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Wolfgang Hantel-Quitmann: Kafkas Kinder

Cover Wolfgang Hantel-Quitmann: Kafkas Kinder. Das Existenzielle in menschlichen Beziehungen verstehen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2021. 220 Seiten. ISBN 978-3-608-98410-1. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

In Beziehung stehende Ressourcen: ISBN: 9783608983333; 9783608962727; 9783608947267; 9783608947274; 9783608980684.
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Autor

Hantel-Quitmann, Wolfgang: Dr. phil., Dipl-Psych., em. Professor für klinische und Familienpsychologie an der Fachhochschule Hamburg (jetzt HS f. angewandte Wissenschaften) und Familientherapeut in der Tradition von Virginia Satir und Martin Kirschenbaum, seit Jahren auch Autor erfolgreicher, vor allem familientherapeutischer Sachbücher, hat bereits mit seinem letzten Titel die Othello-Falle ein neues Themenfeld beschritten. Es geht ihm nun mehr um die existenzielle Dimension menschlichen Lebens.

Entstehungshintergrund

Wolfgang Hantel-Quitmann hat früher vor allem Texte im Umfeld systemischen Familientherapie und Familienforschung im Rahmen der Sozialen Arbeit publiziert (Beziehungsweise Familie Bde 1–4), Er baute an der HAW Hamburg, die Masterstudiengänge Kindheitswissenschaft und Familienberatung auf. Nach seiner Emeritierung wendet er sich stärker existenziellen Themen zu, was wohl mit der Summe seiner Lebenserfahrungen zu tun hat, aber auch mit der Möglichkeit, Themen zu bearbeiten die nicht mehr im Mainstream angesiedelt sind.

Inhalt

Der Autor geht den umgekehrten Weg wie Yalom (von der Klinik zur Literatur), er untersucht wie Franz Kafkas literarisches Werk, aber auch seine Biografie zur Orientierung einer ontologisch orientierten Therapeutik taugt.

Er verwendet Kafkas Texte phänomenologisch „rein“, das heißt ohne durch eine (philosophische) Analyse eine Metatheorie erarbeiten. Darin geht er einen eigenen Weg, waren doch Existenzanalyse, Daseinsanalyse, existenzielle Psychotherapie, eher existenzielle Vertiefungen Psychodynamischen Denkens, mit einer erprobten Methodologie und Behandlungstechnik.

In diesem Sinn ist der Text auch eine existenzphilosophische Untersuchung zu Leben und Schaffen Franz Kafkas. Teilweise bezieht er sich dabei auf die großen Kafkabiographen und andere literaturwissenschaftliche Quellen, er nähert den existenziellen Themen Kafkas aber auch in eigenen textanalytischen Betrachtungen und entwickelt typische Konfliktkonstellationen bzw. Bindungskonstellationen wie Bindungsangst, Flucht vor der Verantwortung, Ambivalenz, die er an Fallvignetten aus der eigenen Paar und Familientherapeutischen Praxis veranschaulicht.

Diskussion

Die Verbindung zwischen Kafkas Lebensthemen und den Konflikten seiner Patienten scheint mir manchmal etwas konstruiert, aber zweifellos gibt es transgenerationale Konfliktthemen, die bis heute nicht an Aktualität eingebüßt haben. Ganz sicher sind die Ohnmachtsgefühle des Subjekts in einem zunehmend technisch und bürokratisch überwachten und beherrschten Alltag heute nicht seltener geworden. Ohnmachtsgefühle nähren die narzisstisch-depressiven Konflikte des modernen Menschen, während Schuld-, Loyalitäts- und Schamkonflikte in der heutigen Zeit weniger verbindlicher Beziehungen vermutlich seltener und weniger schwerwiegend erlebt werden.

Seit den humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts, hat die Psychopathologie und Psychiatrie immer auch mit einer existenziellen, ontologischen oder einfach anthropologischen Orientierung geantwortet. Seit Binswanger und Jaspers, waren die existenzphilosophischen Strömungen in Psychiatrie und Psychotherapie zwar in der Minderheit aber immer auch vernehmbar, zuletzt waren Wolfgang Blankenburg, Christian Scharfetter oder Victor Frankl noch die sichtbarsten Protagonisten.

