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Johannes Schaefer: Die Sprache der Populisten

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 31.01.2022

Cover Johannes Schaefer: Die Sprache der Populisten ISBN 978-3-8487-7081-6

Johannes Schaefer: Die Sprache der Populisten. Eine politikwissenschaftliche Sprachanalyse. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 240 Seiten. ISBN 978-3-8487-7081-6. 46,00 EUR.
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Thema

Der Sprachgebrauch in Wahlprogrammen und Reden der politischen Parteien wird analysiert. Die Sprache der populistischen und der nicht-populistischen Parteien wird verglichen. Der Begriff „Populismus“ wird anhand von sechs Merkmalen umschrieben.

Autor

Johannes Schaefer hat Politikwissenschaften studiert und an der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Chemnitz promoviert. Das Buch basiert auf seiner Dissertation.

Inhalt

Das Buch umfasst zwölf Kapitel, in denen die Fragestellung geschildert, der Begriff „Populismus“ unter die Lupe genommen und über die empirische Untersuchung berichtet wird, in der die Sprachen der Parteien systematisch analysiert und verglichen werden. Am Schluss folgt ein Resümee.

Im ersten Kapitel wird die Fragestellung erläutert. Der Autor konstatiert, dass politisches und sprachliches Handeln eng zusammen hängen. Er stellt die Frage, wie Populisten sprechen, noch bevor er die Kernfrage: Was ist Populismus? beantwortet hat. Er verweist auf die Problematik des Populismus Begriffs, da dieser unterschiedlich verstanden und verwendet wird. Die Linke und die AfD werden trotz dieser Unklarheit gleich zu Beginn als populistische Parteien klassifiziert.

Im zweiten Kapitel geht es dann um die nähere Bestimmung des Populismus-Begriffs. Populismus kann eine Ideologie, eine Strategie, ein Stil oder ein normales politisches Phänomen sein. Kern der Ideologie ist die Aufteilung der Gesellschaft in die antagonistischen Gruppen Volk und Elite. Typisch für populistisches Denken ist die Unterscheidung zwischen dem guten Volk und den bösen Eliten. Populismus als Strategie meint: Ein Anführer mobilisiert seine Anhänger. Populismus als Diskurs bezieht sich auf die Form; es kommt in erster Linie darauf an, wie etwas und nicht was gesagt wird. Zum Populismus als politischem Phänomen hat Ernesto Laclau ausgeführt, dass es zur Natur des Politischen gehört, dass Gruppen mit ihren unterschiedlichen Interessen in Konkurrenz zueinander stehen. Populismus ist ein Phänomen, das jeder liberalen Demokratie anhaftet, denn es können nie alle Interessen befriedigt werden, was zu Unzufriedenheit führt.

Im dritten Kapitel untersucht der Autor die Sprache der Parteien auf einer allgemeinen theoretischen Ebene. Unter „Parteiensprache“ versteht er den wesentlichen Sprachgebrauch einer Partei als kollektivem Akteur. Er folgt den Ausführungen von Horst Grünert, nach dem die Parteiensprache drei Funktionen dient: Sie grenzt Parteien nach außen ab und gibt ihnen ein Profil, sie stellt Forderungen und sie rechtfertigt politisches Handeln.

Mit der Vorstellung des methodischen Vorgehens im vierten Kapitel beginnt der empirische Teil. Die Untersuchung umfasst eine quantitative Analyse, in der die Häufigkeiten von Wörtern und Schlüsselwörtern in den Wahlprogrammen und Reden ermittelt werden, und eine qualitative Analyse, in der festgestellt wird, wie sich die Partei selbst und wie sie die anderen Parteien beschreibt, wen sie anspricht, welche Themen sie hat, wie sie bewertet und wie sie argumentiert. 

Im fünften Kapitel stellt der Autor den Untersuchungsplan vor. Populismus ist die unabhängige, der Sprachgebrauch die abhängige Variable. Datengrundlage sind die Wahlprogramme zum 19. Bundestag und die in diesem Zusammenhang gehaltenen Plenarreden.

Im sechsten Kapitel werden die Rahmenbedingungen im Zeitraum 2017 bis 2018 beleuchtet. Dazu gehört insbesondere die Flüchtlingskrise. Damit wird berücksichtigt, dass der Kontext ein entscheidender Einflussfaktor politischen Handelns ist.

Im siebten Kapitel wird die Sprache der als populistisch eingeordneten Parteien: der AfD und der Linken, analysiert. Eine Fülle an Texten wird präsentiert. Wichtige Themen für die AfD sind Rechtsstaat, Familienpolitik, Zuwanderung und Asyl. Zu den Hauptthemen der Linken gehören Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie.

