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Matthias Laub: Der inneren Existenz Raum geben

Cover Matthias Laub: Der inneren Existenz Raum geben. Partizipation von Menschen mit psychischer Behinderung in Prozessen örtlicher Teilhabeplanung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 238 Seiten. ISBN 978-3-7799-6419-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) im Jahr 2009 haben sich Bund, Länder und auch Kommunen auf den Weg gemacht, die Umsetzung der UN-BRK in den Blick zu nehmen. Auf Ebene der Kommunen (Landkreise, kreisfreie Städte, kreisangehörige Städte und Gemeinden) bilden häufig sogenannte Örtliche Teilhabeplanungen den Rahmen für solche Aktivitäten. Die Partizipation von Menschen mit Behinderung an diesen Aktivitäten ist durch die UN-BRK explizit geboten (vgl. Art. 4, Abs. 3 UN-BRK).

Die im rezensierten Werk dokumentierte Forschung nimmt ihren Ausgangspunkt in der Beobachtung, dass in Örtlichen Teilhabplanungen und den sie umgebenden Prozessen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen „und die sie betreffenden Barrieren kaum sichtbar werden, obwohl die Sozialpsychiatrie nicht nur eine besondere partizipative Tradition aufweist, sondern häufig auch die Voraussetzungen für den Einbezug einer gut organisierten Interessenvertretung gegeben wären“ (S. 5).

Die qualitativ-rekonstruktive, sinnverstehende Untersuchung im Forschungsstil der Grounded Theory zielt darauf, „ein empirisch evidentes Theoriemodell zu dem Partizipationsgeschehen und -handeln zu entwickeln, das im Kontext einer Örtlichen Teilhabeplanung zur kommunalen Umsetzung der UN-BRK stattfindet“ (S. 200). Konkret fragt sie

  • woran solche Partizipationsprozesse scheitern,
  • welche Sinnstrukturen dem Partizipationshandeln der Beteiligten zugrunde liegen und
  • wie die Örtliche Teilhabplanung als wirkungsvolle Handlungsstrategie zur Umsetzung der UN-BRK gelingen kann (vgl. S. 5).

Autor und Entstehungshintergrund

Matthias Laub ist Sozialpädagoge und war mehr als zwei Jahrzehnte in der Sozialen Arbeit mit psychisch erkrankten und suchtkranken Menschen tätig. Sein Werdegang führte ihn von einer Sozialtherapeutischen Wohngruppe über einen Sozialpädagogischen Fachdienst für Psychiatrie und Suchthilfe zur Regionalen Koordination für Psychiatrie und Suchthilfe. Zuletzt verantwortete er die Münchner Hilfenetzwerke für Kinder und ihre suchtkranken oder psychisch erkrankten Eltern. Zudem lehrte er an verschiedenen Hochschulen für Soziale Arbeit.

Mittlerweile ist er Professor für die Lehrgebiete Wissenschaft Soziale Arbeit und Sozialarbeitsforschung an der Hochschule Landshut. Dort zählen u.a. Inklusion und Partizipation, Mental Health und Sozialarbeitsforschung mit dem Fokus auf qualitativ-rekonstruktive Verfahren zu seinen Arbeitsschwerpunkten.

Das vorliegende Werk ist als Dissertationsschrift mit dem Titel „Der inneren Existenz Raum geben. Partizipation der Menschen mit psychischer Behinderung in Prozessen der Örtlichen Teilhabeplanung als Handlungsstrategie zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention“ angenommen worden.

Aufbau und Inhalt

Das Werk ist, inklusive der Einleitung, dem Literaturverzeichnis und einem Anhang, in acht Kapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. Den Hauptteilen des Werkes ist eine Zusammenfassung, ein Abstract in englischer Sprache und Danksagungen vorangestellt; ebenso wie eine Textpassage aus einem Poetry Slam von Corina Barthel zum Thema Psychische Gesundheit.

