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Alfred Janes, Karl Prammer: Kontextuelle Organisations­beratung

Cover Alfred Janes, Karl Prammer: Kontextuelle Organisationsberatung. Theorien, Methoden, Instrumente, Fallbeispiele aus der Wiener Schule. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 341 Seiten. ISBN 978-3-8497-0381-3. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR.

Reihe: Management.
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Autoren

Dr. Alfred Janes, Honorarprofessor, Geschäftsführer der Unternehmensberatungsfirma JANES CONSULTING, von 1995 bis 1997 Universitätsprofessor für Industriebetriebslehre und Innovationsmanagement an der Technischen Universität Graz, ist u.a. Lehrtrainer für Gruppendynamik sowie Lehrberater für systemische Organisationsberatung. Er lehrt an der Fachhochschule Burgenland und an der Estonian Business School in Tallinn.

Dr. phil. Karl Prammer, Privatdozent, Diplom-Ingenieur, Geschäftsführer der Unternehmensberatungsfirma PRAMMER BERATUNGS KG, ist u.a. Lehrender an der Fachhochschule Burgenland und Seniorresearcher an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er ist Mitglied in einem Wissenschaftsbeirat der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Thema

Im Buch werden Theorien, Methoden, Instrumente und Beispiele der Organisationsberatung vorgestellt, die der Tradition der Wiener Schule der Organisationsberatung entsprechen bzw. darauf aufbauen. Janes & Prammer verstehen ihr Werk als eine Art kanonisiertes Wissen über Organisationsberatung, welches auf ihrer gut 40-jährigen Erfahrung als Berater fußt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 341 Seite und ist in 5 Kapitel unterteilt. Es ist in der von Torsten Groth herausgegebenen Reihe Management/​Organisationsberatung erschienen, deren Hauptanliegen es ist, Leser*innen Konzepte an die Hand zu geben, „die auch im unübersichtlichen Terrain von Wirtschaft und Organisationen Orientierung ermöglichen und Handlungsfähigkeit sicherstellen“ (S. 2). Der Text beginnt mit einem Vorwort, in welchem die Autoren die Gründe für das Verfassen des Buches reflektieren und darlegen, was es bedeutet, Organisationen zu beraten. Sie konstatieren, dass kein kanonisiertes Wissen darüber existiere, was Organisationsberatung ist und was diese leisten solle. Als Grund dafür, dass dieses übergreifende Wissen kaum vorhanden sei, benennen die Autoren unter anderem den kompetitiven Beratungsberatung, auf dem unterschiedliche Unternehmensberatungen um Aufträge ringen. Ihr eigenes Vorgehen veranschaulichen Organisationsberater*innen dabei in erster Linie ihren Klient*innen gegenüber – und das auch nur insoweit, als es für die Auftragsbearbeitung zwingend nötig ist. Das Ziel der Autoren ist es, eine Übersicht an kanonischem Wissen über Organisationsberatung zu liefern, ohne dabei der Hybris anheimzufallen, „den gesellschaftlich akzeptierten und mit einiger Erwartungssicherheit ausgestatteten Beruf des Organisationsberaters zu erfinden“ (S. 13). Die Autoren, die beide selbst langjährige Erfahrung in der Organisationsberatung haben, erklären, dass sie sich dabei der Tradition der Wiener Schule der Organisationsberatung verpflichtet fühlen. Aus dieser heraus hätten sich wichtige berufliche Standards der Organisationsberatung entwickelt. Sie werden im Buch beschrieben. Das Ansinnen von Janes & Prammer ist, eine Konvergenz der systemischen Theoriekonzepte mit der Beratungspraxis in und von Organisationen zu vollziehen, wobei ihr Augenmerk insbesondere auf dem jeweiligen Kontext der Beratung liegt.

