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Jürgen Straub: Psychologie als interpretative Wissenschaft

Cover Jürgen Straub: Psychologie als interpretative Wissenschaft. Band 1 und 2. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2021. 302 Seiten. ISBN 978-3-8379-2846-4. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Verlag stellt die Thematik der beiden Bände wie folgt dar:

Jürgen Straub eröffnet und erläutert zentrale Perspektiven einer zeitgemäßen Handlungs- und Kulturpsychologie. Seine theoretischen Reflexionen machen Leserinnen und Leser mit einem komplexen Kulturbegriff und exakten Modellen der verstehenden Handlungserklärung bekannt. Grundzüge einer psychologischen Anthropologie werden ebenso skizziert wie die Idee eines dezentrierten Subjekts, das seine Autonomie und Kreativität keineswegs schon ganz an »anonyme Strukturen« und eine »undurchschaubare Macht« abgegeben hat. Dieses soziale Subjekt lebt und handelt in einer kulturellen Welt von Bildern, Texten und Diskursen, denen sich die kulturpsychologische Forschung mit großer Offenheit und unbändiger Neugierde zuwendet. Das erste Buch versammelt anthropologische Grundlagen und elementare Orientierungen. Im zweiten Buch widmet sich der Autor Erklärungsformen, der Handlungs- und Subjekttheorie sowie dem Homo narrator und Homo pictor in der psychologischen Erzähl- und Bildtheorie.“ (Klappentext Buchrückseite)

Zu diesem Publikationskontext gehört, dass mit vorangegangenen „Schriften zu einer handlungstheoretischen Kulturpsychologie“ innerhalb der Buchreihe „Diskurse der Psychologie“ bereits andere Bände desselben Autors erschienen sind. Damit wird zugleich das Selbstverständnis des Erkenntnis- und Publikationszusammenhangs erschließbar. Es handelt sich um:

  • (2015) Handelnde Subjekte. »Subjektive Theorien« als Gegenstand der verstehend-erklärenden Psychologie (hrsg. mit Doris Weidemann)
  • (2016) Religiöser Glaube und säkulare Lebensformen im Dialog. Personale Identität und Kontingenz in pluralistischen Gesellschaften.
  • (2019) Kulturpsychologie in interdisziplinärer Perspektive. Hans-Kilian-Vorlesungen zur sozial- und kulturwissenschaftlichen Psychologie und integrativen Anthropologie (hrsg. mit Pradeep Chakkarath und Gala Rebane)
  • (2019) Das optimierte Selbst. Kompetenzimperative und Steigerungstechnologien in der Optimierungsgesellschaft. Ausgewählte Schriften.
  • (2019) Das erzählte Selbst. Konturen einer interdisziplinären Theorie narrativer Identität. Ausgewählte Schriften. Bd. 1: Historische und aktuelle Sondierungen autobiografischer Selbstartikulation. Bd. 2: Begriffsanalysen und pragma-semantische Verortungen der Identität. Bd. 3: Zeitdiagnostische Klärungen und Korrekturen postmoderner Kritik.
  • (2020) Vom Prothesengott zur Psychoprothese. Über Psychotherapie und Selbstoptimierung.
  • (2021) Kulturen verstehen, kompetent handeln. Eine Einführung in das interdisziplinäre Feld der Interkulturalität (hrsg. mit Viktoria Niebel)

Bei dem vorliegenden Band handle es sich, so Straub abschließend, um „ausgewählte theoretische Abhandlungen. Sie umfassen ein weites Spektrum handlungs- und kulturpsychologischen Denkens – von zentralen Aspekten einer psychologischen Anthropologie und Epistemologie über wissenschafts- und erklärungstheoretische Fragen bis hin zu Überlegungen zur Erzähl- und Bildtheorie sowie der damit verwobenen narrativen bzw. ikonologischen Psychologie“ (S. 597).

