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Uwe Wesel: Fast Alles, was Recht ist

Cover Uwe Wesel: Fast Alles, was Recht ist. Jura für Nichtjuristen. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 10. Auflage. 404 Seiten. ISBN 978-3-406-73477-9. 29,80 EUR.
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Thema

Der Autor hat sich die Aufgabe gestellt, die zentralen Rechtsgebiete jedermann verständlich zu machen. Dabei wählt er nicht die weitverbreitete Form der Ratgeberliteratur vom Typ ‚Recht von A-Z‘, Recht für Dummies‘ etc., sondern legt seinen Schwerpunkt darauf, Nichtjuristen zu einem allgemeinen Rechtsverständnis zu verhelfen und in die Lage zu versetzen, das aktuell geltende Recht kritisch zu würdigen.

Autor

Wesel, von 1968 bis 2001 Professor für Zivilrecht und Rechtsgeschichte an der FU Berlin und zwischen 1969 und 1973 Vizepräsident derselben, wurde 1974 von der SPD ‚unter‘ dem notorischen Antikommunisten und ehemaligen Flakhelfer Klaus Schütz aus der Partei geworfen, da er anders als viele seiner Parteigenossen mit linken Studenten auch ohne die Hilfsmittel Knüppel und Wasserwerfer in Kontakt treten konnte. [1]

Entstehungshintergrund

Der Autor, von Hause aus Römischrechtler, hat sich nicht mit der Verfassung mehrerer rechtsgeschichtlicher (Standard-)Werke wie „Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften – Umrisse einer Frühgeschichte des Rechts bei Sammlern und Jägern und akephalen Ackerbauern und Hirten“ (1984), „Geschichte des Rechts“ (1997), „Geschichte des Rechts in Europa“ (2010) und „Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland“ (2019) begnügt, sondern neben politisch pointiert Stellung beziehender Artikel und Bücher wie etwa „Der Honecker-Prozess – Ein Staat vor Gericht“ (1994) oder „Die verspielte Revolution – 1968 und die Folgen“ (2002) schon vor 1992, also dem Jahr, in welchem das hier vorliegende Werk erstmals erschien, mit „Aufklärung über Recht“ (1981) und „Juristische Weltkunde“ (1984) Titel publiziert, die den laut einem von Suhrkamp verfassten Werbetextes den Versuch darstellten, „Entwicklung und Struktur [von Recht] offenzulegen, verständlich für jedermann und mit dem Anspruch, darüber auch etwas mehr zu sagen, als man üblicherweise in juristischen Büchern lesen kann“. Insofern knüpft Wesel mit seinem aktuellen Buch, das zuerst im Nördlinger Verlag, dann bei Eichborn und erstmals 2014 bei Beck erschienen ist, an eine lange Tradition an. [2]

Aufbau und Inhalt

Die acht Kapitel, die mehrheitlich abgegrenzte Rechtsgebiete zum Gegenstand haben – nur das 9. Kapitel unter dem Titel „Außerdem noch“ beinhaltet ein buntes Potpourri von der Juristenausbildung über das Steuer-, Kirchen-, Völker-, Handels-, Versicherungs-, Urheber-, Gesellschafts-, Wertpapier-, Wettbewerbs-, Kartell-, Jugendstraf-, Strafvollzugs- und das Sozialrecht bis hin zur Rechtssoziologie und –philosophie – werden eingerahmt durch das den Auftakt bildende Kapitel zum Thema „Recht und Sprache“ sowie das zehnte Kapitel, in welchem sich Wesel mit Recht und Gerechtigkeit“ befasst.

Im Vorwort wird darauf verwiesen, dass „jetzt Vieles neu“ ist und eine gründliche Überarbeitung vorgenommen worden ist. Bei diesen beiden Kapiteln wurde primär durch die Einfügung von Zwischenüberschriften die Orientierung verbessert sowie der Philosoph Jürgen Habermas (S. 393 f.) aufgenommen, die Literaturhinweise am Ende des 1. Kapitels haben sich um keinen Jota verändert, während die des letzten, also nunmehr des zehnten Kapitels total ausgewechselt wurden. Neu ist die Gliederung. Auf das 2. Kapitel, welches dem Verfassungs- und Staatsrecht gewidmet ist, folgt das Europarecht, das der Autor erst seit der Vorauflage – und da erst gegen Ende –eines eigenen Kapitels für Wert befunden hat. Privat-, Straf- und Verwaltungsrecht (in den Kap. 4, 6 und 7) werden wie seit jeher berücksichtigt. Das (neuerdings um das soziale Mietrecht ergänzte) Arbeitsrechtskapitel, das in der Vorauflage noch ganz am Ende des Buches platziert worden war, schließt sich nunmehr an das Kap. 4 an, was unter systematischen Aspekten weit logischer ist als die Abhandlung im Anschluss an das Europarecht wie noch in der 9. Aufl. Die seit der Vorauflage unionsweit in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung veranlasste Wesel dazu, dem Datenschutz ein separates Kapitel zuzubilligen.

