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Anil Batra (Hrsg.): Tabakabhängigkeit

Cover Anil Batra (Hrsg.): Tabakabhängigkeit. Wissenschaftliche Grundlagen und Behandlung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2005. 164 Seiten. ISBN 978-3-17-018617-0. 29,80 EUR.
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Das Thema

Der Bereich der Nikotinabhängigkeit ist in Deutschland immer noch unterentwickelt im Gegensatz zu den anderen Suchtkrankheiten, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. In den vergangenen Jahren ist - bis auf isolierte begrenzte Aktionen - diesbezüglich nichts geschehen. Die Politik, die Ärzteschaft, die Suchttherapeuten und die sonstigen Fachkreise haben die Problematik negiert bzw. sind untätig geblieben. Über die Fakten der Nikotinabhängigkeit besteht ein weitgehendes Nichtwissen. Deswegen ist jede Veröffentlichung über diesen Bereich zu begrüßen.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Herausgeber Privatdozent Dr. Anil Batra ist Leitender Oberarzt an der Abteilung Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie an dieser Klinik. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Fragen der Nikotinabhängigkeit. In dem Buch sind die Referate einer Tagung "Rauchen - eine Abhängigkeit wie jede andere?" vom 3.-4. Dezember 2003 an der psychiatrischen Universitätsklinik Tübingen veröffentlicht. Im Vorwort stellt Batra unter anderem fest, dass es eine Zukunftsaufgabe sein wird, "die Definition für die Tabakabhängigkeit zu überprüfen, klare Vorstellungen bezüglich einer differentiellen Indikation zu formulieren und die Effektivität der Behandlungsstrategien zu verbessern".

Grundlagen der Tabakabhängigkeit

Der erste Teil des Buches stellt die Grundlagen der Tabakabhängigkeit in fünf Referaten dar.

  1. Ulrich Keil "Die gesundheitliche Bedrohung durch den Tabakkonsum". Die bekannten Auswirkungen auf die Krebs- und Herzkrankheiten werden vorgestellt.
  2. Jochen Wollgramm und Andrea Heyne "Ratten als Langzeit-Konsumenten von Nikotin: Der Weg zur Nikotinsucht". Sie stellen auf Grund der Tierversuche fest, dass die Ratten einen abstinenzüberdauernden Kontrollverlust entwickelten, der denselben Kriterien folgt, die auch für die anderen Suchtstoffe zutrafen. "Nikotinsucht unterscheidet sich in keinem Punkt von den schon früher für Alkohol, Opiat oder Amphetamin gefundenen Suchtcharakteristika."
  3. David Balfour "Biologische Aspekte des Rauchens". Er weist daraufhin, dass das Nikotin im Gehirn zu einer Ausschüttung von Dopamin führt und angenehme Wirkungen erzeugt. Viele Raucher rauchen, um sich das Leben angenehmer zu gestalten.
  4. Anil Batra und Olaf Rieß "Auf der Suche nach dem "Tabak-Gen" - existiert eine genetische Grundlage des Rauchens?" Sie meinen, dass auf Grund der derzeitigen unsicheren Befundlage noch keine Schlussfolgerungen für die Therapie des Rauchers möglich sind
  5. Martina Pötschke-Langer, Alexander Schulze und Reinhold Klein "Zusatzstoffe in Tabakprodukten - neue Erkenntnisse oder altes Wissen?" Anhand der Dokumenten der Tabakindustrie berichten sie, dass die Industrie durch Zusatzstoffe, dass Rauchen - auch für Kinder - angenehmer oder verträglicher macht.

Diese fünf Referate können die Grundlagen der Tabakabhängigkeit selbstverständlich nicht ausreichend darstellen. Es sind einzelne isolierte Aspekte, die beschrieben werden. Sehr interessant sind die Ergebnisse der Tierforschung, die zeigen, dass das Suchtverhalten vorrangig ein biologisches Phänomen ist.

Politischen Bedeutung und therapeutische Perspektiven

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der "Politischen Bedeutung und therapeutische Perspektiven".

