen, was zukünftig möglich, heute allerdings noch nicht machbar ist, hilft es manchmal, die Geschichte kontrafaktisch zu betrachten. Mit kontrafaktischen Verfahren werden bekanntlich faktische Geschehnisse oder empirische Befunde quasi gegen den Strich „gebürstet“. Das versucht Hélène Camarade (Von der Revolution zur Wiedervereinigung) aus französischer Perspektive und fragt u.a., was wäre geschehen, wenn sich die Ost- und Westdeutschen, so wie von der SPD und den Bürgerbewegten gefordert, die Mühe gemacht hätten, gemeinsam eine neue Verfassung zu erarbeiten. Hätte dies „das Miteinanderleben und Zusammenwachsen von Ost und West gefördert?“ (S. 156). Ein wenig kontrafaktisch, vor allem aber kritisch (und leider wenig selbstkritisch) ist auch der Beitrag von Hans Modrow (1989/90 – über das Versagen und den Instinkt von Politikern), vom 13. November 1989 bis 12. April 1990 der letzte Regierungschef der DDR. Er erinnert u.a. an seinen, von Helmut Kohl abgelehnten, Vorschlag, die DDR und die BRD zunächst in eine „Vertragsgemeinschaft“ zu überführen. Die westlichen Politiker hatten anderes im Sinn; die Einheit Deutschlands sei für die USA nur Beipack gewesen. Ihnen ging es um den Weg nach Osten und Michail Sergejewitsch Gorbatschow hinderte sie nicht daran. Kritisch ist auch der Beitrag von Bernd Florath von der Robert-Havemann-Gesellschaft (Gespensterrunde – von der SED zur PDS). Allerdings setzt er sich nicht mit den Zielen westlicher Politiker auseinander, sondern u.a. mit Modrows „Überlebensstrategien“, die Entmachtung der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit zu verhindern. Einen ganz anderen Mythos nimmt Bettina Tüffers in den Blick, das verzerrte Bild von der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR (Die 10. Volkskammer der DDR – Schule der (repräsentativen) Demokratie?). Dass diese Volkskammer auch Großes, Nachhaltiges beschloss, kann man im Beitrag von Hans-J. Misselwitz nachlesen (1989/90: Von der Notwendigkeit der Erweiterung des Horizonts der Erzählung), zum Beispiel die Erklärung vom 12. April 1990 zur „deutschen Verantwortung angesichts des Holocaust gegenüber Israel“ (S. 229). Aber auch dies: „Wenn es uns gelänge und wir besser verstehen lernen, was uns seitdem (seit 1989/90, WF) herausfordert, werden wir nicht länger ostdeutsche Regionalgeschichte schreiben und »das Leben der Anderen« untersuchen“ (S. 231). Denn es steht ja mehr auf dem Spiel. Dass die friedliche Revolution eine Tat der Ostdeutschen war, gehört, wie Vieles andere, auch zu den Mythen der Jetztzeit. Gebraucht hat das Wort von der „friedlichen und demokratischen Revolution“ als Erster der damalige sozialdemokratische Bürgermeister von Westberlin, Walter Momper, am Tag nach dem Mauerfall (S. 239). In mancher Hinsicht beeinflusste die friedliche Revolution auch die Bürgerinnen und Bürger im Westen. Davon berichtet Konrad Sziedat (Die »friedliche Revolution« im Westen). In diesem Zusammenhang erinnert sich der Rezensent an den Satz eines westdeutschen Kollegen, der ihm, also den Rezensenten, im Dezember 1990 vorwarf: „Ihr im Osten habt unsere sozialistische Idee kaputt gemacht“. Dass es so sein kann, aber auch ganz anders, erzählt Christoph Links (Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte). Im Osten gab und gibt es nicht nur Frust, sondern mit der Einsicht, dass die ostdeutschen Landschaften doch nicht so schnell erblühen werden, entstanden auch zahlreiche Graswurzelbewegungen, um Industrieruinen und brache Landschaften durch alternative Wirtschafts- und Lebensgemeinschaften kreativ wiederzubeleben (S. 252). Einen anderen positiven Blick auf die Jahre nach 1989/90 wagt Dierk Hoffmann (Übernahme? Die Rolle der alten Bundesländer beim »Aufbau Ost«). Hoffmann würdigt die Unterstützungsleistungen der westdeutschen Bundesländer im Vereinigungsprozess und erteilt dem Reden von einer Übernahme eine Absage. Das sieht Christopher Renner (Einheitspraktiker – Verwaltungsneuaufbau und politische Bildung im Osten 1989/90-1991) etwas anders – ein faktenreicher und sehr lesenswerter Beitrag. Lesenswert ist auch der Beitrag von Tobias Huff (Die DDR-Umweltbewegung und der Westen), der u.a. auf das Zusammenspiel von ost- und westdeutschen Umweltinitiativen verweist und eine Lehre formuliert, die gerade heute aktuell wie nie ist: „Die Umweltgeschichte ist […] auch ein mahnendes Beispiel dafür, dass externe Umweltkosten nicht gänzlich zu Gunsten sozialer Kosten ausgeblendet werden sollten“ (S. 313). Die DDR ist weg und was blieb übrig? Mit dieser Frage beschäftigen sich auch die Autorinnen und Autoren der letzten drei Beiträge im Kapitel I. Das neue Deutschland erbte ja nicht nur die ungeheuren Umweltschäden und die Kosten ihrer Bewältigung, um noch einmal auf den Beitrag von Tobias Huff zu verweisen. Geblieben, aber leider fast vergessen oder ignoriert, sind die Romane, Erzählungen, Gedichte oder Filme von DDR-Autorinnen und -Autoren, die einst die DDR verließen oder die anderen künstlerischen Produkte, die sich kritisch, weltoffen, scharfsinnig und perspektivenreich mit den Wirklichkeiten auseinandersetzten. Marko Martin (»Etwas ist ausgeblieben«. DDR-Exilliteratur als terra incognita. Bis heute) erinnert u.a. an Jurek Becker, Thomas Brasch, Jürgen Fuchs, Barbara Honigmann, Kurt Bartsch, Chaim Noll. Geblieben sind auch die Erinnerungen an die Auswanderungs- und Fluchtgeschichten von Jüdinnen und Juden, die zunächst mittun wollten am Aufbau eines antifaschistisch-demokratischen deutschen Staat und dann – nach antisemitischen und antizionistischen Verfolgungen – fluchtartig die DDR verlassen mussten (Almuth Berger „Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland“). Geblieben sind ebenso die Erkenntnisse, dass der heutige Rechtsextremismus im Osten Deutschlands seine Wurzeln auch in der DDR hat (Bernd Wagner „Rechtsextremismus in der DDR – eine vertuschte Gefahr“).