Fast immer waren es Ärzte und keine Psychologen, wohl weil Krankheit und Tod immer schon existenzielle Dimensionen zugestanden wurden, während Psychologen eher für Konzepte der „Machbarkeit“ anzusprechen schienen.

In der Gegenwart ist die existenzielle Stimme fast verstummt. Als einer der letzten ist lediglich Irving D. Yalom ist noch sichtbar, wenn auch eher als Literat denn als Kliniker. In seinem klinischen Schaffen beschäftigt er sich schon seit Jahren hauptsächlich mit Tod und Sterben.

Um so erstaunlicher das nun ein Psychologe und systemischer Therapeut, der verstummenden existenziellen Orientierung wieder Leben einzuhauchen wagt.

Sollte Wolfgang Hantel-Quitmann die existenzielle Dimension in Therapie und Beratung aufs neue belebt haben, so wäre das außerordentlich verdienstvoll in einer Welt der DRG's, der evidenzbasierten Behandlungen und der Doppelblindstudien, die eben nicht nur das Subjekt ökonomisieren sondern eben auch den Sinn des Lebens „verblinden“. 

Fazit

Wolfgang Hantel-Quitmann hat ein sehr lesenswertes Buch über existenzielle Lebensthemen in der Therapie und Beratung geschrieben. Das es sich dabei vor allem auf Franz Kafkas Leben bezieht, ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich.

Ob das Leben eine neurotischen „jungen“ Manns („Der ewige Sohn“) aus der Zeit des Fin de siècle, eine angemessene Folie für die existenziellen Themen der heutigen Menschen abgeben kann, muss ausdrücklich offen bleiben, meinen Ansicht nach gelingt die Integration nicht immer befriedigend.

Andererseits liefern die literarischen Bilder und Narrative Kafkas eine reiche Welt existenziellen Scheiterns, die so auch in der Gegenwart denkbar ist, wenn wir auch im Durchschnitt eher mir narzisstischen Problemen hadern und die existenzielle Enge der alten Klassen-, Rassen-, Schicht- und dynastischen Beschränkungen nur noch aus der Literatur kennen.

Andererseits zeigt der Autor uns aber auch, wie die Auseinandersetzung mit der klassischen Literatur, oder auch Literatur im eigentlichen Sinne, zur Auseinandersetzung mit existenziellen Themen des eigenen Lebens taugt und zur Auseinandersetzung mit Existenzfragen bei PatientInnen/​KlientInnen genutzt werden kann.

Hantel-Quitmann benutzt ausdrücklich auch Kasuistiken aus relativ kurzen Beratungssequenzen, in längeren Behandlungen, zumal bei psychotischen (vgl. Bergemann-Deppe) aber auch älteren Patienten, könnte das Durcharbeiten existenziellen Themen durchaus zum Qualitätsmerkmal eines therapeutischen Prozesses werden.

Weiterführende Literatur

Alt, Peter-André (2005): Franz Kafka: der ewige Sohn, München: C.H. Beck

Bergemann-Deppe, Monika(1994): Schizophrenie und klinischer Kontext. Stuttgart/New York: Georg Thieme

Binswanger, Ludwig (1992): Ausgewählte Werke (4 Bd.), Bd. 1 Formen mißglückten Daseins (1956)

Blankenburg, Wolfgang (1971): Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien, Stuttgart: Enke

Frankl, Viktor E. (2011, Erstfassung 1942): Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse (Gesammelte Werke Bd. 4). Wien: Böhlau

Jaspers Karl (1919): Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Julius Springer

Scharfetter, Christian (1995): Schizophrene Menschen, Beltz PVU

Yalom, Irving. D. (1989, engl. 1980): Existenzielle Psychotherapie. Köln: Edition Humanistische Psychologie

Yalom, Irving D. (1996): Die rote Couch, München: Btb


Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialtherapeut, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker. Langjährige psychotherapeutische Arbeit an der Schnittstelle von Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe, Supervision im klinischen und im Jugendhilfebereich. Niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung psychodynamisch orientierter Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (SIMKI,BAP), Psychotherapiegutachter der KV.
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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 03.09.2021 zu: Wolfgang Hantel-Quitmann: Kafkas Kinder. Das Existenzielle in menschlichen Beziehungen verstehen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-608-98410-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28761.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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