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Peter Tyrer, Helen Tyrer: Praktische Sozial­psychotherapie

Cover Peter Tyrer, Helen Tyrer: Praktische Sozialpsychotherapie. Die Lebenswelt von Patientinnen und Patienten positiv beeinflussen. Schattauer (Stuttgart) 2021. 2., erweiterte Auflage. 208 Seiten. ISBN 978-3-608-40064-9. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Selbst für gemeindepsychiatrische Teams ist die adäquate Behandlung von Menschen mit gravierenden langanhaltenden Störungen und Behinderungen oft kaum zu leisten, z.B. wenn es sich um chronische Psychosen handelt, anhaltende Suchterkrankungen, schwere Persönlichkeitsstörungen in Verbindung etwa mit Delinquenz, Wohnungslosigkeit, Verschuldung. Typische Behandlungsangebote wie Pharma- oder Psychotherapie scheitern an der scheinbar fehlenden Compliance. Die bedürfnisorientierte Therapie, von den AutorInnen auch Nidotherapie („Nest“) genannt, wird hier abgegrenzt von der skandinavischen recovery Behandlung und verstanden als eine sehr pragmatische lösungsorientierte Milieutherapie, die sich strikt an den Bedürfnissen der Klientinnen und Klienten orientiert. Anders als z.B. in der klientzentrierten Beratung von Carl Rogers geht es dabei auch nicht um eine Strategie der Veränderung des Patienten, diese ereignet sich eher absichtslos in der Folge der Beeinflussung seiner Lebenswelt.

Autorin und Autor

Peter Tyrer ist emeritierter Professor für Gemeindepsychiatrie am Imperial-College in London; er war Leiter der Arbeitsgruppe für die Revision der Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen (dimensional vs. kategorial) des ab 2022 geltenden ICD 11 der WHO. 2015 wurde er mit dem „Lifetime Achievement Award“ des Royal College of Psychiatrists ausgezeichnet.

Helen Tyrer, promovierte Psychiaterin, ist leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin der medizinischen Fakultät des Imperial-College in London; sie praktiziert und lehrt Nidotherapie. 

Iris Orth, M.Sc. in Psychologie, hat den Text ins Deutsche übersetzt. Sie ist angehende Verhaltenstherapeutin und am Max-Plank-Institut für Psychiatrie in München tätig.

Entstehungshintergrund

Die Motivation für dieses Buch war die Unzufriedenheit der AutorInnen mit den Ergebnissen der psychiatrischen Standardbehandlung in den 90er Jahren in Großbritannien. Sogenannte therapieresistente Menschen, Non-Responder aus der Perspektive der damaligen „Zielsyndrompsychiatrie“, ließen sich mit Standardmedikamenten nicht angemessen behandeln. Aufgrund von unerwünschten Wirkungen brachen viele Patienten die Psychopharmakotherapie ab, sobald sie das Krankenhaus verlassen hatten. Auch die gemeindepsychiatrischen Dienste konnte „schwierige“ Patienten oft nicht erreichen. Betroffene wurden immer öfter mit manualisierten Therapien behandelt, die an ihren Bedürfnissen vorbei gingen. Standardbehandlung war kognitive Verhaltenstherapie, als evidenzbasierte Therapie mit maximal 25 Stunden. Auch soziale Dienste waren jeweils zeitlich limitiert, und sie wurden unter der Voraussetzung auch in medizinischer Behandlung zu stehen, angeboten.

Die AutorInnen beschreiben die fast spontane Entstehung der bedürfnisorientierten Therapie aus einer Tradition des britischen Pragmatismus heraus. Charles Darwin, der die Evolutionstheorie aus genauen Naturbeobachtungen abgeleitet hatte, ist gewissermaßen der Ideengeber: Dass Organismen auf einer nicht weit entfernten Insel sehr spezielle Anpassungsfähigkeiten entwickelt hatten, führte direkt zu der Idee, die Umwelt den Möglichkeiten der meist chronisch kranken Patientinnen und Patienten anzupassen. Nidotherapie gibt den Anspruch vollständig auf, den Menschen verändern zu wollen; alle positiven Entwicklungen werden durch gezielte Umweltveränderungen herbeigeführt, denen Patientin oder Patient ausdrücklich zustimmen muss.

Aufbau und Inhalt

Das Werk ist in 13 Kapitel gegliedert. Honorige Vor- und Geleitworte verweisen auf die herausragende Position der Autoren. Das Imperial College ist eine der angesehensten Hochschulen Londons und damit der Welt, Peter Tyrer einer der wichtigsten lebenden Psychiater Großbritanniens, Chefredakteur des British Journal of Psychiatry. Er steht deutlich in der Tradition des britischen Pragmatismus und ist andererseits ein Hauptvertreter der evidenzbasierten Psychiatrie, die er in diesem Buch aber auch an mehreren Stellen kritisiert.