Kapitel II „Die Jahre 1990 bis heute“:

„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will“, heißt es bei Harry Heine (Heine 1968, S. 133; Original: 1832). Um eben dieses Heutige geht es in den Analysen über das Gestern im Kapitel II. Steffen Mau (Ostdeutsche Frakturen für immer?) konstatiert: „Der Preis des schnellen Beitritts war der Verlust der Option, gemeinsam einen gesellschaftlichen Entwicklungspfad auszuhandeln, die eigenen Interessen stärker einzubringen und den kollektiven Akteuren vor Ort eigene Suchbewegungen nach passenden Institutionen zuzubilligen“ (S. 368). Darin liegen wohl auch die Gründe für das Erstarken der Rechtspopulisten in Ostdeutschland. Also: „Mehr Experimente wagen – mit der und für die Demokratie“ (S. 374). Mit der Meinung von Jerzy Maćkȯw (Der Sozialismus, die Zeitfenster seiner Transformation und der vorschnelle Wohlstand in den neuen Bundesländern), der Übergang vom Sozialismus zum Markt sei weder unter Zeitdruck geschehen, noch habe er eine Zumutung dargestellt, konnte sich der Rezensent indes nicht anfreunden. In seiner kritischen Sicht auf eine solche Auffassung sieht sich der Rezensent nach der Lektüre des Beitrages von Philipp Ther (Der Preis der Einheit) bestätigt. Die Transformation Deutschlands und Ostmitteleuropas war eben – vor allem für die Ostdeutschen – eine „Schocktherapie“ (S. 399). „Die ostdeutsche Industrieproduktion sank bis Mitte der 1990er Jahre auf 27 Prozent des Niveaus von 1988. Kein anderes postkommunistisches Land Europas […] erlebte einen derart drastischen Rückgang“ (S. 403). Dass die Treuhandanstalt als Schocktherapeut dabei keine gute Figur machte, kann man im Beitrag von Marcus Böick nachlesen (Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandgesellschaft). Konkret werden die Auswirkungen der Schocktherapie bzw. des Transformationsprozesses in folgenden Beiträge beschrieben:

  • Dominik Stegmayer: „Transformationsbiografien am Beispiel des VEB Werk für Fernsehelektronik – von »Arbeit für alle« über Kurzarbeit zur Hysteresis“.
  • Elke Kimmel: „Die ostdeutsche Landwirtschaft im Einigungsprozess“.
  • Sabine Schleiermacher: „Die Transformation des DDR-Gesundheitswesens“.
  • Andrej Holm und Matthias Bernt: „Veränderungen der Eigentümerstrukturen auf ostdeutschen Wohnungsmärkten nach 1990“.
  • Marianne Birthler: „Ostdeutsche Schulen im Einheitsprozess“.
  • Christoph Tannert: „Ostdeutsche Kunst im Übergangsmodus“.
  • Mandy Tröger: „Verpasste Chancen – die Transformation der DDR-Presse 1989/90.
  • Jutta Braun: „Spiel ohne Grenzen. Sport in der Transformation seit 1989/90.
  • Anne Hahn und Frank Willmann: „Am langen Arm verhungert? Das Ende vom DDR-Fußball“.

