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Leonie Knebel: Psychotherapie, Depression und Emanzipation

Cover Leonie Knebel: Psychotherapie, Depression und Emanzipation. Eine subjektwissenschaftliche Studie zur verhaltenstherapeutischen Praxis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. 487 Seiten. ISBN 978-3-658-34644-7. D: 60,74 EUR, A: 66,81 EUR, CH: 72,00 sFr.
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Thema

In dem Buch wird eine empirisch-qualitative, subjektwissenschaftlich orientierte Studie zu Realisierungsmöglichkeiten gesellschaftskritisch reflektierter Zielstellungen in der psychotherapeutischen Praxis vorgestellt. Mit problemzentrierten Interviews von Patient:innen und Therapeutinnen wurde dieser Fragestellung in Bezug auf die verhaltenstherapeutische Behandlung von Depressionen nachgegangen. Die Forschungergebnisse werden in den Rahmen der Konzept- und Methodengeschichte der Verhaltenstherapie, der psychologischen und soziologischen Theoretisierungen von Depressionen sowie der Auseinandersetzungen über die politische Dimension von Psychotherapie gestellt. Die Autorin rekuriert sowohl bei der in Anschlag gebrachten Methodik als auch bei den theoretischen Diskussionen über die Rolle von Psychotherapie in der Gesellschaft maßgeblich auf die Kritische Psychologie in der Tradition von Klaus Holzkamp. Darüber hinaus stellen die Gemeindepsychologie und Sozialpsychiatrie wichtige Bezugspunkte der Erörterung dar.

Autorin

Dr. rer. nat. Leonie Knebel hat 2020 ihre Promotion an der Universität Marburg abgeschlossen. Sie ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin und arbeitet gegenwärtig als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Arbeit und Gesundheit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sowie als freiberufliche Psychotherapeutin in Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Veröffentlichung der Dissertation der Autorin. Die empirische Studie hat sie zwischen 2013 und 2016 im Zusammenhang mit ihrer psychotherapeutischen Ausbildung in Verhaltenstherapie angefertigt.

Aufbau

Die fast 500 Seiten starke Arbeit umfasst eine je rund fünfseitige Zusammenfassung auf Deutsch und Englisch. Ein Abkürzungsverzeichnis und Verzeichnisse der in der Arbeit verwendeten Abbildungen und Tabellen sind dem Text vorangestellt. Eine rund vierseitige Einleitung (Kap. 1) stellt Anliegen und Fokus des Buches klar. Darüber hinaus wird im Buch angelegentlich Einblick in den Kontext der Forschungsarbeit sowie in die damit verbundenen beruflichen und wissenschaftlichen Entwicklungs- und Selbstklärungsprozesse der Autorin gegeben (insb. Kap. 8.1).

Das Buch umfasst sechs Kapitel mit Erörterungen theoretischer Bezüge, denen vier Kapitel mit der Darlegung von Methodik und Ergebnissen der Interviewstudie folgen. Im Schlussteil zieht die Autorin eine 20-seitige Bilanz aus dem gewonnenen Datensatz zur Beantwortung ihrer Forschungsfragen.

Inhalt

„Kann und soll Psychotherapie Emanzipation fördern?“ ist die Frage, mit der Knebel (S. 1) ihre Erörterung des Themas einleitet und an der sie später die Anlage ihres Psychotherapieforschungsprojekts verankert. „Emanzipation“ wird mit Bezug auf R. Kosseleck als „psychologische, soziale und politische Selbstermächtigung oder Selbstbefreiung“ verstanden (S. 12). Untersucht werden soll, „inwieweit Psychotherapien zu einer Aufklärung und Veränderung einschränkender Bedingungen beitragen können, wie sich emanzipatorische Perspektiven verfolgen lassen und welche Widersprüche und Grenzen es dabei gibt.“ (ebd.). Dabei gehe es insbesondere darum zu erkennen, wann durch Psychotherapie psychologisiert werde, nämlich „objektive Beschränktheit in subjektive Beschränkungen“ umformuliert werde, wie Knebel es mit einer in der Kritischen Psychologie prominenten Wendung von Markard ausdrückt (S. 4).