Im ersten Kapitel nehmen sich Janes & Prammer der Geschichte der Wiener Schule der Organisationsberatung an. Sie beleuchten deren Anfänge sowie die theoretischen Wurzeln und schildern, wie sich die Wiener Schule, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre etabliert habe, zunehmend ausdifferenziert hat. Aus zeitlich überdauernde Konstitutionsmerkmale dessen, was heute unter Wiener Schule verstanden wird, benennen die Autoren die Gruppendynamik, als deren wesentlicher „Vater“ Kurt Lewin gilt. In den 1970er- und 80er-Jahren sei die Wiener Schule dann inspiriert worden durch Konzepte der System- und Evolutionstheorie (zu nennen sind zum Beispiel Humberto Maturana & Francisco Varela), der Kommunikationswissenschaften (z.B. Paul Watzlawick), der Soziologie (z.B. Niklas Luhmann), des radikalen Konstruktivismus (z.B. Ernst von Glasersfeld) und der Kybernetik zweiter Ordnung (z.B. Heinz von Foerster). Ideen seien aufgegriffen und das theoretische Gebilde, das der praktischen Organisationsberatung zugrunde liegt, integriert worden (S. 19), schreiben die Autoren. Zudem seien Erfahrungen aus der Familientherapie um die Mailänder Gruppe (Mara Selvini u.a.) sowie Aussagen zur Prozessberatung und Unternehmenskultur (Edgar Schein) aufgearbeitet und „ins kollektive Wissen des Wiener Biotops eingewoben“ worden (S. 20). Es gäbe heute diverse Beratungsunternehmen mit eigenen Schwerpunkten und Ansätzen, die sich als Vertreter*innen der Wiener Schule der Organisationsberatung begreifen, schildern Janes & Prammer. Was sie – bei aller Unterschiedlichkeit – eine, sei „ein systemischer Ansatz sowie die Offenheit des Beratungsvorgehens und der zum Einsatz gelangenden Methoden bzw. Instrumente bezüglich spezifischer Auftrags- und Klientenkontexte“ (ebd.).

Im zweiten Kapitel thematisieren die Autoren die Know-how-Entwicklung in der professionellen Beratung. Sie erläutern, was professionelle Beratung auszeichnet und wie sich das professionsrelevante Wissen und der der Habitus der Beratenden im Laufe der Zeit entwickeln. Dieser Entwicklungsprozess gestaltet sich ihnen zufolge in drei Phasen, die sich mit (1) Prägung, (2) Optimierung und (3) Innovation überschreiben lassen. „Berater sind dann am wirkungsvollsten, wenn sie dieses Spiel zwischen Distanz und Nähe so professionalisieren, dass ein unvoreingenommener externer Blick bei der Mitarbeit an internen Lösungen erhalten bleiben kann. Wie aber entsteht dieser?“ (S. 25) – so lautet die erkenntnisleitende Frage, die das Kapitel durchzieht. Die Antworten darauf fallen prägnant aus und werden mit manchen Schaubildern untermauert.

Im dritten Kapitel fokussieren Janes & Prammer Organisationen in der Organisationsberatung. Sie definieren, was mit Organisation(en) gemeint ist, schildern Besonderheiten und Implikationen der Organisationssprache und reflektieren, wie Organisationsberater*innen Organisationen sehen, wie sie mit diesen kommunizieren und wie sie über diese sprechen. Die Autoren nehmen hier die formale und informelle Organisation in den Fokus und gehen auf Paradoxien des Organisierens ein. Sie rekurrieren zudem auf die Bedeutung und Wirkmacht der Organisationskultur, die bei Beratungsaufträgen stets mitgedacht werden müsse und nicht zu unterschätzen sei. Die Frage, der sich Janes & Prammer schließlich annehmen, ist, wie sich Organisationen als Gegenstand von Organisationsberatung konzeptualisieren lassen. Sie beantworten diese Frage damit, dass man sich zunächst darüber im Klaren sein müssen, wie Entscheidungen in Organisationen getroffen werden. Entscheidungen, die das Resultat von Kommunikation sind, sind schließlich die „Materie“, aus der Organisationen entstehen. Folgerichtig schildern die Autoren, was es mit entscheidbaren und unentscheidbaren Entscheidungsprämissen auf sich hat. Des Weiteren gehen die Autoren auf das Thema Hierarchie ein. Im Kontext „moderner“ Konzepte der Organisationsentwicklung hin zu „Holokratie“ und „New Work“ wird diese vor allem in Sozialorganisationen, aber zunehmend auch in Wirtschaftsunternehmen, kontrovers(er) diskutiert, als das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war.