Diskussion

Wesel gelingt es vorzüglich, die Grundzüge wesentlicher Teile des Rechts zu vermitteln. Dies ist primär darauf zurückzuführen, dass er sich nicht darauf beschränkt, die Normensprache sowie den gängigen Stil seiner Berufsgenossen – also die „juristische Sprachkunst“ – ob ihrer Unverständlichkeit zu kritisieren (vgl. insbesondere S. 13 mit der treffenden und humorvollen Präsentation seines altbewährten Beispiel der Definition des Begriffes „Tier“ aus der Wildschutzverordnung des Jahres 1985), sondern es selber viel besser macht, sodass der Untertitel seines Werks – Jura für Nichtjuristen – nicht nur eine werbewirksame Floskel darstellt, sondern ein Programmsatz, der von ihm vollständig umgesetzt wird. Man darf vermuten, dass er sich dabei von der Anschaulichkeit des alten römischen und deutschen Rechts inspiriert wurde, deren Loblied er auf S. 17 f. singt.

Ein weiterer Faktor, der zu der verständlichen Vermittlung des Rechts durch Wesel maßgeblich beiträgt, sind seine (nicht selten historischen) Beispiele bzw. die kurze Nachzeichnung von Rechtsentwicklungen samt dem Aufzeigen der politischen und ökonomische Faktoren, die dabei wirksam waren. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang bspw. auf seine Schilderung der Vorgeschichte des Lüth-Urteils des Bundesverfassungsgerichtes, welches letztlich den Boykottaufruf des Erich Lüths in Bezug auf Filme des mit der „Reichswasserleiche“ Kristina Söderbaum verheirateten Regisseurs Veit Harlan, der mit seinem „Jud Süß“ von 1940 die Begleitmusik für den heraufziehenden Holocaust lieferte (vgl. S. 47 ff.).

Auch die Ausführungen zur Entwicklung des Mietrechts (S. 215 ff.) können als ein Paradebeispiel für die Meisterschaft Wesels herangezogen werden.

Nach so viel Licht nun auch (ein bisschen) Schatten: Im Kap. 1 „Recht und Sprache“ hätte in einer „gründlich überarbeiteten“ Neuauflage des Jahres 2021 sicherlich auch einige Worte zum Thema Gendern verloren werden dürfen und so begrüßenswert es ist, dass die Darstellung des Mietrechts mit dem Unterkapitel „Wege aus der Wohnungsnot“ abgeschlossen wird, so bedauernswert ist es, dass der aktuell in Berlin durch die Entscheidung des (Wähler-)Volkes auf die politische Agenda gesetzte (Aus-)Weg über Art. 15 GG nicht erwähnt, geschweige denn diskutiert wird.

Fazit

Das Buch von Uwe Wesel „Fast alles, was Recht ist – Jura für Nichtjuristen“ erfüllt die aufgrund des Titels bestehende Erwartung nicht nur voll und ganz, sondern übererfüllt sie sogar: Die Darstellung der historischen Hintergründe und der Entwicklung des Rechts dürfte selbst für etliche Volljuristen – insbesondere für diejenigen, die während ihrer Ausbildung/​Examensvorbereitung maßgeblich von primär unkritisch an der höchstrichterlichen Rechtsprechung sich entlanghangelnden Repetitorien wie etwa Alpmann Schmidt und Co geprägt worden sind – von Interesse sein.


[1] Nachdem er sich 2004 für die Hartz IV ausgesprochen hatte, wurde gegen seinen Wiedereintritt in die SPD 2008 kein Veto eingelegt. Ein Kausalzusammenhang dürfte allerdings nicht unbedingt bestehen.

[2] Tradition hat auch der Fall von Marie, Jakob und Gesine (S. 21), der sich schon auf der ersten Seite von „Juristische Weltkunde“ findet – allerdings mit dem Unterschied, dass die volljährigen Akteure noch über einen Nachnamen verfügen.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Jochen Fuchs
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Zitiervorschlag
Jochen Fuchs. Rezension vom 29.11.2021 zu: Uwe Wesel: Fast Alles, was Recht ist. Jura für Nichtjuristen. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 10. Auflage. ISBN 978-3-406-73477-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28750.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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