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Stella Rothenberger: Indigene Soziale Arbeit

Cover Stella Rothenberger: Indigene Soziale Arbeit. Kulturadäquate Ansätze einer lokalen Nichtstaatlichen Organisation in Sierra Leone. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. 408 Seiten. ISBN 978-3-593-51457-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR.
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Thema

Während Indigene Ansätze in der Sozialen Arbeit auf internationaler Ebene längst im Mainstream angekommen sind (vgl. die Globale Definition der Profession Sozialer Arbeit von 2014, in der indigenes Wissen in den Kanon der Grundlagen aufgenommen wurde), ist die Rezeption im deutschsprachigen Raum noch immer zögerlich. Zudem sind empirische Forschungen über die (Re)Implementierung solcher Ansätze rar. Hier schließt die Publikation eine Lücke, indem sie – exemplarisch am Beispiel Sierra Leone – auf drei Ebenen recherchiert: Auf der Makro-Ebene geht es um die Etablierung der Sozialen Arbeit als Profession, auf der Meso-Ebene um die Ausbildung/​Bildungseinrichtungen und auf der Mikroebene, der eigentlichen Forschungsarbeit, um die lokalen Arbeitsansätze in einer NGO. Es werden kritische Perspektiven sowohl auf die unreflektierte Übertragung sozialarbeiterischer Konzepte aus dem Globalen Norden als auch auf Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit entwickelt.

Autorin und Entstehungshintergrund

Stella Rothenberger hat mit diesem Band ihre Dissertation, angenommen an der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg im Jahr 2020, im Campus-Verlag veröffentlicht. Sie ist Mitbegründerin der gemeinnützigen Organisation »PfefferminzGreen«, die mit lokalen NGOs in Subsahara-Afrika kooperiert.

Aufbau und Inhalte

Die Publikation gliedert sich in vier Teile: Einführung, theoretische Fundierung, empirischer Teil und Zukunftsperspektiven.

I Einführung

Fragestellung und Zielsetzung beziehen sich auf die Etablierung Sozialer Arbeit in Sierra Leone auf verschiedenen Ebenen (s.o.), aber auch auf den Zusammenhang zwischen der Stärkung der Rolle der Frauen und der Akzeptanz Sozialer Arbeit. Im ersten Kapitel geht es um einen gesellschaftshistorischen Überblick. Es werden, ausgehend von den präkolonialen Gesellschaftsstrukturen über die Sozialstruktur in der Kolonialzeit und schließlich die Zeit nach der Unabhängigkeit bis heute die Basisinformationen vermittelt, die für die Entwicklung der Fragestellung notwendig sind. Deutlich wird, wenn man sich mit allgemeinen post-/​neokolonialen Studien zu Subsahara-Afrika beschäftigt, dass vieles auf andere Länder übertragbar ist, u.a. die Betrachtung von Menschen als Ware im Kontext von Sklavenhandel und Repatriierungsversuche durch die Kolonialmacht. Hierfür steht eine Episode aus dem Jahr 1787, als 411 ehemalige Sklaven von England aus siedlungsstrategischen Gründen nach Sierra Leone gebracht wurden. Da sie keine Frauen hatten, wurden 70 europäische Prostituierte „mitverschifft“, die aber innerhalb weniger Monate zur Hälfte an tropischen Krankheiten zugrunde gingen. Ebenfalls verbreitet sind ethnische Konflikte, die durch Eingriffe der Kolonialmächte verstärkt wurden. Die daraus entstandenen Machtstrukturen und Korruption führten (auch in Sierra Leone) zu einem Bürgerkrieg, dessen Folgen heute noch spürbar sind. Wie in anderen Ländern in Subsahara-Afrika ist die Bevölkerung sehr jung (Durchschnittsalter 18,5 Jahre).

Es folgt ein Kapitel über Entwicklungsverlauf der Sozialen Arbeit im Land. Auch hier zeigen sich viele Parallelen: die Orientierung der (wenigen Studiengänge) an Modellen und Methoden aus dem globalen Norden, der Mangel an Lehrpersonal und -material, das die lokalen Bedingungen berücksichtigt, zu wenig Einbeziehung der funktionierenden lokalen „social support systems“, wie die Communities und die Großfamilien („extended families“) oder auch Strukturen informeller Rechtsprechung (wie es sie beispielsweise auch in Ruanda eingerichtet sind, Anm. d.V.).

