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Bertine Kessel, Hanne Raeck u.a.: Ressourcen­orientierte Transaktionsanalyse

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 27.01.2022

Cover Bertine Kessel, Hanne Raeck u.a.: Ressourcen­orientierte Transaktionsanalyse ISBN 978-3-525-40856-8

Bertine Kessel, Hanne Raeck, Dörthe Verres: Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse. Impulse für eine inspirierte Coaching- und Beratungspraxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. 310 Seiten. ISBN 978-3-525-40856-8. D: 28,00 EUR, A: 29,00 EUR.
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Thema

Seit Eric Bernes bahnbrechenden Publikationen „Transactional Analysis in Psychotherapy“(1961) und „Games people play“(1964) erfreut sich das sowohl kommunikationstheoretische als auch psychotherapeutische und für vielfältige Coaching-Settings geeignete Konzept der Transaktionsanalyse ungebrochener Popularität. Der Theorie, die sich für verkürzte Wiedergaben (als „Ich bin ok – Du bist ok“-Modell mit allen dazu gehörenden Varianten des „Nicht-ok-Seins“ oder als Struktur des psychischen Apparats, der in EL (Eltern-Ich), ER (Erwachsenen-Ich) und K (Kind-Ich) zerfällt) vorzüglich eignet, inhäriert eine ausgeprägte Komplexität, wie die Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse, Forschungsergebnisse aus ihren Reihen und letztendlich der hier zu rezensierende Band eindrücklich beweisen.

Autorinnen

„Dipl.-Soz. päd. Bertine Kessel ist Transaktionsanalytikerin in den Fachbereichen Beratung und Psychotherapie sowie Lehrtrainerin der DGTA [Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse] und EATA [European Association for Transactional Analysis], Führungskräfte-Coach und Leiterin der Akademie der Kessel & Kessel GmbH.

Hanne Raeck, Pädagogin, ehemalige Grundschullehrerin, Transaktionsanalytikerin, ist Lehrtrainerin der DGTA und EATA im Fachbereich Bildung sowie Coach und Beraterin im eigenen Institut Werkstatt für Lernen und Entwicklung.

Dörthe Verres ist Transaktionsanalytikerin und Lehrtrainerin in den Fachbereichen Psychotherapie und Bildung der DGTA und EATA, Lehrtrainerin am ISB Wiesloch und Odenwaldinstitut und in eigener Praxis tätig als Coach, Supervisorin und Psychotherapeutin.“ (Covertext)

Entstehungshintergrund

Die Publikation entstand auf der Grundlage einer Verlagsanfrage. Sie seien mit Freude an das Projekt herangegangen, so die Autorinnen in ihrem Vorwort, weil es ihnen die Chance eröffnete, ihren Ansatz der Beratung, der sich im Laufe von mehr als dreißig Jahren durch immer wieder neue Konzepte und Quellen erweiterte und vertiefte, in einem Buch darzulegen, das sich in erster Linie „an methodische Quereinsteiger aus den Praxisfeldern Beratung, Coaching, Führung, Organisationsberatung und Bildung“ richte (S. 11).

Aufbau

Nach einem Vorwort von Wolfgang Looss und einem weiteren aus der Feder der drei Autorinnen gliedert sich die Darstellung in acht Kapitel und ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Jedes Kapitel, so die Verfasserinnen, könne auch einzeln rezipiert werden.

Inhalt

Zu Beginn verfolgen Kessel, Raeck und Verres die historische Entwicklung der Ressourcenperspektive in der Transaktionsanalyse (1: Eine kurze Geschichte der Ressourcenperspektive in der Transaktionsanalyse – für Theorieinteressierte und Neugierige). Im Zuge der Entwicklung von eher defizitorientierten Modellen hin zu ressourcenorientierten sei mehr und mehr eine wohltuende Interaktion von systemischem und transaktionsanalytischem Denken zu beobachten. Darüber hinaus zeige die neurobiologische Forschung, dass in Psychotherapie und Coaching die bekannten Bahnungen nicht allzu oft verstärkt werden sollten und damit alte Themen so schnell wie möglich einem ressourcenorientierten Blick weichen sollten, damit neuronale Ersatzschaltungen angelegt werden könnten.