Im vierten Kapitel thematisieren die Autoren die Methodik der Wiener Schule der Organisationsberatung. Sie legen die konzeptionellen Grundlagen des Ansatzes dar und nehmen eine historische Rückschau auf bedeutsame Entwicklungsprozesse in der Organisationsberatung vor. Sie schildern Entwicklungen und rekurrieren auf die Werke wirkmächtiger Personen in den 1950er-Jahren (z.B. Peter Drucker), 1980er-Jahren (z.B. William Deming, Thomas Peters und Robert Waterman) sowie 1990er-Jahren (z.B. James Womak, Robert Kaplan und John Kotter). Auch gehen Janes & Prammer auf die Entzauberung der Organisationsberatung ein, die in Wirtschaftskrisen und insbesondere beim Platzen der Dotcom-Blase Anfang der 2000er-Jahre erfolgte (Anmerkung des Rezensenten: Diesbezüglich ist Leser*innen, die an einem kritischen Blick auf Unternehmensberatung interessiert sind, vor allem Thomas Leifs Buch Beraten und verkauft (2006) sowie Viktor Laus Spinner im Nadelstreifen (2013) zu empfehlen). Einen weiteren Schwerpunkt des Kapitels stellen die Darlegungen zum Wesen der kontextuellen Organisationsberatung dar, mit der die Autoren ihr Buch tituliert haben. Als Rahmen kontextueller Organisationsberatung definieren sie fünf Eckpfeiler: (1) Kontextbezogenheit, (2) pragmatische Definition von Beteiligungsräumen, (3) pluralistische Kooperationsverträge, (4) Allparteilichkeit und (5) strukturelle Eigenständigkeit. Janes & Prammer erklären, was unter den genannten Eckpfeilern zu verstehen ist und warum sie für erfolgreiche Beratung essenziell sind.

Im letzten Kapitelabschnitt stellen die Autoren sieben Parameter zur kontextuellen Gestaltung von Architekturen, Designs und Interventionen in Organisationen vor, die jeweils einen anderen Fokus abdecken. Die Parameter, welche Janes & Prammer im Beratersystem selbst verortet sehen, sind die Gestaltung eines Ordnungsrahmens, die Positionierung auf der Beratungsfeldmatrix sowie die Kooperation von Beratungssystemen. Letzteres ist bedeutsam, weil es ja durchaus komplexe Beratungsprojekte gibt, bei denen Berater*innen aus unterschiedlichen Branchen mit divergenten Schwerpunkten für eine Organisation tätig sind. Als weiteren Fokusbereich benennen die Autoren die Beratungshabitate und Marken (Standards). Was sie darunter verstehen, erklären sie so: „Beratungsstandards reduzieren die in der praktischen Beratungsarbeit zu handhabende Komplexität. Damit entlasten sie die handelnden Personen“ und schaffen ein „trittfestes Fundament“ (S. 215). „Je mehr sich Beratersystem und Klientensystem in einem Feld von Habitatzugehörigkeit und Markenzuschreibung bewegen, desto mehr entwickelt sich ein wechselseitig bekanntes und bewährtes »Geländer« für prozessuales und lösungsfokussiertes Handeln“, schreiben die Autoren (ebd.). Einen weiteren bedeutsamen Fokus legen sie auf die kommunikative Dynamik, die Beteiligung der Betroffenen im Beratungsprozess und auf das Ausmaß an Freiheit zur Gestaltung des Beratungsprozesses, welches bedeutsam darauf einwirkt, wie kontextuell die Beratung vollzogen werden kann. Janes & Prammer nehmen eine differenzierte Unterteilung der genannten Foki vor und schildern, wie Organisationsberatung abläuft, was dabei alles bedacht werden muss und welche Hürden es geben kann. Die methodischen Grundlagen werden dabei ebenso benannt wie die Bedeutung der jeweiligen Arbeitskontexte.

Nachdem auf den vorangestellten 200 Seiten viel theoretischer Input gegeben wurde, erfolgte im fünften und letzten Kapitel schließlich ein genuin praktischer Teil, in welchem fünf Fallbeispiele für die konkrete Organisationsberatungsarbeit vorgestellt und kontextualisiert werden. Die Beispiele decken unterschiedliche Rollen ab, in die erfahrene Organisationsberater*innen je nach Bedarf und Kontext schlüpfen können und müssen nämlich…

  • …Berater*innen als Transformator*innen
  • …Berater*innen als Servicetechniker*innen
  • …Berater*innen als Know-how-Zulieferer
  • …Berater*innen als Agent*innen der Geschäftsleitung und
  • …Berater*innen als erfahrene Gesprächspartner*innen.

