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Anne Münch: Häusliche Pflege am Limit

Cover Anne Münch: Häusliche Pflege am Limit. Zur Situation pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz. transcript (Bielefeld) 2021. 291 Seiten. ISBN 978-3-8376-5554-4. D: 39,00 EUR, A: 39,00 EUR, CH: 47,60 sFr.

Reihe: Care - Forschung und Praxis - Band 6.
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Thema und Autorin

Demenz zählt zu den zentralen Herausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaft des langen Lebens. Die meisten Menschen mit Demenz werden zu Hause von Angehörigen gepflegt, die eine große Verantwortung tragen und mit vielfältigen Belastungen zu kämpfen haben. Anne Münch lässt in ihrer empirisch geleiteten Studie die Angehörigen selbst zu Wort kommen und liefert einen differenzierten Einblick in ihre Lebenssituation. Mit Analysen zur Bedeutung von Raum, Zeit, Geschlecht und den dabei stetig neu auszuhandelnden Grenzen leistet sie einen wichtigen Beitrag dazu, den Pflegenden eine Stimme zu geben.

Anne Münch ist Autorin des Bandes, sie promovierte an der Ludwig-Maximilians- Universität München und veröffentlicht hiermit ihre Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in acht Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im ersten Kapitel „Der kurze Traum von der späten Freiheit – Einleitende Betrachtungen“ betont die Autorin, dass aufgrund der Herausforderungen im Umgang mit dem Familienmitglied die Angehörigen, die eine an Demenz erkrankte Person pflegen, als „stille Opfer von Demenz“ bezeichnet würden und sie stellt das Ziel ihrer Ausführungen und die Inhalte der einzelnen Kapitel kurz vor. Als forschungsleitende Frage formuliert sie, was es bedeute, im Ruhestand seinen Partner oder seine Partnerin mit Demenz zu pflegen.

Im zweiten Kapitel „Pflege und Demenz: Annäherung an die Situation“ thematisiert sie, dass Sorgearbeit als Oberbegriff für alle praktischen Relationen zwischen Menschen, die sich aus dem Werden und Vergehen ergeben, gelte. Den Begriff der Pflege verwende sie synonym, er umfasse die Gesamtheit der Sorgetätigkeiten. Danach beschreibt sie die Krankheit Demenz mit ihren Stadien und der Veränderungen, die der erkrankte Mensch erfährt. Danach stellt sie die Paradigmen der soziologischen Praxisforschung vor, nach der sie gearbeitet hat.

Kapitel drei ist überschrieben mit „Das methodische Vorgehen: Zur Untersuchung der Pflegesituation“. Als Basis für die Auswertung der 16 Interviews, die sie geführt hat verwendet sie eine abgewandelte Form der „Grounded Theorie“, indem sie zunächst die Pflegesituation nach Clarke kartografiert. Ihr gelang es dadurch, die Pflegesituation empirisch zu rekonstruieren.

Im nächsten Kapitel „Die Arenen und Akteur*innen der sozialen Welt der Demenzpflege“ arbeitet sie heraus, dass im öffentlichen Raum vernichtende Blicke der vermeintlich normalen Menschen ihren Partner treffen, der zittert und erste motorische Eigenheiten zeigt, sodass sie von nun an nicht mehr mit ihm in den Urlaub fahre. Blicke der Anderen würden das Handeln der Angehörigen in die Schranken weisen und deren Rückzug aus der Öffentlichkeit initiieren.

Es folgt Kapitel fünf „Die Grenze als heuristischer Rahmen für die Analyse“. Theoretische Explikationen über die Grenze verwendet sie als heuristischen Rahmen der Analyse und veranschaulicht dabei das Vorhandensein widerstreitender Interessen zwischen an der Pflegesituation beteiligten Akteure.

Im sechsten Kapitel setzt sich die Autorin mit dem Thema „Zeitliche Be- und Entgrenzungen der häuslichen Demenzpflege“ auseinander. Sie unterscheidet zwischen der Alltagszeit und der Lebenszeit, die von besonderem Interesse bei der Analyse der zeitlichen Gestaltung von Pflege im Ruhestand sei (S. 87). Die Alltagszeit umfasse die aktuell-spontane Handlungsorientierung, die einen eher zyklischen Charakter habe, Demgegenüber sei die Lebenszeit dafür verantwortlich, über den Lebenslauf hinweg Kontinuität und Kohärenz herzustellen, weshalb sie einen eher linearen Verlauf habe. Die Pflegenden sollten die eigenen Bedürfnisse nicht vollkommen vernachlässigen, sondern sie sollten Entspannungsphasen im Alltag einplanen. Die Dauer der Demenz stelle eine grenzförmige biografische Zäsur dar, die den lebenszeitlichen Ruhestandsplänen Grenzen aufzeige, sie stünden dann vor der Herausforderung, die zyklische Alltagszeit neu zu ordnen (S. 124).

Im folgenden Kapitel nimmt die Autorin Stellung zum Thema „Vergeschlechtlichte Be- und Entgrenzung der häuslichen Demenzpflege“. Geschlecht werde hier nicht als biologische Tatsache verstanden, sondern im Sinne des „Doing Gender“ als soziales Tun, das im Rahmen alltäglich-interaktiver Handlungspraxis zwischen den Gesellschaftsmitgliedern reproduziert werde. Pflege sei weiblich, obgleich der Anteil der Männer bereits ein Drittel der Pflegenden ausmache. Es folgen Ausführungen zu einigen relevanten Studien über die Vergeschlechtlichung und die Analyse der Fallvignetten. Während Frauen in der Pflege kaum auf Hilfe von außerhalb setzten, sei das bei Männern viel mehr der Fall.

Das letzte Kapitel ist mit dem Titel „Und daraus folgt? – Es geht eben immer am Limit lang“ überschrieben. Hier gibt die Autorin einen zusammenfassenden Überblick über die empirische Situation in der informellen Demenzpflege von Angehörigen. Mit Blick auf die Handlungspraxis der Pflegenden konnte die Grenze als entscheidende Schlüsselkategorie herausgearbeitet werden. Unabhängig vom Geschlecht fungiere das Pflegeheim als potentielle Weg aus der häuslichen Pflegesituation. Die Untersuchung sei die erste, die sich mikrosoziologisch und vermittelt über die Heuristik der Grenze der Situation älterer Menschen in der informellen Demenzpflege widme.

Diskussion

Es ist sowohl methodisch als auch theoretisch eine saubere Analyse, die dem Anspruch einer Dissertationsschrift voll und ganz entspricht. Besonders hervorzuheben sind die theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Thema und die vielen literarischen Bezüge von durchgeführten Studien, die als Hintergrundfolie genutzt werden. Das vorletzte Kapitel zur „Vergeschlechtlichen Be- und Entgrenzung der häuslichen Demenzpflege“ ist nicht ganz so stringent gefasst wie die anderen und hätte durchaus gekürzt werden können.

Fazit

Das ganze Buch lebt von den vielen Fallvignetten, die verdeutlichen, wo die Probleme der Angehörigen liegen, die in der Ruhestandszeit ihre Angehörigen pflegen, statt die erträumte späte Freiheit genießen zu können. Trotz der akademischen Sprache lässt es sich gut lesen und verstehen, sodass es von hoffentlich vielen gelesen wird, die mit an Demenz Erkrankten arbeiten.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 09.12.2021 zu: Anne Münch: Häusliche Pflege am Limit. Zur Situation pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5554-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28775.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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