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Alina Mühlethaler: Asperger-Syndrom

Cover Alina Mühlethaler: Asperger-Syndrom - Auswirkungen auf den Familien- und Schulalltag. Kirja Verlag (Gelterkinden) 2021. 62 Seiten. ISBN 978-3-9524056-7-3. D: 18,40 EUR, A: 19,00 EUR, CH: 20,00 sFr.
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Thema

Diese Broschüre betrachtet die Frage, welche positive Auswirkung die Diagnose „Asperger-Syndrom“ auf den Alltag in Schule und Familie eines Kindes oder eines Jugendlichen haben kann. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der im Alter von zwölf Jahren diese Diagnose erhielt.

Durch die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus der eigenen familiären Situation der Autorin (sie ist die Schwester) entstanden Anekdoten. An diesen werden beispielhaft Diagnosemerkmale erklärt, mit dem Ziel, den Austausch über das Leben unter den Bedingungen des Asperger-Syndroms durch persönliche Erfahrungen anzuregen und die Diagnose dadurch für alle Beteiligten greifbarer zu machen.

Autorin

Aline Mühlethaler studiert Primarlehrerin. Im Schulalltag, in ihrer Familie (ihr Bruder erfuhr im Alter von 12 Jahren von der Diagnose) und in der theoretischen Auseinandersetzung im Rahmen ihres Studiums setzte sie sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Asperger Syndrom auseinander. Diese Perspektiven stehen im Mittelpunkt ihrer Bachelorarbeit, die sie mit Anekdoten aus dem Familien- und Schulalltag ihres 12 jährigen Bruders anreichert.

Aufbau und Inhalt

Die Broschüre ist im DIN A 4 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 66 Seiten, die sich in zwei Teile I. theoretische Grundlagen und II. „Einzelfall“ gliedern. Darin finden sich acht Kapitel und zahlreiche Unterkapitel. Die Anekdoten heben sich durch die kursive Schreibweise vom Fließtext ab. Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Inhalt

Die Einleitung (Kapitel 1) beschreibt die Entstehungsgeschichte der Broschüre. Der Bruder von Aline Mühlenthaler erhielt in der 5.Klasse die Diagnose Asperger-Syndrom. Da er sich zunehmend für seine Besonderheiten interessierte und sich fragte, warum er in der Schule eine Sonderbehandlung erhielt, begann die Familie damit, ihn auf seine Besonderheiten aufmerksam zu machen und ihm zu erklären, wie sein Verhalten auf die neurotypische, nicht autistische Welt wirkt. Diese Erklärungen wurden auf Notizzetteln dokumentiert, die die Grundlage für die nacherzählten Anekdoten der Bachelorarbeit wurden. Die Beispiele werden mit Fakten zum Erscheinungsbild Autismus angereichert und damit theoretisch und praktisch beleuchtet.

Das Buch beginnt im ersten Teil mit den theoretischen Grundlagen. Das Asperger-Syndrom (Kapitel 2) wird anhand des Farbmodells von Thomas Girsberger (Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/​16352.php) erläutert. Das Buch erschien 2013 in der ersten Auflage und wird in 2021 in 6. überarbeitete Auflage neu aufgelegt.

Der zweite Teil beschreibt den Alltag in Familie und Schule anhand des Einzelfalls, beginnend mit real erlebten Anekdoten aus dem Familienalltag. Anhand dieser Anekdoten wie

  1. erste Erfahrungen,
  2. Hundegebell,
  3. Luftballons,
  4. Mittwochabend werden Kennzeichen des Asperger-Syndroms wie die Klangempfindlichkeit, die Ängste sowie Spezialinteressen erklärt. Außerdem:
  5. persönlicher Assistent,
  6. „Ihre Kreditkartennummer, bitte“ und
  7. Chaos im Eingangsbereich, sind mit Erklärungen zum flexiblem Denken, zur motorischen Unbeholfenheit, zur Fortbewegung und zu Zwängen angereichert.
  8. Im Zusammenhang mit der Anekdote 8 wird die manuelle Geschicklichkeit im Umgang mit „verflixten Hemdknöpfe“ beschrieben.
  9. Die Anekdote 9 „zehn Milliarden für eine Haltestelle?!“ klärt über Wissenswertes zu Mimik und Gestik und der sog. Theory of Mind auf.
  10. Daran schließen Anekdoten aus dem Schulalltag an, die beschreiben, wie das autistische Denken und Schule mit einander wirken. Typische Herausforderungen sind das Lernen am Vorbild und die Sprache.
  11. Die Anekdote 11 handelt von der Defizitorientierung.
  12. Die schulische Integration kann auf der Grundlage von Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs gelingen. Den Abschluss bildet ein Exkurs zum E-Learning, der Ausblick auf mögliche Einsatzbereiche der Anekdoten und ein Fazit. Ein Literaturverzeichnis ist vorhanden.

