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Lilo Schmitz: Gut beraten in der Schule

Rezensiert von Dipl.Päd. Werner Glanzer, 09.03.2022

Cover Lilo Schmitz: Gut beraten in der Schule ISBN 978-3-8080-0880-5

Lilo Schmitz: Gut beraten in der Schule. Ein Praxisbuch. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2020. 174 Seiten. ISBN 978-3-8080-0880-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Thema

Beratung in der Schule, Beratung im schulischen Kontext sind immer wiederkehrende Themenstellungen, für die Klärungen und Anleitungen gesucht werden. Durch den immer größer werdenden Lebenszeitanteil, den Kinder und Jugendliche in der Schule verbringen, werden Aspekte der Beratung in der Schule immer bedeutender, aber auch Qualitätsentwicklung und -kontrolle gefragter. Die Beratungskontexte sind sehr verschieden: Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, BeratungslehrerInnen, LehrerInnen usw. sind einige der häufigeren Zusammenhänge, in denen Beratung in der Schule stattfinden kann. Diesen Bereich sowohl weiter zu öffnen und zu differenzieren und gleichzeitig die Beratungsqualität zu erhöhen, ist Gegenstand des vorliegenden Praxisbuchs „Gut beraten in der Schule“.

Autorin

Prof. Dr. Lilo Schmitz, Sozialpädagogin, Kulturanthroplogin an der Hochschule Düsseldorf, seit 2019 i.R., hat als Fachgebiet Methoden der Sozialarbeit. Ihr Schwerpunktforschungsthema ist die Lösungsorientierte Beratung. Sie leitet das Institut für lösungsfokussierte Beratung Brühl (Ilbb), ein zertifiziertes Ausbildungsinstitut der IASTI (International Alliance of Solution-Focused Teaching Institutes), wo sie Fortbildungen und Zertifikatskurse gibt. Von ihr erschienen „Lösungsorientierte Gesprächsführung“ (2009) sowie „Lösungsorientierte Gesprächsführung“ (2016) und „Transkulturalität“ (2006).

Inhalt

Das vorliegende 174-seitige Praxisbuch ist strukturiert durch sechs Kapitel sowie Lese- und Fortbildungsempfehlungen. 

  • Kapitel 1 Beratung in der Schule
  • Kapitel 2 Was heißt „Gut beraten“? Menschenbild, Philosophie, Grundhaltungen
  • Kapitel 3 Was heißt „Gut beraten“? – Nützliches Handwerkszeug
  • Kapitel 4 Beratung mit SchülerInnen
  • Kapitel 5 Beratung mit Eltern
  • Kapitel 6 Beratung von KollegInnen
  • Kapitel 7 Lese- und Fortbildungsempfehlungen

Ergänzt werden die jeweiligen Erläuterungen und Ausführungen durch viele eingefügte Tabellen mit Fragebeispielen. „Das Praxisbuch vereint einführend philosophisch-lerntheoretische Grundannahmen einer ressourcen- und potenzial-orientierten Beratung in der Schule mit praktisch-handwerklichen methodischen Anregungen“ (S. 10). Mit diesem Zitat ist Aufbau und Inhalt tatsächlich treffend charakterisiert.

Beratung in der Schule unter dem Aspekt „Schule als Lebensort“ gewinnt zunehmend an Bedeutung. Was trägt zu einer guten Beratung bei, was kann Beratung anreichern, das sind Themen des ersten Kapitels. Zur spezifischen Kontextverdeutlichung tragen hilfreiche Grundannahmen über Schule , Schülerinnen, Lehrerinnen und Eltern bei. Ebenso die für Beratung wichtige Feststellung, dass Schule kein machtfreier Raum ist. Prägend seien vier Faktoren:

  1. Unterschiedliche Situationen, in denen sich Berater befinden,
  2. unterschiedliche professionelle Rolle und Ausbildung der Beratenden,
  3. unterschiedliche Beratungsmodelle und
  4. unterschiedliche Rollen: Beraterin, Expertin, Ressourcenbeschafferin und Kontrolleurin, Beraterin mit externen Auftraggeberinnen, Lehrerin und Anwältin sowie Mischformen daraus.

Kapitel 2 geht auf das Menschenbild, die Philosophie und Grundhaltungen näher ein. Ab Seite 19 werden sehr deutlich das Menschenbild, die Philosophie sowie die Grundhaltungen humanistischer Psychologie thematisiert. Die Basisvariablen von Carl Rogers Kongruenz und Empathie (Selbstkongruenz) werden erweitert um Akzeptanz der Person, Akzeptanz der Lösungswege plus Verschwiegenheit/​Ehrlichkeit. Dies bezieht sich darauf, dass in der Schule anders als im klassischen Beratungssetting Vertraulichkeit und Verschwiegenheit nicht garantiert werden kann, wenn Verordnungen etc. dem entgegenstehen. Hier ist es wichtig, dies ehrlich zu kommunizieren und offenzulegen. Ergänzt werden diese Merkmale guter BeraterInnen durch weitere Grundsätze für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Es sei wichtig, mit und nicht gegen die Systeme von Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, die durch ihre unterschiedlichen Zugehörigkeiten unterschiedlichste Facetten des Erlebens und der Bedeutung erfahren. Kinder und Jugendliche seien Expertinnen ihrer Angelegenheiten, wobei der Grundsatz gelten müsse: Repariere nicht, was nicht kaputt ist; mach mehr von dem, was funktioniert; lass das, was mehrfach nicht funktioniert hat, mach stattdessen etwas ganz Anderes.