Die Kritische Psychologie wird im zweiten Kapitel als „emanzipatorische Subjektwissenschaft“ vorgestellt. Knebel referiert deren wissenschaftsgeschichtliche Anfänge und Grundbegriffe. Dabei weist sie auf die aus ihrer Sicht ungelöst gebliebenen Probleme des Motivations- und Konfliktbegriffs in dem Ansatz hin. Dargestellt werden außerdem Theoretisierungen der lebensgeschichtlichen Dimension und das subjektwissenschaftliche Verständnis von „Lernen“, wie sie in der Kritischen Psychologie entwickelt wurden.

Darüber hinaus werden mit Bezug auf die Kritische Psychologie (Holzkamp, Markard) und die Gemeindepsychologie (Keupp) die Grundideen von Praxisforschung sowie ein postulierter Konsens für die Ausrichtung einer „emanzipatorischen Psychotherapie“ (S. 42) vorgetragen. In weiteren Unterkapiteln (2.9.1 – 2.9.6) diskutiert Knebel frühere Reinterpretationen von verhaltenstherapeutischen aber auch psychoanalytischen, familien- und gesprächspsychotherapeutischen Ansätzen in der Kritischen Psychologie mit dem Anspruch, „einen Teil des in Vergessenheit geratenen praxisnahen emanzipationsförderlichen Wissens zu bergen.“ (S. 48). Aus diesen früheren Ansätzen sammelt die Autorin Kriterien und Gesichtspunkte für gesellschaftskritisch reflektierte Praxisansätze und gelangt zu einer Arbeitsdefinition für eine „Psychotherapie mit emanzipatorischem Anspruch“, die auf den Konzepten Selbstaufklärung, Verständigung mit anderen, Befreiung von selbst- und fremdschädigenden Abhängigkeiten, Förderung individueller und kollektiver Handlungsfähigkeit und Einbezug relevanter gesellschaftlicher Bedingungen abhebt (S. 80).

Im folgenden Kapitel widmet sich Knebel den Begriffen von Leid, Störung und Krankheit (unter anderem mit Bezug auf Definitionen im DSM-5, von der WHO und in der Psychotherapie-Richtlinie sowie unter Rekurs auf A. Heinz, A. Franke und K. Holzkamp), um zu diskutieren, „ob eine kritische Psychotherapie einen Krankheits- oder Störungsbegriff braucht.“ (S. 81). Sie konstatiert abschließend im Einklang mit ihrer Arbeitsdefinition, dass das jeweils mit Leid, Störung oder Krankheit Gemeinte von einer kritischen Psychotherapie im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Prozessen zu verstehen sei (S. 97).

Im anschließenden Kapitel 4 beschäftigt sich die Autorin dann mit gesellschaftlichen Ursachen für die Verbreitung von Depressionen. Sie referiert zunächst – gestützt auf I. Abels – theoriegeschichtliche Betrachtungen von Depression und schaut anschließend auf die aktuellen sozialepidemiologischen Befunde zum Zusammenhang von Depression und arbeitsbezogenem Stress, bevor sie sich durch die einschlägigen soziologischen Thesen zur Verbreitung von Depressionen in der jüngeren Vergangenheit arbeitet. Dabei steht die Veränderung der Arbeitswelt als zentrale gesellschaftliche Struktur für die Erlangung von Teilhabe und Anerkennung sowie als Quelle psychischer und psychosomatischer Belastungen im Fokus. Knebel rekuriert hier unter anderen auf A. Hochschild, K. Dörre, F. Hardering, G. Wagner, R. Sennett und O. Nachtwey. Bilanzierend sieht Knebel zum einen Theorien, die Depression als Imbalance – v.a. als Schwäche gegenüber gesellschaftlichen Anforderungen – fassen, und zum anderen Theorien, die Depression als Konflikt, nämlich als Verlust, Entfremdung oder Überforderung durch Freiheit, begreifen. Theorien aus beiden Gruppen könnten darauf abzielen, neoliberale Strukturen der modernen Arbeitswelt als bedeutsame Bedingungen für das depressive Leiden zu identifizieren, was von der Autorin als im Prinzip gut belegt aufgenommen(vgl. S. 124). und später in der Diskussion des empirischen Materials wieder aufgegriffen wird.