Bei jedem der im Buch vorgestellten Beratungsfälle werden zunächst die Ausgangssituation und der Einstieg in den Beratungsprozess, dann die Realisierung des Beratungsvorhabens sowie die Darlegung dessen vorgenommen, was nach der beraterischen Intervention in der jeweiligen Institution geschehen ist, ob die Beratung also nachhaltig war. Die Darstellung der 5 Beratungsfälle schließt jeweils mit einer Reflexion der Autoren ab. Sie schildern, wie sie ihr Vorgehen in der Rückschau begründen und warum sie den jeweiligen Beratungsfall als Beispiel für kontextuelle Organisationsberatung in diesem Buch gewählt haben. In Folge dessen, dass die Beispiele aus so unterschiedlichen Bereichen (öffentliche Verwaltung, Konzernwirtschaft, Familienunternehmen und Gesundheitswirtschaft) stammen, ist es wahrscheinlich, dass das Gros der Leser*innen zumindest zu einem der Fälle Anschluss an die Darlegungen finden dürfte.

Zu guter Letzt reflektieren Janes & Prammer in einem Nachwort zusammenfassend nochmals, was und wen sie mit der Publikation ihres Buches erreichen wollen. „Durch die Bereitstellung theoretischer und praktischer Grundlagen, begrifflicher, methodischer und instrumenteller Standards sowie ausführlicher Hinweise zu derer konkreten Anwendung will dieses Buch einen Beitrag zur Professionalisierung des Dialogs zu relevanten Themen der Organisationsberatung und zur konkreten Organisationsberatung im Feld leisten“, postulieren die Autoren (S. 325). Sie hätten das Spannungsverhältnis „zwischen organisatorischen Artefakten, Organigrammen, Prozesslandkarten, Programmen etc.“ im Buch dargestellt und den Rahmen benannt, „in dem sich das Ausmaß an Handlungsfreiheit für das operative, taktische und strategische Handeln der Organisationsmitglieder“ eröffne, erklären Janes & Prammer (S. 325 f.). Ebenfalls heben sie hervor, dass vieles, was im Feld von Relevanz sein könne, in ihrem Buch unbeleuchtet bliebe und dass der Auswahlentscheidung dessen, was im Text wie präsentiert wurde, immer ein gewisses Maß an Kontingenz zukomme, da beim Vorstellen von Fakten, Themen und Fällen eben auch anders hätte vorgegangen werden können. Summa summarum erachten die Autoren ihr Werk als Ausschnitt komplexer, sich stets weiter entwickelnder Realität(en). Da Kontexte sich ändern können, müsse Organisationsberatung darauf entsprechend reagieren. Wie das gehen kann, wollen die Autoren mit ihrem Buch aufzeigen. Im weiten Feld der Organisationsberatung sei allerdings noch einiges zu nennen, was angegangen werden müsse, um einheitliche Qualitätsstandards zu setzen und in der Praxis zu leben, sind Janes & Prammer überzeugt. „Es bleibt noch viel zu tun…“ lautet denn auch der letzte Satz ihres Buches, der als Analyseergebnis ebenso verstanden werden kann wie als Handlungsimperativ für andere Organisationsberater*innen sowie ggf. auch für den Gesetzgeber, denn zumindest in Deutschland existieren keine rechtlich kodifizierten Vorgaben dessen, wer sich Organisationsberater*in nennen darf. Das öffnet Beliebigkeit Tür und Tor, was der Etablierung einheitlicher Qualitätsstandards nicht zuträglich ist.

Diskussion

Was lässt sich zum Buch Kontextuelle Organisationsberatung aus Sicht des Rezensenten nun festhalten? Ist das Werk verständlich geschrieben? Für wen ist es geschrieben? Wie ist es im Fachdiskurs zu verorten? Gibt es Kritikpunkte? Und ist das Werk insgesamt zu empfehlen? Diese Fragen kann der Rezensent wie folgt beantworten:

Verständlichkeit: Was das Layout, die Aufteilung der Kapitel und die Schriftgröße angeht, ist das Buch angenehm zu lesen und logisch aufgebaut. Auch die diversen Schaubilder im Text, die dem Verständnis der Darlegungen dienlich sind, sind durchweg sehr gut erkennbar und ansprechend gestaltet. Leser*innen, die bereits Vorerfahrung haben, sollten sich im Text schnell zurechtfinden. Für Menschen, die noch keinerlei Erfahrung mit Organisationsberatung und mit Systemtheorie haben, können manche Darlegungen indes schwer zugänglich sein. Dies allerdings liegt in der Natur der Sache, da Organisationsberatung eben ein komplexes Thema ist, das nicht beliebig vereinfacht werden kann. Beispielhaft sind hier etwa die Darlegungen zum „Transformationsmanagement“ (S. 74 f.), zu „Snowdens Cynefin-Complexity Framework“ (S. 82) oder auch der Diskurs zur „Formensprache Spencer-Browns“ (S. 117) zu nennen. Den Schilderungen der Autoren zu diesen Punkten zu folgen und sie wirklich zu verstehen, setzt Vorwissen voraus. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass die Darlegungen zu den entscheidbaren und unentscheidbaren Entscheidungsprämissen im Buch von Janes & Prammer deutlich einfacher zu verstehen sind, als das in Niklas Luhmanns Referenzwerk Organisation und Entscheidung (2005) der Fall ist. Letzteres ist ohne organisationssoziologische Vorkenntnisse kaum verständlich, den Darlegungen zu dem letztgenannten Punkt (und zu diversen anderen Punkten) von Janes & Prammer hingegen können auch Laien folgen.

Was auf manche Leser*innen, die mit Habitus von Organisationsberater*innen nicht vertraut sind, gegebenenfalls etwas befremdlich wirken kann, sind allerdings die Anglizismen im Buch. Wirklich negativ anzukreiden ist das den Autoren indes nicht, denn die Wortwahl im Text ist für ein Werk über Organisationsberatung nicht untypisch. Organisationsberater*innen, die sich neudeutsch gerne Consultants nennen, bedienen sich (wie Fachkräfte in anderen Branchen auch) eben einer bestimmten Consulting-Sprache. Diese strotzt oft vor Anglizismen, da diverse Methoden, Techniken und Theorien der Organisationsberatung, die im deutschsprachigen Raum verbreitet sind und z.B. auch in der Wiener Schule weitergedacht wurden, aus dem angloamerikanischen Raum stammen. Da vornehmlich andere Organisationsberater*innen die Zielgruppe der Autoren sein dürften, ist es folgerichtig, dass sie sich deren Sprachduktus bedienen.

Zielgruppe: Wie geschildert dürfte die primäre Zielgruppe aus Organisationsberater*innen bestehen. Aber auch Studierende und Lehrende an Hochschulen, die sich in den Wirtschafts-, Organisations- oder Sozialwissenschaften mit dem Thema Organisationsberatung befassen, zählen zur Gruppe jener, welche die Autoren ansprechen. Wenig erfahrene Organisationsberater*innen profitieren vor allem von den Fallbeispielen, in denen Janes & Prammer zeigen, wie vielfältig und offen für kontextuell probate Adaption die Umsetzung von Organisationsberatung auf Basis der Grundlagen der Wiener Schule ist.

Verortung im Fachdiskurs: Der Text von Janes & Prammer reiht sich ein in einen umfassenden Reigen von Hunderten Büchern, die bereits zur Organisationsberatung erschienen sind. Weil das so ist, kann der Rezensent die Darlegungen der Autoren, dass keinerlei professionelle Standards der Organisationsberatung existieren, weshalb es geboten wäre, diese nun festzulegen, denn auch nicht so ganz nachvollziehen. Es ist zwar wie schon geschrieben, korrekt, dass es zumindest in Deutschland keine rechtlichen Standards der Organisationsberatung gibt, professionsimmanente Must-have-Standards haben – wenn auch nicht bindend, – aber schon einige Autoren aufgezeigt. Im deutschsprachigen Raum sind Astrid und Georg Schreyögg, Christel Niedereichholz, Dirk Lippold, Roswita Königswieser und Rudolf Wimmer als einige Beispiele dafür zu nennen. Dass das Werk von Janes & Prammer nichtsdestotrotz lesenswert auch für Personen ist, die bereits diverse andere Bücher zur Organisationsberatung gelesen haben, liegt daran, dass die beiden Autoren die Spezifika der Wiener Schule der Organisationsberatung nachvollziehbar und fundiert auf den Punkt bringen. Sie zeichnen deren Entwicklungsschritte nach und machen deutlich, wie Standards in der professionellen Organisationsberatung auf Basis der Wiener Schule aussehen können. Schon das macht das Buch lesenswert.