Im achten Kapitel wird nach dem gleichen Schema die Sprache der CDU, CSU, SPD, FDP und der Grünen unter die Lupe genommen. Es wird wieder viel Text aus den Programmen und Reden geboten. Zentrale Themen sind Arbeit, Sicherheit, Europa, Familie, Heimat, Gerechtigkeit, Zuwanderung, Bildung und Digitalisierung, wobei die einzelnen Parteien unterschiedliche Akzente setzen.

Das neunte Kapitel ist sozusagen das Herzstück, denn hier geht es um die Grundthese: Populisten sprechen anders als Nicht-Populisten. Die Ergebnisse werden nach Leitfragen geordnet in einer Tabelle präsentiert. Es zeigt sich: Der Sprachgebrauch von Populisten und Nicht-Populisten ähnelt sich in vielen Punkten. Die Unterschiede sind weniger ausgeprägt als gedacht. Nicht nur die Populisten, sondern auch die Nicht-Populisten werten die anderen Parteien ab, z.B. macht aus Sicht der Grünen die große Koalition alles falsch, nur sie, die Grünen, wissen die richtige Antwort.

Im zehnten Kapitel werden die Ergebnisse der quantitativen Analyse vorgestellt. Das Maß ist die relativierte Häufigkeit bestimmter Wörter. Das Ergebnis entspricht den Erwartungen. Verben wie z.B. stoppen, beenden und Adjektive wie ungleich und gescheitert werden häufiger von den Populisten gebraucht. Doch es sind lediglich Tendenzen. Dass die CDU nicht von „gescheitert“ und „zerstören“ spricht, ist im Übrigen nicht überraschend. Sie würde sich ja selbst infrage stellen. Das Fazit lautet: „Der Einfluss von Populismus auf die Sprache von Parteien scheint gering“ (S. 186). Es muss etwas anderes sein, was die Unterscheidung begründet. Der Autor führt sechs Merkmale an, hinsichtlich derer sich seiner Ansicht nach Populisten und Nicht-Populisten unterscheiden: die Abwertung des politischen Gegners, die Aufspaltung des Volks in Teilgruppen und das Ansprechen nur einer Teilgruppe, Aussagen über die beschädigte Demokratie, eine zugespitzte Argumentation, Ausmalen einer besseren Vergangenheit ohne Lug und Trug seitens der Politiker, zu der man zurück will, und eine klare unmissverständliche Sprache. Die nicht populistischen Parteien tendieren zur Unklarheit, denn sie möchten niemanden verprellen.

Im elften Kapitel werden die Ausführungen noch weiter vertieft, wobei nicht mehr auf die empirischen Ergebnisse Bezug genommen wird. Hervorgehoben werden als typisch populistisch die Aufspaltung des Volkes und das Heraufbeschwören einer beschädigten Demokratie. Zum Beispiel redet die AfD von „Kungelei“. Auch Die Linke spaltet. Sie unterteilt das Volk in Arme und Reiche, Arbeitnehmer und Konzerne.

Das abschließende zwölfte Kapitel beginnt mit dem Satz: „Populisten vereinfachen vor allem und ihre Sprache stellt einen Grund für ihren Erfolg dar“ (S. 198). Doch dann heißt es weiter unten: „Von anderen nicht-populistischen Parteien unterscheidet sich der Sprachgebrauch nur in sechs Punkten, die zudem nur vereinzelt vorkommen“ (S. 198 f.). Diese sechs Merkmale werden dann noch einmal aufgeführt und als kennzeichnend für die Denkweise der Populisten hin gestellt. Später heißt es erneut, dass nur wenige sprachliche Merkmale die Populisten von den Nicht-Populisten unterscheiden und dass sich Populismus nur an wenigen sprachlichen Merkmalen manifestiert. Der Autor gelangt so zu dem Schluss, dass sich die These von Sprache als einem differenzierenden Merkmal und einem Erfolgsfaktor der Populisten nicht halten lässt. Deshalb ist es ratsam, auf die zugrunde liegende Ideologie zu schauen.

Diskussion

Gleich zu Beginn werden Die Linke und die AfD als populistische Parteien klassifiziert, und zwar noch bevor geklärt worden ist, was unter Populismus zu verstehen ist. Die Zuordnung steht für den Autor noch vor der Definition fest. Dieses Vorgreifen kommt dadurch zustande, dass er gleichzeitig fragt, was die Sprache der politischen Parteien kennzeichnet und was Populismus ist. Indem er beide Fragen miteinander verknüpft, nimmt er vorweg, was erst noch zu klären und zu definieren ist. Einfacher und unvoreingenommener wäre gewesen, die Sprache der politischen Parteien zu untersuchen und im nächsten Schritt zu vergleichen. Er macht beides auf einmal, indem Populismus/​Nicht-Populismus und nicht die einzelnen Parteien die unabhängige Variable ist. Dabei ist nicht zu übersehen, dass beide Kategorien äußerst heterogen sind. Diese interne Varianz erschwert es, Unterschiede festzustellen.