Darüber hinaus annonciert der Autor (S. 13) zwei weitere Bände mit den Arbeitstiteln:

  • Das kulturelle Selbst. Interkulturelle Kommunikation, Konflikte, Koexistenz und Kompetenz.
  • Kreatives Gedächtnis, erinnerte Geschichte, kontingentes Leben. Kulturpsychologische Analysen historischer und biografischer Sinnbildung.

Worum es als Diskussionskontext geht, umreißt Wagner (2009, S. 5–6) u.a. wie folgt:

„Der Bereich Kulturwissenschaften umfasst […] nicht nur die Enge von Cultural Studies, sondern auch den komplexen Bereich von Kulturgeschichte, vor allem im Zusammenhang der konstitutiven gesellschaftlichen Faktoren. Kultur als die spezifsche menschliche Erscheinungsform, die das Wesen Mensch von allen anderen Spezies unterscheidet (Sigmund Freud), ist also wissenschaftlich bearbeitet ein Methoden- und Querschnittstableau auffälliger Phänomene, wobei die Historiografie eine wichtige Rolle spielt, die eigene Position (vielleicht im Gegensatz zu den Cultural Studies) unzweifelhaft gekennzeichnet, die eigene Ausgangsideologie nur als eine von denkbaren Interpretationsweisen verstanden und generell von einem multiperspektivischen Ansatz ausgegangen werden.“

Zugleich aber müsste es insb. vor dem Hintergrund der Transdisziplinarität von Cultural Studies und Kulturwissenschaft(en) darum gehen, spezifisch kulturpsychologische Themen, Inhalte und Erkenntnisse des sonst nur inhaltsleer etikettierten cultural turn zu konkretisieren, zu kontextualisieren und in ihren Varianten bzw. Neuorientierungen [1] zu differenzieren. Dies vor allem, weil Kulturpsychologie „nach Richard A. Shweder die Untersuchung sozio­kultureller Umwelten als intentionale Welten (intentional worlds) – Harre und Gillett verwenden hierfür die Bezeichnung Diskurs (discourse) oder diskursive Welt – und intentionaler Personen bzw. semiotischer Subjekte [ist]. Sie ist die Erforschung des individuellen Verhaltens in verschiedenen intentionalen Welten und der interpersonalen Erhaltung derselben innerhalb einer kulturellen Gruppe. Kulturpsychologie beschäftigt sich mit der Erforschung der psycho-semantisch-sozio-kulturellen (psycho-semantic­socio-cultural) Realitäten, in denen Subjekt und Objekt nicht voneinander getrennt werden können, weil sie einander so stark durchdringen. […] Wird in der Kulturvergleichenden Psychologie ›Kultur‹ als ein der Person äußeres und unabhängiges Variablenset begriffen, gehen kulturpsychologische Ansätze davon aus, dass keine der beiden Seiten ohne die andere gedacht, interpretiert und gelebt werden kann“ (Allolio-Näcke, 2005, S. 85).

Autor

Der Psychosozial-Verlag macht zum Autor folgende Angaben:

„Jürgen Straub ist seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Sozialtheorie und Sozialpsychologie in der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Seit August 2014 ist er Co-Direktor des »Hans Kilian und Lotte Köhler Centrum für sozial- und kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie«. 2015 wurde ihm der Ernst-Eduard-Boesch-Preis für Kulturpsychologie der Gesellschaft für Kulturpsychologie, 2017 der Höffmann-Wissenschaftspreis für Interkulturelle Kompetenz verliehen“ (https://www.psychosozial-verlag.de/catalog/autoren.php?author_id=2433).

