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Peter Möhring: Homo Diabolus

Cover Peter Möhring: Homo Diabolus. über Glauben, Unglauben und Aberglauben. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 223 Seiten. ISBN 978-3-8379-2988-1. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.

Reihe: Imago.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels ist der Teufel als Personifizierung des Bösen aus religiöser, psychoanalytischer, psychologischer und neurobiologischer Sicht.

Autor

PD Dr. Peter Möhring ist Arzt für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler im Bereich Kriminologie. Er lehrt an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist das Nachdenken über Glauben, Unglauben und Aberglauben

Aufbau

Nach einer Einleitung folgen Kapitel mit den Themen: ‚Geschichte des Teufels‘, Mythen in Religion und Aberglaube, in der Kunst und Literatur, das menschliche Bedürfnis zu glauben und die Grenzen der Aufklärung, Spaltungen und ihre Überwindung, Mentalisierung und Dementalisierung und ein Schlusskapitel über den Teufel in alten und neuen Kleidern.

Inhalt

Einleitung

Es handelt sich um eine Intellektuelle Reise zu Teufel, Dämonen und Göttern in unterschiedlichen Kulturen, deren alltägliche und kindliche Geschichte (Angstspuren) als Inbegriff des Bösen. Die religiöse Dogmatik verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit, aber unter Menschen sind zerstörerische Kräfte nach wie vor wirksam und inzwischen auch Gegenstand neurowissenschaftlicher Untersuchungen.

1. Mephistoteles und seine Feinde.

In der Malerei und in der Dichtung erscheint der Teufel in vielfältiger Gestalt, ein Ergebnis des Einfallsreichtums ihrer Schöpfer und ihrer Versuche, das Unsichtbare konkret sichtbar zu machen. Luzifer als der ‚Geist, der stets verneint‘ hat offensichtlich schon immer unter Menschen gelebt, gefürchtet und faszinierend zugleich.

2. Anmerkungen zur Geschichte des Teufels.

Der Phantasie über das Böse und den Teufel sind keine Grenzen gesetzt. Es gab sie bereits in vorchristlicher, vor allem aber in christlicher Zeit. Entwicklungspsychologisch stammen solche Vorstellungen aus der magischen Phase in der Kindheit. Im dualistischen Denken regieren gute und böse Kräfte, im Christentum der Teufel als Gegenspieler Gottes. Ähnliche Dichotomien bestehen in allen großen Religionen.

3. Biblische Mythen als Bezugssystem.

Im Christentum gibt es 3 Mythen vom Verhältnis Gott – Mensch: Der Höllensturz, die Vertreibung aus dem Paradies und die Geschichte von Hiob, die Widersprüche und Weisheit enthalten und im kulturellen Gedächtnis bei vielen Menschen von Kindheit an gespeichert sind. Sie schildern die Verführbarkeit und Erbsünde (Triebhaftigkeit) und bei Hiob die Glaubensfestigkeit. Auch Jesus musste der Verführbarkeit durch den Teufel widerstehen. Dieser ist der Seelenfänger, der Lügner, der Mörder, der auch mit der Maske des Tugendhaften auftreten kann und Menschen befällt, was einen Exorzismus nötig macht. Ein Abwehrmittel ist für den Gläubigen das Kreuzzeichen.

4. Glaube, Unglaube und Aberglaube: Ein Spiel mit Projektionen. 

Gesellschaftlich einigen sich Menschen auf verbindliche Glaubensinhalte und Rituale (Zugehörigkeitsgemeinschaft). Kinder unterscheiden noch nicht zwischen Phantasie und Realität. Da eine Prüfung nicht stattfindet, sind sie verführbar für apodiktische – positive und negative – Konnotationen, denn das Böse macht zugleich Angst und verlockt.