Der nächste Abschnitt befasst sich mit der Bedeutung von Religion, Kultur und Hexerei. Vor allem Letzteres wird in der nördlichen Professionsdebatte immer wieder ins Feld geführt, wenn indigene Ansätze pauschal als fragwürdig und menschenrechtsfeindlich abgestempelt werden. Die Autorin stellt dar, wie sich die traditionellen, in unseren Augen negativ konnotierten, Zauberkraftvorstellungen bis in die heutige Zeit erhalten haben (und zunehmen, z.B. in Nigeria, Anm. d. V.). Sie berücksichtigt aber auch die andere Seite, die spirituelle Dimension, die für viele den Alltag wesentlich mitbestimmt – beides ein Ansatzpunkt für Soziale Arbeit.

Die Situation der Frauen ist seit der Unabhängigkeit 1961 durch ein insgesamt diskriminierendes pluralistisches Rechtssystem bestimmt (Gesetzesrecht, Gewohnheitsrecht und religiöses Recht) in Bezug auf Missachtung des Mindestalters für die Heirat, polygame Lebensweise, sexualisierte Gewalt und Genitalverstümmelung/​-beschneidung (zur Begrifflichkeit s. S. 119, international ist Female Genital Mutilation, FGM, gebräuchlich). Ein weiteres Spezifikum der Subsahara-Länder sind Geheimbünde, auch für Frauen. In Sierra Leone sind es die „Bondo Societies“, von der Autorin als eine Art Bildungsinstitution bezeichnet, die Mädchen auf ihre Frauenrolle vorbereitet. Voraussetzung für die Aufnahme in den Geheimbund ist die Genitalverstümmelung.

Der letzte Teil der Einführung befasst sich mit Dekolonialisierung und der Forderung nach einer Indigenisierung der Sozialen Arbeit, von der Autorin in Anlehnung an Atal (1981) beschrieben als ein Ansatz, der der eingeschränkten Sichtweise („captive mind“) der nördlichen Sozialwissenschaften alternative, ergänzende Aspekte im Hinblick auf historische und kulturelle Besonderheiten entgegensetzen will. Ein Teil davon ist indigenes Wissen (IK – indigenous knowledge), lange abgestempelt als wissenschaftlich nicht-verifizierbares Wissen und deshalb als für die Theoreibildung unerheblich. Im Folgenden wird die Diskussion zu Indigenisierung vs. Indigene Soziale Arbeit wiedergegeben, wobei sich zeigt, dass es auch unter Wissenschaftler*innen im Globalen Süden unterschiedliche Positionen gibt.

II Theoretische Fundierung

Im zweiten Teil geht es zunächst um „Institutionen und Akteure Sozialer Arbeit“ in Sierra Leone, anschließend um die Vorstellung der Nicht-Regierungsorganisation/Non Governmental Organisation (NGO) „Amazonian Initiative Movement (AIM)“ und schließlich um Möglichkeiten, indigene Soziale Arbeit zu fördern.

Sozialpolitische Maßnahmen werden, wenn vorhanden, nur langsam umgesetzt, gleiches gilt für gesetzliche Reformen in Bezug auf die Stellung der Frauen. Am Beispiel der 2001 eingerichteten „Family Support Units“, Anlaufstellen, bei häuslicher und sexualisierte Gewalt, zeigt die Autorin auf, dass Maßnahmen nicht wirkungsvoll sind, wenn, wie in diesem Fall, die Polizei und nicht etwa Sozialarbeiter*innen (einer NGO) die Ansprechpersonen sind.

Die nicht-staatlichen Organisationen spielen eine wesentliche Rolle in Ländern mit keiner oder wenig ausgeprägter Sozialstaatlichkeit, so auch in Sierra Leone. Die Autorin definiert zunächst die Unterschiede zwischen Internationalen (INGO) und Nationalen NGOs und jenen Zusammenschlüssen, die innerhalb der Communities arbeiten und keinem (internationalen) Dachverband angehören, die Community Based Organisations (CBOs). INGOs werden einer kritischen Betrachtung hinsichtlich des Einsatzes finanzieller Mittel (meist im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit) im Verhältnis zur Effektivität der Arbeit unterzogen, sowie im Hinblick auf die Akzeptanz in der lokalen Bevölkerung.