Mit der „Metapher des Problem-Lösung-Twistes“ (S. 19) verdeutliche der Hypnotherapeut Gunther Schmidt einen Lernprozess, in dem zwischen den alten, durch einen aktuellen Impuls getriggerten Musterschaltungen und den neuen Ersatzschaltungen hin- und hergewechselt werde. In einem solchen kreativen Spannungsfeld agierten Transaktionsanalytiker*innen als Transaktionsdesigner*innen. Der Bezugsrahmen für Psychotherapie, Coaching oder Supervision dehne sich aus und in den Klient*innen könne sich ein sogenanntes „integrierendes Erwachsenen-Ich“ herausbilden.

Man bewege sich hier auf dem Feld der „Kokreativen Transaktionsanalyse“, in deren drei Grundprinzipien („Wir-Prinzip“, „Prinzip der geteilten Verantwortung“, „Prinzip der gegenwartsbezogenen Entwicklung“) sich die Haltung der Autorinnen manifestiere.

Im zweiten Kapitel (2: Grundlagen der Transaktionsanalyse: Menschenbild und Entwicklungsziel) stehen das Konzept der bezogenen Autonomie und danach die Lebensgrundhaltungen der Transaktionsanalyse im Mittelpunkt. Als „Ausgangspunkt und Ziel transaktionsanalytischer Arbeit“ (S. 25) sei Autonomie ein sehr komplexes Konstrukt und immer in den Kontexten der Eigenverantwortung des Individuums und der Wechselwirkung von Individuum und sozialem Umfeld zu deuten.

In einem solchen Konzept der bezogenen Autonomie seien verschiedene Entwicklungsstufen zu isolieren, deren Benennung von Vincent Lenhardt (1992) eine „ressourcenorientierte sprachliche Weiterentwicklung“ (S. 30) von Johann Schneider erfahren habe. Die Stadien der „Geborgenheit, Abgrenzung, Selbstständigkeit, der wechselseitigen Bereicherung“und der „Freiheit zu verschiedenen Beziehungsarten“ (ebd.) durchliefen auch Kinder während des Aufwachsens. Im Beratungskontext, zu dem die Verfasserinnen Beispiele liefern, ergebe sich als bestes Resultat die Stufe der wechselseitigen Bereicherung.

Eine wesentliche Komponente des transaktionsanalytischen Menschenbildes ist das Konzept der sogenannten Grundpositionen (vgl. S. 34). Diese seien erlernt und bildeten einen Teil des Lebensskripts. Kessel, Verres und Raeck wandeln das bekannte Okay-Geviert ab, indem sie die okay/nicht okay-Position (+/-) durch „Machtkampf und Rechtfertigung“, den okay/okay-Quadranten (+/+) durch „Verhandlung und Kooperation“, die nicht okay/nicht okay-Position (-/-) durch „Resignation und Verdrängung“ sowie schließlich den nicht okay/okay-Quadranten (-/+) durch „Überanpassung und Selbstzweifel“ ersetzen. Die ideale +/+-Haltung ermögliche es, Menschen zu kritisieren und gleichermaßen Kritik anzunehmen, ohne damit abzuwerten oder sich abgewertet zu fühlen. Zwar setze man in diesem Quadranten das höchste Energielevel ein, jedoch erlange man nur mit ihm Kooperation und Kokreativität.