In den Beiträgen geht es um Betriebsschließungen, Abwicklungen, Missachtung von Lebensleistung usw. Der Rezensent bittet um Nachsicht, wenn er sich an dieser Stelle an ein besonders charakteristisches und schmerzhaftes Beispiel zu erinnert, an die Abwicklung der Werke des VEB Kalibetrieb Südharz, vor allem des Kaliwerks „Thomas Müntzer“ in Bischofferode im Thüringischen Eichsfeld. Im nahegelegenen Kaliwerk Volkenroda lernte der Rezensent in den späten 1960er Jahren mit Kombizange und Elektrokabel umzugehen. Er lernte ebenfalls, dass das Kalisalz in den Stollen im Südharz besonders gehaltvoll sei. Und so war es ja auch in vielerlei Hinsicht. Im Werk Bischofferode arbeiten etwa 1800 Menschen. Sie holten das Salz aus einer Tiefe von mehr als 1000 Metern. Die Region lebte vom Salz, seit Generationen schon. Der Betrieb war zu DDR-Zeiten hochprofitabel und eine stabile Devisenquelle. Im Jahre 1992 entschied die Treuhand, das Kaliwerk Bischofferode und die anderen Betriebe des Südharzer Kalikombinats dem Kalikonzern K+S mit Sitz in Kassel zu übergeben. Der Konzern beschloss, die Werke zu schließen und so einen unliebsamen Konkurrenten aus dem Wege zu räumen. Die Kalikumpel wehrten sich und mit ihnen manch Gleichgesinnte. Sie besetzten das Werk und hielten die Produktion aufrecht. Sie organisierten einen Protestmarsch nach Berlin zur Treuhand. Zwölf Kumpel traten in den Hungerstreit. Die Kumpel wandten sich verzweifelt, aber erfolglos, an den damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel. Der sagte Unterstützung zu, aber es blieb nur bei Worten. Am 22. Dezember 1993 fuhren die Kumpel in Bischofferode ihre letzte Schicht. Die Zusage der Politik, nach der Grubenschließung 700 Ersatzarbeitsplätze zu schaffen, ist nie realisiert worden. „Bischofferode ist überall“, so die Losung der Bischofferöder Kumpel im Jahre 1992/1993. Auch die anderen Kaligruben in Thüringen wurden geschlossen. Und nicht nur diese. Von 1989 bis 1997 sank die Beschäftigung in Ostdeutschland insgesamt um ein Drittel, in einigen Regionen sogar um fast 50 Prozent.

Transformiert bzw. gewandelt wurde auch die Kirche in der DDR seit 1990, die vor und in der friedlichen Revolution bekanntlich eine besonders herausragende Rolle spielte; obwohl sie sicher zu den besonderen Zielobjekten der Staatssicherheit gehörte. Ihre Zukunft steht heute in den Sternen, konstatiert Ehrhart Neubert (Kirche im Wandel seit 1990). Gewandelt hat sich auch die SED in die „Transformationspartei PDS“, die beides sein wollte: „Partei der Abgrenzung und des Ankommens. Dieser Befund gilt bis heute und prägt die aktuellen Diskurse sowohl innerhalb der Partei Die Linke als auch die Debatten über sie“ (Thorsten Holzhauser:„Spalten oder Brücken bauen? Die Transformationspartei PDS und ihre Rolle in der Vereinigungsgesellschaft, S. 580; Hervorh. im Original).