Die Gliederung folgt der klassischen Aufbaustruktur empirischer Forschungsarbeiten. Die Kapitelüberschriften lassen guten Rückschluss darauf zu, womit sich das jeweilige Kapitel wohl befasst. Die Kapitel sind sinnvoll entweder thematisch-inhaltlich oder sinngehaltlich-zusammenfassend bezeichnet oder mit Metaebenenbezeichnungen versehen.

Über den Verlauf der Darlegungen bis zum Fazit werden mehrere Zusammenfassungen der Inhalte angeboten.

In Kapitel 1 „Einleitung“ bettet der Autor den Ausgangpunkt der Studie in den aktuellen Kontext zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf kommunaler Ebene ein, reißt das der Studie zugrundeliegende Problem auf, klärt Fragestellung und Zielsetzung (Kap. 1.1) gibt eine Vorschau auf Vorgehen und Aufbau der Arbeit (Kap. 1.2) und begründet zuletzt die Verwendung der Begriffe „psychische Erkrankung bzw. Behinderung“ und „Örtliche Teilhabeplanung bzw. Aktionspläne“ sowie die Verwendung geschlechtersensibler, diversitätsorientierter Sprache.

Im Kapitel kommt zum Ausdruck, dass die Bemühungen um die Verwirklichung von Inklusion auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nicht die gleiche Entschlossenheit und Veränderungsbereitschaft erfahren haben, wie sie bei der Ratifizierung der UN-BRK vor rund zehn Jahren eingefordert wurden (vgl. S. 18). Auf kommunaler Ebene – „dort, wo tatsächlich Einfluss zu nehmen ist auf die Beseitigung der Barrieren in unserer Umwelt“ (ebd.) – sei es besonders eindrucksvoll und mit besonderer Dynamik gelungen, Wege zu finden und zu gehen. Aufgefallen sei dem Autor beim Studium verschiedenster Aktionspläne jedoch: „so sehr diesen Plänen der Geist einer inklusiven Gesellschaft zu entnehmen war, so wenig war in nahezu allen Fällen darin über die Belange der Menschen mit einer psychischen Behinderung, geschweige denn einer Suchterkrankung, zu lesen“ (ebd.). Kritik an der schwer nachvollziehbaren und noch verbesserungswürdigen Beteiligung von Menschen mit Behinderung, insbesondere besonders stigmatisierten Gruppen, an Aktivitäten zur Umsetzung der UN-BRK gebe es auch von der Deutschen Monitoringstelle zur Umsetzung der UN-BRK beim Deutschen Institut für Menschenrechte (vgl. S. 20).

Die Frage nach der mangelnden Wahrnehmbarkeit der Menschen mit einer psychischen Behinderung in den Aktionsplänen bilde also die Grundlage für die im Werk dokumentierte Studie, die zum Ziel hatte, „eine gegenstandsverankerte Theorie zu dem Partizipationshandeln zu entwickeln, das der Örtlichen Teilhabeplanung zugrunde liegt und sich auf den beschriebenen Personenkreis bezieht“ (S. 21). Zum Gegenstand der Untersuchung sollte nicht gemacht werden, „wie sich die Partizipation der Menschen mit psychischer Behinderung […] zeigt, sondern welche tragenden Gerüste dieses Geschehen und das damit verbundene Handeln hat“ (S. 21, Herv. i. O.).

Da sich im Verlauf des Forschungsvorhabens gezeigt habe, dass der wissenschaftliche Datenbestand und die Aktionspläne selbst kaum Hinweise auf den Untersuchungsgegenstand und zu den sich abzeichnenden Phänomenen brachten, habe eine Anpassung des methodischen Vorgehens stattgefunden: vom hypothesenprüfenden Verfahren zum iterativ-zirkulären und rekursiven Vorgehen zur Entdeckung neuer und unbekannter Phänomene und Sinnzusammenhänge (vgl. S. 21 f.).