Die Ausführungen zur gesellschaftlichen Funktion von Psychotherapie in Kapitel 5 greifen die herausgestellte Bedeutung der Arbeitswelt für die Erklärungen von Depressionen auf. Knebel geht auf die Problematik der Therapeutisierung lebensweltlicher bzw. sozialstruktureller Belastungen ein. Sie verweist dabei unter anderem auf wissenschaftliche Befunde aus der Beobachtung verhaltenstherapeutischer Praxis, die gezeigt hätten, wie arbeitsweltliche Belastungen, die von offenkundigem Gewicht für die psychische Verfassung der Betroffenen gewesen seien, von Therapeut:innen dethematisiert und personalisiert würden. Knebel ringt in diesen Passagen (insb. S. 136) um die Bestimmung der politischen Dimension von Psychotherapie als Praxis und gesellschaftliche Institution und sieht letztlich politisches und therapeutisches Handeln als verschiedenen Logiken gehorchende Handlungsorientierungen bzw. mit Ottomeyer als „zwei Egostates […], die miteinander befreundet sein können.“ (S. 468).

Nach einem längeren Exkurs in die Geschichte der Psychotherapie als solcher geht sie der Frage der spezifischen Charakteristik der Verhaltenstherapie nach, rekapituliert deren konzeptionelle Entwicklung (drei Wellen von Methoden), erläutert die erklärtermaßen eklektizistischen Theoriebezüge und geht ausführlich auf die Verkoppelung von Verhaltenstherapie und Gemeindepsychologie ein. Aus diesem Material extrahiert Knebel „vier emanzipatorische Dimensionen der VT in der BRD“ (S. 181), nämlich im Kern

  • die inhaltliche Berücksichtigung lebensweltlicher Bedingungen wie Arbeitslosigkeit oder Gewalt
  • lebenswelt- und handlungsorientierte Kontextanalyse als Methodik
  • theoretische Ausrichtung an Lernfähigkeit, Veränderbarkeit, Überprüfbarkeit
  • politsche Orientierung an verallgemeinerten Interessen, Kooperation mit relevanten politischen Akteuren wie sozialen Bewegungen und Gewerkschaften.

Als Fazit der in Kapitel 6 folgenden Zusammenstellung von verhaltenstherapeutischen Ansätzen zur Behandlung von Depressionen stellt die Autorin die Theorie des Verlusts der Verstärkerwirksamkeit von Costello und den integrativen Ansatz von Hoffmann und Hofmann als subjektwissenschaftlich gehaltvolle Konzepte heraus (S. 232), weil je nachdem die Sinnhaftigkeit der depressiven Reaktion, die Lebensbedingungen oder die Bedürfnisse der Patient:innen in Rechnung gestellt würden.

In Kapitel 7 erörtert Knebel die methodische Anlage ihrer Forschung, die maßgeblich an O. Dreiers Psychotherapieforschung orientiert ist, auf der Grounded Theory basiert und in der mit problemzentrierten Interviews und kommunikativen Validierungen operiert wurde. In den beiden folgenden Kapiteln werden materialreich die Ergebnisse vorgestellt. Die Autorin hat mit vier Verhaltenstherapeut:innen in Ausbildung und sechs von deren Patient:innen jeweils mehrere Interviews über die gesamten Therapieverläufe hinweg geführt oder führen lassen. Daraus wurden vier „Kasuistiken“ von Therapieverläufen – Darstellungen unter Bewahrung der Patient:innenperspektive – (Kap. 9) und drei themenbezogene und fallübergreifende Therapeutinnenperspektiven auf deren jeweilige Fallarbeit (Kap. 10) generiert.

Die allgemeine Fragestellung nach dem emanzipatorischen Potenzial der verhaltenstherapeutischen Arbeit wurde für die Auswertung durch die früher erstellte „Arbeitsdefinition kritische Psychotherapie“ konkretisiert. Als Ergebnis resümiert die Autorin dann, dass alle Therapien zur „dialogischen Selbstklärung“ der Betroffenen beigetragen hätten (S. 382). Gesellschaftliche Bedingungen seien vor allem als depressionsförderliche Arbeitsbedingungen und restriktive Verhaltensnormen durch oder während der therapeutischen Arbeit in den Blick geraten. Auf Therapeutinnenseite seien unter anderem eine Haltung kritischer Parteilichkeit, das Mitdenken gesellschaftlicher Bedingungen wider Psychologisierungen und das Motiv, personale Handlungsfähigkeit ohne Personalisierungen zu stärken, durchgehend auszumachen. Darüber hinaus ermöglichten es die Aussagen aller Befragten, die Arbeitsdefinition für kritische Psychotherapie zu schärfen und anzureichern, sodass Knebel als weiteres Ergebnis ihrer Arbeit „Theoretisch-empirisch fundierte Kriterien für eine emanzipatorisch intendierte Psychotherapie“ vorstellt (S. 462).

