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Andrea Perthen: Korruption kritisieren

Cover Andrea Perthen: Korruption kritisieren. Die Genese politischer Korruptionsskandale in der frühen Bundesrepublik Deutschland. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2021. 380 Seiten. ISBN 978-3-86962-610-9.
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Korruption = Missbrauch von individuellen und kollektiven Interessen

Korruptes Verhalten gibt es, seit Menschen sich bewusst geworden sind, dass sie selbst und in der Lage sind, als Individuen ihre Wünsche egoistisch und machtvoll durchzusetzen (Paul Collier / John Kay, Das Ende der Gier. Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/28719.php). Gleichzeitig gibt es Widerstände gegen Korruption. Es sind lokale, regionale und globale Initiativen, um den menschenunwürdigen Praktiken von sozialem Fehlverhalten menschenrechtliche Alternativen entgegenzusetzen; wie z. B. die 1993 in Berlin gegründete Nichtregierungsorganisation „Transparency International“, die sich zum Ziel gesetzt hat, Korruption auf allen Gebieten menschlichen Lebens durch Informations-, Meinungsfreiheit, Transparenz, Gerechtigkeit und Anspruch für ein gutes Leben aller Menschen auf der Erde zu bekämpfen (https://www.transparency.de).

Entstehungshintergrund und Autorin

Politische Korruptionsskandale sind in der gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sowohl „Hingucker“ und „Aufreger“ als auch „Staffage“. Es ist die Herrschaft des Rechts, die beim menschenwürdigen, gleichberechtigten Miteinander der Menschen beansprucht, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Menschenrechtsdeklaration vom 10. 12. 1948). In der (meist abgeschlossenen, versteckten) Truhe der Skandale befinden sich unzählige Belege für Korruptionen. Der Griff hinein wird motiviert durch vielfältige Interessen und Zielsetzungen.

Andrea Perthen, die an der Bauhaus-Universität und an der TU Darmstadt Stadtgeschichte studierte, hat über politische Korruptionsskandale in den ersten beiden Jahrzehnten des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland geforscht. In ihrer Dissertation (2019) greift sie Korruptionsskandale aus den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland auf. Es sind skandal- und mediengeschichtliche Aspekte, die von investigativen Journalist*innen, Informant*innen und Wistleblower*innen  thematisiert werden. Dem Forschungsprojekt liegt der sogenannte HS-30-Skandal zugrunde: Es ist der Verdacht, dass CDU-Abgeordnete in den 1950er-Jahren Schmiergelder in Millionenhöhe angenommen hätten, um die Beschaffung von Schützenpanzern für die Bundeswehr durchzusetzen. Der geäußerte Anfangsverdacht Ende der 1950er-Jahre verlief im Sande. Erst die Berichterstattung im politischen Magazin „Deutsches Panoroma“ (1966 / 67) führte zu politischen Reaktionen, wie z. B. der Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses – dessen Ergebnisse freilich ebenfalls abgebügelt wurden. Ist es die gewachsene demokratische Sensibilisierung, dass in der Korruptionsforschung heute wieder die Aufforderung erhoben wird: Korruption kritisieren? Oder sind es die nach wie vor existierenden Praxen, wie unrecht erworbener Reichtum in Steuertricks, Steueroasen, Briefkastenfirmen und dubiosen Geldwasch-Anlagen versteckt wird? Gerade aktuell sind es die investigativen Aufdeckungen der „Pandora-Papers“, die öffentliche Aufmerksamkeit und Protest bewirken.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Studie neben der Einführung in die historische Korruptions- und Skandalforschung ( siehe dazu auch: Stefan Joller, Skandal und Moral. Eine moralsoziologische Begründung der Skandalforschung, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24984.php), in drei weitere Kapitel: In „Rahmenbedingungen“ zeigt sie zum Fall „HS-30“ die Strukturen auf, wie sie beim Aufbau, bei der Funktion und beim Selbstverständnis der Bundeswehr bestehen, und bei der journalistischen Berichterstattung, Zielsetzung und Medienpolitik in den frühen Jahrzehnten der BRD vorherrschten. Sie identifiziert die Entwicklungen als „Nährboden für Skandale“; denn der „HS-30-Skandal“ war kein Ausrutscher, sondern eingebunden in zahlreiche weitere Vorfälle, wie z. B. die „Hauptstadt-Affäre“, bei der es angeblich zu (geldwerten) Einflussnahmen von Abgeordneten bei der Bundestagsentscheidung über die Hauptstadt-Abstimmung gegeben habe; wie die „Koblenzer Bestechungsaffäre“, bei der die Bedeutung und Wirkung von Lobbyisten bei der Beschaffung von Geräten und Materialien für die Bundeswehr auf eine manipulierte Waage gelegt wurden; der „Fall Kilb“, bei dem korrupte Praktiken bei der Zurverfügungstellung von Leihwagen für Angehörige des Bundeskanzleramts und anderer Ministerien zutage gefördert wurden; die „Fibag-Affäre“, bei der es zu dubiosen, jedoch unbewiesenen Bereicherungen bei Grundstücks- und Gebäudevergaben kam; die „Onkel-Aloys-Affäre“, bei der Machenschaften des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß bekannt wurden; der „Starfighter-Skandal“, der schließlich hinführte zum „HS-30-Skandal. Im Kapitel „Akteure bei der Skandalisierung politischer Korruption“ thematisiert die Autorin die Bedeutung und Wirkungen von Journalist*innen bei der Information, Aufdeckung und Bewertung von Korruptionsskandalen: Wie haben sie recherchiert? – Auf welchen Quellenmaterialien beruhten ihre Informationen? Aber auch die der Informant*innen: Waren es Aufklärer oder Vertuscher? – Dienten sie ehrlichen oder manipulierten Zwecken?