Aufbau und Inhalt

Wie aus dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich, arbeitet Straub sein Programm mit 17 Beiträgen (Bd. 1: 5 Beiträge, Bd. 2: 7 Beiträge) ab, wobei weder die inhaltliche Auswahl noch der thematische Aufbau der Bände ein theoretisches Konzept erkennen lassen. Zu sehr wohl geht es auch darum, die Möglichkeit zur Veröffentlichung bereits vorhandener Beiträge“ in einer nun mitunter „revidierten“ Fassung als „Gesamtwerk“ wahrzunehmen (S. 12). Dabei reicht die „Spannweite“ des Anspruchs „vom Menschenbild über erklärungstheoretische Perspektiven bis hin zu handlungs- und subjekttheoretischen, erzähl- und bildtheoretischen Überlegungen“ (S. 1). Ziel sei, „subjekt-, sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven in einzigartiger Weise zu integrieren. Das steht einer Psychologie, die sich nicht mit sozial isolierten Monaden in vermeintlich kulturfreien Räumen befassen will, bestens zu Gesicht“ (S. 2–3).

Straub unterstreicht programmatisch, es gehe ihm um „Revisionen und Transformationen eines höchst vieldeutigen, wandlungsfähigen ›Subjekts‹. Wer ›Kultur‹ sagt, sagt auch ›Person‹. Wer von ›Gesellschaft‹ sprechen möchte, darf vom ›Individuum‹ nicht schweigen. Der Name ›Subjekt‹ besitzt übrigens auch deswegen seinen eigenen Charme, weil er prinzipiell beides zugleich bezeichnet: die erlebnis- und handlungsfähige Instanz, die wir auch ›Person‹ nennen, sowie das – ganz wörtlich zu verstehende – unterstellte, unterliegende, unterworfene sub-jectum“ (S. 5). Was der Rezensent hier wie auch an der Diskussion der Implikation des ›Kultur‹-Begriffs bzw. -Konzepts (S. 95–106) vermisst, ist eine konzise Infragestellung und Klärung, „ob ›Kultur‹ überhaupt den logischen Status einer unabhängigen Variable haben kann, wenn man bedenkt, dass die psychologischen Konstrukte, hinsichtlich derer Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander verglichen werden sollen, selbst kulturell vermittelt sind“ (Billmann-Mahecha, 2003, S. 97).

In seinem dokumentierenden, argumentierenden, psychosoziale und soziokulturelle Wirklichkeiten beschreibenden, im Sinne „explanativer Narrative“ untersuchenden „Weg des wissenschaftlichen Verstehens“ (S. 10)

  • beginnt Straub mit den Basics der Kulturpsychologie(n) in den Ausprägungen, Besonderheiten und globalisierten Spielarten kulturinterpretativer, -wissenschaftlicher, -vergleichender, -inklusiver, interkultureller Psychologien im Kontext eines „bislang nicht hinreichend“ berücksichtigten „Bedeutungswandels des Kulturbegriffs“ (S. 131),
  • durchsteppt Differenzen und Kontroversen humanistischer versus „antihumanistischer“ Theorien und „Allianzen“, um – vor dem Hintergrund eines „auf je eigene Weise zu kurz“ greifenden Behaviorismus bei Skinner wie der Psychoanalyse Lacans (S. 268) – eine „Korrektur“ vorzunehmen, die seines Erachtens „die psychoanalytische und psychologische Anthropologie wieder auf einen Weg bringt, [auf dem] in aller Gelassenheit von der normativen Idee der Autonomie und ihrer – für die Erfahrungswissenschaften sehr wichtigen, heuristischen – Funktion gesprochen werden kann, um die vielfältigen Wirklichkeiten und Potenziale menschlicher Existenz angemessen beschreiben, verstehen und erklären zu lassen“ (S. 260–61),
  • druckt „Überlegungen“ zur „Interdisziplinarität als permanentes Prinzip“ (S. 278) noch einmal ab, um diese „mit der Aufzählung von elf Allgemeinplätzen“ seines Erachtens „kaum umstrittene[r] Ausgangspunke aller Diskussionen und Bemühungen um interdisziplinäres Arbeiten“ abzuschließen (S. 293–298),
  • erarbeitet und unterscheidet Formen und Typologien, des Warum und Wie von Handlung mit einer Überleitung zur „Erklärung als Handlung“ (S. 323) und zu alltagsweltliche Handlungspraxen im Kontext unterschiedlicher Handlungstheorien mit der letztlichen Verabschiedung einer „Vorstellung vom intentionalen, reflexiven und rationalen Subjekt als einem ungestörten Zentrum einer ungebrochenen Autonomie und Autopraxis“ (S. 373),
  • rekurriert auf „›Krise‹ als ein existenziell wichtiges Geschehen“ (S. 392), auf Handlungs-, Interaktions-, kognitive Dissonanz-, Lern-, Entwicklungs- und Beziehungskrisen als erweiterte und ausdifferenzierte „Pragma-Semantik des komplexen Begriffs“ (S. 412) mit ihrer Bedeutung für „Krisenanfälligkeit“ als „Signum eine (spät-/post-)modernen Subjekts“ (S. 437), für Ansätze einer Life Event-, Stress-, Coping- oder Bewältigungsforschung,
  • rekapituliert ein Konzept des Menschen als Homo narrator als Ausgangspunkt einer ‚narrativen Psychologie‘ mit struktur- und formaltheoretischen Bestimmungen, Erzeugungsregeln und Verlaufsschemata, Sinn- und Bedeutungs-, Wahrnehmungs- und Rezeptions, Identitäts-, Kommunikations-, Interaktionsfunktionen von ‚Erzählung‘ bzw. ‚Erzählen‘,
  • problematisiert ein „Verschwinden des Bildes als ›Abbild‹“ als – ebenfalls wiederveröffentlichten – Übergang zu Spielarten der Bildwissenschaft(en), zur „Wiederentdeckung des Ikonischen“ (S. 556) mit ihren Konsequenzen für visual studies, visual anthropolgy, visual sociology und eine „ikonologisch fundierte Psychologie“ der Bildinterpretation wie der „Bildgebrauchs- und der -wirkungsanalyse“ (S. 566).