Das dritte Kapitel (3: Die Potenziale im Blick) erweitert die Entwicklungsziele in Richtung Grundbedürfnisse und Gefühle sowie Entdeckung von Potenzialen. Einen „guten Boden für Wachstum“ (S. 42) böten die Grundbedürfnisse, die Eric Berne mit den „3S“ („strokes, stimulation, structure“, S. 43) bzw. auf Deutsch „Zuwendung oder Beziehung, Struktur und Stimulation“ (ebd.) isoliert habe. Könne ein Bedürfnis nicht befriedigt werden, bilde sich bei vielen Menschen ein Ersatzbedürfnis heraus, das es zu erfüllen gelte. Am komplexesten erweise sich das Bedürfnis nach Zuwendung, denn hier sei zu differenzieren zwischen „bedingter Zuwendung“ einerseits und „unbedingter Zuwendung“ andererseits. Während erstere sich auf den Menschen in seiner Ganzheit richte, betreffe letztere nur bestimmte Aspekte des Daseins. Zwar seien Menschen aller Alter auf Zuwendung angewiesen, doch je jünger ein Mensch sei, desto wichtiger sei die unbedingte Zuwendung. Nur ein gutes Polster von ihr erlaube die Verarbeitung von Kritik und/oder Misserfolgen.

Neben den Grundbedürfnissen seien eine Reihe weiterer Bedürfnisse zu beachten, unter anderem „das Bedürfnis nach Sicherheit in einer Beziehung“, „das Bedürfnis wertgeschätzt zu werden und bedeutsam für die andere Person zu sein“, „das Bedürfnis nach Schutz“ oder „das Bedürfnis nach Respekt der eigenen Identität auch bei Meinungsverschiedenheiten“ (S. 53).

Gefühle stellten eine „Quelle von Lösungsenergien“ parat. So sei die „Energie des Ärgers“ für Abgrenzung von anderen funktionalisierbar, Schmerz bedeute, dass man sich um eine Wunde kümmern müsse und die aus Angst hervorbrechende körperliche Energie diene den Menschen dazu, sich zu schützen, indem sie eine der Optionen „fight“, „flight“ oder „freeze“ wählten. Von den Grundgefühlen Ärger, Schmerz, Traurigkeit, Angst und Freude seien die komplexen Gefühle Scham und Schuld abzugrenzen, die nicht angeboren seien, sondern sich im Laufe des Lebens entwickelten.

Eine zentrale Kategorie der Transaktionsanalyse ist das Lebensskript, gründend auf Narrativen, die in der Kindheit wurzeln und kontinuierlich „weitergeschrieben“ werden. Wie sich aus ihnen Impulse für die Selbstorganisation ergeben und sich Intrapsychische Dynamiken verstehen lassen, wird in Kapitel 4 aufgefächert. Im Lebensskript fänden jedoch nicht nur frühe soziale Prägungen ihren Platz, sondern genauso angeborene Phänomene, die die Persönlichkeit konturierten – „die persönliche Resilienz, die eigene körperliche Gestalt, Intro- und Extraversion sowie eigene Muster und Präferenzen in der Sinneswahrnehmung wie Sehen, Hören und Fühlen“ (S. 79). Bezugnehmend auf die „kokreative Skriptmatrix nach Sumers und Tudor (2016)“ (S. 80), erläutern die Autorinnen, wie die Bindungspersonen auf die Skriptentwicklung Einfluss nehmen, Kinder Grundannahmen akzeptieren und antreibende Sätze der Eltern internalisieren. Aus ressourcenorientierter Perspektive offenbare sich, dass sich aus individuellen „Antreiberdynamiken“, fußend auf den Imperativen „Mach’s den anderen recht!“, „Sei stark!“, „Sei perfekt!“, „Streng dich an!“, „Beeil dich!“, auch Gutes und Nützliches entwickeln könne. Problemen mit den Antreibern könne man mit sogenannten „affirming messages“, Ermutigungen, begegnen.

Ergänzend zu Eric Berne plädieren Kessel, Raeck und Verres für eine Perspektive auf das Lebensskript, die angeborene Prägungen integriert. Es gelte, jenseits von Schubladendenken, paradigmatisch auf der Grundlage der Typenlehre Carl Gustav Jungs, angeborene Temperamente zu berücksichtigen.