Weg von der absoluten Problemfixierung, hin zu einer positiven Ausrichtung. Probleme und Veränderungen gibt es ständig, ebenso damit verbundene Herausforderungen. Handwerkszeug dafür sei aktives Zuhören, die Verwendung offener Fragen, Anerkennung, Reframing, Skalierungen, die Wunderfrage und die Frage nach Ausnahmen und Unterbrechungen. In diesem Zusammenhang gibt es dazu auf Seite 36 eine Aufstellung. Dieses Handwerkszeug wird ergänzt durch die magischen Wörter „Wie, Wenn, Wird“, welche eine Beschreibung statt Zuschreibung fördern und deren Ergänzung durch zirkuläre Fragen erfolgen kann.

Dies führt zu „magischen Dreier Schritten“ (S. 42). Für die BeraterInnen bedarf es für Lösungsstrategien einen eigenen Kompass in der Beratung sowie des Erkennens und der Nutzung eigener Qualitäten als BeraterIn, dazu gehören: Kongruenz, Akzeptanz, Empathie, Humor, Zutrauen. Verbunden wird dies mit einer kleinen Übung (S. 48), die letztlich zum transtheoretischen Modell der Stufen der Veränderung führt (siehe Abbildung S. 59). Beratungen mit SchülerInnen werden im vierten Kapitel auf den Seiten 63-119 beschrieben. Es geht um Wege des Einstiegs, Türöffner für Gespräche, um den Weg vom Problem zum Anliegen. Auch hier jeweils mit kleinen Tabellen und Beispielen unterlegt und damit direkt für die Praxis nutzbar gemacht. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Beratung mit Eltern (5. Kapitel, S. 127-142). Das anschließende sechste Kapitel widmet sich der Beratung von KollegInnen mit Bausteinen für diese Form der Beratung (S. 151), die ab S. 160 mit dem Beispiel einer vollständigen kollegialen Beratung näher beschrieben werden. Auch hier immer mit anschauliche und (selbst)erklärende Tabellen und Vorlagen.

Diskussion

Dieses Buch strotzt vor Lösungsorientierung. Immer wieder musste ich auch an Virginia Satir denken mit ihrer Grundhaltung (I always lean forward, so my body gives this message, of course it will be better ). Es vereint und thematisiert präzise und anschaulich, was für wertschätzende und zugewandte Beratung Voraussetzung ist, wie diese durchgeführt werden könnte und was diese Haltung für die BeraterInnen bedeutet, ohne die Spezifik der Schule zu ignorieren. Der große theoretische und praktische Erfahrungshintergrund der Autorin wird deutlich. Es gelingt Lilo Schmitz hier eine Punktlandung zur herausfordernden Themenstellung „gut beraten in der Schule“. Die eigene Problematik des Systems Schule bleibt nicht ausgespart, wird aber mehr oder weniger aufgelöst und in zuversichtliches praktisches Handeln umgeleitet. Für mich mit langjähriger Erfahrung in der Schulsozialarbeit ist dieses Buch seit langem eines der spannendsten und nutzbarsten für den schulischen Beratungsbereich. 

Fazit

Schon kleine Formulierungen wie "Beratung mit SchülerInnen" zeigen, dass es um Beratungsarbeit mit Beteiligten geht und nicht um Beratung über sie, wie es bei der Formulierung "Beratung von Schülerinnen" der Fall wäre. Es sind die vielen kleinen Dinge, die dieses Buch groß machen. Auf gelingende Beratung orientiert werden hier fokussiert die Gelingensbedingungen praktikabel und anwendbar angeboten. Nicht vergessen werden darf aber, dass die Ausbildung der BeraterInnenpersönlichkeit eine große Rolle spielt, dies kann das Buch zwar anregen, aber nicht leisten. Ein gut verwendbares "Rezeptheft" mit der richtigen "Zutatenauswahl" bleibt es aber dennoch. Und hilfreich im schulischen Beratungsalltag.

Rezension von
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
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Es gibt 13 Rezensionen von Werner Glanzer.

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Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 09.03.2022 zu: Lilo Schmitz: Gut beraten in der Schule. Ein Praxisbuch. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2020. ISBN 978-3-8080-0880-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28718.php, Datum des Zugriffs 28.09.2022.


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