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Johannes Feest, Brunilda Pali (Hrsg.): Beiträge zur feministischen Kriminologie

Cover Johannes Feest, Brunilda Pali (Hrsg.): Gerlinda Smaus. "Ich bin ich": Beiträge zur feministischen Kriminologie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-31723-2.

Schriftenreihe des Strafvollzugsarchivs.
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Thema

Gerlinda Smaus, deren Arbeiten dieser Sammelband gewidmet ist, kann als einflussreichste feministische und gender-theoretische Kriminologin im deutschsprachigen Raum gelten. Der Band bietet einen Überblick über die kriminologische und feministische Theoriebildung, seit ihren 'Aufbrüchen' in den 80er Jahren – und das quasi in Echtzeit.

HerausgeberInnen

Dr. Johannes Feest war Professor (i. R.) für Strafverfolgung, Strafvollzug, Strafrecht an der Universität Bremen. Er ist Vorsitzender des Vereins Strafvollzugsarchiv e.V.

Dr. Brunilda Pali forscht und lehrt am Leuven Institute of Criminology, Belgien.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist zum 80. Geburtstag von Gerlinda Smaus erschienen und umfasst Erstveröffentlichungen der Jahre 1986 – 2010.

Aufbau

Das Buch ist chronologisch aufgebaut: es beginnt mit der abolitionistischen Bewegung, beschreibt die Anfänge einer jungen Kriminologie, um sich dann zu dem fortzuentwickeln, was Lemneck in seinem Lehrbuch zu Neuen Theorien abweichenden Verhaltens als feministische Perspektive im Kontext eines materialistisch-interaktionistischen Theorie­ansatzes benennt.

Inhalt

Der Band beginnt – chronologisch, aber auch programmatisch – mit der Frage nach der Abschaffung des Strafrechts (S. 25 ff), nicht ohne wenig später den Interessenwider­spruch zwischen Abolitionismus und Feminismus herauszuarbeiten (S. 69 ff).

Danach kann >Theorie in the making< beobachtet werden, der im Jahr 1986 als ‚Versuch um eine materialistisch- interaktionistische Kriminologie’ beginnt (S. 45 ff) und später um eine explizit feministische Perspektive erweitert wird. Dem ‚Geschlecht des Strafrechts‘ gelten denn auch verschiedene Artikel im Buch.

In Ihrem Beitrag „Das Strafrecht und die Frauenkriminalität“ (S. 83 ff) stellt Gerlinda Smaus zwei Paradigmen gegenüber: sog. ätiologische Kriminalitätstheorien, die nach einer Ursache, suchen, z.B. für eine unterschiedliche Kriminalitätsbelastung von Männern und Frauen, und Theorien, die Kriminalität – wie letztlich auch Geschlecht – als Prozesse eine Zuschreibung verstehen.

In einem Beitrag zur ‘Reproduktion der Frauenrolle im Gefängnis‘ (S. 107 ff) findet sich als Erklärung für eine unterschiedliche Kriminalitätsbelastung die Einsicht, „daß die ‚Freistellung‘ von der formellen Kontrolle durch den ‘Staat‘ (…) mit der Befugnis der privaten Männer [einhergeht], in dieser Sphäre Herrschaft auszuüben“ (S. 117). Mit anderen Worten, die Sozialkontrolle von Frauen wird ‚ihren‘ Männern überlassen – des Strafrechts bedarf es dafür nicht.

In dem Beitrag „Soziale Kontrolle und das Geschlechterverhältnis“ (S. 129 ff) schreibt sie, dass bei Frauen die „psycho-somatische Kontrolle“ zu überwiegen scheint, wobei die Tätigkeit medizinischer Institutionen „als Hilfe bezeichnet [wird], aber im hohen Maße mit der Ausübung von sozialer Kontrolle verbunden [ist]“. Interessanterweise, darauf weist sie an anderer Stelle hin, sind dies oft ‚weibliche‘ Dienste „ganz gleich, welcher Sexkategorie die Bediensteten angehören“, während das Wachpersonal so genannte ‚männliche‘ Dienste leistet (S. 375).

