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Helmut Bachmaier (Hrsg.): Die Zukunft der Altersgesellschaft

Cover Helmut Bachmaier (Hrsg.): Die Zukunft der Altersgesellschaft. Analysen und Visionen. Wallstein Verlag (Göttingen) 2005. 140 Seiten. ISBN 978-3-89244-932-4. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 25,70 sFr.

Mit einer Einleitung von René Künzli.
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Zielsetzung und Zielgruppen

Zukunft ist nicht das, was auf uns zukommt, sondern wird das Produkt unserer gegenwärtigen Absichten und Handlungen sein. Unter diesem Fokus stand eine internationale Tagung, die von der TERTIANUM-Stiftung, die ihren Sitz in Berlingen (Schweiz) hat, im März 2004 veranstaltet wurde. Unter dem Titel "Vision 2050plus" diskutierten mehr als 300 VertreterInnen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, um über langfristige Perspektiven einer alternden Gesellschaft nachzudenken und einen Beitrag zur Zukunftsgestaltung zu leisten. Die Vorträge, die auf diesem Kongress gehalten wurden, werden in Form der vorliegenden Publikation einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Herausgeber ist Helmut Bachmaier, Professor an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Konstanz und wissenschaftlicher Direktor der TERTIANUM-Stiftung. Weitere 12 Autoren, vorwiegend aus Schweizer Universitäten, sind an dieser Buchpublikation beteiligt.

Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen und Inhalte

Nach einer Einleitung von René Künzli, dem Präsidenten der Stiftung, folgen weitere elf Kapitel. Er sieht in den einzelnen Beiträgen aus verschiedenen Fachdisziplinen Vorschläge zur Zukunftsgestaltung, die praktikabel sind und zu prospektivem Denken anregen sollen und betont, dass die Zukunft und das Jahr 2050 bereits begonnen haben.