Kapitel 2 widmet sich in drei Teilkapiteln mit jeweils weiteren Unterkapiteln der Personengruppe der „Psychisch erkrankte[n] Menschen im aktuellen Inklusionsdiskurs“. Laub stellt den Unterkapiteln eine Abwägung zu der Frage voran, inwiefern der Einbezug von Theoriewissen angesichts der Anwendung der Grounded Theory Methodologie angezeigt ist. Ausgehend von der Annahme, „dass keine Form des hermeneutischen Verstehens frei von Vorwissen sein kann“ (S. 26), befürwortet er den Gang des von Suddaby (2006) vorgeschlagenen Mittelwegs, der der forschenden Person abverlangt, sich ständig daran zu erinnern, dass Beobachtungen davon abhängig sind, wer die forschende Person ist und was sie hofft, zu sehen. Der vom Autor als für die Studie relevant erscheinende Forschungsstand hätte zum einen „zur theoretischen Sensibilisierung im Umgang mit den empirischen Daten beigetragen“ (S. 27). Zum anderen stellten die dargelegten Themenkomplexe diejenigen Bezugspunkte dar, an die die Diskussion der Ergebnisse am Ende anknüpften (vgl. ebd.).

Zentral erscheinen folgende Aspekte:

Kap. 2.1 „Menschen mit einer psychischen Behinderung“

  • Die schwer fassbare Natur der Psyche verursache eine mangelhafte Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Inklusion für die Menschen mit einer psychischen Behinderung.
  • Die umwelt- und einstellungsbedingten Barrieren, durch die Menschen mit psychischen Erkrankungen im Sozialraum/in der Kommune behindert werden, stünden nicht im Fokus von Wissenschaft und Praxis. (vgl. S. 51 f.)

Kap. 2.2 „Inklusion der Menschen mit Behinderung“

  • Die Zusammenführung der unterschiedlichen Diskurslinien rund um Inklusion bedürfe eines transdisziplinären, paradigmatischen Rahmens.
  • Das systemische Paradigma der Sozialen Arbeit lasse sich als Möglichkeit verstehen, die unterschiedlichen Diskurslinien zu einem sowohl gesellschafts-, als auch subjektbezogenen und durch Menschenrechte wertegeleiteten und normierten Verständnis von Inklusion zusammenzuführen.
  • Unter der Perspektive, dass es der Ausstattung mit Ressourcen bedarf um an der Aushandlung normativer Regelungen zu partizipieren, könne Inklusion als Kontinuum verstanden werden, wenn eine solche Partizipation die Befriedigung individueller Bedürfnisse mehr oder weniger gelingen lasse. (vgl. S. 71 f.)

Kap. 2.3 „Partizipation durch Örtliche Teilhabeplanung“

  • Partizipation könne verstanden werden als Ausdruck einer demokratischen, auf Machtbegrenzung ausgerichteten Gesellschaft und als Modus, wie Menschen auf Werte und Kriterien, die Machtstrukturen und Verteilungsregeln legitimieren, Einfluss nehmen können.
  • Auf Partizipation ausgerichtetes Handeln bedürfe spezifischer Voraussetzungen, soll es nicht nur um die eigenverantwortliche Gestaltung des eigenen Lebens, sondern darüber hinaus um die Gestaltung der Umwelt und des Gemeinwesens gehen.
  • Örtliche Teilhabeplanung könne einen strategischen Handlungskontext für eine partizipative Umsetzung der UN-BRK darstellen, sofern ihr die Balance zwischen der atomistischen Perspektive der Individuen und ihrer Bedürfnisse sowie der holistischen Perspektive der Menschen mit Behinderung und deren gesellschaftliche Inklusion gelinge. (vgl. S 94 f.)