Diskussion

Knebels Arbeit beeindruckt zunächst durch ihren Umfang, der von beachtlichen Kenntnissen der für ihre Thematik und ihr Forschungsanliegen einschlägigen Diskurse, Forschungsergebnisse und nicht zuletzt historischen Hintergründe getragen ist. In dem weitaufgespannten inhaltlichen Rahmen wird die Bedeutung des Forschungsprojekts und die offenkundige Leidenschaft, mit der die Autorin ihr anspruchsvolles Unterfangen über sieben Jahre hinweg vorangetrieben und zu Ergebnissen geführt hat, eindrücklich nachvollziehbar. Das ebenfalls umfangreiche empirische Material (Perspektiven der Patient:innen und Therapeutinnen) bietet darüber hinaus spannende Einblicke in die realexistierende verhaltenstherapeutische Praxis und deren Wahrnehmung.

Die theoretische und empirische Materialfülle ist aber zugleich eine Erschwernis für den Zugang zu dem Anliegen der Autorin. Denn die von ihr aufgegriffenen theoretischen Begriffe und praktischen Konzepte werden nicht immer hinsichtlich ihrer Relevanz für die Forschungsfrage vorselektiert und gewichtet, sie werden auch nicht durchgehend systematisch aufeinander bezogen bzw. gegeneinander diskutiert und theoretisch ‚kohärent gearbeitet‘. Dies wäre angesichts des Umfangs der für ihre Fragestellung relevanten theoretischen Bezüge auch schlicht unmöglich. Der Text folgt also mehr dem Anspruch der Zeichnung eines umfassenden Bildes als etwa dem einer theoretischen Schärfung von einigen herauspräparierten theoretischen Linien. Das zeigt sich beispielsweise, wenn Knebel (S. 44) darauf hinweist, dass gemäß der Psychotherapie-Richtlinie für die Verhaltenstherapie „therapeutische Methoden aus der klassischen, instrumentellen und sozial-kognitiven Lernforschung“ tragend seien sollen und mit Bezug auf Holzkamp klarstellt, dass „deren wissenschaftlicher Gehalt fragwürdig ist“, diesem Umstand aber nicht systematisch nachgeht.

Möglicherweise ist Knebels insofern pragmatisches Vorgehen aber dem Gegenstand „Verhaltenstherapie“ (VT) bzw. „verhaltenstherapeutische Praxis“ adäquat. Denn deren eklektizistische Verfasstheit dürfte über theoretische Sezierungen mit anschließendem empirischen Zugriff nicht gut in den Griff zu kriegen sein. Insofern könnten die vergleichsweise allgemein gehaltenen Charakterisierungen verhaltenstherapeutischer Konzepte für die Behandlung von Depressionen (unter anderem Bedeutsamkeit für oder Nähe zu subjektwissenschaftliche/n Ansprüche/n) in Kapitel 6 heuristisch zielführender für die Identifikation von emanzipatorischem Potenzial oder zumindest für das spezifische Forschungsanliegen der Autorin sein, als es eine begrifflich-empirische Studie einzelner herauspräparierter theoretisch-konzeptioneller Aspekte von VT wäre.

In der zentralen Argumentationslinie der Arbeit artikuliert sich ebenfalls ein pragmatischer Umgang mit dem Gegenstand. Die „Arbeitsdefinition kritische Psychotherapie“ wird nicht von philosophisch-theoretischen Diskursen über Emanzipation und Subjekt hergeleitet oder aus einem solchen Diskurs übernommen, sondern die Autorin resümiert Aspekte einer solchen Definition aus vorgängigen Ansätzen, die Psychotherapie in subjektwissenschaftlich-emanzipatorischer Perspektive auszugestalten versuchten, und knüpft an diese an.

