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Peter Mattmann-Allamand: Deglobalisierung

Cover Peter Mattmann-Allamand: Deglobalisierung. Ein ökologisch-demokratischer Ausweg aus der Krise. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2021. 272 Seiten. ISBN 978-3-85371-489-8. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR.
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Global denken – lokal handeln

Die Metapher bedarf der Nachschau! Der Marker „Global“ will ja einerseits zum Ausdruck bringen, dass der anthrôpos, der Mensch, kraft seiner Existenz und Individualität zur Menschheit gehört und nach der „globalen Ethik“ aufgefordert ist anzuerkennen, dass die allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948). Globalisierung schafft einerseits freie, konsumtive, physische und psychische Zugänge zu Waren und Wegen; andererseits bewirken ökonomische und innovative, globale Aktivitäten Ungerechtigkeiten (Nicola Liebert u.a., Die Globalisierungsmacher. Konzerne, Netzwerke, Abgehängte, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/8775.php). Gleichzeitig werden mit dem Begriff „Lokal“ unterschiedliche, positive und negative Wirkungen ausgedrückt: Lokales Denken und Handeln kann konservativ, rückwärtsgewandt, hierarchisch und populistisch, wie auch identitätsbildend, stabilisierend und fortschrittlich sein (vgl. dazu: Jos Schnurer, 30. 5. 2021, https://www.sozial.de/objektivitaet-und-subjektivitaet.html).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Welt entwickelt sich immer interdependenter und entgrenzender. Der Spagat zwischen „Globalisierung“ als Öffnung und Freizügigkeit und „Globalismus“ als Machthäufung und -missbrauch ruft Kritik hervor (Gerhard Hauck, Globale Vergesellschaftung und koloniale Differenz, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​13526.php). Der Schweizer Mediziner und Menschenrechtsaktivist Peter Mattmann-Allamand setzt sich für einen grundlegenden Perspektivenwechsel ein bei der Frage: Wie kann es gelingen, dass sich quantitatives, ökonomisches Wachstumsdenken und -handeln hin zu qualitative, erdbewusste und lokale Überzeugungen verändert? Deglobalisierung als individuelle und kollektive Lebensperspektive! Es sind die Besorgtheiten und Widerstände gegen die Krisen, die sich durch die globale Entwicklung gebildet haben und dem Autor ausrufen lassen: „Die Welt taumelt von Krise zu Krise“. Es sind die globalen Finanz-, Wirtschafts-, Schulden-, Konsum-, Energie-, Verkehrs-, Klima- und Machtkrisen, die in zunehmendem Maße Ungerechtigkeiten in die Welt bringen: Die Habenichtse werden ärmer, die Begüterten reicher!

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der der Autor den Zweischritt bemüht, dass einerseits ein individuelles, ökologisches Bewusstsein notwendig ist, den eigenen ökologischen Fußabdruck verantwortlich und wissend zu vollziehen; andererseits ein grundlegender, lokaler und globaler Systemwechsel des homo oeconomicus und zôon politikon notwendig ist, gliedert er die Studie in drei Teile:

Im ersten Teil geht es um die Auseinandersetzungen damit, wie sich in der Moderne der globale Gedanke entwickelt hat und zur Globalisierung wurde: Präglobalisierung. Es sind philosophische, soziologische, anthropologische, theoretische und praktische Denkprozesse, die gewissermaßen Maßstäbe für eine Bestandsaufnahme der Welt und des Menschseins bilden. Dabei kommen Themen ins Spiel, die mit der Urfrage – „Wer bin ich?“ – beginnen und bis in die Alltagssituationen reichen: „Wie geht der Mensch mit der Natur um?“ – „Müssen wir alles haben, was wir brauchen?“ – „Kennen und schätzen wir demokratische Freiheiten“ – „Was macht Corona mit uns?“ – „Was ist Fortschritt?“… Es ist ein Plädoyer für die Aktivitäten und Nachlässe, wie sie in der 68er-Bewegung entstanden sind (aus der der Autor kommt) und erinnert werden sollen ( siehe dazu auch: Bruno Heidlberger, Wohin geht unsere offene Gesellschaft – „1968“ – sein Erbe und seine Feinde, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26116.php ). Und es ist die Programmatik und Aufforderung, den demokratischen, ethischen Gedanken der Emanzipation zu verwirklichen und den Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Im zweiten Teil schlüsselt der Autor die Frage auf: „Was ist Globalisierung?“. Er differenziert die globale Entwicklung und verweist auf Interpretationen; etwa, indem er die von Ulrich Beck in seiner Globalisierungsanalyse benutzte Begriffserklärung anführt: „Prozesse, in deren Folge die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch transnationale Akteure, ihre Machtchancen, Orientierungen und Netzwerke unterlaufen und querverbunden werden“. Als „Globalität“ bezeichnet er „die Tatsache, dass wir längst in einer Weltgesellschaft leben und die Vorstellung geschlossener Räume fiktiv ist“. Mit „Globalismus“ wird benannt, dass „die neoliberale, ökonomistisch verkürzte Ideologie der Weltmarktherrschaft“ vorherrscht. Es sind ökonomische und zivilisatorische Entwicklungen, die in der Moderne Strukturen schufen, die sich in den „globalen Irrwegen“ zeigen: Zentralisierung – Hierarchisierung – Ausbeutung.

Mit dem dritten Teil stellt der Autor die Gretchenfrage: Globaler Kapitalismus oder Deglobalisierung? Sein Plädoyer ist unpolitisch und politisch zugleich: Es ist ein Aufruf, dass alle diejenigen, die sich für eine humane, menschenwürdige, gleichberechtigte (Eine) Welt einsetzen, zusammenkommen und sich vernetzen mögen, unabhängig von ihren (partei-)politischen Präferenzen. Es ist die Hoffnung, dass demokratische, freiheitliche, solidarische und emanzipatorische Einstellungen die lokal- und globalgesellschaftlichen Links-Rechts-Schemata durchbrechen.

Diskussion

Die Vision „Deglobalisierung“ freilich ist kein Selbstläufer, aber auch kein Wolkenkuckucksheim. Schon gar nicht müssen wir uns nicht wieder auf die Bäume zurückhangeln, wenn wir gegen die Missstände und Fehlentwicklungen der Globalisierung vorgehen wollen. Vielmehr kommt es darauf an, sich der Risikofallen bewusst zu sein (Hans Mathias Kepplinger, Risikofallen – und wie man sie vermeidet, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​28810.php), und zu erkennen, dass der Mensch ein evolutionäres Lebewesen ist (Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27385.php).

Fazit

„Deglobalisierung“ als ein ökologisch-demokratischer Ausweg aus den globalen Krisen, das klingt wie eine Illusion oder Fiktion. Ein Ziel, das nicht zu verwirklichen ist, weil es die „eierlegende Wolfsmilchsau“ nicht gibt. Peter Mattmann-Allamand argumentiert umfassend und mit Beispielen belegend, dass ein Perspektivenwechsel hin zum lokalen, regenerativen, nachhaltigen Denken und Handeln lohnend und notwendig ist. Er erinnert mit seiner Denke an seinen Schweizer Eidgenossen Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004), der Veränderungsbewusstsein und -kompetenz als „positive Subversion“ bezeichnet hat und in seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) mit dem aus der Berner Mundart (Kurt Marti) übersetztem Spruch ermuntert:

Wo kämen wir hin

wenn alle sagten

wo kämen wir hin

und niemand ginge

um einmal zu schauen

wohin man käme

wenn man ginge.

Peter Mattmann-Allamand will mit seinem Buch „besorgte BürgerInnen aller politischen Couleurs“ ansprechen. Dass er damit nicht Rechtsradikale, Realitätsleugner, Populisten und Querdenker meint, wird deutlich!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.10.2021 zu: Peter Mattmann-Allamand: Deglobalisierung. Ein ökologisch-demokratischer Ausweg aus der Krise. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2021. ISBN 978-3-85371-489-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28677.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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