Kapitel 3 „Methodisches Vorgehen der qualitativen Untersuchung“ beschreibt das wissenschaftliche Vorgehen bei der Datenerhebung und -auswertung. Das Teilkapitel 3.1 zeichnet die methodentheoretischen Grundlagen „[Der] Grounded Theory als methodologische[n] Rahmen“ der durchgeführten Studie nach. Laub geht dabei in sechs Unterkapiteln auf methodologische Entscheidungen im Erkenntnisprozess, erkenntnistheoretische Grundannahmen, theoretisches Sampling, theoretische Sensibilisierung, theoretisches Kodieren sowie abduktiven Erkenntnisgewinn und theoretische Sättigung ein. Die gründlichen Ausführungen vermögen es, einen nachvollziehbaren Einblick in die Methodologie zu vermitteln. Die Entscheidung für die klassische Variante der Grounded Theory (GT) nach Strauss & Corbin sei gefallen, nachdem nach einem Vorlauf, in dem eine quantitative Vorgehensweise ausgeschlossen und ein hypothesenprüfendes Forschungsdesign verworfen wurde, Laub zu dem Schluss kam, dass es nur mit einer interpretativen Methodologie möglich sein würde, sich dem Forschungsgegenstand zu nähern (vgl. S. 99, 100 f.). Die Grounded Theory Methodologie erschien Laub erkenntnistheoretisch aufgrund ihrer Verortung im amerikanischen Pragmatismus als sehr geeignet dazu, den Handlungsvollzug der Partizipation der Menschen mit einer psychischen Behinderung an Prozessen der Örtlichen Teilhabeplanung zu untersuchen, da dort menschliches Denken als sich stets auf handlungspraktische Konsequenzen auswirkend betrachtet wird (vgl. S. 103).

In Kapitel 3.2 „Gestaltung des Forschungsprozesses“ paart sich der Rückbezug auf Methodenliteratur mit Darstellungen der konkreten Durchführung der Studie. Laubs Schilderungen zeichnen differenzierte und selbstreflexive Gedankengänge transparent, ehrlich und ungeschönt nach. Er benennt die methodischen Herausforderungen der „harten Arbeit“ (S. 116) des „Fischens im Trüben“ (S. 115) und damit verbundene Unsicherheiten und Skepsis (vgl. S. 115 f.), was die Beschreibungen belebt, die Lektüre erfrischt und die Forschung nahbar macht. In zehn Unterkapiteln legt Laub die Gestaltung des Forschungsprozesses detailliert, begründet und nachvollziehbar nach und berücksichtigt dabei zunächst die der eigentlichen Untersuchung vorgelagerte explorative Analyse von 14 Aktionsplänen (Kap. 3.2.1), aus der sich „eine erstaunliche und nicht erwartete Unsichtbarkeit der Menschen mit einer psychischen Behinderung, ihrer Bedürfnisse im Sinne der UN-BRK und ihrer Beteiligung in Prozessen Örtlicher Teilhabeplanung“ (S. 117) ergab. Auf diese Analyse wurde dann zurückgegriffen um zunächst zwei Teilhabeplanungsprozesse als Forschungsfelder und erste Datenquellen zu bestimmen (vgl. S. 116), welche wiederum einer strukturierten Analyse entlang neun Kriterien unterzogen wurden (Kap. 3.2.2 und 3.2.3). Die Begründung der Fallauswahl sowie der Feldzugang werden in Kap. 3.2.4 auch anhand übersichtlicher Abbildungen nachgezeichnet. Entscheidend für die Auswahl war beim ersten Fall die scheinbare Widersprüchlichkeit der vorhandenen Parameter (vgl. S. 129 f.). Der zweite Fall qualifizierte sich einerseits durch theorierelevante und kontrastierende Ereignisse, andererseits durch den Zugang zu einer größeren Varianz des Samples (vgl. S. 130). Die übrigen Unterkapitel behandeln die Konstruktion des Leitfadens (Kap. 3.2.5), Gedanken und Maßnahmen zur Berücksichtigung forschungsethischer Aspekte (Kap. 3.2.6), die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Interviews (Kap. 3.2.7) sowie Forschungsschritte der Dokumentation und Aufbereitung der generierten Daten (Kap. 3.2.8) und der Auswertung und Interpretation der Daten (Kap. 3.2.9). Hier unterstützen Abbildungen, Tabellen und Übersichten die Lesenden beim Nachvollzug der Darlegungen zum mehrschrittigen Kodiervorgang. Im letzten Unterkapitel (3.2.10) legt Laub dar, welche Verfahren zur Qualitätssicherung der Erhebung und Auswertung zur Anwendung gekommen sind.