Diskussion

Korruption ist abseitiges, menschenfeindliches Verhalten! Es sind egozentristische, manipulative und menschenunwürdige Einstellungen, die es anzuprangern und zu tilgen gilt. Die Auseinandersetzung darüber muss mit Vergangenheitswissen, Gegenwartsbewusstsein und Zukunftsvisionen geführt werden. Dass Andrea Perthen in ihrer Studie die Korruptionsskandale in Westdeutschland der 1950er und 1960er-Jahre analysiert, ist kein l‘art pour l‘art, sondern ein notwendiges, aufklärerisches Motiv. Es sind Fragen wie: Unter welchen strukturellen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen entsteht Korruption? Wie sind korrupte Praktiken zu erkennen? Wie kann ihnen begegnet, und wie können sie verhindert werden?  Finden Whistleblower Aufmerksamkeit, Anerkennung und Unterstützung, oder werden sie in die Schubladen „Verräter“ und „Nestbeschmutzer“ gesteckt?        

Fazit

Die Skandalisierung von Korruption ist in der sich immer interdependenter, entgrenzender, globalisierten Welt eine zunehmend bedeutsame Herausforderung für alle Menschen auf der Erde. Es sind die Einstellungen – „Was kann ich kleines Licht schon dagegen machen?“ - die selbständiges Denken und Handeln blockieren und einer lokalen und globalen Bekämpfung der weltweiten Verflechtungen von Korruption entgegenstehen. Nur in freiheitlichen, demokratischen Strukturen und Gewaltenteilungssystemen können aktive und passive Bestechungen überwunden werden. Die Forschungsarbeit „Korruption kritisieren“ vermittelt in Theorie und Praxis die in den Sozialwissenschaften aufgehobene Korruptions- und Skandalforschung, indem sie darauf verweist, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Skandalen kommunikations- oder politikgesellschaftlich, soziologisch oder historisch im Laufe der Jahrzehnte zugenommen habe. Das ist gut und positiv, zeigt aber auch, dass der Bekämpfung von politischer Korruption eine neue Aufmerksamkeit zukommen muss!     


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.10.2021 zu: Andrea Perthen: Korruption kritisieren. Die Genese politischer Korruptionsskandale in der frühen Bundesrepublik Deutschland. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2021. ISBN 978-3-86962-610-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28711.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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