Angesichts des bisher Berichteten muss die Frage gestellt werden, war die DDR ein Unrechtsstaat oder nicht (Everhard Holtmann: Die DDR – ein Unrechtsstaat? – Eine anhaltende Debatte). Die Antwort auf diese Frage ist eine der jeweiligen Perspektiven (S. 587). Die Herrschaftspraxis in der DDR war gekennzeichnet von staatlicher Willkür und politischer Tendenzjustiz. Folglich war es ein Unrechtsstaat, auch wenn in den Erinnerungen mancher ehemaliger DDR-Bürgerinnen und -Bürger diese Unrechtsnatur zu verblassen scheint (S. 593). Um die Erinnerungen aufzufrischen, hilft manchmal ein Blick in die Stasi-Akten. Deren Öffnung wirkte, wie Markus Goldbeck schreibt (Akten als Problem?) als Katalysator für politische Debatten. Das galt und gilt für die Akten der ehemaligen Staatssicherheitsdienste Osteuropas ebenfalls (Kata Krasznahorkai & Sylvia Sasse „Aktenlesen gegen Desinformation“). Erinnert sei auch – nach dem Beitrag von Bernd Wagner (s.o.) – an die Erosion des Antifaschismus in der späten DDR (Michael Lühmann „Rassismus und die extreme Rechte in »Ostdeutschland«“). Der Rassismus im Osten Deutschland ist eben nicht nur ein Transformationsprodukt, das vom Westen in den Osten weitergereicht und gegenwärtig von den westdeutsch Sozialisierten, wie Höcke, Kalbitz oder Gauland, transportiert wird (vgl. auch Frindte & Frindte 2020). Der Rassismus in der DDR „kam eben auch aus der Tiefe jener DDR“ (S. 728; Hervorh. im Original). Auf diese „Perspektiven, die bis heute fehlen“ (S. 751) möchte auch Angelika Nguyen aufmerksam machen. Sie berichtet u.a. davon, wie desinteressiert politisch und medial Verantwortliche an einem von ihr gedrehten Film über vietnamesische Migrantinnen und Migranten in Ost-Berlin waren. Um dem Rassismus in Ost, West, Nord, Süd zu begegnen, müssen „die Stimmen derer, die Ausgrenzung, Abwertung und Gewalt erfahren haben und immer wieder erfahren“ (S. 751) gehört und wirklich ernst genommen werden.

Der Teil II (Gegenwart und Zukunft) enthält 35 Studien, Prognosen und Interviews. Es handelt sich um das Kapitel III „Gegenwart & Zukunft“ sowie einen ausführlichen Anhang.

Kapitel III

Zu Beginn des Kapitels beantworten die Herausgeber des Doppelbandes (Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert und Holger Kulick) noch einmal die Frage, warum im Titel des Bandes das „(Ost)Deutschland“ in Klammern gesetzt wurde: „Weil (Ost)Deutschland eben noch nicht gleichberechtigt Deutschland ist, sondern sich nach wie vor auf einem unebenen Weg dorthin befindet, auf dem sich zunehmend eine neue Identität ausprägt, die eigentlich vermeidbar wäre. Nämlich Ost-Deutschland zu sein ohne Ostdeutschland sein zu mögen“ (S. 12) [3]. Identitätssuche, Identitätszuschreibung, Identitätskrisen, Identitätsverweigerung bilden dann auch – aus Sicht des Rezensenten – den Deutungsrahmen, innerhalb dessen man die meisten der Beiträge aus Kapitel III verorten kann.

Die Konstruktion einer sozialen Identität, also der Selbstzuschreibung, Mitglied einer sozialen Gruppe, Gemeinschaft, Gesellschaft zu sein, geschieht nicht ohne Fremdzuschreibung im Rahmen eines (direkten oder indirekten) Kommunikationsprozesses. Wie diese Dialektik zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung passieren kann, welche Reibungs- und Konfliktpotenziale in dieser (und natürlich in jeder) Dialektik stecken, findet sich sehr eindrucksvoll in dem Beitrag von Antonia Rietzschel (Ost-West-Erfahrungen) beschrieben. Es ist ja nicht so, dass sich diejenigen, die nach 1989 im Osten Deutschlands geboren wurden, so ohne Weiteres als Ostdeutsche definieren. Nicht selten wird ihnen das Ostdeutschsein erst durch Westdeutsche zugeschrieben oder durch manch dämlichen Satz erst salient (zugänglich) gemacht; z.B. „Sie sind doch aus dem Osten, können Sie uns mal sagen, wie das mit der Kindererziehung zu DDR-Zeiten lief“. So passiert es eben dann auch, dass man die Mauer nie gesehen hat und sich doch als Ossi fühlt. „Die Generation der Nachwendekinder ist womöglich die einzige Generation, die noch helfen kann, das Bild über die DDR und Ostdeutschland auszudifferenzieren. Sie ist nah genug dran und weit genug weg“, schreibt Johannes Nichelmann (Die Mauer nie gesehen und trotzdem Ossi – Nachwendekinder und der schwierige Weg zur Einheit). Dazu bedarf es Dialoge zwischen Ost und West und zwischen den Generationen. Hanna Haag berichtet über ein Forschungsprojekt, in dem solche Generationsdialoge (zwischen Eltern und ihren Kindern) im Rahmen von Interviewstudien qualitativ ausgewertet wurden (Intergenerationalität als Motor gesellschaftlichen Wandels. Über die Möglichkeiten eines ostdeutschen Generationskonflikts). Derartige Dialoge zeigen die unterschiedlichen Umgangsweisen mit der DDR-Vergangenheit auf. Das ist ja nicht neu, liest sich dennoch spannend. Und es ist schon so, dass „die Alterskohorte der »Nachwendegeneration« als Untersuchungseinheit so wichtig“ ist, wie Daniel Kubiak schreibt (Die Nachwendegeneration – zwischen ambivalenter Solidarität mit den Eltern, Abwertungserfahrungen und »Othering«-Prozessen, S. 85). Allerdings geht es nicht nur um Untersuchungseinheiten, vielmehr um die Gestaltungs- und Akteursgemeinschaften der Nachwendegeneration, die indes in manchen ostdeutschen Regionen in der Folge der veränderten demografischen Situation kaum mehr zu finden ist. Um dieses Problem geht es im Beitrag von Katja Salomo (Abwanderung, Alterung, Frauenschwund. Der Einfluss des demografischen Wandels auf die politische Kultur in Ostdeutschland). Die Autorin macht sich für eine These stark, die sich empirisch – nicht zuletzt nach der Bundestagswahl 2021 - gut verifizieren lässt: Die demografische Situation scheint eine der starken Ursache zu sein „für die sich ausbreitende »Perspektivlosigkeit«, die den Erfolg rechtsradikaler Parteien in den entsprechenden Gebieten der neuen Bundesländer miterklären könnte“ (S. 64). So finden sich in Thüringen vor allem in jenen Landkreisen stärker ausgeprägte fremdenfeindliche, nationalistische und demokratieskeptische Einstellungen, in denen der Anteil relativ Deprivierter nicht zuletzt in Folge einer über die Jahre angestiegenen demografischen Homogenität (durch Abwanderung, Alterung, hoher Arbeitslosenquote) erhöht ist (S. 70).

