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Sabine Ursula Nover, Birgit Panke-Kochinke (Hrsg.): Qualitative Pflegeforschung

Rezensiert von Prof Dr. Frank Schulz-Nieswandt, 19.12.2022

Cover Sabine Ursula Nover, Birgit Panke-Kochinke (Hrsg.): Qualitative Pflegeforschung ISBN 978-3-8487-6905-6

Sabine Ursula Nover, Birgit Panke-Kochinke (Hrsg.): Qualitative Pflegeforschung. Eigensinn, Morphologie und Gegenstandsangemessenheit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 438 Seiten. ISBN 978-3-8487-6905-6. 89,00 EUR.

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Thema

Es geht um eine facettenreiche Aufsatzsammlung zu Methodenfragen qualitativer Pflegeforschung in Bezug auf die Erlebniserfahrungsgeschehenswelten der Kranken- wie der Altenpflege.

Das Thema ist 1) deshalb so grundlegend bedeutsam, weil die Akademisierung der Pflege auf der Grundlage einer sich etablierenden Pflegewissenschaft in Deutschland im internationalen Vergleich noch signifikant abgekoppelt ist. Das Thema ist aber auch 2) deshalb so wichtig, weil die Rezeption und die Applikationspraxis des Themenkreises der Methodologie der Methoden und der Forschungsdesigns einen Indikator für den Grad der wissenschaftlichen Reifung der Pflegewissenschaft darstellt.

Gerade Methodenfragen sind konstitutiv in einem Fachbereich, in dem wenig eigene grundlagenwissenschaftliche Theoriekerne bestehen, sondern die identitäre Etablierung der Disziplin durch Rezeption und Nutzungsweisen anderer Bezugswissenschaften abhängig ist.

Diese Problemperspektive kommt m.E. im spannenden Untertitel zum Ausdruck: Es geht 1) um den Eigensinn der Disziplin, 2) um Morphologie – wobei hierzu zum Ende der Besprechung hin noch eine Überlegung anzustellen sein wird – und 3) um die Gegenstandsangemessenheit.

Das ist ein wichtiger Punkt: Eine adäquate Applikation einer allgemeinen Methodenlehre in verschiedenen Handlungsfeldern der Forschung ist immer auch eine Modellierung der feldspezifischen Passungsoptimalität.

Herausgeberinnen

Schon die beiden Herausgeberinnen deuten die Interdisziplinarität an, die ein solches Forschungsfeld benötigt.

Sabine Ursula Nover lehrt(e) an der einzigen, nunmehr in Kürze geschlossenen Pflegewissenschaftlichen Fakultät im deutschsprachigen Raum Methodologie und qualitative Methoden in der Pflege- und Gesundheitsforschung in Vallendar.

Birgit Panke-Kochinke ist promovierte Historikerin und habilitierte Soziologin und appliziert ihre Forschungen auf ausgewählte Fragestellungen des Pflegesektors und auf Aspekte der Genderforschung, wobei sich dabei bekanntlich tiefengrammatische Überschneidungen ergeben.

Entstehungshintergrund

Ein spezifischer Entstehungsgrund – abgesehen von dem Anliegen, dass ich im Abschnitt zum „Thema“ skizziert habe – ist dem Buch nicht zu entnehmen. Das instruktive Vorwort von Sabine Bartholomeyczik (S. 5–8) validiert diese Einschätzung und macht dennoch den Sinnzusammenhang dieser Beitragssammlung verständlich. Denn das Vorwort ist selbst fast schon eine diskutierende und reflexive Besprechung des ganzen Anlasskontextes.

Ein Aspekt könnte hier jedoch noch aufgegriffen werden, den ich soeben angedeutet habe. Die Träger der PTH Vallendar haben sich finanziell auf der Grundfinanzierung der Pflegewissenschaftlichen Fakultät herausgezogen. Aus der PTH ist nun die Vincent Pallotti University (VPU) in Vallendar geworden. Da einige Autor:innen des Bandes aus der PTHV stammen, ist die Aufsatzsammlung auch eine Darlegung der dortigen Forschungsrichtungen.

Aufbau

Die umfangreiche Aufsatzsammlung ist gegliedert in IV Abschnitte.

Abschnitt I trägt den Titel „Grundlagen“ und umfasst drei Beiträge.

Abschnitt II trägt den Titel „Methodische Zugänge und ist in 3 Unterabschnitte (II.1 bis II.3) gegliedert und umfasst insgesamt 18 Aufsätze und stellt insofern und dergestalt den Hauptteil der Aufsatzsammlung dar.

Abschnitt III trägt den Titel „Methodologien und Forschungsprogramme“, ist in 2 Unterabschnitte (III.1 und III.2) untergliedert und umfasst insgesamt 7 Beiträge.

Abschnitt IV trägt den Titel „Resümee“ und ist ebenso wie die Einführung I.1 von den beiden Herausgeber:innen verfasst.

Inhalt

Den Inhalt kann man angesichts dieser facettenreichen Sammlung kaum referieren. Wie schon in dem angeführten Vorwort diskutiert wird, ist das Feld der qualitativen Sozialforschung sehr – und auch kontrovers – ausdifferenziert. Man könnte fast schon der Meinung sein, die alte Schismogenese zwischen der sog. Fliegenbeinzählungen-Zunft der quantitativen Sozialforschung einerseits und der sog. Geschichtenerzählungs-Zunft der qualitativen Sozialforschung andererseits sei vorbei, zumal Mixed-Methods-Designs fast üblich geworden sind. In der Tat beobachtet man eher vielfach zum Teil sehr heftige Kontroversen innerhalb der Welt der qualitativen Sozialforschung.