Als Beispiel einer sierra-leonischen NGO wird „Amazonian Initiative Movement“ (AIM) herangezogen, die 2000 gegründet wurde. Hier arbeiten Sozialarbeiter*innen nach dem Prinzip der Partizipation und des Empowerment, d.h. Unterstützungsangebote werden gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften erarbeitet. Schwerpunkt ist die Reduzierung von Harmful Traditional Practices (HTP) wie Zwangsheirat oder FGM, von der noch 80 % aller Frauen und Mädchen im Land betroffen sind. Zu den Aktivitäten gehören Aufklärungsprogramme mit traditionellen und religiösen Führern, Eltern, Dorfgemeinschaften und Kindern/​Jugendlichen, aber auch die Vergabe von Mikrokrediten und Infrastrukturmaßnahmen wie der Bau von Wasserbrunnen, sanitären Anlagen und die Installation von Solaranlagen. Ein zentraler Ansatz von AIM ist „Sensitization“ (Sensiblisierung/​Bewusstmachung), da dies als Voraussetzung gesehen wird, dass die Sinnhaftigkeit/der Nutzen der Maßnahmen, die vereinbart werden sollen, nachvollzogenm werden und sich darüber gemeinsam getragene Projekte entwickeln können. Ein zentrales Projekt ist die Amazonian Bi-Lingual School (Kindergarten, Grundschul-und Sekundarstufe), deren Gründung zahlreiche Fokusgruppen-Diskussionen zum Nutzen der Schulbildung und den negativen Folgen von FGM in der Community vorausgingen. Auch im weiteren Verlauf des Prozesses war die Dorfgemeinschaft einbezogen. Voraussetzung für die Zulassung zur Schule ist, dass die Eltern einen Code of Conduct unterschreiben, dass sie ihre Töchter nicht beschneiden lassen. Wesentlich ist, dass auch traditionelle Kulturtechniken vermittelt werden, wie sie in den Bondo Societies vermittelt werden. Es wird angestrebt, die Bondo-Kultur zu erhalten und zu fördern, aber unter Ausschluss von FGM. Dazu ist eine enge Zusammenarbeit mit den ehemaligen Beschneiderinnen unabdingbare Voraussetzung ist. Weitere traditionelle Elemente sind das „Blessing“, das Segnen durch Ältere oder Lehrer*innen als Zeichen der wohlwollenden Unterstützung auf dem gewählten Lebensweg und das Lernen mit Sprichwörtern als Erbe aus der oralen Kultur.

Als richtungsweisende Ansätze zur Förderung indigener Sozialer Arbeit werden im letzten Teil Community-Based Development, Empowerment und Bottom-up-Prozesse angeführt.

III Empirischer Teil

Um die Forschungsfrage nach Wegen zur Unterstützung von indigenen Ansätzen, besonders solchen zur Stärkung der Frauenrolle, zu beantworten, wurden verschiedene qualitative Forschungsdesigns entwickelt und durchgeführt, u.a Expert*inneninterviews, Gruppendiskussionen und Beobachtungsprotokolle, aber auch E-Mail-Korrespondenz. Ein Bereich der Recherche umfasst die NGO AIM und ihre Arbeitsmethoden (Mesoebene), ein zweiter die Community als Lebensmittelpunkt der Frauen im Zusammenhang mit den Veränderungen, die sich über die Etablierung Sozialer Arbeit durch AIM ergeben (Makroebene). Auf der Mikroeben werden Mitarbeiter*innen von AIM und ihre Adressat*innen sowie Lehrende und Studierende interviewt. Die zentrale Frage ist, ob nach ihrer Meinung mit Hilfe der NGO kulturadäquate Ansätze Sozialer Arbeit entwickelt werden können. Die Unterschiede zwischen qualitativer und quantitativer Forschung, die Beschreibung des ethnografischen Zugangs (multimethodische Strategie gepaart mit langfristigen Kontakten) und des Zugangs zum Feld rahmen diesen Teil.

Im Abschnitt Auswertung geht die Autorin zunächst auf deduktive und induktive Forschung ein. Mit ihrer induktiven Herangehensweise geht es ihr nicht um die Überprüfung bestehender Theorien geht, sondern um eine potentielle Theoriegenerierung auf der Basis von lokalem Wissen.