Diskussion

Straub wiederholt, begründet, (re-)zitiert Straub. Dies entfaltet er mit – wegen des Verzichts auf ein Gesamtliteraturverzeichnisses – mehrmaligen, insgesamt 168 Quellenangaben eigener Arbeiten im Stil von „autoexplanativen Narrativen“ (S. 10). Damit gerät der mäandernde Text anstelle eines intellektuellen Feuerwerks zur langen Leitung eines Glühwurms der Erkenntnis. Doch kann nicht einmal dieser Wurm des Bewusstseins ob der prätentiösen Vorführung akademischen Wissens bei der Arbeit erlebt werden. [2] Der Autor hält seine LeserInnen auf Distanz, hält sie hin, enthält ihnen das vor, was kulturwissenschaftlich wie -psychologisch ein programmatischer Parcours hätte sein können. Es bleibt bei der Absage, es sei „nicht […] Gegenstand dieses Aufsatzes“, wie „kulturpsychologische Handlungsinterpretation“ mit „konkreten Handlungen in Zusammenhang“ zu bringen sei (S. 109–110). Die Erwartung an das Werk wird auf S. 597 mit dem Postscriptum-Hinweis nachkorrigiert, „die meisten in der vorliegenden Publikation veröffentlichten Aufsätze [seien] Wiederabdrucke bereits erschienener Arbeiten“, deren „Redundanzen gering“ und deren Neuigkeitswert „möglichst hoch“ zu gestalten versucht worden seien. Freilich: Mehr als die Ausweisung, Psychologie könne „durchaus in einem anspruchsvollen Sinne als Kulturwissenschaft aufgefasst und betrieben“ und in dieser Schrift beispielhaft als interpretative Kulturpsychologie vorgeführt werden, sei „auch gar nicht Sinn und Zweck der vorliegenden Abhandlung“ (S. 110). Anders formuliert: Bei kritischer – und pointierter – Betrachtung kommt Rotpeters ›Bericht für eine Akademie‹ von Kafka (1917) prägnantere, selbst-, sozial- und wissenschaftskritischere Aussagekraft über die ‚menschliche Natur‘, über die psychologischen Voraussetzungen und Wirkungen kultureller Entwicklung, über das Unbehangen ob verlangter und vorgenommener Anpassungs- und Kulturleistungen, über die mehrfach bedingten (überdeterminierten) Kulturaspekte von Freiheit, Selbstbewusstsein und Sozialkompetenzen zu.