Im Ergebnis ihrer aufwändigen empirischen Forschungsarbeit kann die Autorin unter anderem erkennbar machen, inwieweit und in welcher Weise die von ihr als emanzipatorisch angesehenen therapeutischen Handlungsorientierungen in der verhaltenstherapeutischen Praxis Raum und Geltung erlangen können. Anders ausgedrückt: es wird deutlich, dass es für die Patient:innen einen Unterschied machen kann, ob ihre Therapeut:innen ein kritisches Bewusstsein für das Spannungsverhältnis oder die Widersprüchlichkeit der Bedeutsamkeit gesamtgesellschaftlicher Subjektivierungsprozesse (z.B. eben arbeitsweltlicher Bedingungen) auf der einen Seite und der Begrenztheit des therapeutischen Handlungsrahmens auf der anderen Seite entwickelt haben oder nicht.

Zum Verhältnis von emanzipatorischen Ansprüchen und psychologischer Praxis erinnert Knebel (S. 47) auch an ein Statement von Markard (2000, S. 15). Demzufolge ist es in der Perspektive der Kritischen Psychologie – zumindest in den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen – „eine endgültig nicht lösbare Aufgabe, eine den eigenen wissenschaftlichen und politischen Ansprüchen genügende – emanzipatorische – Praxis entwickeln zu wollen.“ Was das für ein verhaltenstherapeutische Arbeit bedeuten kann, hat Knebel in ihrer Dissertation eindrücklich beleuchtet. Spannend wird sein zu sehen, inwiefern sowohl auf verhaltenstherapeutischer Seite als auch bei Vertreter:innen der Kritischen Psychologie die darin enthaltenen Auffassungen zum Widerspruch herausfordern werden.

Fazit

Leonie Knebel geht es in ihrem Buch darum, politisch-emanzipatorische Potenziale von Psychotherapie zu identifizieren und dabei eine sinnvolle Grenzziehung von psychotherapeutischem und politischem Handeln zu beachten. Zu diesem Zweck beleuchtet die Autorin zunächst das theoretische und historische Verhältnis von Verhaltensstherapie, Kritischer Psychologie und Gemeindepsychologie. Diese Betrachtungen bilden den Rahmen für ihre „qualitative und partizipative Psychotherapieprozessstudie“ (S. XV) zur Identifikation „kritischer“ Potenziale in der verhaltenstherapeutischen Behandlung von Depressionen. Die Ergebnisse von 55 problemzentrierten Interviews mit vier Verhaltenstherapeutinnen und vier von deren Patient:innen werden ausführlich vorgestellt. Ein zentrales Resultat ihrer Arbeit sind „[t]heoretisch-empirisch fundierte Kriterien für eine emanzipatorisch intendierte Psychotherapie“ (S. 462).

Die Arbeit zeichnet sich durch einen enormen Informationsgehalt sowohl bei der Diskussion der theoretischen und historischen Bezüge als auch bei der Präsentation des empirischen Materials aus. Darüber hinaus hat die Autorin mit ihrem originellen methodischen Zugriff spannende Einblicke in die verhaltenstherapeutische Praxis eröffnet sowie interessante Ergebnisse für ihre Forschungsfrage zutage gefördert.

Die Zielstellung der Autorin, nämlich „das ursprünglich fruchtbare Verhältnis der Kritischen Psychologie zur verhaltenstherapeutischen Praxis wiederzubeleben“ (S. 79) dürfte darüber hinaus auch deshalb erreicht worden sein, weil die von ihr entwickelten Positionen zu eben diesem Verhältnis insbesondere bei Vertreter:innen der Kritischen Psychologie zum Widerspruch herausfordern werden.

Literatur

Holzkamp, K. (1985). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M.: Campus.

Markard, M. (2009). Einführung in die Kritische Psychologie. Hamburg: Argument.

Markard, M. (2000). Einleitung: Praxisausbildung im Hauptstudium oder die Frage nach den Umständen, unter denen man aus Erfahrung klug werden kann. In M. Markard (Hrsg.), Kritische Psychologie und studentische Praxisforschung. Wider Mainstream und Psycho- boom. Konzepte und Erfahrungen des Ausbildungsprojekts Subjektwissenschaftliche Berufspraxis an der FU Berlin (S. 9–27). Hamburg: Argument.


Rezension von
Prof. Dr. Boris Friele
Professor für Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Boris Friele. Rezension vom 22.10.2021 zu: Leonie Knebel: Psychotherapie, Depression und Emanzipation. Eine subjektwissenschaftliche Studie zur verhaltenstherapeutischen Praxis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-658-34644-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28771.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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