  • Christoph Kröger "Die Psychologie des Rauchens - Grundlage für eine psychologische Behandlung?" Hier wird klar herausgestellt wird, dass die positiven Erwartungen, die angenehmen Genuss-Lust-Gefühle, die Beruhigung und Entspannung usw. den entscheidenden Hintergrund des Nikotinkonsum bilden. Diese Tatsachen sind in Deutschland noch nicht allgemeines Wissen in der Suchtarbeit. Darauf aufbauend stellt Kröger die Abklärung dieser Gefühle in den Mittelpunkt der psychologischen Beratungen zum Abgewöhnen.
  • Karl Olav Fagerström "Raucherentwöhnung - wie effektiv kann sie sein?" Er weist auf die unterschiedliche subjektive Bewertung des Rauchers hin und fordert eine genaue diesbezügliche Abklärung, um gezielt eine Entwöhnung mit den derzeitigen Möglichkeiten der Nikotintherapie anzubieten.
  • Anil Batra "Die deutschen Leitlinien zur Behandlung des Rauchers" Diese Aussagen beruhen weitgehend auf den Zusammenstellungen der amerikanischen Nikotintherapeuten. Da die Raucher in aller Welt gleich sind, werden sie hier nur in deutscher Sprache übertragen.
  • Margot Wemhöner "Die Behandlung der Tabakabhängigkeit aus der Sicht der Leistungsträger." Sie stellt drei zu beachtende Aspekt bei der Nikotintherapie heraus: Raucher sind keine gestörten Persönlichkeiten, Warnungen vor den Entzugserscheinungen mindern die Aufhörbereitschaft und die Pathologisierung schwächt die Überzeugung der Selbstwirksamkeit.
  • Peter Lindinger "Die Motivation des Rauchers zur Abstinenz". Die bekannten verschiedenen Phasen in der Entwöhnungsbereitschaft werden beschrieben und die sog. fünf "5 A«s" und "5 R«s" dargestellt. Weiterhin wird das "Verständnis für die Funktionalität des Rauchens, die Motivationsarbeit und die Ausstiegsmotivation von Patienten nach dem Ausstieg" besprochen.
  • Martina Schröter und Anil Batra "Tabakentwöhnung in 6 Wochen - ein verhaltenstherapeutisches Entwöhnungsprogramm" Sie stellen das bekannte 6-wöchige verhaltenstherapeutische Entwöhnungsprogramm des Arbeitskreises Raucherentwöhnung der Universität Tübingen vor.

In den Referaten war von der politischen Bedeutung praktisch nicht die Rede. Einen neuen Aspekt in der Diskussion über die Nikotinabhängigkeit in Deutschland bringen die Ausführungen von Herrn Kröger. Die weiteren Vorträge bieten zahlreiche interessante Aspekte für die Arbeit mit Nikotinabhängigen.

Eine Roundtable Diskussion über das Thema "Ist Rauchen eine Abhängigkeit wie jede andere?" von 12 Seiten schließt das Buch ab. Nach einem kurzen Statement der Diskutanten werden Fragen aus dem Zuhörerkreis beantwortet. Eine abschließende Stellungnahme zu der Ausgangfrage erfolgt nicht. Batra stellt nur fest, dass "offensichtlich Selbstverständliches nicht selbstverständlich ist" und dass eine Konfusion der Begrifflichkeit besteht.

Diskussion

Wie bei Tagungen bekannt werden viele Einzelaspekte der Thematik angesprochen. Eine geschlossene Darstellung bzw. Übersicht aber erfolgt nicht. Die wissenschaftlichen Grundlagen werden nur unzureichend vorgestellt. Das Buch bietet viele Einzelaspekte für die Arbeit der Nikotintherapeuten, aber keinen umfassenden Überblick.

Zielgruppe

Das Buch ist zu empfehlen für Personen, die sich - beruflich oder persönlich - für die Beratung in der Nikotintherapie interessieren und dazu weitere Informationen suchen.

Fazit

Die im Vorwort aufgezeigten Zukunftsaufgaben sind auf dieser Tagung auch nicht ein Stückchen weitergeführt worden. Die Aufgabe einer wissenschaftlichen Tagung wäre es gewesen, eine Konfusion der Begrifflichkeit, die der Herausgeber beklagt, zu klären und zu beenden.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 16.08.2005 zu: Anil Batra (Hrsg.): Tabakabhängigkeit. Wissenschaftliche Grundlagen und Behandlung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2005. ISBN 978-3-17-018617-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2871.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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