5. Satan ist gelandet.

Der Teufel ist in Religion und Kulturgeschichte, aber auch in jedem von uns eine feste Größe, ausgelöst (nach Girard 1999) durch das mimetische Begehren, das zu Neid und Eifersucht führt. Satan gilt konkretistisch und symbolisch als das Böse schlechthin. Inzwischen haben die Kulturwissenschaften, die Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse wie auch die Neurobiologie Beiträge zur Konfliktlösung zwischen Begehren und Verzicht geleistet. Verdrängt kann der Teufel aus dem Unbewussten, i.S. einer Wiederkehr des Verdrängten, sein Unwesen treiben. Er hat seinen Platz in und außerhalb der Bibel (Erbsünde) im Einzelnen und in der Gesellschaft. Glaube ist jedoch wichtig, auch Nichtreligiöse brauchen ihn und leben von Glaube, Hoffnung und Liebe (Kristeva 2014). Zwar gibt es keine Erbsünde, aber eine menschliche Fähigkeit zu Destruktivität.

9. Das Bedürfnis zu glauben im Diskurs.

Es gibt verschiedene Arten zu glauben, doch viel Geglaubtes kann sich auch in Irrtum auflösen, so auch protestantisch der Glaube an den Teufel. In der Rückschau ist man oft überrascht, was Menschen geglaubt haben (Beispiel Hexenverbrennung). Unsere Sprache ist immer noch reich an religiösen Anspielungen.

Ist die Aufklärung und der Fortschrittsglaube auch ein Aberglaube (John Gray 2015)? Wie irrational ist der Mensch und welche Ängste beschwichtigt ein Aberglaube? Kinder und kindliche Gemüter glauben naiv an Wunder. Aber auch bei hoch aufgeladenen emotionalen Zuständen findet die Stimme der Vernunft kaum Gehör.

10. Aufklärung im Dilemma und 11. Aufklärung der Aufklärung, – eine Fortsetzung des Themas von 9.

12. Sigmund Freud und die Aufklärung. 

Freud verstand Religion rationalistisch als Illusion und hoffte auf die ‚leise Stimme des Intellekts‘. Dennoch war er ein ‚aufklärungskritischer Aufklärer‘. Kritisch äußerten sich auch Adorno und Horkheimer (1969). Nach Parin (1977) folgt der Mensch oft bewusstlos den Imperativen sozialer Institutionen. Glaube nützt oft denen, die Macht haben (und missbrauchen) und Lügen als ‚alternative Wahrheit‘ verkaufen.

13. Aufklärung und Ressentiment.

Ressentiments zeigen sich in vorschneller Bereitschaft zu generalisieren. Populisten unterstützen propagandistisch den ‚Sklavenaufstand‘ und versuchen die öffentliche Meinung zu manipulieren durch Dementalisierung. Sie binden ihre Anhänger emotional ohne eine Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Es gibt keine ewigen Wahrheiten, aber gute Inhalte der Religion (z.B. Bewahrung der Schöpfung), allerdings auch die Gefahr einer Dogmatisierung. Der Teufel, das Böse, steckt in uns und sollte nicht nach außen projiziert und verleugnet werden.

14. Das unglaubliche Bedürfnis zu glauben.

Wir glauben als Kinder fast alles, erst allmählich gehen uns die Augen auf. Erwachsene sind im kirchlichen Sinn immer weniger gläubig. Emotionen stehen neuen Erkenntnissen mitunter im Weg. Es ist eine Anstrengung, Irrtümer und Fehler zu revidieren, insbesondere wenn sie Wünsche nach Sicherheit befriedigen. Kristeva sieht die Gefahr, dass der Humanismus schwindet und destruktive Kräfte zunehmen.

Glaube legitimiert sich oft aus der Tradition. Monotheismus ist jedoch meist unvereinbar mit Toleranz. Glaube ist eine motivierende Kraft, eine psychische Realität und bei Menschenrechten ein moralisches Fundament. Vorbilder spielen besonders in der Adoleszenz eine Rolle, denn Nihilismus ist lebensfeindlich. Der Kinderglaube kann in ein differenziertes Nachdenken überführt werden.

15. Dementalisierung und Urteilsdependenz und 16. Horizontale und vertikale psychische Spaltung: Beide Kapitel behandeln noch einmal die innerpsychische Dynamik (Spaltung und Projektion) von fundamentalistischen Glaubensinhalten.