Die Leistung des Philanthropen Andrew Carnegie, der sich von einem finanziell unterprivilegierten Jungen aus Schottland zu einem der reichsten Tycoons in den USA hocharbeitete, und gleichzeitig, mit nach heutigem Wert, knapp 10 Milliarden US-$, zu einem der bedeutendsten Spender, wird als paradigmatisch beschrieben. Das gestiftete Geld reichte damals u.a., um mehr als 3000 Bibliotheken zu eröffnen, die es vielen Menschen ermöglichte, im Selbststudium Bildung zu erwerben, also das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Damit ist ein Ton gesetzt.

Den theoretischen Hintergrund der Nidotherapie sieht Tyrer in der Entwicklungstheorie Darwins, „Nidotherapie ist umgekehrter Darwinismus. Anstatt darauf zu warten, dass sich die Person verändert, damit sie zur Umwelt passt, versucht man in der Therapie die Umwelt so zu verändern, dass sie zur Person passt“ (S. 13). Das kann dann dazu führen, dass chronisch psychisch Erkrankte nicht immer wieder scheitern im Wettkampf mit anderen, funktionsfähigeren Menschen. Diese Positionen markieren die ideologische Fundierung des Werks.

Viele klinische Beispiele verdeutlichen die Wirkung der Nidotherapie:

Umweltanalyse ist der Start. Ein ganzes Unterkapitel (1.1.) begründet die Notwendigkeit des Arbeitens auf Augenhöhe, auch mit dementen oder geistig behinderten Patienten.

10 Prinzipien der Nidotherapie beschreiben die Standards der therapeutischen Arbeit, ihren Geist und ihre Methode. Prinzip 7 z.B. heißt: „Alle Menschen, egal wie eingeschränkt, haben Stärken, die man fördern sollte“ (S 21).

Die Nidotherapie verläuft in vier Phasen:

  1. Entwicklung eines Person-Umwelt-Verständnisses,
  2. Umweltanalyse,
  3. Umsetzung der Umweltveränderung – die Entwicklung des nidotherapeutischen Pfads und
  4. Überprüfung der Fortschritte.

Die Nidotherapie kann nur wenige Sitzungen andauern, aber auch jahrelang fortgesetzt werden.

Anders als diese recht hemdsärmeligen Konzepte vermuten lassen, ist die Wirksamkeit der Nidotherapie in zwei groß angelegten randomisierten kontrollierten Studien in verschiedenen Settigs untersucht wurden (Klinik und Heim): Probanden waren in den einen Fall Psychiatriepatienten mit Mehrfachdiagnose (Sucht, schwere psychische Erkrankung/Persönlichkeitsstörung) und im anderen Fall geistig behinderte Heiminsassen, die die Mitarbeiter durch Aggressionen besonders herausforderten. Ein Ergebnis war eine deutliche Kostenersparnis durch Nidotherapie gegenüber der Vergleichsgruppe die TAU erhielt, also Medikamte, stationäre Krisenintervention und Begleitung durch den Mental Health Service. Wie nicht anders zu erwarten, schnitt die Nidotherapiegruppe im sozialen Funktionsniveau deutlich besser ab. Sie war auch im Untersuchungszeitraum wesentlich weniger häufig hospitalisiert, was die erheblich niedrigeren Kosten (mittlere Differenz 14705 Pfund) zu einem großen Teil erklären.

Autorin und Autor zeigen auf, dass das Potenzial der bedürfnisorientierten Therapie noch lange nicht ausgeschöpft ist; sie sehen Entwicklungsmöglichkeiten in so unterschiedlichen Bereichen wie Selbsthilfegruppen, rechtlich betreute Menschen, stationäre Psychiatrie, Sucht, Behindertenhilfe, Wiedereingliederung nach der Haft, soziale Wohnhilfen, Angehörige psychisch Kranker…

Zielgruppe

Als ausübende NidotherapeutInnen werden vor allem SozialarbeiterInnen gesehen, die durch ihre Vorbildung und Parteinahme für die Rechte der KlientInnen am besten vorbereitet seien. PsychologInnen, ErgotherapeutInnen und GesundheitspflegerInnen seien in etwa gleich gut aufgestellt, aber selbst hauswirtschaftliches Personal könne nidotherapeutisch wirken.