In der Beschreibung des Forschungsverlaufs werden als eine wichtige Quelle die biographischen und professionellen Erfahrungen der Direktorin von AIM, Neneh Turay, herausgestellt, zu der die Autorin eine persönliche Beziehung hat. AIM-Sozialarbeiter*innen äußern sich in Expert*inneninterviews zu den Werten und Handlungsleitlinien, die sie über ihre Arbeit bei AIM vermittelt bekommen und umsetzen, jeweils unterlegt von zahlreichen wörtlichen Zitaten. Auf der Theorie-Ebene werden Parallelen zur Lebenswelttheorie von Hans Thiersch und der Conscientisation-Ansatz von Paulo Freire gezogen. Als Resümee wird festgehalten, dass die lokale Bevölkerung erstmals Hilfsangebote außerhalb der Community und der Chiefdoms annehmen und dass damit das bislang unbekannte Feld der Sozialen Arbeit erste Akzeptanz erfährt.

In Forschungsfeld Community werden Einzelfallstudien und Gruppendiskussionen herangezogen. Die Wechselwirkungen von Witchcraft, Gewohnheitsrecht und mangelnden Bildungschancen sind Thema in den Gruppen von Töchtern, Müttern und Großmütter, Söhnen, Vätern und Großvätern, die danach befragt werden, wie sie die von AIM initiierten Workshops und Projekte erleben und ob und wie sich das auf die Community auswirkt. Eine weitere wichtige Gruppe sind die (ehemaligen) Beschneiderinnen, mit denen gemeinsam alternative Initiationsrituale ohne FGM entwickelt werden; wichtige Voraussetzung: andere Erwerbsmöglichkeiten. Deutlich herausgearbeitet ist die Komplexität von traditionellen Gepflogenheiten, Zugehörigkeitsdruck und Frauenrolle. Ein weiteres interessantes Detail ist, dass in einer Gruppendiskussion mit 10 Lehrerinnen alle angeben, an Witchcraft zu glauben. Das verdeutlicht, dass bei lokal verankerter Bildungsarbeit und sozialarbeiterischer Unterstützung professionelles Wissen und gelebte Erfahrung zusammengebracht werden müssen.

Im Forschungsfeld Bildungseinrichtungen geht um die Sichtweisen (überwiegend männlicher) Lehrender aus verschiedenen Bildungseinrichtungen auf die Soziale Arbeit, wobei der unterschiedliche Kenntnisstand und auch die heterogenen Einschätzungen der NGO-Arbeit deutlich werden. In den Interviews mit Studierendengruppen zeigt sich die Dringlichkeit einer verstärkten Kooperation zwischen den Bildungseinrichtungen und der Praxis von NGOs/AIM, damit künftige Sozialarbeiter*innen praktische Erfahrungen im Austausch mit der Bevölkerung sammeln zu können.

Die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zeigt, dass AIM wesentlich dazu beiträgt, Sozialarbeit als Profession bekannter zu machen und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen, v.a. durch eine konsequente bottom-up-Arbeit, konsequent im Austausch mit den verschiedenen Stakeholdergruppen. Auch im Hinblick auf die Ausbildung zur Sozialen Arbeit hat AIM Impulse für eine angepasste Praxis in den Communities gesetzt.

IV Zukunftsperspektiven

Erkenntnisse, die für viele Länder im Globalen Süden zutreffen, sind unter anderem: Soziale Arbeit ist nicht hinreichend etabliert; die Lehrinhalte orientieren sich nach wie vor zu wenig an indigenen/​lokalen Aspekten (hier wird auch ein Vergleich mit ostafrikanischen Staaten gezogen, wo es schon gelungen ist, eine transnationale Kooperation in Bezug auf Forschung und Lehre in der Sozialen Arbeit zu implementieren); es besteht ein Mangel an wissenschaftlicher Literatur mit lokalem Bezug; die Relevanz von lokalen NGOs, die in die Communities eingebunden sind, ist hoch. Ein spezifisches Ergebnis ist, dass da, wo AIM Aufklärungsarbeit zu FGM, z.B. unter dem Titel „Bondo without Blood“, leistet, nach Aussagen von AIM die Zahl der Beschneidungen zurückgegangen ist.