In I.1 wird ein ausführlicher Überblick über die Beiträge im Gefüge des Aufbaus der Sammlung geboten. Diese Leistung ist recht instruktiv. Einen sehr klärenden Beitrag zu der angesprochenen Dynamik von Gemeinsamkeiten, aber auch Divergenzen und Kontroversen, über die „Multi-Kultur“ des Feldes, aber eben auch engagiert über die Forschung als Abenteuer bietet in sehr ansprechender Weise Jo Reichertz in I.2.1. Einen systematischen Beitrag, die im Untertitel angesprochene Gegenstandsbestimmung aufgreifend, bieten die beiden Herausgeberinnen in I.2.2.

Danach wird es eben sehr bunt im Lichte der zitierten methodologischen „Multi-Kultur“ des Methodenfeldes. Diese Vielfalt kann hier nicht paraphrasiert und jeweils reflektiert werden. Dies muss der neugierigen Lektüre der Leser:innen überlassen werden.

Eine rückblickend reflexive Klammer ist mit dem „Resümee“ der Herausgeberinnen gelungen. Hier wird ein ansprechender systematischer Meta-Blick auf die bunte Landschaft der vielen Beiträge geboten.

Diskussion

Es wäre ein monographischer Kommentar, hier auf alle Beiträge einzugehen. Sinnvoll erscheinen mir daher eher nur einige buchkonzeptionelle Aspekte. Es liegt ja kein Lehrbuch vor. Es handelt sich um einen Steinbruch im positiven Sinne. Die einzelnen Beiträge können also auch isoliert gelesen werden. Man kann dergestalt in dem Band produktiv herumstöbern.

Ein epistemisch wichtiger Sinn kann damit aber eben diese reichhaltige Möglichkeit des Einstieges in die Vielfalt der Methodenlandschaft sein. Wer das Eindeutige – als Signatur des Einfachen – sucht, ist in der Wissenschaft ohnehin nicht gut aufgehoben. Die Welt ist nicht einfach, und ebenso sind die Wege ihrer wissenschaftlichen Rekonstruktion nicht einfach gestrickt, sondern es bietet sich ein Gewebe-artiges Feld großer Abenteuer, wobei der Band immer wieder auch die forschungsethischen Dimensionen aufruft.

Was mir fehlen mag, das ist jedoch auch der Einbezug von Ebenen oberhalb der Methodologie der Methoden: Historische Epistemologie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und der Einbezug der Kritischen Theorie mit Blick auf das Verhältnis von Normativität und Faktizität. Der Sozialtheoriemangel der Pflegewissenschaft darf nicht dazu führen, dass man hier den Empirismus- und Positivismus-Streit nochmals nachholen muss – oder?

Ein letzter Aspekt am Ende sei noch angemerkt. Mich hatte der Morphologie-Begriff im Untertitel angesprochen, doch bleibt unklar, was damit genau gemeint ist. Gestaltlehre ist ein schwieriger Begriff. Etabliert ist er, ausgehend von Goethe's Lehre von der Entelechie und der Metamorphosen, z.B.

  1. in der kritischen Geschichtsphilosophie bis hin zu Walter Benjamin und Ernst Bloch, auch
  2. in der soziologischen, ethnologischen und sozialpsychologischen Lehre von der Sozialen Morphologie in der französischen Durkheim-Schule,
  3. in der morphologischen (auf die dialektische Einheit von Sinn und Struktur als Formtheorie abstellenden) Typenlehre von (wirtschaftlichen) Einzelgebilden in der Kölner Gemeinwirtschafts- und Genossenschaftslehre,
  4. in der strukturalistischen Literatur- und Sprachwissenschaft in Verknüpfungen zur Hermeneutik und zur Phänomenologie und
  5. in der morphologischen Psychologie.

Zwischen diesen Verwendungskontexten gibt es Überschneidungen, die uns in eine mögliche Synthese von Phänomenologie, Hermeneutik und Strukturalismus führen.

Dies könnte man fruchtbar machen für Theoriedebatten der Logik qualitativer Sozialforschung. Diese überraschende Nachfrage mit Blick auf eine Kategorie des Untertitels macht deutlich, wie leicht man die Vielfalt der Landschaft des Themas noch ausweiten kann.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert, dies allerdings weniger für Anfänger:innen der Pflegewissenschaft als Forschungspraxis, aber für Studierende und Lehrende auf Master-Niveau. Hier kann man ahnen, auf welchem Niveau die forschungsorientierte Lehre in Vallendar als Vorbereitung auf das dortige Promotionsstudium angesiedelt war.

Unbefangen ist der Rezensent in der vorliegenden Abhandlung nicht, war er doch seit vielen Jahren (und ist es nun nur noch für kurze Zeit) Honorarprofessor für Sozialökonomie der Pflege in Vallendar und daher einigen Autor:innen engverbunden. Er hofft im vorliegenden Zusammenhang, dass er die Balance zwischen Nähe und Distanz akzeptabel gemeistert hat.

Rezension von
Prof Dr. Frank Schulz-Nieswandt
Univ.-Prof. für Sozialpolitik, qualitative Sozialforschung und Genossenschaftswesen an der Universität zu Köln, Hon.-Prof. für Sozialökonomie der Pflege an der PTH Vallendar, Kuratur des KDA
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Es gibt 6 Rezensionen von Frank Schulz-Nieswandt.

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Zitiervorschlag
Frank Schulz-Nieswandt. Rezension vom 19.12.2022 zu: Sabine Ursula Nover, Birgit Panke-Kochinke (Hrsg.): Qualitative Pflegeforschung. Eigensinn, Morphologie und Gegenstandsangemessenheit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-6905-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28695.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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