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Imke Schmincke: Körpersoziologie

Rezensiert von Alisa Hemberger, 17.11.2022

Cover Imke Schmincke: Körpersoziologie ISBN 978-3-8252-5571-8

Imke Schmincke: Körpersoziologie. UTB (Stuttgart) 2021. 167 Seiten. ISBN 978-3-8252-5571-8. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 25,50 sFr.
Reihe: Soziologie im 21. Jahrhundert.

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Thema

Dieses Buch ist ein utb-Band und der Reihe Soziologie im 21. Jahrhundert, herausgegeben von Oliver Dimbath und Michael Heinlein, zuzuordnen. Dessen Ziel liegt in einer Veröffentlichung von Lehr- und Lernmedien für ein erfolgreiches Studium. Daher spricht es besonders Studierende aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich an.

Autorin

Imke Schmincke befasste sich für ihre Promotion mit einer körpersoziologischen Arbeit, die den Zusammenhang von Körper, Raum und Marginalisierung untersucht. Als akademische Rätin an der LMU München lehrt sie Soziologie und Gender Studies und setzt ihre Forschungsschwerpunkte auf soziale Ungleichheit, Geschlechter-/Körpersoziologie sowie auf Frauenbewegung bzw. Feminismus.

Aufbau

Insgesamt ist dieser Band aus fünf Kapiteln aufgebaut, wobei jedes zunächst eine kurze Einführung in den jeweiligen Themenschwerpunkt bietet. Zudem werden in einigen Unterkapiteln Begriffsdefinitionen sowie Steckbriefe relevanter Klassiker:innen grafisch hervorgehoben. Bis auf Kapitel drei werden genannte soziologische Perspektiven zeitlich rückwärts dargestellt, indem zunächst ein aktuelles Ereignis genannt wird, bevor anschließend zeitgenössische theoretische Ereignisse und Debatten thematisiert werden. Der Schluss befasst sich mit dem Gewinn, aber auch den Grenzen einer soziologischen Perspektive auf den menschlichen Körper.

Inhalt

Das erste Kapitel bietet eine kurze Einführung in den Bereich der Körpersoziologie, indem auf die Entwicklung der Körpergeschichte und der Körpersoziologie sowie auf die Verhältnisbestimmung von Körper und Gesellschaft eingegangen wird. Wichtige Begriffe, die in diesem Zusammenhang erläutert werden, sind der Cartesianische Dualismus sowie im Zusammenhang mit dem Körper-Verständnis Produkt/​Produzent, Körber/Leib, Embodiment und Körper als Vielfalt.

Im anschließend zweiten Kapitel wird der Fokus auf den Wandel und die Identität gelegt. Der Körper als Medium der Identität und des sozialen Wandels wird in der heutigen Zeit stark durch Social Media beeinflusst. Daher befasst sich ein eigenes Unterkapitel mit dem Selfie als Möglichkeit der Selbstdarstellung und dem Körper als Visitenkarte. Diesbezüglich werden mittels empirischer Studien zu Selfies nicht nur positive, sondern auch negative Auswirkungen aufgezeigt. Ein weiteres Unterkapitel befasst sich mit dem Körper in der Spät-Moderne, in welchem Debatten und Studien hinsichtlich der Themenbereiche Verschwinden und Wiederkehr des Körpers, Modernisierung und Individualisierung sowie die Arbeit am Körper und Eigensinn beleuchtet werden. Anschließend werden im Wandel und Identität bei Klassikern, Klassiker mit einem expliziten Bezug zur soziologischen Relevanz des Körpers angeführt. Genannt werden hier Texte aus der ethnologischen orientierten Französischen Soziologie (durch Hertz und Mauss), aus der Soziologie der Sinne (Simmel) und von zivilisationskritischen Studien (Elias; Horkheimer/​Adorno). Vertreter im Bereich des Körpers in der Leibphänomenologie sind Merleau-Ponty, Plessner und Schmitz und im Bereich des Körpers in Interaktionsanordnungen Goffman. Begriffsdefinitionen in diesem Kapitel umfassen Individualisierung, Subjektivierung, Praxis/​Praxeologie, Habitus und Phänomenologie. In Steckbriefen vorgestellte Persönlichkeiten sind Marcel Mauss, Georg Simmel, Norbert Elias, Maruice Merleau-Ponty, Erving Goffmann.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Zusammenhang von Körper, Ungleichheit und Differenz in Hinblick auf die Aspekte Hautfarbe, Geschlecht und Körperbehinderung. Die Verkörperung von Gender, Race und Behinderung wird dabei in den Beispielen des Sängers Conchita Wurst, der #BlackLivesMatters-Bewegung sowie der Paralympionikin Samatha Kinghorn deutlich. Im Anschluss wird das Thema des vergeschlechtlichen Körpers aus einer soziologischen, naturwissenschaftlichen und historiografischen Sicht betrachtet und auf Aspekte wie die Entstehung der Geschlechterordnung, der Transsexualität und der Queer-Theory eingegangen. Definierte Begriffe sind hier Sex und Gender. Als Vertreter der Klassiker werden Simone de Beauvoir und Pierre Bourdieu beschrieben. Das Unterkapitel rassifizierter Körper beinhaltet die Geschichte der Kategorie Race und Rassismus und der Rassismusforschung. Von Stuart Hall, als Begründer der cultural Studies, sowie von Frantz Fanon werden nähere Informationen in Steckbriefen aufgeführt. Als letzter Unterpunkt wird auf den Begriff des behinderten Körpers eingegangen, der derzeit in der Soziologie des Körpers noch unterrepräsentiert ist. Neben aktuellen Ansätzen zu Körper und Behinderung werden Disability Studies mit ihrer Geschichte und zentralen Annahmen bzgl. der Betrachtung von Körper aufgezeigt.

