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Dieter Röh, Anna Meins: Sozialraum­orientierung in der Eingliederungshilfe

Cover Dieter Röh, Anna Meins: Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 235 Seiten. ISBN 978-3-497-03022-4. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
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Thema

In der Praxis Bio-Psycho-Sozialer Arbeit zeigt sich der Spagat zwischen einer sich in den letzten Jahrzehnten stets stärker spezialisierend differenzierenden, sich gleichsam voneinander isolierenden Handlungspraxis und der gleichzeitigen Notwendigkeit einer nachhaltigen, die Eigenkräfte der Adressat:innen zulassenden und stärkenden Unterstützung (als Hilfe zur Selbsthilfe). Bio-Psycho-Soziale Arbeit hat sich gleichwohl der Komplexität des Alltags der Menschen zu stellen, um überhaupt wirksam werden zu können. Die zwei zentralen Einflussgrößen sind dabei eine ernsthaft umgesetzte, aktive Partizipation im Sinne einer einflussnehmenden und mitgestaltenden Teilhabe und Teilgabe (Dörner 2012) der Adressat:innen sowie damit einhergehend eine koordinierte Kooperation multiprofessioneller sowie lebensweltlicher Akteure in sozialraumbezogenen Diskurs- und Handlungsräumen. Der pragmatische Lebensalltag der Menschen bildet die Grundlage des Sozialen (Handelns) und die Bewältigung dieses Lebensalltags der Menschen (Böhnisch 1997) wird zum zentralen Gegenstand Bio-Psycho-Sozialer Arbeit. Die Zielstellung und professionsethische Leitlinie einer solchen ursprünglich als Alltags- bzw. dann folgend als Lebensweltorientierung gefassten Konzeptualisierung liegt in der Ermöglichung eines selbstbestimmteren, gelingenderen Alltags der Adressat:innen (Thiersch 1986). Mit diesem Grundverständnis korrespondiert das Fachkonzept Sozialraumorientierung (Hinte/Treeß, 2007; Fürst/Hinte, 2014) als ein zuvörderst und maßgeblich personenbezogener Ansatz Bio-Psycho-Sozialer Arbeit, welcher durchaus und notwendiger Weise ebenfalls Ableitungen für organisationsstrukturelle, prozessuale und sozialraumbezogene Aspekte formuliert.

Gerade im Bereich der sogenannten Eingliederungshilfe ist dies eine besonders relevante Fachdiskussion, wie im Kontext des Inklusionsdiskurs die Personenzentrierung mit der Sozialraumorientierung für eine ernsthafte Teilhabeumsetzung im Alltag der Menschen realisierbar wird. Neben der fachwissenschaftlichen Diskurslegung bedarf es zugleich handlungspragmatischer Verfahrensweisen für die Umsetzung in der Arbeitsalltagspraxis: „Dieses Buch erklärt, wie sich Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe verstehen und konkret umsetzen lässt.“ (Buchcovertext)

Autor:innen

Anna Meins ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HAW Hamburg und promoviert aktuell an der Universität Hamburg im Bereich Nachbarschaft, Sozialraum, Partizipation und Eingliederungshilfe.

Dieter Röh ist an der HAW Hamburg Professor für Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Theorien, Methoden und Geschichte Sozialer Arbeit sowie der Eingliederungshilfe und ist zugleich mit der Klinischen Sozialarbeit befasst sowie Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen und aktiv im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung der Autor:innen zur fachlichen Motivation und dem Aufbau des Buches sowie den Inhalten der Beiträge, klärt das zweite Kapitel die „theoretischen Begründungslinien“ (S. 11). Hierbei werden zunächst die zentralen Diskurslinien um das Fachkonzept Sozialraumorientierung skizziert sowie nach einer Klärung der „gesellschaftstheoretischen Reflexion“ (S. 14) die zentralen Handlungsprinzipien geklärt bspw. Ressourcenorientierung, (Welt-)Aneignung, Empowerment, Partizipation und Netzwerkorientierung. Auch das Sozialraumverständnis wird versucht zu definieren sowie die „personale Orientierung und Sozialraumorientierung“ (S. 46) angerissen – eben die benannte Verbindung von Personenzentrierung und Sozialraumorientierung. Das dritte Kapitel klärt die zentralen Begriffe der Inklusion und Teilhabe, erinnert historische Bezüge und benennt aktuellere Diskurse bspw. zu Community Living und Community Care

