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Hans-Dieter Schwind: Kriminologie und Kriminalistik

Rezensiert von Karsten Lauber, 21.04.2022

Cover Hans-Dieter Schwind: Kriminologie und Kriminalistik ISBN 978-3-7832-1000-2

Hans-Dieter Schwind: Kriminologie und Kriminalistik. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. Kriminalistik Verlag (Heidelberg) 2021. 24. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. 843 Seiten. ISBN 978-3-7832-1000-2. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Thema

Mit dem geplanten Aus für den Masterstudiengang Internationale Kriminologie an der Universität Hamburg rückte die universitär ohnehin bereits schwach verankerte Kriminologie zuletzt wieder etwas in den öffentlichen Fokus.

Angesichts des eher geringen Stellenwerts der Kriminologie überrascht die Anzahl an verfügbaren Kriminologie-Lehrbüchern, unter denen der Schwind mit seiner nun 24. Auflage zu den bekanntesten zu zählen ist. Spätestens seit der 23. Auflage muss sich dieses Lehrbuch allerdings mit zum Teil scharfer Kritik aus der Fachcommunity auseinandersetzen.

Autoren

Hans Dieter Schwind, Autor der ersten 23. Auflagen, und Jan-Volker Schwind, der bereits in den Vorauflagen mitwirkte, treten in der 24. Auflage erstmals gemeinsam als Autorenteam auf.

Entstehungshintergrund

1986 erschien die erste Auflage der praxisorientierten Einführung in die Kriminologie. Die 24. Auflage innerhalb von 36 Jahren verdeutlicht eine hohe Taktung. Die ersten zwölf Auflagen erschienen innerhalb von 16 Jahren (2002), für die darauffolgenden zwölf Auflagen erforderte es 20 Jahre. Kein anderes Lehrbuch kann auf eine vergleichbar hohe Auflagenzahl zurückblicken.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch gliedert sich in zehn Teile und 35 Teilkapitel (als Paragrafen gekennzeichnet).

  1. Teil: Gegenstand und Aufgaben der Kriminologie
  2. Teil: Geschichte der Kriminologie und Kriminalitätstheorien
  3. Teil: Einflüsse der Sozialisationsagenturen auf den sozialen Entwicklungsprozess
  4. Teil: Wohnumwelt und Kriminalität
  5. Teil: Das Opfer im Mitverursachungsprozess der Straftat
  6. Teil: „Neue“ Kriminalitätsformen
  7. Teil: Neue Tätergruppen (Zuwandererkriminalität)
  8. Teil: Drogenkriminalität
  9. Teil: Tätergemeinschaften
  10. Teil: Europa als (neuer) kriminalgeographischer Raum

Mit der 23. Auflage im Jahr 2016 erhielt der Titel des Lehrbuches eine Erweiterung und lautet seitdem Kriminologie und Kriminalpolitik (vgl. Schwind 2016: V). Die inhaltliche Gliederung erweist sich über Jahrzehnte als erstaunlich stabil. Blick man exemplarisch in die 5. Auflage aus dem Jahr 1993, haben sich kaum Veränderungen ergeben (neu hinzugekommen sind im direkten Vergleich zu 1993 die neuen Tätergruppen und Europa als kriminalgeographischer Raum).

Trotz des wiederkehrenden Hinweises auf die notwendige Begrenzung der Seitenzahlen in den Vorbemerkungen zu dieser und zurückliegender Auflagen stieg der Umfang des Lehrbuches über die Jahre stark an: Die erste Auflage umfasste 372 Seiten, die die 5. Auflage bereits 473 Seiten, die 12. Auflage 681 Seiten, die 15. Auflage 709 Seiten, die 22. Auflage 745 Seiten und die 23. Auflage dann schon 826 Seiten. Mit den 1151 Seiten der 24. Auflage stieg die Seitenanzahl um rund ein Viertel gegenüber der Vorauflage an. Im Wesentlichen dürfte der Anstieg allerdings der Vergrößerung der Schrift zuzuschreiben sein, was sich auf die bessere Lesbarkeit auswirkt.

Bereits der Blick auf das Inhaltsverzeichnis verdeutlicht einen Fokus des Lehrbuches auf die Kriminalität von Personen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit bzw. mit Migrationshintergrund.

  • § 8: Ergänzende Erklärungsversuche und Integrationskonzepte
  • § 24: Zur Kriminalität der „Gastarbeiter“ und ihrer Nachkommen
  • § 25: Importierte Kriminalität ab den 90er Jahren: Eskalation der Gewalt
  • § 26: Zur Kriminalität der (deutschstämmige) Aussiedler
  • § 32: Die Vereinigung Europas und ihre aktuellen Probleme (aus kriminalgeographischer Sicht)
  • § 34: Wanderungsprobleme in der EU und importierte Flüchtlingskrise
  • § 35: Zur Flüchtlingspolitik ab 2015

Die Neuauflage berücksichtigt etliche Rezensionshinweise der Vorauflage (vgl. Lauber 2016). In das Inhaltsverzeichnis wurde die Internet-Kriminalität als Unterkapitel (§ 23) neu aufgenommen. Die größte Veränderung erfuhr das Abschlusskapitel über „Europa als (neuer) kriminalgeographischer Raum“, das nun in vier (statt bislang einem) Unterkapitel gegliedert ist: Neben den oben bereits genannten §§ 32, 34 und 35 fand mit § 33 die Corona-Pandemie Aufnahme („Bedroht die Corona-Seuche die Stabilität der EU?“).