Im vierten Kapitel findet ein Perspektivenwechsel statt, indem nun die Politik und die soziale Ordnung im Fokus steht. Als ausgewähltes Themenfeld wird hier die Corona-Erkrankung mit ihren Folgen auf die Körpersoziologie und die soziale Ordnung dargestellt und der Begriff der Bio-Politik definiert. Ein weiteres Themenfeld dieses Kapitels ist Gesundheit und Krankheit mit der Entgrenzung und Ökonomisierung. Der Begriff der daraus entstehenden Medikalisierung wird zunächst definiert, bevor im Umgang mit Gesundheit und Krankheit Akteure aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Wissenschaft und Ökonomie vorgestellt werden. Die Anknüpfungspunkte für die Körpersoziologie werden im Anschluss mit den Stichworten der Entgrenzung der Medizin und der Ökonomisierung des Körpers beschrieben und durch die Beispiele der Fat-Studies und der Reproduktionsmedizin näher erläutert. Klassiker im Bereich der Politik und soziale Ordnung sind Mary Douglas hinsichtlich des Körpers als Symbolsystem sowie Michel Foucault hinsichtlich der politischen Autonomie des Körpers.

Das letzte kurze fünfte Kapitel fasst die genannten Entwicklungen kurz zusammen und zeigt den Gewinn und die Grenzen soziologischer Perspektiven auf den menschlichen Körper.

Diskussion

Durch die steigende Bedeutung sozialer Medien und sozialer Bewegungen wird das Thema der Körpersoziologie zunehmend relevanter. Um diesen relativ neuen Forschungszweig verstehen zu können, ist es wichtig, die historische Entwicklung zu beleuchten und Impulse damaliger theoretischer Klassiker auf aktuelle Ereignisse zu übertragen. In diesem Band wird deutlich, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem eigenen Körper und der Entwicklung der eigenen Identität besteht. Ebenso beeinflusst der soziale Wandel darüber hinaus neben dem individuellen Körper, auch die Hierarchisierung und Differenzierung sozialer Gruppen sowie politische Aspekte hinsichtlich sozialer Ordnungen.

Fazit

Dieses Band bietet eine sehr gute Einführung in das Thema der Körpersoziologie. Besonders interessant ist dabei die didaktische Aufteilung zunächst aktuelle Ereignisse vorzustellen und diese anschließend mit einem Blick auf historische Ereignisse und Vertreter theoretischer Konzepte zu verbinden. Zudem erleichtern die grafisch hervorgehobenen Begriffsdefinitionen sowie Steckbriefe dem Leser, diese wichtigen Informationen schnell zu erfassen. Der Preis in Höhe von 19 Euro ist mehr als angemessen.

Rezension von
Alisa Hemberger
M. Sc. Gesundheitsförderung
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Es gibt 13 Rezensionen von Alisa Hemberger.

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Zitiervorschlag
Alisa Hemberger. Rezension vom 17.11.2022 zu: Imke Schmincke: Körpersoziologie. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5571-8. Reihe: Soziologie im 21. Jahrhundert. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28745.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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