17. Eine Hardware für den Glauben.

Spuren des frühen vorreligiösen Bedürfnisses zu glauben bleiben präsent, auch wenn der Kinderglaube infrage gestellt wird. Mitunter existieren auch hybride Parallelwelten, die emotionale Regression ermöglichen. Die Neurobiologie befasst sich mit der Frage, wie Erfahrungen – außerhalb der normalen Sinneswahrnehmung – entstehen. Neurotheologie hat sich inzwischen zu einem eigenen Wissenschaftszweig entwickelt (Newberg et al. 2003), denn Menschen haben die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz, was Täuschungen und Irrtümer einschließt. Der Zustrom kritischer neuronaler Reize im Orientierungsfeld kann unterbrochen werden durch Drogen, Meditation, Traumata und psychische Erkrankungen; innen und außen werden dann als eins erlebt (Verschmelzung). Gemeinschaften geben einvernehmlichen Überzeugungen Sinn, desgleichen Liebe, Glück, Ekstase (Orgasmus).

Religionen erfüllen sowohl Selbst-Erhaltung als auch Selbst-Transzendenz und produzieren Belohnung und Befriedigung. Gesellschaftliche Regeln enthalten im Kern Religion. Alle mystischen religiösen Kulturen pflegen meditative Praktiken, gleichzeitig eine Stimulation und Beruhigung über neurobiologische Bahnen (Newberg et al. 2003).

18. Über das Denken denken.

Auch das Denke hat Grenzen. Nach Newberg sind wir von Natur aus Mystiker. Schon Freud hat sich mit halluzinatorischer Wunscherfüllung beschäftigt und deren spätere Ersetzung durch eine Realitätsprüfung. Vorsprachlich werden nach Lorenzer (1970) frühe Interaktionserfahrungen gespeichert, die als ‚Erinnerungshintergrund‘ Wahrnehmungen prägen, die später durch das Denken korrigiert werden können. Im Wahnsinn machen sich die Gedanken selbstständig und führen ein Eigenleben. Aberglaube beruht auf Denkfehlern. Die Unterscheidung zwischen richtigem und falschem Glauben (Aberglaube seit dem 15. Jahrhundert) spiegelt Machtverhältnisse wider, denn magisches Denken ist und bleibt lebendig. Es gibt große Unterschiede von Toleranz und Intoleranz in Religionen. Man kann Dinge für ‚wahr‘ halten und dennoch für Kritik und Zweifel empfänglich sein; auch Aufgeklärte sollten offen sein für Gläubige.

19. Ein Teufel für das 21. Jahrhundert.

Dass Dinge ohne einen materiellen Sinn dennoch wie eine Realität verstanden werden können, zeigt Möhring am Beispiel des Theologen Bonhoeffer, für den gleichzeitig der Satan eine der Schöpfung innewohnende destruktive Kraft bedeutete. Nach dem Philosophen Strasser (2016) gibt es das ‚Radikalgute‘ Und ‚Radikalböse‘. Der Mensch hat nach Newberg die Möglichkeit über das Bestehende hinauszudenken, aber man kann auch auf metaphysisch-transzendentale Dimensionen verzichten. Jeder Mensch hat die Fähigkeit zur Projektion und so gibt es auch unterschiedliche Deutungen des Bösen oder des Teufels-Motivs. Mit T. Lessing (1924) heißt das: „Den Teufel gibt es wirklich, denn der Teufel der bist du!“ Das ist wenig schmeichelhaft für den Menschen.

20. Digitale Information und Dataismus.

Menschen sind kultur- und anpassungsfähig (Parin 1977). Die Biowissenschaften stellen die Entscheidungsfreiheit infrage. Neid angesichts von Fähigkeiten oder Besitz, das mimetische Begehren nach Girard (2002), ist unvermeidbar und muss kontrolliert werden. Verbrecher und das ‚Radikalböse‘ werden – auch – gemacht (Strasser 2016). Doch kann man das Böse auch verwerfen (Kristeva 1980), selbst wenn es zu den menschlichen Fähigkeiten gehört (Beispiel Eichmann u.a.); auch wenn der Mensch ‚Unmenschliches‘ tut, bleibt er menschlich. Freud erkannte die libidinösen und destruktiven Triebkräfte im Menschen, die von Geburt an durch die Eltern unterstützt oder behindert werden, vor allem aber im Alter von 5 Jahren, wenn die Entkoppelung von innerer und äußerer Welt stattfindet und eine Entwicklung zu Kultur und eigenständiger Persönlichkeit stattfindet.