Was das im Untertitel annoncierte Menschenbild betrifft, wäre zu prüfen, ob und inwieweit Straubs homo psychologicus – der Forderung Kaminskis (1970, S. 5) entsprechend – real sozial „lebensfähig“ wäre, nämlich diversifizierte Kulturen bzw. „Gesellschaft entwickeln könnte“ und „Psychologie hervorzubringen und anzuwenden imstande wäre“. Diesbezüglich greift das partikuläre Modell des narrativen Subjekts ausschnitthaft zu kurz, bleiben die anderen, oben skizzierten anthropologisch-psychologischen Überlegungen zu allgemein, auch – siehe unten – zu unpolitisch. Insofern löst der Autor das Label (s)eines kulturpsychologischen Menschenbildes nicht explizit nachvollziehbar ein.

Hinsichtlich dieses interdependenten Zirkels von Mensch und Kultur ging der Rezensent idealistisch davon aus, dass eine erkenntnis-, erklärungs- und anwendungsorientierte Wissenschaft wie die Kulturpsychologie(n) Straubs der Setzung Wittgensteins (1952, Item 309, S. 238) gerecht werden könne, ja, müsse, „der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas“ dieses Circulus vituosus zeigen. Dies ernüchtert der Autor als naive Erwartung. Andererseits: Warum denn nicht. Letztlich ist jede Bewertung auch abhängig von der – subjektiven (was sonst?) – Erwartung des Lesers. Der Autor fordert für (s)eine „kritische Subjekt-, Sozial- und Kulturwissenschaft“ wegweisend: „Wer nicht bloß affirmieren und reproduzieren möchte, was man gerade vorfindet, muss sich kritisch dazu verhalten und den Maßstab seiner Kritik sowie die konkrete Begründung offen legen“, schränkt dann aber ein, „man kann und sollte den Gebrauch der Urteilskraft sachte und sorgsam einsetzen“. Es sei nicht nur „oft […] angebracht“, sondern könne auch „durchaus gelingen“, dabei „den wertenden Blick auf andere und Fremde zu bändigen und ›einzuklammern‹“ (S. 8–9). Diese Selbstbegrenzung wird, was den Aspekt des Kulturellen als Erkenntnisfolie von Wissenschaft betrifft, von AutorInnen wie Larise (2009, S. 171–173) manifest als unzureichend bzw. fundamentalkritisch als ‚neokonservativ‘ und wissenschafts- wie gesellschaftspolitisch ‚ideologisch‘ abgelehnt: „Eine emanzipatorische Thematisierung von Kultur kann nur dann gegeben sein, wenn Kultur gleichzeitig als ideologisches Konstrukt und als ideologisches Kampffeld innerhalb eines aus Ideologie, Politik und Ökonomie gebildeten Dreiecks verortet wird. Jeder andere Zugang zu Kultur, der sie jenseits jenes Dreiecks positioniert, gleichgültig ob man sich dabei einer engeren oder breiteren Kulturdefinition bedient, unterstützt die Mystifizierung der realen Machtverhältnisse […], die sich, anstatt die wahren Probleme dieser Welt zu bekämpfen, in ein selbstgefälliges Spiel narzisstischer Beschäftigung mit ihrem eigenen Spiegelbild verwickeln. […] Eine emanzipatorische soziale Theorie der Gegenwart sollte einer Fetischisierung der Kultur entgegenwirken“ und auf „einer permanenten kritischen Arbeit [fußen], die gegenwärtig vor allem in einer Ideologiekritik besteht. Erst in diesem Kontext kann der Begriff der Kultur unter Umständen mit emanzipatorischem Potenzial aufgeladen werden.“ Dieser Grundsatz- und Grundlagenkritik wird sich Straub erst noch stellen müssen: Auch Kulturpsychologie kann – wie er selbst (Straub, 2002) an Übersetzungsproblemen diskrepanter Shoah-Erfahrungen aufzeigte – keine unpolitische Wissenschaftsenklave sein.