Die Unterkapitel von Kapitel 4 „Ergebnisse der Untersuchung – eine Grounded Theory zur Partizipation der Menschen mit psychischer Behinderung in Prozessen der Örtlichen Teilhabeplanung“ gliedern sich nach und beziehen sich auf die aus dem Datenmaterial entwickelten elf Kategorien; sie tragen deren Namen. Die Darlegungen der Ergebnisse werden jeweils mit Textpassagen aus den Interviews verbunden und durch sie plausibilisiert. Die Kapiteleinleitung bietet eine Abbildung der Core-Kategorie mir ihren drei sich wechselwirkend bedingenden Kategorien und jeweiligen Subkategorien an (vgl. S. 149).

Zentral erscheinen folgende Aspekte:

  • Psychische Erkrankung verfüge über eine innere Existenz. Diese nach außen zu vermitteln sei mit verschiedenen Herausforderungen verbunden. Die Partizipation an Prozessen Örtlicher Teilhabeplanung sei entscheidend von dem Maß geprägt, in dem es gelingt, „die innere Existenz nahe[zu]bringen“ (Kap. 4.1).
  • Mit den mit der Vermittlung der inneren Existenz verbundenen Herausforderungen sei letztlich ein „erhebliche[r] Mangel der Betroffenen an Machtquellen“ (S. 155) verbunden. Von der Machtstruktur innerhalb von Interaktionsprozessen sei das Gelingen der Partizipation an diesen Prozessen abhängig. Voraussetzung für die erfolgreiche Partizipation (von Menschen mit psychischer Behinderung) sei es daher, dass Prozesse Örtlicher Teilhabeplanung selbst auf die Verteilung von Macht untersucht werden (Kap. 4.2).
  • Der Aushandlungsprozess zur kommunalen Umsetzung der UN-BRK müsse daher als sozialer Austausch zum Zwecke der Artikulation und Befriedigung individueller Bedürfnisse verstanden werden, solle die Partizipation von Menschen mit psychischer Behinderung erfolgreich sein. Dabei könnten Gatekeeper zum Einsatz kommen, die die spezifischen Bedürfnisse in der Kommunikation übersetzen. Der Umgang mit einer Heterogenität, die sich nicht entlang einer gemeinsamen Realität verhandeln und bündeln lasse, sei eine große Herausforderung und ein Lernfeld, dem sich bewusst gestellt werden müsse (Kap. 4.3).
  • So, wie die Kluft zwischen innerer und äußerer Existenz psychischer Erkrankung Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit ihr nehme, so beeinflusse dieser wiederum das Beteiligungsgeschehen. Es komme darauf an, „die erhebliche Kluft zwischen den menschenrechtlichen Anforderungen der UN-BRK und dem tatsächlichen Umgang mit psychisch erkrankten Menschen zu thematisieren“ (S. 185), soll Partizipation gelingen (Kap. 4.4).

Ein abschließendes Unterkapitel fasst den Kern der in den anderen Unterkapiteln dargestellten Ergebnisse zusammen (Kap. 4.5).

Laub kommt in Kapitel 5 zur „Diskussion der [vorgestellten] Ergebnisse“. Diese erfolgt nachvollziehbar unter Rückbezug auf den vorher in der Arbeit nachgezeichneten Forschungsstand, in Verknüpfung mit den der Arbeit zugrunde liegenden Desideraten und mit einem Übertrag auf die Soziale Arbeit. Zudem zieht er Capabilities im Sinne des Befähigungsansatzes nach Nussbaum und Sen als „ontologische Projektionsfläche“ (S. 193) heran, um den Mangel eines Ausdrucks für die innere Existenz in der Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Wirklichkeiten auszugleichen. Die Überschriften der Teilkapitel bieten eine pointierte Zusammenfassung der Diskussion an.