Ein ernüchterndes Ergebnis ist, dass sich der Sprachgebrauch der Populisten und der Nicht-Populisten nicht wesentlich unterscheidet. Es muss also etwas anderes sein, was die Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien rechtfertigt. Der Autor nennt sechs Merkmale, die eine Trennlinie zwischen Populisten und Nicht-Populisten ermöglichen könnten: die Abwertung des politischen Gegners, die Aufspaltung des Volks in Teilgruppen und das Ansprechen nur einer Teilgruppe, Aussagen über die beschädigte Demokratie, zugespitzte Argumentation, das Heraufbeschwören einer besseren Vergangenheit sowie eine klare Sprache. Wie er jedoch konstatiert, gibt es auch bei den nicht populistischen Parteien Tendenzen in dieser Richtung. Es scheint sich also um graduelle Unterschiede zu handeln. Parteien jenseits der Mitte, auf die weniger Wählerstimmen entfallen, müssen zuspitzen, um mit ihrer Botschaft überhaupt gehört zu werden. Sie geben sich damit ein klares Profil. Doch auch die in der Mitte befindlichen nicht-populistischen Parteien sind bestrebt, sich von den jeweils anderen abzugrenzen und zu profilieren und auf diese Weise bestimmte Wählergruppen für sich einzunehmen. Das heißt, dass es in allen Parteien populistische Elemente gibt, was indessen eine scharfe Trennlinie in Frage stellt.

Der Autor begnügt sich mit Beschreibungen und der Auflistung typischer Merkmale, doch die Frage, warum es überhaupt populistische Parteien gibt und warum sie in einer bestimmten Weise agieren, bleibt unbeantwortet. Hier wäre eine Bezugnahme auf den Erklärungsansatz von Ernesto Laclau, auf den der Autor im zweiten Kapitel hinweist, von Nutzen gewesen. Dessen Überlegungen, dass letztlich alle Politik populistisch ist und alle Politiker Populisten sind (S. 29 f.), werden vom Autor ohne weitere Begründung als empirisch nicht praktikabel einfach beiseite geschoben. Dabei liefert Laclau eine Erklärung, wenn er feststellt, dass es in einer Demokratie immer Gruppen mit unterschiedlichen Interessen gibt, die in Konkurrenz zueinander stehen. Diejenigen, die den Eindruck haben, dass ihre Interessen nicht oder nicht ausreichend befriedigt werden, sind unzufrieden. Sie artikulieren ihre Unzufriedenheit, indem sie sich zu Gruppen bzw. Parteien zusammenschließen. 

Den Populisten wird eine klare Sprache zugestanden. Die nicht-populistischen Parteien drücken sich dagegen eher vage und weniger klar aus, weil sie niemanden verprellen wollen. Weil es Populisten sind, die Klartext reden, wird Klarheit negativ konnotiert. Eine klare Sprache ist eigentlich wünschenswert. Sie verdeckt die Konkurrenz der Interessen nicht, was nach Laclau einen Druck zur Veränderung erzeugt. Auf diesen durchaus sehr zentralen Aspekt, dass sprachliche Äußerungen absichtlich vage gehalten werden, um niemanden zu verärgern oder abzuschrecken, geht der Autor nicht weiter ein.

Verdienstvoll ist die Entwicklung eines methodischen Ansatzes, um den Sprachgebrauch der Parteien zu analysieren, zumal es in der Politolinguistik kein festes Instrumentarium gibt.

Fazit

In dem Buch wird der Frage nachgegangen, wie sich die politischen Parteien im Deutschen Bundestag sprachlich artikulieren und darstellen. In einer empirischen Untersuchung wird der Sprachgebrauch von populistischen und nicht-populistischen Parteien systematisch beschrieben und verglichen. Grundlage sind schriftliche Wahlprogramme und mündliche Reden. Die Unterschiede in der Sprache der Populisten und der Nicht-Populisten sind geringer als vermutet. Eine Trennlinie zieht der Autor, indem er sechs Merkmale nennt, die er als typisch für populistische Parteien ansieht. Das Buch regt dazu an, bewusster auf die Sprache aller politischen Parteien zu achten. Es ist zur Vermittlung von politischer Bildung von Nutzen.

Rezension von
Dr. Antje Flade
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Es gibt 49 Rezensionen von Antje Flade.

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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 31.01.2022 zu: Johannes Schaefer: Die Sprache der Populisten. Eine politikwissenschaftliche Sprachanalyse. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-8487-7081-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28696.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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