  1. Das erste Kapitel vom Herausgeber steht unter dem Titel "Zukunft braucht Orientierung". Er formuliert und diskutiert drei Thesen, die sich mit der Zukunft und deren Gestaltung dieser auseinandersetzen und die teilweise unverständlich und wenig stringent erscheinen.
  2. Kapitel zwei von Francois Höpflinger, Soziologie - Professor an der Universität Zürich, befasst sich mit den Auswirkungen der Langlebigkeit für die Gesellschaft und die Generationsbeziehungen. Ausschlaggebend sind hierfür vor allem zwei Faktoren: mit steigendem wirtschaftlichen Wohlstand erhöht sich die Lebenserwartung und eine hohe Lebenserwartung ist eng mit sozial- und gesundheitspolitischen Ordnungsstrukturen verknüpft. Sie ist eine soziokulturelle und zivilisatorische Leistung der Gegenwart. Bedeutsame soziale Unterschiede in der Lebenserwartung sind nach wie vor zu beobachten: wohlhabende und gut ausgebildete Menschen leben länger als ärmere und Frauen leben länger als Männer. Interessant ist auch, wer heute das 80. Lebensjahr erreicht hat, lebt durchschnittlich noch weitere acht bis zehn Jahre. Während in vergangenen Jahren das Risiko vorzeitiger Erkrankung, Invalidität und frühes Sterben im Vordergrund finanz- und sozialpolitischer Überlegungen stand, werden heute immer mehr das Risiko eines "zu späten Todes" und vermögensverzehrender Langzeitpflegebedürftigkeit thematisiert. Infolge der erhöhten Lebenserwartung überschneiden sich die Lebenszeiten von bis zu sechs Generationen, namentlich der weiblichen Mitglieder. Es ist ein lesenswertes Kapitel mit inspirierenden Aspekten und nicht alltäglichen tabellarischen Übersichten.
  3. Das folgende Kapitel drei von Michael Pries, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim B. Freizeit - A.T. Forschungsinstitut in Hamburg, widmet sich dem Generationenvertrag als sozialer Altersvorsorge. Die gesetzlich festgelegte Übereinkunft, nach der die mittlere Sandwichgeneration für Jüngere und Ältere sorgt, muss unter den heutigen Bedingungen immer mehr in Frage gestellt werden. Vor allem geht es nicht um eine verengte ökonomische Sichtweise, eine ausgeglichene Generationenbilanz trägt vielmehr auch humane und soziale Züge, wobei sich die Familie als beständigste und nachhaltigste Alterssicherung erweist. Der Autor verweist an verschiedenen Stellen auf Aussagen von Opaschowski und auf eine Studie des Instituts, in dem er beschäftigt ist, allerdings ohne Quellenangaben oder eine Populationsbeschreibung.
  4. Bernd Schips, Professor für Nationalökonomie und Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich, verfasst das nächste Kapitel unter der Überschrift "Demographie, Produktivitätsentwicklung und soziale Sicherung". Er betont, dass das Alter zu Recht ein relevantes Selektionsmerkmal bei der Einstellung von Arbeitskräften sei und insofern stünde die Politik in der Verantwortung. Statt in die Frühpensionierung zu investieren, sollten Weiter- und Wiederbeschäftigung Älterer gefördert werden. Auch er verweist nachdrücklich auf intergenrerationelle Verteilungsprobleme, denn eine Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes würde wiederum zu einer relativen Benachteiligung niedriger Einkommen führen.
  5. Das fünfte Kapitel von Andreas Reidl, Inhaber der Agentur für Generationen - Marketing Nürnberg/Bad Tölz, setzt sich mit der "Zukunft der Märkte" auseinander. Er beginnt mit einem interessanten Szenario: Der Essener Einwohner wäre durchschnittlich 16000 Û wert, denn diesen Wert würde er jährlich konsumieren. Fehlt ein Bürger, würde dieser Betrag in der Stadtkasse entfallen. In der Schweiz, die neben Japan und Schweden die höchste Lebenserwartung der Menschen hat, wird der Anteil der 50plus im Jahr 2015 50% betragen und das hat in erster Linie Auswirkungen auf die Entwicklung der Märkte. "Wir stehen vor einer revolutionären Strukturveränderung: vom Wachstum zur Schrumpfung (S. 57) !" Es werden vor allem die Alten sein, die mit ihrem Konsum die Produktion ankurbeln und für eine erhöhte Nachfrage neuer Industrien, Dienstleistungen und Arbeitsplätze sorgen werden. In sieben nachvollziehbaren Thesen beschreibt Reidl das, was er unter diesem Szenario für die Zukunft erwartet.
  6. "Altern und digitale Gesellschaft" ist das Thema, dem sich Peter Glotz, em. Professor für Kommunikationswissenschaft der Universität St. Gallen, verschrieben hat. Er geht von einer Zweidrittelgesellschaft aus, an deren Spitze die Wissensarbeiter der Informationswirtschaften stehen und einem Drittel, das eine völlig neu komponierte Unterschicht darstellt. Infolge der Alterung der Gesellschaft ist ein dritter Sektor notwendig - die Aufwertung des Ehrenamtes-, das als Auffangbecken dient und durch Finanzierung befestigt werden muss.
  7. Reinhard Schmitz - Scherzer, em. Professor für Soziale Gerontologie an der Universität Gesamthochschule Kassel, ist der Autor des folgenden Kapitels "Alter und Altern in der Zukunft", das sich mehr oder weniger sicheren zukünftigen Entwicklungen einer alternden Bevölkerung widmet.
  8. Kapitel acht "Die Medizin und das Alter" von Hannes B. Stähelin, em. Professor und bis 2002 Chefarzt der Geriatrischen Universitätsklinik Basel und Gabriela Stoppe, Ärztin für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapie und klinische Geriatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, befassen sich mit der Frage, ob die Geriatrie das Älterwerden fördert (S. 87 ff). Sie stellen interessanterweise einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Mortalität und der Abnahme der Fertilität her, obgleich die Unterstützung durch die Familie gerade mit zunehmendem Alter wichtig ist. Das Altersbild in der Gesellschaft wird weniger durch das chronologische Alter als vielmehr durch Attribute wie selbstbestimmt, geistig fit, flexibel, interessiert, sportlich und schnell bestimmt, verbunden mit sexueller Attraktivität und Achtung des Äußeren. Wer auf diese Eigenschaften nicht verweisen kann, ist "alt'. Das aber scheint für Frauen bedrohlicher als für Männer zu sein (S. 94). Stähelin/Stoppe gehen weiter davon aus, dass die steigende Lebenserwartung weniger wichtig ist als die Lebenserwartung in Gesundheit, die in den letzten 30 Jahren überproportional stärker gestiegen ist. Dagegen haben die Jahre der Abhängigkeit abgenommen, wobei es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die uns erlauben, alt zu werden.
  9. Das folgende neunte Kapitel von Dr. Hansueli Mösle, Dirktor von Curaviva, dem Verband Heime und Institutionen mit Sitz in Zürich, beschäftigt sich mit den Pflegeinrichtungen in der Schweiz. Ähnlich wie in Deutschland ist es der Wunsch der meisten betagten Menschen, dass sie möglichst lange, am liebsten bis zum Tod in der eigenen Wohnung leben wollen. Erst im hohen Alter steigt die Heimeintrittsquote markant an, wenn die Bewegungsfreiheit ab- und Krankheiten sowie Gebrechen zunehmen.
  10. Das vorletzte Kapitel von Dr. Heinrich Everke verfasst, Arzt für Allgemeinmedizin in Konstanz, widmet sich der Hospizidee und dem Sterben in Würde. Ebenso nimmt er zur aktiven und passiven Sterbehilfe Stellung und diskutiert dazu interessante Ansätze.
  11. Das letzte und damit elfte Kapitel ist mit dem Titel "Kaufleute der Unsterblichkeit" überschrieben. Ernst Peter Fischer, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz, geht zunächst davon aus, dass heute niemand mehr Angst vor qualvollen Sterben haben muss und damit würde der Mut wachsen, länger zu leben. Des Weiteren setzt er sich mit der Frage auseinander, welche Konsequenzen es hätte, wenn es Moleküle für die Unsterblichkeit geben würde.

Fazit

Das vorliegende Buch diskutiert interessante Ansätze zur Altersgesellschaft und deren zukünftige Entwicklung. Es ist eine Zusammenstellung verschiedener Visionen, die unsere Entwicklung mit dem Übergang zu sogenannten alten Gesellschaften betreffen könnten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit einlösen zu wollen. Es ist eine Reflexion auf die Veränderung gesellschaftlicher Prozesse, die sich aus den demographischen Anforderungen in Zukunft ergeben könnten und gibt Anregungen, sich damit auseinander zu setzen.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 04.10.2005 zu: Helmut Bachmaier (Hrsg.): Die Zukunft der Altersgesellschaft. Analysen und Visionen. Wallstein Verlag (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-89244-932-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2876.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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