Hier zeichnet sich schon ab, was im Beitrag zum ‚Geschlecht des Strafrechts‘ von 1997 (S. 239 ff) ausbuchstabiert wird, indem dem Strafrecht selbst ‚männliche‘ Eigenschaften attestiert werden (S. 256) und – in Anlehnung an Sandra Harding – von einem durchweg geschlechtlich differenzierten Universum ausgegangen wird, „in dem alles entweder dem sogenannten männlichen (gender) oder dem weiblichen (gender) Prinzip zugeordnet wird“ (S. 265). Auch wenn das Strafrecht als ein gleiches Recht par excellence verfasst sei, habe es doch auf der Ebene primärer Kriminalisierung „in Wirklichkeit je spezifische Adressaten. Das heißt, daß nur Gesellschaftsmitglieder in ganz spezifischen Situationen oder Positionen bestimmte Tatbestände verletzen können.“ (S. 246). Sie konstatiert, dass „der geschlechts­spezifische Charakter des Strafrechts viel zuverlässiger als ätiologische Theorien den geringen Anteil von Frauen an der Kriminalität [erklärt]“ (S. 248). Auf der Ebene der Rechtsanwendung, auch sekundäre Kriminalisierung, beschreibt sie „die weitgehende Nicht-Anwendung des Strafrechts gegenüber Männern, die Gewalt an Frauen und Kindern anwenden“, die so auffallend sei, dass sie besonders in ‚privaten‘ Bereichen als eine quasi-legale erlaubt werde (S. 243).

Ganz zum Ende des Sammelbandes und zum Ende ihres Schaffens fragte sie – auf einer von Gaby Temme und Christine Künzel organisierten Tagung – noch einmal grundsätzlich nach dem Sinn der Frage nach dem ‚Geschlecht‘ des Strafrechts (S. 355). In diesem Aufsatz entwirft Gerlinda Smaus das Bild einer symbolischen Ordnung, die alle gesellschaftlichen Institutionen einschließt und in deren Kern die Vergeschlechtlichung steht, die – logischer­weise – auch das Strafrecht selbst erfasst (S. 363 ff). Dabei vergisst sie nicht zu erwähnen, dass im Zentrum der Selektivität und der repressiven Wirkung des Strafrechts „Männer der Unterschicht, zumal solche mit dunkler Hautfarbe bzw. mit ‚Migrations­hintergrund‘“ stehen (S. 375) – und dass auch dies durch eine feministische Lupe zu sehen sei, die hegemoniale Männlichkeit, und nicht Männlichkeit schlechthin, ins Zentrum stellt (S. 374).

Diskussion

In dem Sammelband laufen sehr viele Stränge kriminologischer Theoriebildung zusammen: vom Abolitionismus über Labeling-Ansätze hin zu einer feministischen und, heute würde man sagen, queeren Kriminologie, wenn sich Gerlinda Smaus als eine der Ersten mit Geschlechter­identitäten im Gefängnis auseinandersetzt.

Fazit

Der Sammelband ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Er lässt miterleben, wie Positionen eingenommen, aber auch wieder geräumt werden, theoretische Überlegungen entwickelt, verfeinert, aktualisiert und fortlaufend weitergedacht werden. Wer sich für Kriminologie im Allgemeinen und für feministische Theoriebildung im Besonderen interessiert, findet hier viel Nachdenkliches und noch mehr Nachdenkenswertes.


Rezension von
Prof.Dr. Dagmar Oberlies
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich ‚Soziale Arbeit und Gesundheit‘
Homepage www.frankfurt-university.de/oberlies
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Zitiervorschlag
Dagmar Oberlies. Rezension vom 17.12.2021 zu: Johannes Feest, Brunilda Pali (Hrsg.): Gerlinda Smaus. "Ich bin ich": Beiträge zur feministischen Kriminologie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-31723-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28672.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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