Das Lebensskript in seinem Facettenreichtum der Ich-Zustände, „Eltern-Ich-Zustand“ (EL), „Erwachsenen-Ich-Zustand“ (ER) und „Kind-Ich-Zustand“ (K), betitelte Eric Berne als Struktur-Modell. In ihm speichere ein Individuum im Verlauf seiner Lebensskript-Entwicklung Muster aus der Vergangenheit, „in Form von jeweils zusammengehörenden Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen“ (S. 106). Während im EL-Zustand Werte und Normen von Bezugspersonen aus der Vergangenheit angesiedelt seien und im K-Zustand Schlussfolgerungen des Kindes aus bestimmten Situationen dominierten, umfasse der ER-Zustand „das aktualisierte Fühlen, Denken und Verhalten im Hier und Jetzt“ (S. 109). Ziel müsse ein ER-Zustand sein, der die Führung übernehme, der die beiden anderen Zustände und ihre Ausprägungen integriere und die Autonomie des Individuums herbeiführe. Oft jedoch sei der ER-Zustand durch Aktualisierungen der beiden anderen Zustände getrübt. Eine solche Situation könne mit Hilfe eines „inneren Dialogs der Ich-Zustände“ im Beratungsprozess aufgelöst bzw. „enttrübt“ werden.

Neben das Strukturmodell tritt das „Funktionsmodell der Ich-Zustände“. In ihm konkretisiert sich, wie sich die Ich-Zustände auf der Verhaltensebene äußern. Im Strukturmodell sei das Woher der Ich-Zustände niedergelegt, mit dem Funktionsmodell solle das „Wie“ des äußerlichen Auftretens mentaler und emotionaler Aspekte beschrieben werden. Berne differenziere zwischen den folgenden funktionalen Ich-Zuständen, denen er jeweils besondere Ausdrucksmerkmale zuordne:

  • Kritisches Eltern-Ich-Verhalten (Ausdruck u.a. „Sie sollten…“)
  • Fürsorgliches Eltern-Ich-Verhalten (u.a. „Probieren Sie doch mal…“, freundlicher Blick)
  • Erwachsenen-Ich-Verhalten (u.a. „Wie denken Sie darüber?“, „Wie fänden Sie…?“
  • Freies Kind-Ich-Verhalten (u.a. „Hey, toll, mega…“, „Nein“, energische, laute Stimme bei Wut…)
  • Angepasstes Kind-Ich-Verhalten (u.a. „Ja, gerne“, „Mache ich sofort“)
  • Rebellisches Kind-Ich-Verhalten (u.a. „Da mache ich nicht mit“) (vgl. S. 120)

In der internationalen transaktionsanalytischen Gemeinschaft werde heftig über das Funktionsmodell diskutiert, woraus Weiterentwicklungen des Modells resultierten. Berne habe in seinem Modell nicht berücksichtigt, wann die Aktualisierung eines Ich-Zustands funktional oder dysfunktional sei. Jeder Verhaltensmodus könne letztendlich produktiv oder unproduktiv sein. Aus einem integrierenden Erwachsenen-Ich-Zustand heraus könne sich eine Person konstruktiv und situationsadäquat verhalten, indem sie die einzelnen Zustände im Hinblick auf die jeweilige Situation operationalisiere.

Kapitel 4 endet mit einem Überblick über die von Berne und in seiner Nachfolge definierten Ich-Zustandsmodelle sowie mit einem kurzen Blick auf „Diagnoseformen zur Identifizierung von Ich-Zuständen im Struktur- und Funktionsmodell“ (S. 130).

Auf die Impulse für die Selbstorganisation folgen in Kapitel 5 Impulse für die Beziehungsgestaltung. Nun handelt es sich darum, Soziale Dynamiken auf privaten und professionellen Bühnen zu verstehen. Es sei essenziell, sich bewusst zu machen, dass viele Konflikte nicht auf der Grundlage einer persönlichen Dynamik, sondern aus einer Rollenidentität heraus entstünden. In seinem „Drei-Welten-Modell“ differenziere der Transaktionsanalytiker Bernd Schmid zwischen Professionswelt, Organisationswelt und Privatwelt. In der Mitte stehe die Person, die zwischen den Rollen und ihren spezifischen Erfordernissen jonglieren müsse. Sie befinde sich im Spannungsfeld der Anforderungen von privater Bühne, wo es prioritär um Beziehungen, ihre Qualität und ihr Aufrechterhalten gehe, von professioneller Bühne, wo die fachliche Qualität dominiere und organisationaler Bühne, auf der Leistung und Produktivität im Zentrum stünden.