Vergleichbar den Vorauflagen geben auch die Vorbemerkungen zur 24. Auflage nur vage Informationen über die Aktualisierungsinhalte. Im Kern geht es den Autoren darum, das Lehrbuch auf den aktuellen Stand zu bringen. Als Redaktionsschluss ist April 2021 genannt (vgl. S. VII).

Diskussion

Neben der Beständigkeit der inhaltlichen Struktur zeigt nicht zuletzt die stattliche Anzahl der inzwischen vorliegenden Auflagen, dass das Lehrbuch einer kontinuierlichen, zum Teil allerdings nur geringfügigen Fortschreibung unterliegt. Dass auch die Neuauflage keine großen Veränderungen mit sich bringt, lassen bereits die Vorbemerkungen erkennen, die nicht unwesentlich Wiederholungen aus den Vorauflagen beinhalten. Bereits zum Beginn wurde damit die Chance vertan, Interesse bei etablierten Nutzern/​-innen der Vorauflagen zu wecken.

Ein wesentliches Manko des in die Jahre gekommenen Lehrbuches verdeutlicht das Inhaltsverzeichnis. Dort ist die Kommunale Kriminalprävention weiterhin als „neue“ Aufgabe beschrieben. Daneben finden sich die Wirtschafts- und Umweltkriminalität als „neue“ Kriminalitätsformen. Als „Neue Tätergruppen“ werden darüber hinaus Gastarbeiter und ihre Nachkommen, die importierte Kriminalität ab den 90er Jahren und die Kriminalität deutschstämmiger Aussiedler genannt. Der angesetzte Staub zeigt sich am anderen Ende des Buches – im Stichwortverzeichnis, wo eine Vielzahl an Fundstellen ins Leere laufen, d.h. nicht zu der angegebenen Stelle im Lehrbuch führen. Hier setzt sich das Manko aus Vorauflagen fort, wonach das Lehrbuch dringend einer inhaltlichen Modernisierung und einer redaktionellen Überarbeitung bedarf.

Bei dem neuen Kapitel zur Corona-Pandemie gelingt es den Autoren nicht, eine solide Anschlussfähigkeit an nenneswerte kriminologische Inhalte herzustellen. Dagegen fehlt es etablierten Kapitel wie „(Massen-)Medien und Kriminalität“ (§ 14) oder „Kommunale Kriminalprävention als (neue) gesamtgesellschaftliche Aufgaben“ erkennbar an Aktualität. Besonders deutlich wird dies beispielsweise bei den Ausführungen zur Kriminalitätsfurcht, dem wohl prominentesten kriminologischen Thema seit den 1990er Jahren. Bereits die Einbeziehung in das Kapitel „Viktimologie in der Praxis von Polizei und Justiz“ (§ 20) ist angesichts der kriminalpolitischen und empirischen Bedeutung der Kriminalitätsfurcht nur wenig plausibel. Inhaltlich ist das dort wiedergegebene nicht state of the art. Dass es den Inhalten zu den Massenmedien, der Kriminalitätsfurcht und der kommunalen Kriminalprävention an einer naheliegenden kriminalpolitischen Analyse mangelt, lässt die Erweiterung des Lehrbuchtitels um den Begriff „Kriminalpolitik“ seit der 23. Auflage fraglich erscheinen. In der Selbstbeschreibung dienen demgegenüber die Ausführungen über die Flüchtlingspolitik als „kriminalpolitisches Beispiel“ (S. VII). Die an dieser Stelle auftretende Minderheitenempfindlichkeit im Bereich der sog. Ausländerkriminalität wurde bereits in der Vorauflage skandalisiert (vgl. Legnaro 2017). Hier bringt die Neuauflage keine Besserung, aber nicht nur das: Ein präziser Blick in das Gesamtwerk zeigt, dass darüber hinaus an etlichen anderen Stellen inkriminierte Inhalte anzutreffen sind.

Wenig zufriedenstellend dürfte das Lehrbuch auch weiterhin für diejenigen ausfallen, die sich der kritischen Kriminologie oder dem kritischen polizeiwissenschaftlichen Diskurs verpflichtet sehen. Beispielsweise beinhaltet auch die 24. Auflage keine praktischen oder theoriebasierten Ausführungen zum Social bzw. Racial Profiling.

Fazit

Das Lehrbuch von Schwind (nun Schwind/​Schwind) musste sich bereits mit der Vorauflage einer zum Teil heftigen Kritik auseinandersetzen, die im Wesentlichen auf die kriminalpolitischen Ausführungen im sog. Europa-Kapitel rekurrierte. Hier bietet die Neuauflage keine Besserung; vielmehr lässt ein präziserer Blick auf das Gesamtwerk ein stark aktualisierungsbedürftiges und an vielen Stellen minderheitenempfindliches Lehrbuch zutage treten. Dieses Manko überstrahlt die soliden kriminologischen Beiträge in dem praxisorientierten Lehrbuch.

Literaturverzeichnis

Lauber, K. (2016): Hans-Dieter Schwind – Kriminologie und Kriminalpolitik. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen, Rezension in: Polizei-Newsletter vom 19.08.2016. Verfügbar unter https://polizei-newsletter.de/wordpress/?p=528#_edn2, abgerufen am 10.04.2022.

Legnaro, A. (2017). Hans-Dieter Schwind: Kriminologie und Kriminalpolitik: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. Kriminologisches Journal 49 (1), 65–69.

Schwind, H.-D. (2016): Kriminologie und Kriminalpolitik. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen, 23. Auflage. Heidelberg.

Rezension von
Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
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Es gibt 13 Rezensionen von Karsten Lauber.

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Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 21.04.2022 zu: Hans-Dieter Schwind: Kriminologie und Kriminalistik. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. Kriminalistik Verlag (Heidelberg) 2021. 24. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7832-1000-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28724.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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