Betrachtet man nun weitere quantitative sozialwissenschaftliche Studien über die Befindlichkeiten der Ostdeutschen, so ergibt sich ein durchaus ambivalentes Bild. Im Teil II des Doppelbandes finden sich eine ganze Reihe derartiger Studien. So berichten Hendrik Berth, Peter Förster, Markus Zenger, Elmar Brähler und Yve Stöbel-Richter (Zusammenwachsen oder Auseinanderdriften?) von den Ergebnissen der Sächsischen Längsschnittstudie, einer einzigartigen Erhebungsreihe, die 1987 (damals vom Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig) begonnen wurde und bis in die Gegenwart (2020) fortgesetzt wird. Die Befunde enthalten „deutliche Hinweise auf ein stärkeres Zusammenwachsen“ (S. 106) der Ost- und Westdeutschen – zumindest aus der Sicht der erstgenannten. Jérémie Gagné und Laura-Kristine Krause (Die andere deutsche Teilung – wie das alte Ost-West-denken den Blick auf die eigentliche Trennlinie verstellt) kommen dagegen nach Auswertung einer Studie mit 4.000 Menschen aus allen Teilen der Bundesrepublik zu dem Schluss, „dass der Glaube der Deutschen an die Substanz ihrer Gesellschaft und ihres Gemeinwesens bereits spürbar erschüttert ist“ (S. 146); und zwar unabhängig von Ost-West-Differenzen. Insofern scheint Ostdeutschland kein „Sonderfall“, aber durchaus eine „Frühwarnstelle“ (S. 147) zu sein. Auch der Populismus ist kein ausschließliches Ostproblem, sondern hat tiefere, auch globale Gründe (Philip Manow „Populismus – in Ost und West. Eine Datenanalyse“). Andreas Zick und Beate Küpper (Zusammenwachsen in Feindseligkeit? Ähnlichkeiten und Unterschiede in [anti-]demokratischen Orientierungen in Ost- und Westdeutschland) äußern sich – auf der Grundlage ihrer empirischen Befunde (u.a. erhoben im Rahmen der repräsentativen „Mitte-Studien“) ebenfalls zurückhaltend, wenn es um Unterschiede in den politischen, rechtspopulistischen oder rechtsextremen Einstellungen in Ost- und Westdeutschland geht. Gründe und Erklärungen dafür gibt es viele (S. 330 ff.): Im Großen und Ganzen sind sich Ost- und Westdeutsche in ihren politischen Einstellungen aber doch sehr ähnlich. Vor unzutreffenden Pauschalisierungen warnt auch Axel Salheiser (Welche Akzeptanz hat die repräsentative Demokratie in Ostdeutschland?). Ein Demokratiedefizit der Ostdeutschen und ein „ethnokratisches Demokratieverständnis“, „das gesellschaftliche sowie politische Teilhabe direkt an die sozio-kulturelle Kollektividentität einer Mehrheitsgesellschaft knüpft“ (S. 355), diagnostiziert allerdings auch er.