In Anlehnung an Rolf Balling sei das Drei-Welten-Modell als Diagnose- und Handlungsmodell zu nutzen. Diagnostisch relevant seien die Aspekte der Rollenpriorität, der Rollenkonkurrenz, der Rollentrübung, der Rollenfixierung, des Rollenausschlusses, der Rollenkompetenz, der Rollenstimmigkeit und der Rollenintegration. Jedem Aspekt lassen sich spezifische „interventionsleitende Fragen und Impulse“ zuordnen.

Bereits minimale kommunikative Anregungen können eine weitreichende Wirkung entfalten und impulsstiftend für die Beziehungsgestaltung sein. Damit befindet man sich im Herzstück der Transaktionsanalyse, den Transaktionen als Konzert von Reiz und Reaktion. Um möglichen Reibungen zwischen dem Struktur- und dem Funktionsmodell zu entgehen, orientieren sich Kessel, Raeck und Verres bei ihrer Zergliederung der Transaktionen am Functional Fluency-Modell von Susannah Temple, weil sie von Modi spreche und verhaltensbeschreibende Begriffe heranziehe (vgl. S. 149): „dominant – überfürsorglich, strukturierend – nährend, klärend, kooperativ/​widerstandsfähig – spontan, überangepasst/​widerspenstig – rücksichtslos“ (S. 150). Bei parallelen Transaktionen erfolge die Reaktion eines Empfängers immer im von einem Sender adressierten Modus, die gekreuzte Transaktion beinhalte hingegen die Reaktion in einem Ich-Zustand, der nicht adressiert wurde. Die damit einhergehende Irritation des Senders lasse sich bewusst und konstruktiv einsetzen. Bei verdeckten Transaktionen falle „die Entscheidung über den Fortgang der Kommunikation auf der verdeckten, psychologischen Ebene und nicht auf der sozialen“ (S. 156). Die Botschaften seien inkongruent, denn nonverbale Signale unterminierten das verbal Vermittelte.

Die drei Transaktionstypen müssten um das Bewusstsein von der jeweiligen Rolle, die man einnehme, ergänzt werden. Mit dem „Drei-Welten-Modell“ seien die Ebenen der Transaktion innerhalb eines Systems bezeichnet. Gekreuzte Transaktionen seien meist dann zu beobachten, wenn man aus verschiedenen Rollen heraus kommuniziere.

Ein entscheidender Weg, den die Transaktionsanalyse beschreibt, führt von der symbiotischen Verstrickung zur Verantwortungsübernahme. Symbiotische und meist dysfunktionale Strukturen ließen sich am ehesten mit dem in der „Schiff-Schule“ (von der amerikanischen Sozialarbeiterin Jacqui Lee Schiff entwickelt) verankerten Konzept der Passivität auflösen, in dem man anerkenne, dass es verschiedene Stufen der Bewältigung eines Problems gebe („Existenz, Bedeutung, Veränderbarkeit und persönliche Lösungsfähigkeiten“, S. 170) und man sich als Person, die gewillt sei, eine Lösung zu finden, möglicherweise bereits auf einer sehr viel höheren Stufe befinde als die Person, für die es gelte, eine Lösung zu finden. Diese verharre oft in Passivität und lade gerade damit jene ein, Probleme für sich zu lösen. So entstehe eine ungesunde symbiotische Dependenz, die nur transgrediert werden könne, wenn sich die passive Person ihres Problems bewusstwerde und es mit dem Potenzial ihres integrierenden Erwachsenen-Ichs angehen könne.