In Kap. 5.1 werden unter der Überschrift „Inklusion – die gerechte Befriedigung menschlicher Bedürfnisse in einer Einheit aus Vielfalt“ die Ergebnisse der Untersuchung zunächst vor dem Hintergrund der Inklusion als einer gesellschaftlichen Zielperspektive betrachtet, bei der es nicht um die Auflösung von Differenz und Heterogenität, sondern um die Herstellung von Passung gehen müsse. Dass dabei „unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinanderprallen“ (S. 190) sei unvermeidlich. Laub sieht hier die menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten, wie sie der Capabilities Approach für ein gutes Leben bestimmt, als verbindende Oberfläche. Die Verwirklichung von Teilhabe bedürfe neben entsprechender Ressourcenausstattung, Tauschbeziehungen und Machtquellen zudem der Befähigung, diese miteinander in Verbindung zu bringen. Inklusion verstanden als Passung zwischen „subjektivem Innen“ und „gesellschaftlichem Außen“ (S. 188) könne so als zentraler Gegenstand der Sozialen Arbeit aufgefasst werden.

Die Diskussion in Kap. 5.2 arbeitet heraus, dass „Partizipation [.] eine demokratische Verhandlung der Wirklichkeit“ sein müsse, sollen die spezifischen Bedürfnisse und Anliegen psychisch kranker Menschen in den gesellschaftlichen Diskursen zur Inklusion vorkommen. Als notwendig für diese demokratische Verhandlung der Wirklichkeit bestimmt Laub, dass sich „Partizipation im Rahmen Örtlicher Teilhabeplanung einer Subjektlogik verschreibe[.]“ (S. 192), anstatt bestehenden Funktions- und Machtlogiken zu folgen. Bei Örtlicher Teilhabeplanung komme es auf die Vermittlung zwischen verschiedenen, sich teils deutlich wiedersprechenden Interessen an. Analog zum Mehrfachmandat der Sozialen Arbeit habe sich Partizipation daran zu messen, wie es gelingt, „das gesellschaftlich-politische Anliegen, die subjektlogischen Ansprüche der Adressat*innen und die menschenrechtlichen Imperative in eine demokratische, herrschaftsfreie Balance zu bringen“ (S. 193).

Der Diskussion in Kap. 5.3 zufolge lässt sich „Örtliche Teilhabeplanung – [als] eine partizipative Analyse der sozialräumlichen Verwirklichungschancen“ verstehen. Örtliche Teilhabeplanung finde genau dort statt, wo sich die Möglichkeiten und Barrieren der Teilhabe konkretisieren. Genau in diesen Räumen bestehe auch die Chance, Behinderung dadurch vorzubeugen, dass die je relevanten Hindernisse beseitigt werden. Eine „konsequente Orientierung am Sozialraum und an der Vielfalt der in ihm lebenden Bürger*innen“ (S. 195) sei daher angezeigt. Dabei seien alle Netzwerke von Bedeutung, in die die Menschen einbezogen sind – im Falle psychisch kranker Menschen bedeute das, dass eine Verknüpfung zwischen der örtlichen Teilhabeplanung und den Strukturen der Sozialpsychiatrie anzulegen sei. Zudem komme es auf die Entwicklung und Anwendung spezifischer Methoden, Formate und Verfahren sowie auf eine Haltung gegenüber Menschen mit psychischen Behinderungen an, die im Sinne einer (unterstützten) Partizipation der inneren Existenz von Anfang an Raum geben und die Menschen als Expert*innen anerkennen.

In Kapitel 6 „Fazit und Ausblick“ fasst Laub die „Zentrale[n] Erkenntnisse“ (Kap. 6.1) seiner Untersuchung zusammen und legt dar, inwiefern seine Untersuchung bereits vorliegende Ergebnisse nicht nur bestätigt, sondern „um eine erkenntnistheoretische Dimension erweitert“ (S. 202). Er kommt zu dem Fazit, dass Partizipation in der Örtlichen Teilhabeplanung als identitätsbezogene Passungsarbeit für alle daran beteiligten Akteure gesehen werden müsse (vgl. S. 201). Die Örtliche Teilhabeplanung müsse sich als ergebnisoffener Konstruktionsprozess „von traditionellen Entwurfsschablonen zu Partizipation und Inklusion“ lösen (S. 201 f.). Als unabdingbar bestimmt Laub hierfür Ambiguitätstoleranz und Fremdheitskompetenz (vgl. S. 202). Er plädiert dafür, solche, sich in einem Spannungsfeld aus unterschiedlichen Mandaten vollziehende Prozesse sinnvollerweise im Geiste der Sozialen Arbeit erfolgen zu lassen.