Den Abschluss bildet ein Exkurs zum E-Learning, der Ausblick auf mögliche Einsatzbereiche der Anekdoten und ein Fazit. Ein Literaturverzeichnis ist vorhanden.

Diskussion

Der Bruder von Aline Mühlenthaler erhielt in der 5.Klasse die Diagnose Asperger-Syndrom. Zunehmend interessierte er sich für seine Besonderheiten und fragte sich, warum er in der Schule eine Sonderbehandlung erhielt. So begann die Familie damit, ihn auf seine Besonderheiten aufmerksam zu machen und ihm zu erklären, wie sein Verhalten auf die neurotypische, nicht autistische Welt wirkt. Entstanden ist eine Notizzettelsammlung, mit verschiedenen Alltagssituationen und dazu gehörenden Denk- und Verhaltensweisen eines Menschen, der unter den Bedingungen von Autismus, lebt. Da ist z.B. die Anekdote mit der Kreditkarte, bei dem der Vater den Sohn bittet, die Kartennummer auf der Vorderseite vorzulesen. Es entsteht die Frage, woran eine Vorderseite zu erkennen ist. das ist nämlich gar nicht so einfach.

Entstanden ist diese Broschüre auf der Grundlage der Bachelorarbeit, die die Autorin im Rahmen ihres Lehramtsstudiums schrieb. Die Anekdoten bilden die Basis und anhand derer werden Kennzeichen des Asperger-Syndroms erläutert. Dadurch ist eine alltagsnahe Lektüre entstanden, die sehr konkret das Erleben des Einzelfalls aber auch Episoden aus dem Familienalltag und aus der Schule beschreiben, indem die unterschiedlichen Perspektiven in Bezug zueinander gestellt werden. Die Anekdoten beschreiben dabei auch Strategien, wie es gelingen kann unter den Bedingungen von Autismus zu leben und zurecht zu kommen. In den Kapiteln werden Situationen beschrieben, die den Bruder in seiner Art der Weltanschauung entlasten. Entstandene Missverständnisse werden neutral betrachtet und es zeigt sich, dass es verschiedene Perspektiven gibt und es in der Verantwortung aller liegt, Strategien zu entwickeln. Damit geht das Lernen weit über den Einzelfall des Jungen Linus hinaus.

Fazit

In dieser Broschüre treffen Praxis und Theorie in einer verständlichen Form aufeinander. Die Autorin geht der Frage nach, welche positive Auswirkung die Diagnose „Asperger-Syndrom“ auf den Alltag in Schule und Familie eines Kindes oder eines Jugendlichen haben kann. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der im Alter von zwölf Jahren diese Diagnose erhielt.

Durch die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus der eigenen familiären Situation der Autorin (sie ist die Schwester) entstanden kleine Kurzgeschichten. Sie nutzt diese, um beispielhaft Diagnosemerkmale zu erklären. Ihr Ziel: den Austausch über das Leben unter den Bedingungen des Asperger-Syndroms durch persönliche Erfahrungen anzuregen, die Diagnose für alle Beteiligten greifbarer zu machen und damit eine Basis zu schaffen, um gemeinsam individuell passende Strategien für den Alltag in Familie und Schule zu entwickeln. Der Kontakt mit Menschen aus dem autistischen Spektrum ist bereichernd, wenn es gelingt, die verschiedenen Perspektiven vorbehaltlos zu betrachten und gemeinsames Erleben und das Miteinander umgehen zu gestalten.

 


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 27.10.2021 zu: Alina Mühlethaler: Asperger-Syndrom - Auswirkungen auf den Familien- und Schulalltag. Kirja Verlag (Gelterkinden) 2021. ISBN 978-3-9524056-7-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28699.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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