Im letzten Abschnitt des Kapitels fokussieren die Autorinnen sogenannte „Spieldynamiken“, mit denen alte Skriptmuster reaktiviert werden würden. Das Skript sei das „Drehbuch“ und mit Spielen inszeniere man Skriptthemen (vgl. S. 182). Unbewusste Spieldynamiken ergäben sich aus „der unzureichend entwickelten Kompetenz, sich in Beziehungen mit authentischen Bedürfnissen und Gefühlen offen und ehrlich zu zeigen“ (S. 182 f.). In Beratungskontexten mit dem Schwerpunkt Spieldynamik biete sich ein impliziter – die Spieldynamik im engeren Sinne bleibe zugunsten der Arbeit an Stärken unangetastet – und ein expliziter Zugang, eine direkte konstruktive Arbeit mit der Dynamik. Das „Drama-Dreieck“ mit den Spitzen Retter (überfürsorglicher Modus mit Ich+/Du-), Verfolger (dominanter Modus mit Ich+/Du-) und Opfer (angepasster Modus mit Ich-/Du+) lasse sich zu einem „Okay-Dreieck“ (ein doppeltes Plus bei allen Beteiligten, mit einem*r Unterstützenden im nährenden Modus, einem*r Kritiker*in im strukturierenden Modus und einem*r Ratsuchenden im kooperierenden Modus) transformieren, mit dem die Spieldynamik ad acta gelegt werde.

In Kapitel 6 (Der Transfer in professionelle Beratungsrollen) betonen die Verfasserinnen zunächst die Bedeutung von Beratungsverträgen: ihnen eigne bereits die erste Ressourcenaktivierung der Klient*innen. Nur beharrliches Nachfragen der Beratenden könne garantieren, dass der Vertrag auf der Basis einer übereinstimmenden Version der Wirklichkeit geschlossen werde, von einem Erwachsenen-Ich-Zustand zum anderen.

Grundlage des erfolgreichen Einsatzes der Transaktionsanalyse sei der „Wirkfaktor der heilsamen Beziehung“, die als Bühne fungiere, auf der vertraute Muster reinszeniert werden könnten (vgl. S. 207), des Weiteren sei Beratung und Coaching als „learning conversation“ anzusehen, in deren Verlauf die Beratenden sprachlich intervenierten, laut Eric Berne mit „Befragung, Erklärung, Spezifizierung, Konfrontation, Illustration, Bestätigung, Interpretation und Kristallisierung“ (S. 209). Mit dabei sei auch der konstruktive Einsatz von Transaktionen, unter anderem die „Bull’s-Eye-Transaktion“ (S. 215), mit der alle Ich-Zustände gleichzeitig angesprochen werden würden. Die drei „P“, „Potency, Permission und Protection“, bezeichneten eine genau definierte Abfolge von Transaktionen, auch eine Grundhaltung für Interventionen, die gezielt zur „Erweiterung des Verhaltensspielraums eines Menschen eingesetzt werden“ (S. 218). Hinzu komme das „Reinforcement“, denn die Ermutigungsstrategie mit den drei „P“ allein reiche oftmals nicht aus.

Die professionelle Begegnung avanciere auch zu „schöpferischen Dialogen“, in denen Träume und Imaginationen Ressourcen aktivieren und Klient*innen neue Wege beschreiten lassen könnten. Hinzu gesellten sich einige Interventionen aus dem Zürcher Ressourcen-Modell (ZRM®), z.B. Embodiment-Arbeit, die das Verkörpern von Zielen beinhalte.

Das Fazit, das Kessel, Raeck und Verres in Kapitel 7 ziehen, rankt sich um den „Resilienz-Zyklus nach Newton (2014) als Modell für gesunde Entwicklung“ (S. 237). Das doppelt organisierte Modell helfe erstens, mit den Parametern in seinem inneren Kreis, Kernproblematiken zu identifizieren. Zweitens ließen sich auf der Grundlage der Konzepte im äußeren Kreis Interventionen zur Arbeit an den Kernproblematiken ableiten. In einem „kokreativen Prozess“ widmeten sich Therapeut*innen und Klient*innen der Bildung und Erprobung neuer Muster im Denken, Fühlen und Verhalten (vgl. S. 238).