Es bleibt eben noch viel zu tun, auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung (aus wirtschaftlicher Sicht) durchaus ein Teilerfolg ist (Karl-Heinz Paqué „Die Wirtschaftsstrategie der deutschen Vereinigung – eine Zwischenbilanz nach mehr als 30 Jahren“). Das belegen nicht nur, aber auch die wirtschaftlich „abgehängten Regionen“, über die Petra Morawe (Die Oberlausitz – eine abgehängte Region?) und Andreas Willisch (»Abgehängte Regionen« – Wo es sie gibt und wo nicht) schreiben.

Bei allen Problemen, die mit abhängten Regionen, Ost-West-Differenzen oder wechselseitigen Stereotypen der Ost- und Westdeutschen verknüpft sind, dürfen andere Probleme, die nicht zwangsläufig nur mit den Spannungen zwischen den deutschen Regionen zu tun haben, nicht vergessen werden: Diskriminierung wegen des Geschlechts, der Sexualität, der Ethnizität, Religion, sozialen Schichtung, Alter oder Gesundheit. „Die Westdeutsch-Ostdeutsch-Achse ist eine Diskriminierungsachse unter vielen“, schreibt Susan Arndt (Ostdeutschland inmitten intersektioneller Zukünfte) und fragt u.a. danach, „wem Deutschland – seine Zugehörigkeit, Ressource und Zukünfte – gehören dürfen“ (S. 166). Sicher nicht nur den Weißen in Ost- und Westdeutschland. Den Rechtsextremen, deren tödliche Spur Esther Dischereit und Heike Kleffner nachzeichnen, erst recht nicht (Vor aller Augen: Pogrome und der untätige Staat. Die tödliche Spur des Rechtsextremismus in den 1990er Jahren bis heute). Vor diesem Hintergrund fällt es dem Rezensenten nicht nur schwer, die Frage „Sind Ostdeutsche auch Migranten?“ zu beantworten; er hält diese Frage auch für nicht sonderlich zielführend (Naika Foroutan „Sind Ostdeutsche auch Migranten? Über Sinnhaftigkeit und Grenzen des Vergleichs von Ostdeutschen und Migrant*innen in Deutschland“).

Was bleibt schließlich zu tun? Besitzen Ost- und Westdeutschland im Hinblick auf die friedliche Revolution von 1989 ein gemeinsames Erbe, dass es zu bewahren gilt? Wie sieht es aus mit dem kollektiven Gedächtnis der Ost- und Westdeutschen? Wie lässt sich gemeinsame Zukunft gestalten? Woraus könnten sich gemeinsame Ideale speisen? Mit diesen und etlichen Folgefragen beschäftigen sich u.a.:

  • Christine Schoenmakers „Geteiltes Erbe? Die DDR im gesamtdeutschen kollektiven Gedächtnis“.
  • Michael Zschiesche „Topos Umweltschutz – das weitgehende Verschwinden des spezifisch Ostdeutschen in Deutschland“.
  • Judith C. Enders „Vergangenheit ernst nehmen – Zukunft gestalten – Nachhaltigkeit entwickeln.
  • Saskia Handro „Der »Fall DDR« – Ambivalenzen und Chancen historisch-politischer Bildung. DDR-Geschichte vermitteln – aber wie?“
  • Christina Schwarz „»1989« in der historisch-politischen Bildung“.
  • Annette Simon „Die sozialpsychologische Seite der Zukunft. (Nicht-)Perspektiven zukünftigen Handels: Wie kann zusammengehören, was gewachsen ist?“.

Weitere Fragen liegen auf der Hand. Wie lässt sich eine friedliche Zukunft garantieren? Durch die demokratischen Institutionen, die weltweit unter Stress stehen (Alexander Thumfart „Die politischen Institutionen als Garanten der Demokratie?“) oder durch die christlichen Kirchen, die nicht nur in Ostdeutschland an Bedeutung verloren haben (Thomas Großbölting „Von der Volkskirche über die Minderheitenkirche zur Avantgarde? Das religiöse Feld in Ostdeutschland“) oder durch mehr Geld – zumindest für die Rentnerinnen und Rentner (Rolf Schmachentenberg „Aufarbeitung durch einen Härtefallfond – kann das funktionieren? Das Beispiel der Rentenüberleitung“)?