Für PsychiaterInnen sehen Tyrers die größten Schwierigkeiten, sowohl in Bezug auf das Überwinden ihrer paternalistischen Haltung als auch des therapeutischen Eros, der es ihnen schwer macht, nicht doch immer wieder einen medikamentösen Behandlungsversuch unternehmen zu wollen.

Diskussion

In diesem Text sichten Tyrer keine wissenschaftlichen Befunde oder erwähnen auch nur Ergebnisse der Sozialwissenschaften, selbst so naheliegende wie die Salutogenese, die Resilienztheorie, oder das Konzept des Empowerment. Peter und Hellen Tyrer kommen völlig mit dem gesunden Menschenverstand aus und mit ihrer Erfahrung aus vielen Jahren praktischer Arbeit mit psychisch kranken Menschen. Darin liegt der Charme des Buchs aber auch seine Begrenzung; bedürfnisorientierte Therapie immer wieder synonym mit Nidotherapie zu verwenden, könnte durchaus wissenschaftlich begründet werden. Ein bisschen bin ich an die amerikanische Unabhängigkeitserklärung erinnert, in der ein Recht auf Glück postuliert wird, aber keine Theorie, wie das Glück denn zu erreichen sei.

Eine solche Arbeit zu veröffentlichen, wäre in Deutschland so wohl nicht möglich. Andererseits ist es gut, dass mit Iris Orth eine junge Psychologin eine Übersetzung angefertigt und das Konzept so auch einem ausschließlich deutschsprachigen Publikum zugänglich macht. Sehr „deutsch“ verfasst sie ein Nachwort, das die bedürfnisorientierte Therapie nun doch auch in einen wissenschaftlichen Kontext stellt. Sehr richtig weist sie den beiden Pionieren der Psychoanalytischen Sozialpädagogik Bruno Bettelheim und Fritz Redl die wissenschaftliche Urheberschaft an der Milieutherapie zu. Und sie erklärt auch die sozialpsychiatrischen Wurzeln in der Kritik der realen psychiatrischen Institution. Hier erwähnt sie Michel Foucault, Ronald D. Laing und Thomas Szass, die die psychiatrischen Institutionen für das eigentliche Übel hielten. Mein ostdeutscher Lehrer Klaus Weise hat uns beigebracht, chronische Schizophrenie sei keine Erkrankung, sondern ein Artefakt der Langzeithospitalisierung, was vielleicht eine Übertreibung gewesen sein könnte.

Dass diese Tatsachen auch heute (wieder) anerkannt werden, und in einem sehr speziellen, sich für unideologisch haltenden ideologischem Kontext besprochen, gewissermaßen aus der Ideenschmiede des Kapitalismus in London, ist für sich gesehen schon eine bemerkenswerte Tatsache.

Dass hier ein lebensweltliches Konzept im Geiste des britischen Pragmatismus vorgestellt wird, ohne alle theoretischen Anknüpfungen an einschlägige Theorien, ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Peter und Helen Tyrers Credo, sieh die Welt mit den Augen deiner PatientInnen, ihres Kerns beraubt werden könnte, in einer modernen sozialarbeitswissenschaftlichen Theorie, die oft identitätspolitisch verbohrt, in einer ideologisierten Sprache daherkommt, die den Absolventen dieser Fächer antrainiert wird. Auch Gender-Sprech wird von KlientInnen als intellektueller Jargon identifiziert, der vor allem Distanz schafft und keine Perspektiven-übernahme.

Fazit

Hier liegt uns ein sperriges, aber hoch relevantes Werk vor, das aufzeigt, wie wir chronisch kranke, ungebildete und behinderte Menschen besser behandeln können.

Die Übersetzung von Iris Orth mit vielen speziellen Einschüben für die deutsche Ausgabe und ihr Nachwort sind beinahe eine Gebrauchsanweisung für das Buch. Sie macht seine Thesen anschlussfähig an die deutschen Verhältnisse und ordnet die Möglichkeiten in seinem Sinne zu arbeiten, etwa in der Soziotherapie aber auch in anderen Bereichen; die sozialrechtlichen Voraussetzungen sind dafür gegeben.


Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialtherapeut, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker. Langjährige psychotherapeutische Arbeit an der Schnittstelle von Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe, Supervision im klinischen und im Jugendhilfebereich. Niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung psychodynamisch orientierter Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (SIMKI,BAP), Psychotherapiegutachter der KV.
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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 20.09.2021 zu: Peter Tyrer, Helen Tyrer: Praktische Sozialpsychotherapie. Die Lebenswelt von Patientinnen und Patienten positiv beeinflussen. Schattauer (Stuttgart) 2021. 2., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-608-40064-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28767.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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