Kapitel 8 schließlich umfasst eine Werkzeugkiste, prall gefüllt mit „Lieblingsübungen“, die die Autorinnen in ihrer Beratungs- und Coachingpraxis ergänzend zu den Interventionen einsetzen. Die Übungen beziehen sich auf Themen, die in den Kapiteln 2–6 ausgeführt worden sind und reichen von einer „Checkliste zur Autonomieentwicklung“ über „Selbstcoaching-Impulse zum Antreiberverhalten“ bis hin zu „Wegen aus vertrauten Verstimmungen“ und „Vertragsfragen“.

Diskussion

In den multiperspektivischen Weiterentwicklungen und labyrinthischen Theoriebildungen rund um Eric Bernes Konzeption der Transaktionsanalyse einen guten Weg für Beratungs- und Coachingprozesse zu finden, zu verfolgen und darzulegen, ist ein diffiziles Unterfangen, das Bertine Kessel, Hanne Raeck und Dörthe Verres exzellent gelöst haben.

Von Anfang an konzentriert sich die Publikation konsequent auf die im Titel erwähnte Ressourcenorientierung, die somit einen eminenten Orientierungspunkt in der Vielfalt bietet. Sehr zu begrüßen ist des Weiteren die Expansion des theoretischen Bezugsrahmens der Transaktionsanalyse auf der Grundlage von Systemtheorie und Neurobiologie. Die ordnungsstiftende Stärke der Transaktionsanalyse bzw. des „Transaktionsdesigns“ hat nichts von einer statischen Modellbildung an sich, sondern äußert sich vielmehr in dynamischen Narrativen, die es an Menschen und Situationen zu adaptieren gilt.

Leider ist das erste Kapitel, das sich explizit an „Theorieinteressierte und Neugierige“ wendet, sehr knapp ausgefallen. Hier wäre unter anderem der Ort gewesen, das „Zürcher Ressourcen-Modell“ von Maja Storch und Frank Krause, an dessen Methode sich die Autorinnen orientieren, weitergehend vorzustellen. Ähnliches lässt sich zu Kapitel 4 bemerken, das zum einen zwar rundum durch die Integration der Typenlehre Carl Gustav Jungs überzeugt, zum anderen aber gerade in dieser Hinsicht noch prononcierter hätte ausfallen dürfen. Die einleuchtende, leider sehr klein gedruckte Grafik zu den Persönlichkeitspräferenzen nach Briggs und Myers (S. 99) ist dankenswerterweise Teil des Downloadmaterials, sodass die Lesbarkeit gewährleistet ist.

Etwas unpassend wirkt zudem, dass die Typenlehre unmittelbar auf die Präsentation des Lebensskripts, des „Lebensdrehbuchs“ und der aus ihnen resultierenden Narrative folgt, bevor das Strukturmodell und danach das Funktionsmodell der Ich-Zustände behandelt werden. Logischer wäre es gewesen, entweder mit der Typenlehre zu beginnen, denn die genetische Prädisposition dürfte eigentlich die Grundlagen für die Skriptbildung liefern, oder aber diese in einem eigenen Kapitel abzuhandeln, um im Nachhinein eventuelle typenbedingte Restriktionen von Skript, Struktur und Funktion zu pointieren.

Hervorragend nachzuvollziehen sind die Würdigungen der einzelnen Ich-Zustände bzw. -Modi für das integrierende Erwachsenen-Ich und ebenso die Differenzierung des transaktionsanalytischen Grundmodells in Struktur und Funktion. Gutgetan hätte es den Ausführungen nichtsdestoweniger, wenn der Weg von der Struktur zur Funktion bzw. die Interdependenzen und die Dynamik zwischen beiden in stärkerem Maße konturiert worden wären.