Und dann sind da nach wie vor die Probleme der Repräsentation der Ostdeutschen in den politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Entscheidungsgremien:

  • Raj Kollmorgen „Ein anhaltendes Defizit? Ostdeutsche in den Eliten als Problem und Aufgabe“.
  • Frauke Hildebrandt „»Affirmative Action« im Osten. Hintergründe, Einwandstypen und Stand der Dinge – ein Erfahrungsbericht aus Brandenburg und Berlin“
  • Rainer Eckert „Schwierige Gemengelage. Ostdeutsche Eliten und die Friedliche Revolution in der Diskussion“.
  • Vielleicht stecken in der Corona-Krise die Chancen, aus denen Ost- und Westdeutsche gemeinsam Lehren für die Zukunft lernen könnten, zum Beispiel, dass sich unserer bisheriger Konsumismus erschöpft hat und wir neue Selbstbegrenzungen brauchen:
  • Albrecht von Lucke „30 Jahre später – ein ganz anderer Bruch. Corona – das annus horribilis 2020 und erste Lehren“.
  • Jens Beckert und Elisabeth von Thadden „»Unsere Gesellschaft ist keine einheitliche Herde«. Ein Gespräch über Coronafolgen“.

Eines ist durch die Corona-Krise auf jeden Fall deutlich geworden: Die Probleme in Ost- und Westdeutschland sind Teil globaler Diskurse, Verwerfungen und Krisen, zu denen die notwendigen Diskussionen über „Europas Verantwortung für die massiven Kolonialisierungsprozesse der Neuzeit“ (S. 473) ebenso gehören wir die menschengemachte „Klimakrise“. Ob der „Osten“ deshalb ein Theorienproblem hat, mag der Rezensent nicht zu beantworten (Sandra Matthäus „Zum Theorieproblem »des Ostens«. Potenziale relationaler Theorienperspektiven für eine Ostdeuschlandforschung, die dann keine mehr ist“).

„Mehr als 30 Jahre danach sollten wir begreifen, dass die Deutsche Vereinigung ein längerer Prozess sein wird“, schreibt Wolfgang Thierse („Trotz allem im Zeitplan. Nachdenken über Wege aus der Missmutsgemeinschaft Ost“, S. 488). Es gebe nach wie vor einen anhaltenden Gesprächsbedarf, notwendige Diskussionen. „Denn die Nachahmungsphase, die Phase der Adaption an den Westen sollte und könnte für Ostdeutschland nach nunmehr als 30 Jahren endgültig zu Ende sein (S. 490). Ähnlich sieht es Christian Bangel (Es gibt keine wirkliche Ostdebatte. Der Osten war ein Experimentierfeld – und nutzte diese Chance nicht). Ob der Osten diese Chance wirklich nicht genutzt hat, bezweifelt der Rezensent allerdings, stimmt dem Autor aber zu, dass die künftigen deutsch-deutschen Diskussionen nicht von den historischen Ungerechtigkeiten, die die Ostdeutschen erlebt haben, dominiert werden sollten.

Gegen „ziellose politische Launenhaftigkeit, Ventil- und Sündenbocksuche“ (S. 523) äußern sich im abschließenden Beitrag zum Kapitel III auch Eva und Jens Reich („Revolution ohne souveränen historischen Träger. Bilanz und Zukunftsaufgaben: Was 1989/90 (nicht) geschah, hat Auswirkungen bis heute und darüber hinaus“). Die friedliche Revolution von 1989 hat Freiheits- und Handlungsrechte gebracht. Die Zukunft der vereinten Nation in den kommenden schwierigen Zeiten müssen nun die „Vernünftigen und Anständigen“ voranbringen.

Anhang

Hier äußern sich in einem Nachwort noch einmal die Herausgeber und bitten Leserinnen und Leser u.a. um Themenvorschläge für eine Fortsetzung der Diskussionen. In „Nachgedanken“ fragen Steffen Mau und Sabine Rennefanz, ob Corona ein Vereinigungsgenerator oder ein Frustgenerator ist. Eine Auswahlbiografie und Hinweisen zu den Fotos im Doppelband und den Fotografinnen und Fotografen beschließen den Teil II.

Fazit

„In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt … Es prallen einfach unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Praktiken aufeinander. Man muss viel reden…“, meinte der ehemalige ostdeutsche Bürgerrechtler und jetzige Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger in einem Interview mit der Berliner Zeitung am 31.10.2017. Krüger griff in seiner Argumentation auf den Begriff der „kulturellen Hegemonie“ zurück, ein Konzept, dass der italienische Philosoph und Kommunist Antonio Gramsci in den 1930er Jahren eingeführt hat. Gramsci wollte damit darauf aufmerksam machen, dass es – in der Zeit des Faschismus – nicht nur darum gehen kann, gegen die ökonomische Macht XE „Macht“ des Kapitals zu kämpfen, sondern der strukturellen Hegemonie, also der Macht des Kapitalismus XE „Kapitalismus“ und dem Faschismus die neue Kultur einer zivilen Gesellschaft entgegenzusetzen ist. Wie auch immer: Krügers Kritik an der Hegemonie der westdeutschen Eliten forderte recht bald den Widerspruch der (west-)deutschen Intellektuellen heraus. Mit der voreiligen Wahl des Begriffes von der kulturellen Hegemonie bestärke Krüger nur einen ostdeutschen Opfermythos, bei dem man sich bequem im Dauerjammern einrichten könne. Überdies spiele man mit dem Begriff auch den „Neue Rechten“ in die Hände, die Gramscis Konzept instrumentalisiert haben, um ihre Elitenfeindlichkeit zu begründen und eine Kulturrevolution von „rechts“ auszurufen. Nun kann man sicher weder Antonio Gramsci noch Thomas Krüger für die neu-rechten Instrumentalisierungen verantwortlich machen. Gramsci würde sich angesichts dessen auch wohl in seinem Grabe rumdrehen. Ärgerlicher ist die Rede vom ostdeutschen Opfermythos und der indirekte Vorwurf an die Jammer-Ossis allemal. Wie meinte Krüger noch, da unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Praktiken aufeinanderprallen, müsse man viel reden. Sicher auch miteinander. Aber das wollten die Ossis und Wessis eigentlich schon kurz nach der Wende. Nur haben sie es nicht gemacht oder nicht genügend oder nur einseitig oder sie haben aneinander vorbeigeredet.