Am Ende der Veröffentlichung wird eine transnationale Initiative vorgestellt: Die wachsende Kritik an der aktuellen Form der Entwicklungszusammenarbeit und der Dominanz internationaler NGOs hat 2016 zur Gründung des Global Fund for Community Foundations (GFCF) geführt. Unter dem #Shiftthepower organisiert sich ein Netzwerk mit der Forderung, Entscheidungsbefugnisse und finanzielle Unterstützung mehr in Richtung lokaler Initiativen zu verlagern. Am Beispiel des Ebola-Ausbruchs 2014–2016 wird aufgezeigt, wieviel schneller und auch effektiver AIM im Vergleich zu internationalen NGOs agieren konnte und es werden zusammenfassend die Errungenschaften dieser NGO aufgezählt.

Diskussion

Eine prinzipielle Schwierigkeit, die sich bei der Veröffentlichung von Dissertationen ergibt, wird auch in dieser Publikation deutlich: Weniger wäre mehr, denn vieles hätte zugunsten einer besseren Lesbarkeit gekürzt werden können. Die einzelnen Kapitel sind oft mit Informationen überladen, die zwar für eine Dissertation relevant sind, aber nicht für eine Leser*innenschaft, die entweder überhaupt erst einmal Zugang zu dem Themenbereich finden will oder – da mit den verschiedenen Diskursen zum Globalen Süden vertraut – vieles bereits kennt. Die detaillierte, teilweise redundante und oft nicht stringente Darstellungsweise (zum Beispiel die Aneinanderreihung kurzer, wie angehängt wirkender Kapitel am Ende) ist nicht Leser*innen-orientiert. So bleibt unklar, für welche Zielgruppe die Lektüre eigentlich gedacht ist. Unklar bleibt auch, warum das Lektorat des Campus-Verlages eine offensichtlich nicht überarbeitete Version der Dissertation veröffentlicht hat.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die unklare Abgrenzung der Begriffe indigen, lokal und kulturadäquat, die synonym gebraucht werden. Indigene sind nach der UN-Definition jene Bevölkerungsgruppen oder Völker und ihre Nachkommen, die historisch mit einer bestimmten Region/​einem Landesteil verbunden sind und sich bei der Herausbildung von Nationalstaaten sprachlich und kulturell von der Dominanzkultur dauerhaft unterscheiden. Dies trifft nicht auf die Mehrheitsbevölkerung in Ländern des Globalen Südens zu. Gleichwohl wird in der Literatur aus Subsahara-Afrika oftmals „indigen“ gebraucht, um auf traditionelle/​lokale Unterstützungssysteme zu verweisen. „Indigenisierung“ der Sozialen Arbeit wird in einer kritischen Sichtweise als Gefahr für die Verwässerung authentischer traditioneller Ansätze diskutiert. Gray, Coates und Yellowbird (2010) wiederum plädieren dafür „Indigenisierung“ durch „cultural relevance“ (Kulturrelevanz) zu ersetzen, da „indigen“ nur eine Minderheit, „Kultur“ aber alle betreffe. Des Weiteren wird nicht diskutiert, ob es eine indigene Sozialen Arbeit geben kann oder ob es nicht vielmehr um indigene Ansätze geht, bzw. inwieweit eine Soziale Arbeit des Südens diese beinhaltet. In einer Veröffentlichung, die den Titel „Indigene Soziale Arbeit“ trägt und im Untertitel „kulturadäquate Ansätzen“ anspricht, hätten all diese Termini klarer definiert werden müssen, als es relativ kurz auf S. 129/130 erfolgt.