21. Homo Diabolus – Des Teufels alte neue Kleider.

Der Homo Diabolus leidet an Größenphantasien und Selbstüberschätzung. Das Radikal-Gute und -Böse sind absolute Kategorien. Der Mensch kann aufgrund seiner Widersprüchlichkeit zum Risiko für die eigene Ordnung werden. Zwischen Individuum und Gesellschaft müssen Widersprüche immer wieder neu ausgehandelt werden. Symbolisch bleiben Gedanken und Wünsche ungefährlich (Beispiel Kinderspiel). Im magischen Denken des Kindes gibt es Geister, Zauberer, Teufel und Götter, die entwicklungsbedingt verabschiedet werden. Für Ricoeur liegt der Wert der Anerkennung des Bösen im praktischen Kampf dagegen – und in der Trauerarbeit. Wir sind nicht machtlos und für selbst gemacht Katastrophen verantwortlich.

Diskussion

Der Autor hat sich viele Jahre mit den Themen ‚Teufel und Glauben‘ in der bildenden Kunst, Literatur, Philosophie, Psychologie/​Psychoanalyse und Theologie beschäftigt und lässt den Leser an seinen eigenen reichen Beobachtungen und an Überlegungen von Kollegen, die das Thema, Glaube, Unglaube und Aberglaube, das Radikal-Gute und Radikal-Böse, behandelt haben, teilnehmen. Ausgehend vom kindlichen Denken, das nicht zwischen innerer und äußerer Welt unterscheidet und das Spuren in jedem Menschen hinterlassen hat, scheint das Böse in seiner fundamentalistischen und radikalen Form eng verbunden zu sein mit Größen- und Gewaltphantasien und projektiven Mechanismen, indem der/das Andere verteufelt oder verketzert wird. Dass der Mensch in der Phantasie die Grenzen der Realität überschreiten/​transzendieren kann und auch überschreitet, wird durch die neuere Hirnforschung bestätigt. So bleibt also die Frage, welchen Gebrauch er mit diesem transzendentalen Überschuss macht, einen konstruktiven oder destruktiven. Möhring hat nur am Rande erwähnt, wie oft transzendente Phantasien auch ein Anstoß sind, konstruktiv auch das auf den ersten Blick denkbar Unmögliche anzugehen (Hoffnung).

Die Fülle des ausgebreiteten Wissens kann auch beim Lesen ermüden, insbesondere wenn man alltäglich mit Menschen arbeitet und mit ihren konstruktiven und destruktiven Fähigkeiten konfrontiert wird. Wer dazu praktische Hilfen sucht, wird am ehesten fündig, in den Hinweisen, die der Autor gibt, dass in der Kindheit nicht zwischen Magie und Realität, Phantasie und Denken, unterschieden wird. Das Kind treibt mitunter auch im Erwachsenen noch sein Spiel und weigert sich, Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, – nicht selten mit destruktivem Ergebnis. Auch in der Pubertät sind Selbstüberschätzung und ihre negativen Folgen eine Gefahr, wenn Grenzen nicht anerkannt und ernst genommen werden. Gesamtgesellschaftlich stehen wir im Zeitalter der Globalisierung vor der Frage, ob wir die Grenzen des Wachstums, von dem die Bewohnbarkeit unseres Planeten abhängt, anerkennen oder destruktiv unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

Fazit

Ein anregend und informatives, aber nicht immer leicht zu lesendes Buch, dem einige Kürzungen von Wiederholungen gutgetan hätte. Es eröffnet einen vielfältiger und kenntnisreicher Blick in die Teufelsküche der Destruktivität, mit der wir nicht gern in Verbindung gebracht werden, obgleich die Einsicht uns auch die Freiheit gibt, sich dem Destruktiven zu widersetzen und die konstruktiven Möglichkeiten von transzendierender Phantasie – Glaube, Liebe, Hoffnung – zu nutzen.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 21.09.2021 zu: Peter Möhring: Homo Diabolus. über Glauben, Unglauben und Aberglauben. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2988-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28733.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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