Noch sind die Ost- und Westdeutschen auf der Suche nach den bestmöglichen gemeinsamen Verhältnissen. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis sie gemeinsam tanzen können, ohne sich ständig wechselseitig auf die Füße zu treten. Der Doppelband „(Ost)Deutschlands Weg“ zeigt die Stolpersteine, aber auch die Möglichkeiten, die Fallstricke umgehen zu können. Den Herausgebern Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert und Holger Kulick ist das Meisterstück gelungen, 90 Autorinnen und Autoren mit verschiedenen professionellen Sichtweisen zu motivieren, ihre teils unterschiedlichen Meinungen und Auffassungen zum (ost)deutschen Weg in einer gemeinsamen Publikation zur Diskussion zu stellen. Herausgekommen ist eine umfassende, sehr lesenswerte Bestandsaufnahme über die bereits gegangenen Wege, die manchmal auch Irrwege waren, und über zukünftige Strecken.

Der Rezensent musste sich in seiner Besprechung beschränken, Manches nur andeuten, Vieles weglassen, empfiehlt aber uneingeschränkt die Lektüre des Doppelbandes und freut sich jetzt schon auf eine Fortsetzung.

Zitierte Literatur

Adorno, Theodor W. (2003, Original 1951). Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch.

Frindte, W. & Frindte, I. (2020). Halt in haltlosen Zeiten – Eine sozialpsychologische Spurensuche. Wiesbaden: Springer.

Heine, Heinrich (1968; Original: 1832). Französische Zustände, Artikel VI. In Heinrich Heine Werke, Band 3. Frankfurt a. M.: Insel Verlag.

Heym, Stefan (1990). Kommentar im Fernsehen am 18.3.1990. Quelle: http://www.doku-archiv.com/literatur/heym.htm; aufgerufen: 07.10.2021.

Kohl, Helmut (1990). Fernsehansprache von Bundeskanzler Kohl anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Quelle: https://www.chronik-der-mauer.de/material/​180417/​fernsehansprache-von-bundeskanzler-helmut-kohl-zum-inkrafttreten-der-waehrungsunion-1-juli-1990; aufgerufen: 07.10.2021.

Krüger, T. (2017). Bundeszentrale für politische Bildung. Krüger vor Wahl besorgt über Stimmung im Osten. Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/politik/​bundeszentrale-fuer-politische-bildung-krueger-vor-wahl-besorgt-ueber-stimmung-im-osten-28461828; aufgerufen: 07.10.2021.

Wehler, Ulrich (2008). Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 5. München: C. Beck.

Zeit Online (2006). Auch wir hatten glückliche Tage. Quelle: https://www.zeit.de/2006/27/DDR-neu; aufgerufen: 06.10.2021.


[1] Die jeweiligen Seitenangaben zu den Beiträgen in Kapitel I und II beziehen sich auf den Teil I des Doppelbandes.

[2] Die Metapher von der DDR als „Fußnote der Geschichte“ verwendet der Historiker Ulrich Wehler (2008) im fünften Band seiner Monumentalgeschichte. Das Copyright für die Verwendung der Metapher besitzt aber wohl eher Stefan Heym, der am Abend des 18. März 1990 das Ergebnis der ersten freien Volkskammerwahl mit den Worten kommentiert, von der DDR werde „nichts anderes sein als eine Fußnote der Weltgeschichte“ (Heym, 1990).

[3] Die folgenden Seitenangaben beziehen sich nun auf Teil II des Doppelbandes.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 01.11.2021 zu: Ilko-Sascha Kowalczuk, Frank Ebert, Holger Kulick: (Ost)Deutschlands Weg - 80 Studien zur Lage des Landes (2 Bände). Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn) 2021. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28670.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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