Kritikpunkte: Abgesehen von dem, was bereits geschildert wurde, kann der Rezensent keinen Kritikpunkt ausmachen. Es gibt im Grunde nichts zu beanstanden, außer vielleicht, dass der Titel des Buches dem Rezensenten, der selbst Organisationen berät, insofern tautologisch vorkommt, als Organisationsberatung immer kontextuell sein muss, um erfolgreich zu sei. Dass Janes & Prammer das kontextuelle Moment im Buchtitel explizit gewählt haben, kann natürlich daran liegen, dass sie die hohe Bedeutung des Kontextes für das Gelingen der Beratung hervorheben wollen. Es kann aber auch schlichtweg der Tatsache geschuldet sein, dass bereits diverse Bücher auf dem Markt sind, die mit Organisationsberatung tituliert sind. Die Wahl dieses Titels hätte es schwerer gemacht, das Alleinstellungsmerkmal des Textes hervorzuheben. Ein einziger Punkt, der eventuell als „kritikwürdig“ angesehen werden kann, ist nicht inhaltlicher, sondern preisgestalterischer Natur, denn der Preis des Buches ist mit 59,00 Euro doch ziemlich happig. Für Studierende ist das kaum erschwinglich. Der hohe Preis dürfte daraus resultieren, dass die Auflage des Buches recht klein ist. Das wiederum zeigt, dass die Zielgruppe des Textes primär andere Organisationsberater*innen sind. Wenn diese einigermaßen gut im Geschäft sind, dürfte sie ein Preis von 59,00 Euro kaum abschrecken.

Nutzen: Der Nutzen des Buches ist, dass es im Wesentlichen drei Dinge liefert. Zu nennen sind erstens die beratungsfokussierten, anwendungsorientierte Theorien, die helfen, beratungsrelevante Phänomene in Organisationen besser zu beobachten, zu beschreiben und zu verstehen. Das ist für die Erarbeitung von Handlungsstrategien im Umgang mit diesen Phänomenen essenziell. Zweitens liefert der Text praktische Methoden und Instrumente, mit deren Hilfe die Realisierung der Beratungsaufgaben anlass- und auftragsbezogen, d.h. kontextuell passend angegangen werden kann. Drittens finden sich im Text Fallbeispiele, in denen die zuvor dargestellten Methoden und Instrumente in Aktion dargestellt werden, was die Umsetzung der Wiener Schule der Organisationsberatung auch für jene Leser*innen erfahrbar macht, die damit bisher wenig oder gar nicht vertraut sind. Aufgrund der genannten Punkte ergibt sich ein potenzieller Nutzen (1) für Organisationsberater*innen, die sich aus dem Text Inspiration ziehen und ggf. ihren Methodenkoffer erweitern wollen, (2) für Lehrende an Hochschulen und in Weiterbildungseinrichtungen, die das Thema Organisationsberatung ihren Studierenden näherbringen wollen sowie (3) für Studierende, die sich für die Thematik interessieren, weil sie nach dem Studium ggf. selbst einmal als Organisationsberater*innen tätig werden möchten.

Fazit

Alfred Janes & Karl Prammer legen mit Kontextuelle Organisationsberatung ein informationsreiches, gut geschriebenes Werk vor. Sieht man von der ausgiebigen Nutzung systemtheoretischer Fachtermini ab, mit denen nicht alle Leser*innen vertraut sein dürften, gelingt es den Autoren gut, die Spezifika der Organisationsberatung wissenschaftlich fundiert zu vermitteln, ohne an Praxisbezug einzubüßen. Das Buch eignet sich als Nachschlagewerk für Organisationsberater*innen ebenso wie als Impulsgeber für Studierende und Dozent*innen, die sich in Hochschulseminaren mit Organisationsberatung befassen.


Rezension von
Dr. phil. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Organisationspädagoge M. A., Systemischer Berater (DGSF), Case Manager im Gesundheits- und Sozialwesen (DGCC), zertifizierter Mediator, arbeitet als Organisationsberater, Coach und Konfliktmanager.
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 27.09.2021 zu: Alfred Janes, Karl Prammer: Kontextuelle Organisationsberatung. Theorien, Methoden, Instrumente, Fallbeispiele aus der Wiener Schule. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0381-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28673.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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