Wollte man den Versuch wagen, in all den ausgezeichneten Kapiteln ein Highlight auszumachen, so wäre dies zweifelsohne Kapitel 5, steht doch hier die für Coaching und Beratung cruciale Frage nach der Gestaltung von Beziehungen im Mittelpunkt. Obgleich die Frage nach den unterschiedlichen Rollen eines Individuums und die Analyse von Rollenkonflikten vielen Leser*innen bekannt sein dürften, markiert die konsequente Einbeziehung der Spieldynamiken einen besonderen Twist, so etwas wie einen „transactional turn“. Lediglich der Abschnitt 5.3 („Von symbiotischer Verstrickung zur Verantwortungsübernahme: Passivitätsmuster und Problemlösungsstufen“, S. 165 ff.) hätte insofern elaboriert werden können, als (zumindest beim ersten Lesen) nicht immer Klarheit darüber herrscht, auf wen genau an welcher Stelle das Konzept der Passivität zielt, ob auf Klient*innen oder Berater*innen oder mitunter auf beide parallel.

Im Verlauf ihres Buchs rekurrieren die Verfasserinnen immer wieder auf neurobiologische Grundlagen der Transaktionsanalyse. Auch dazu besteht das Desiderat einer Intensivierung, die vielleicht – so lässt sich vermuten – den verlagsseitig vorgegebenen Umfang gesprengt hätte.

Die mosaiksteinartig gelisteten Punkte bilden kaum relevante, minimale Wermutstropfen, die der immensen Leistung der Monografie keinen Abbruch tun.

Abschließend uneingeschränkt zu würdigen bleibt der praxisorientierte Zugang zur Thematik, mit dem Kessel, Raeck und Verres brillieren. Jeden Abschnitt eines Kapitels ergänzen sie mit „interventionsleitenden Fragen und Impulsen“, die vom übrigen Text grafisch abgesetzt sind, sodass sie nach der Lektüre leicht wiedergefunden werden können. Die „Werkzeugkiste“ in Kapitel 8 mit ihrem „Blumenstrauß von Interventionen“ (S. 232) lässt sich nachgerade als Vademecum der Transaktionsanalyse in Beratungskontexten bezeichnen, das den Wunsch der Autorinnen, dass es als Inspiration dienen möge, bestimmt genauso erfüllt wie das Füllhorn an Übungen im Downloadbereich. Diese schließen sich an die einzelnen Kapitel an und sind nahezu ausnahmslos in Einzel- oder Gruppensettings zu verwenden. Vorgeschaltet sind ihnen Stichpunkte zu „Ziel“, „Voraussetzungen“, „Setting“, „Vorbereitung“, „Dauer“, „Ablauf“ und „Material“.

Zu guter Letzt darf nicht vergessen werden, dass „Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse“ durch eine lebendige, stilistisch homogene und wohlbalancierte Schreibweise besticht. In ihr findet auch das Gendern in einer im deutschsprachigen Raum tendenziell noch unüblichen, flüssig lesbaren Form seinen Platz, nämlich als alternierender Einsatz von männlich oder weiblich markierten Morphemen.

Fazit

Die Publikation des Transaktionsanalytikerinnen-Trios begeistert mit der (er)kenntnisreichen Darstellung des aktuellen „state of the art“ der Transaktionsanalyse und dabei insbesondere mit dem Schwerpunkt Ressourcenaktivierung von Klient*innen in Beratungs- und Coachingprozessen. Vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Beispielen aus Beratungskontexten, eingebettet in den theoretischen Bezugsrahmen der Transaktionsanalyse und ihrer Weiterentwicklungen, ergeben sich vielerlei Ansätze für die Arbeit mit Menschen in disparaten Settings – vom Einzelcoaching bis hin zur Arbeit mit größeren Gruppen. Die konkreten Materialien, die außerdem zur Verfügung gestellt werden, inspirieren, geben Impulse, motivieren nicht zuletzt für den interdisziplinären Einsatz der Transaktionsanalyse und werden manche Leser*innen dazu einladen, den Spieldynamiken alltäglicher Interaktionen mit transaktionsanalytischer Basiskompetenz zu begegnen.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 27.01.2022 zu: Bertine Kessel, Hanne Raeck, Dörthe Verres: Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse. Impulse für eine inspirierte Coaching- und Beratungspraxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-525-40856-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28705.php, Datum des Zugriffs 20.05.2022.


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