Im Unterkapitel 6.2 unterzieht Laub hinsichtlich der „Grenzen der Untersuchung“ den Forschungsstil der Grounded Theory, dessen Stärken und Herausforderungen im Zusammenhang der Untersuchung, die getroffenen methodischen Abwägungen und sich als forschende Person einer (selbst-)kritischen Betrachtung.

Unterkapitel 6.3 identifiziert „[w]eitere Forschungsbedarfe“; zuerst die Auseinandersetzung „mit der Bedeutung der spezifischen umwelt- und einstellungsbedingten Barrieren und der Inklusion der Menschen mit einer psychischen Behinderung“ – also einer Personengruppe, für die ein „Doppelstandard“ zu gelten scheine (S. 205) – deren kritischer Betrachtung sich zu widmen sich die Forschung bisher nicht bereit zeige. Weiter sieht Laub Forschungsbedarf hinsichtlich der gesellschaftlichen Tragweite und der „Bedeutung einer vollen und wirksamen Teilhabe durch Partizipation“ (S. 206). Hier sei u.a. konkretes Partizipationshandeln, Anlassmotive verschiedener Akteur*innen, entstehende Dynamiken sowie Kontexte, in denen „‚Partizipieren‘ geschieht“ (ebd.), in den Blick zu nehmen. Im Zusammenhang mit der Forschung zu Örtlicher Teilhabeplanung erachtet Laub einerseits einen weiteren Betrachtungswinkel, beispielsweise eine groß angelegte quantitative Untersuchung zu Planungsprozessen auf Bundesebene, als lohnenswert. Zudem scheine es sinnvoll, vorliegende rekonstruktive Ergebnisse für weitere hypothesenprüfende Verfahren mit größeren Stichproben heranzuziehen. Außerdem wünscht Laub, im Anschluss an die in der Arbeit diskutierten Stärken und Schwächen, für die Grounded Theory mehr wissenschaftliche Beachtung.

Im Unterkapitel 6.4 greift Laub die auf die Soziale Arbeit bezogenen Ergebnisse der Arbeit auf und entwickelt folgende „Perspektiven für die Soziale Arbeit“ als Profession und Disziplin:

  • Die Soziale Arbeit müsse sich damit auseinandersetzen, inwiefern sie selbst dazu beiträgt, Abhängigkeit und Hilfebedürftigkeit von Betroffenen in sozialpsychiatrischen Handlungsfeldern zu reproduzieren. Sowohl die „Psychiatriegemeinde“ selbst, als auch Fachkräfte müssten als potentielle Barrieren mitgedacht werden. (vgl. S. 207 f.)
  • Die Soziale Arbeit komme nicht umhin, sich selbstkritisch mit Fragen der Macht innerhalb der Sozialen Arbeit, aber auch mit der Bedeutung von Partizipation und Empowerment innerhalb des professionellen Handelns auseinanderzusetzen. Im Spannungsfeld der an sie herangetragenen Mandate müsse sie sich „konsequent der Partizipation und Inklusion als Teil ihrer professionellen und disziplinären Identität verpflichtet fühlen“ (S. 208) – auch dann, wenn ihr Handeln in Kontexten wie der Örtlichen Teilhabeplanung erfolge, die das Potenzial haben, der Herrschaftssicherung zu dienen.
  • Eine Soziale Arbeit, deren Selbstverständnis vom „Denken in atomistischen und holistischen Bezügen zum Zwecke eines guten und menschengerechten Lebens“ (ebd.) geprägt ist, sei dazu aufgefordert, sich den dargestellten Desideraten zu widmen und diese nicht anderen Disziplinen zu überlassen.