Fazit

Straub nutzt die ‚Schriften zu einer handlungstheoretischen Kulturpsychologie‘ weitgehend für den überarbeiteten Wiederabdruck bereits erschienener Arbeiten. Dies führt dazu, dass das, was ein differenzierter Einblick in kulturpsychologische Theorien, Begründungen, Forschungsansätze mit Akzenten interpretativer Wissenschaft hätte werden können, zum eher monologisierenden Vortrag des eigenen konzeptionellen Status quo geriet. Die heterogenen Beiträge thematisieren Aspekte kulturpsychologischer Reflexionsprogrammatik im persönlichen Wissenschaftsverständnis des Autors. Leider wird das im Untertitel annoncierte Menschenbild weder explizit ausgewiesen noch wissenschaftlich begründet ausgearbeitet. Insofern bieten die beiden Bände einen Einblick in den bild-, narrations- und interpretationspsychologisch ‚trendigen‘ Theoriestrang dieses jedoch vielgestaltigeren Wissenschafts‚turns‘ einer interdisziplinär erweiterten Psychologie, ohne aber dessen praktische Relevanz in Forschung und Anwendung erschließbar und konkret vorstellbar zu machen. 

Literatur

Allolio-Näcke, L. 2005. Kulturpsychologie: Plädoyer für ein interdisziplinäres Forschungsprogramm. Psychologie & Gesellschaftskritik, 29 (3/4), S. 75–101.

Bachmann-Medick, D. 2009. Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek: Rowohlt.

Billmann-Mahecba, E. 2003. Kulturpsychologie. Wenninger, G. (Hrsg.). 2003. Psychologie von A-Z. Die sechzig wichtigsten Disziplinen (S. 96–99). München: Spektrum.

Chiaromonte, N. 1962. The Worm of Consciousness. Chiaromonte, N. 1977. The Worm of Consciousness and Other Essays (S. 153–159). New York, London: Harvest.

Kafka, F. 1917. Ein Bericht für eine Akademie. Brod, M. (Hrsg.). 1996. Franz Kafka – Gesammelte Werke: Erzählungen (139-147). Frankfurt am Main: Fischer.

Kaminski, G. 1970. Verhaltenstheorie und Verhaltensmodifikation. Stuttgart: Klett.

Larise, D. 2009. Mythos Kultur. Eine Kritik des postmodernen Kulturkonzepts. Wien: Praesens.

Straub, J. 2002. Differenz und prekäre Äquivalenz in einer Übersetzungskultur. Ein hermeneutischer Rahmen für die exemplarische psychologische Analyse eines ›Übersetzungsfehlers‹. Renn, J.; Shimada, S.; Straub, J. (Hrsg.). 2002. Übersetzung als Medium des Kulturverstehens und sozialer Integration (S. 346–389). Frankfurt am Main: Campus.

Wagner, M. 2009. Vorwort des Herausgebers. In Larise (2009) a.a.O., S. 3–9.

Wittgenstein, L. 1952. Philosophische Untersuchungen. Wittgenstein, L. 1990. Tractatus logico-philosophicus, Philosophische Untersuchungen (91-423). Leipzig: Reclam.


[1] Diese Bezeichnung verwendet Bachmann-Medick (2006) für das heterogene Ensemble von interpretive turn, performative turn, reflexive/literary turn, postcolonial turn, translational turn, spatial turn, iconic turn.

[2] Im Original fordert Chiaromonte (1962): „He should make us feel the worm of consciousness at work“.


Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
Homepage www.iwifo-institut.de
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Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 09.11.2021 zu: Jürgen Straub: Psychologie als interpretative Wissenschaft. Band 1 und 2. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2021. ISBN 978-3-8379-2846-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28712.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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