Nach einem kompakten Zwischenresümee – „von der Theorie zur Praxis“ (S. 78) überschrieben – werden nunmehr im für dieses Fachbuch zentralen fünften Kapitel zahlreiche „Methoden und Techniken sozialraumorientierter Praxis“ (S. 81) systematisch aufgebaut und praxisnah ausgeführt. Hierbei differenzieren die Autor:innen zwischen der Erweiterung des persönlichen sowie der des gesellschaftlichen Möglichkeitsraumes. Zu ersterem finden sich Verfahrensweisen wie bspw. Sozialraumbegehungen, Autofoto- und Autovideografie, Nadelmethode oder auch subjektive Landkarten. Bei den eher auf die einzelfallunabhängige Handlungsdimension fokussierenden Verfahrensweisen werden One-to-Ones, aktivierende Befragung, Fremdbilderkundung oder auch politische Partizipation angeführt. Zudem findet sich ein kompaktes Kapitel zum durchaus bedeutsamen Bereich der kommunalen Teilhabeplanung sowie der ‚Angebotssteuerung‘.

Das übliche, gleichwohl sehr kurz gehaltene Fazit mit einem Ausblick in Kapitel sechs schließt das „vor allem an Fachkräfte der Sozialen Arbeit sowie verwandter Professionen“ (S. 9) adressierte Praxisbuch ab.

Diskussion

„In diesem Buch wird erstmals der Versuch unternommen, eine sozialraumorientierte Ausrichtung der Eingliederungshilfe theoretisch zu begründen, konzeptionell zu skizzieren und methodisch zu beschreiben, mit welchen Verfahren und Instrumenten in der Praxis gearbeitet werden kann“ (S. 78), so der von den Autor:innen formulierte Selbstanspruch an ihr Fachbuch. Irgendwie stimmt das und zugleich lässt es einen nach dem Lesen etwas enttäuscht zurück. Ja es finden sich theoretische Begründungen und konzeptionelle ‚Skizzierungen‘, gleichwohl sind diese zum einen ausgesprochen kompakt (bis verkürzt) gehalten und zugleich im besten Sinne eine fokussierende Bündelung bereits deutlich differenzierter und tiefergehender Fachdiskurse in diesem Bereich. Zugleich sind die ausgeführten und maßgeblich neugierig stimmenden Verfahrensweisen zwar durchaus sehr zugänglich gestaltet, praxisnah und anwendungsorientiert ausgeführt und systematisch dargelegt, was durchweg eine realisierbare Umsetzung befördert. Gleichwohl sind eben auch diese Verfahrensweisen durchweg seit mehreren Dekaden in der Fachliteratur bspw. durch Deinet (www.socialnet.de/rezensionen/6628.php; www.socialnet.de/rezensionen/1534.php) oder Früchtel et al. (www.socialnet.de/rezensionen/6629.php) bereits ebenso detailreich beschrieben.

Fazit

Dieses gut lesbare und insbesondere im Hauptkapitel zu den methodischen Verfahrensweisen sehr zugänglich und handlungspraktisch ausgearbeitete Buch erweckt den Anschein, als wäre die Grundlage hierfür ein mehrmoduliges Fortbildungskonzept, das nunmehr in ein Fachbuch gehoben wird. Wie benannt eine durchaus passable Zusammenführung gleichwohl durchweg bereits ausgearbeiteter Erkenntnisse und eben auch ‚altbekannter‘ Verfahrensweisen.

Literatur

Böhnisch, Lothar (1997). Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. Weinheim: Juventa. www.socialnet.de/rezensionen/2682.php

Dörner, Klaus (2012): Helfensbedürftig. Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert. Neumünster: Paranus Verlag 2012 www.socialnet.de/rezensionen/​12621.php

Fürst, Roland; Hinte, Wolfgang (Hrsg.): Sozialraumorientierung. Ein Studienbuch zu fachlichen, institutionellen und finanziellen Aspekten. Wien 2014. www.socialnet.de/rezensionen/​18333.php

Hinte, Wofgang; Treeß, Helga: Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Theoretische Grundlagen, Handlungsprinzipien und Praxisbeispiele einer kooperativ-integrativen Pädagogik. Weinheim 2007. www.socialnet.de/rezensionen/4379.php

Thiersch, Hans: Die Erfahrung der Wirklichkeit. Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik. Weinheim 1986


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IUBH Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig.
Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Godehardt-Bestmann. Rezension vom 20.09.2021 zu: Dieter Röh, Anna Meins: Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-03022-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28671.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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