Das letzte Kapitel der Arbeit, der „Anhang“ (Kap. 8), stellt die Interviewleitfäden aus den beiden Erhebungsphasen zur Verfügung.

Diskussion

Die Untersuchung kommt im Kern zu dem Ergebnis, dass das Nahebringen der inneren Existenz psychischer Erkrankungen wesentlicher Einflussfaktor der beschriebenen Partizipationsprozesse ist. Diese Erkenntnis an sich erscheint kaum überraschend. Der große Wert der Arbeit liegt darin, dass ihr die Absicht, im Forschungsstil der Grounded Theory „ein empirisch evidentes Theoriemodell zu dem Partizipationsgeschehen und -handeln zu entwickeln, das im Kontext einer Örtlichen Teilhabeplanung zur kommunalen Umsetzung der UN-BRK stattfindet“ (S. 200) gelungen ist. Gleichzeitig zeichnet der Autor transparent und (selbst-)kritisch Abwägungen und Entscheidungen im methodischen Vorgehen nach und zeigt Grenzen der Untersuchung auf.

Das Werk kann Fachpraktiker*innen der Sozialen Arbeit in Feldern der Sozialpsychiatrie sensibilisieren, ihre professionelle Haltung (erneut) hinsichtlich ihrer Funktion als Gatekeeper zu überprüfen, damit sie nicht selbst zu Zugangsbarrieren und/oder Ausschlusspromotor*innen werden. Kommunale Planer*innen können sich anregen lassen, sich einer (bisher ggf.) schwer erreichbaren oder sogar unberücksichtigten Personengruppe anzunähern und (mehr) Verständnis für deren Bedürfnisse zu erlangen.

Letztlich macht das Werk darauf aufmerksam, dass (auch) innerhalb inklusionsorientierter Prozesse wie der Örtlichen Teilhabeplanung die Verteilung von Macht und Deutungshoheit wirksam wird und diese Prozesse das Potenzial haben, zu Ausschluss und Diskriminierung von Beteiligten zu führen. Die Ergebnisse lassen sich als Appell verstehen, bei der Vermittlung zwischen gleichberechtigten Interessen Machtprozesse sensibel in den Blick zu nehmen um gleichberechtigte Teilhabe möglich werden zu lassen.

Fazit

Das vorliegende Werk widmet sich der Frage nach der Partizipation von Menschen mit psychischer Behinderung im Kontext Örtlicher Teilhabeplanung. Es greift damit innerhalb des Diskurses um Inklusion als gesellschaftliche Zielperspektive und die Gestaltung inklusiver Gemeinwesen relevante, aber bisher unterbelichtete Aspekte als jeweils eigenständige Gegenstände und im gemeinsamen Zusammenhang auf. Zudem nimmt das Werk die Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit in Bezug auf den Gegenstand der Arbeit in den Blick.

Für alle, die sich mit Fragen der Belange von Menschen mit psychischer Behinderung, mit Fragen der Umsetzung der UN-BRK auf kommunaler Ebene und mit Fragen der Beteiligung von Menschen mit Behinderung an solchen Teilhabeplanungen befassen (wollen), zeichnet das vorliegende Werk gehaltvoll nach, inwiefern die Ausstattung der Personengruppe der Menschen mit psychischer Behinderung mit Artikulations- und Durchsetzungsmacht und die in der Gesellschaft verbreiteten Auffassungen über diese Personengruppe mit der Vermittlung von Bedürfnissen im Prozess der gemeinsamen Teilhabeplanung verschiedenster Akteure zusammenhängen.


Rezension von
Lena Bertelmann
M.A. Bildung und Soziale Arbeit, B.A. Soziale Arbeit, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich „Teilhabe und Inklusion“ des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Lena Bertelmann. Rezension vom 02.11.2021 zu: Matthias Laub: Der inneren Existenz Raum geben. Partizipation von Menschen mit psychischer Behinderung in Prozessen örtlicher Teilhabeplanung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6419-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28680.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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