Weitere kritische Anmerkungen beziehen sich darauf, dass

  • das über Empowerment hinausgehende Prinzip des Ownership als Gegengewicht zu paternalistischen Handlungsweisen, nicht erwähnt wird. Wenn als richtungsweisende Ansätze zur Förderung indigener Sozialer Arbeit Community-Based Development, Empowerment und Bottom-up-Prozesse angeführt werden stellt sich die Frage, was daran spezifisch ist. Sind diese nicht grundlage jeder emanzipatorischen, partizipativen Sozialen Arbeit?
  • für die Prozesse des Ausdiskutierens in der Community der seit langem dafür – auch in der Sozialen Arbeit – gebräuchliche Begriff „Conferencing“ nicht eingeführt wird
  • der mittlerweile international gebräuchliche Terminus Globaler Süden nicht verwendet wird, stattdesssen die vielfach als abwertend kritisierte Bezeichnung Entwicklungsland
  • von Entwicklungshilfe statt von Entwicklungszusammenarbeit die Rede ist (auch wenn die „Zusammenarbeit“ kritisch zu betrachten ist)
  • an mindestens zwei Stellen ohne Einordnung eine „erziehungswissenschaftliche“ Ebene angesprochen wird, wo es doch um Soziale Arbeit geht (wohl weil die Arbeit an einer erziehungswissenschaftlichen Fakultät geschrieben wurde)
  • auf die UN-Milleniumsentwicklungsziele Bezug genommen wird, aber nicht auf die sie seit 2016 ablösenden Sustainable Development Goals
  • der Gebrauch einer genderneutralen Sprache uneinheitlich ist.

Zweifellos gibt es bei aller Kritik (am Lektorat) auch hohe Verdienste dieser Arbeit. Diese liegen in der Vielfältigkeit der Themen, durchaus auch in der Auflistung vieler Hintergrunddetails, der sorgfältigen Aufarbeitung komplexer Zusammenhänge und in einem Forschungsprozess, bei dem Transparenz, Intersubjektivität und Limitation zum Thema gemacht werden. Nie werden die befragten Gruppen oder Personen zu Forschungsobjekten gemacht, eine Begegnung auf Augenhöhe scheint gelungen, das Ziel ist immer eine win-win-Situation. Die Autorin hat über ihre Nähe zu der NGO AIM einen relativ niedrigschwelligen Zugang zum Forschungsfeld, wodurch anzunehmen ist, dass die Aussagen der Befragten authentisch sind und nicht die Erwartungshaltung der Forscherin spiegeln. Das freiwillige Engagement der Autorin in der Initiative PfefferminzGreen (s.o.) und die klare professionspolitische Positionierung in Bezug auf eine kritische Revision der Normen und Werte der Sozialen Arbeit des Globalen Nordens reihen diese Publikation ein in eine Reihe von Veröffentlichungen von „Verbündeten“ (allies), die die Entwicklungen einer Sozialen Arbeit des Südens im Norden publik machen (z.B. Straub/Rott/Lutz 2020).

Fazit

Die Publikation ist als nicht überarbeitete Dissertation nicht leicht zu lesen und – wie oben erwähnt – bleibt die Zielgruppe unklar. Die sehr detaillierten Darstellungen, die auch auf andere Länder im Globalen Süden (besonders in Subsahara-Afrika) übertragbar sind, werden möglicherweise dazu führen, dass diejenigen, die bereits Vorwissen zur Entwicklung der Sozialen Arbeit in Subsahara-Afrika haben, an manchen Stellen quer lesen. Allen Neueinsteiger*innen in das Thema ist zu wünschen, dass die Autorin die vielen interessanten Bereiche und Aspekte in themenzentrierten Aufsätzen veröffentlichen möge. Allein die Ansätze von AIM, alternative Initiationsrituale zu entwickeln und gleichzeitig die Bedeutung von Sozialer Arbeit zu vermitteln, ist eine eigene Veröffentlichung wert. Gleiches gilt für den Vergleich der Aktivitäten von INGOs und CBOs oder die Relevanz von „witchcraft“ für die Implementierung sozialarbeiterischer Strukturen. All diese wertvollen Forschungsergebnisse sind es wert, weite Verbreitung zu finden!

Literatur

Gray, M./Coates, J./Yellow Bird, M. (Hg.) (2010): Indigenous Social Work around the World. Towards Culturally Relevant Education and Practice. Southhampton: Ashgate.

Straub, U./Rott, G./Lutz, R. (Hg.) (2020): Indigenous and Local Knowledge in Social Work. Band Nr 8 Sozialarbeit des Südens. Opladen: Paulo Freire Verlag


Rezension von
Prof. Dr. Ute Straub
Frankfurt University of Applied Sciences
Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Ute Straub. Rezension vom 26.11.2021 zu: Stella Rothenberger: Indigene Soziale Arbeit. Kulturadäquate Ansätze einer lokalen Nichtstaatlichen Organisation in Sierra Leone. Campus Verlag (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-593-51457-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28689.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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