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Sünje Lorenzen, Katja Specht: Produktives Altern

Rezensiert von Prof. Simone Gretler Heusser, 12.08.2022

Cover Sünje Lorenzen, Katja Specht: Produktives Altern ISBN 978-3-86321-609-2

Sünje Lorenzen, Katja Specht: Produktives Altern. Von der Kunst, wach, lebendig und aktiv zu bleiben. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2021. 158 Seiten. ISBN 978-3-86321-609-2. D: 28,95 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 36,60 sFr.
Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 127
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Thema

Thema dieses Buches ist, wie die eigenen Erinnerungen produktiv für das Altern „genutzt“ werden können, da sie einen individuellen, heterogenen Fundus bilden. Der Ansatz des Buches ist ressourcenorientiert in dem Sinn, dass man „mit dem arbeiten soll“, was da ist. Es fehlt nichts und was da ist, ist richtig, so die Prämisse.

Methodisch arbeitet das Buch mit sozialpsychologischen Modellen und dem Konzept der „Kunst des Lebens“. Individuelle Werte und die individuelle Ebene stehen im Fokus, die strukturelle Ebene wird nicht explizit angesprochen, ebenso wenig geht es (direkt) um Alterspolitik.

Autorinnen

Sünje Lorenzen, Wirtschaftspsychologin und Diplom-Volkswirtin, und Katja Specht, Diplompsychologin und Psychotherapeutin, haben das vorliegende Buch gemeinsam geschrieben.

Aufbau

Die Autorinnen erklären ihr methodisches Vorgehen und ihren theoretischen Hintergrund, um dann die verschiedenen Themen des Buches wie Beziehungserfahrungen im Alter, Tätigsein, körperliche Einschränkungen, Erinnern, betreutes und selbstständiges Wohnen und viele mehr anhand zahlreicher Gespräche zu Kernsätzen zu verdichten und zu reflektieren.

Inhalt

Der Diplom-Gerontologe Bernd Seeberger, welcher das Vorwort geschrieben hat, staunt über das selbstverständliche Rekurrieren der Autorinnen Sünje Lorenzen und Katja Specht auf Größen vergangener Zeiten, namentlich Erich Fromm und Ernst Bloch. Doch er sieht, in dieser unkonventionellen, aber reflektierten Herangehensweise liegt der Wert dieses Buches. Noch ungewöhnlicher als die theoretische Herangehensweise ist das methodische Vorgehen – weniger das qualitative Vorgehen und die hermeneutische Auswertung in „Kernsätzen“, sondern die Auswahl der Interviewpartner*innen: Sünje Lorenzen und Katja Specht haben Interviews mit Personen zwischen 70 und 97 Jahren geführt. In acht Gruppendiskussionen mit Teilnehmenden zwischen 68–95 wurde über das Leben und das Alter philosophiert. Bei drei Diskussionen waren zusätzlich zwölf Jugendliche anwesend. Zudem haben die Autorinnen zahlreiche Gespräche mit sozialen Betreuungspersonen von alten Menschen geführt.

Der Titel „produktives Altern“ könnte im Sinne von „wer nicht (mehr) leisten und produzieren kann, soll ausrangiert werden“ verstanden werden – doch nichts läge den Autorinnen Sünje Lorenzen und Katja Specht ferner. Produktivität wird hier im Sinne Erich Fromms als Kunst, als Tätigsein, als in-der-Welt-stehen verstanden, weit weg von Leistungsgesellschaft und gesellschaftlichen Zwängen. In Theorie und Praxis geht es Sünje Lorenzen und Katja Specht darum, den Wert von Intuition und Erinnern zu schätzen, der im guten Fall zu einer Verschmelzung von persönlicher Geschichte und aktuellem Erleben führt und ein Leben in Würde und Reflexion ermöglicht.

Sehr eindrücklich sind die konkreten Beispiele aus Lebensgeschichten alter Menschen, welche uns als Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Da ist der alte Mann, der in der Warteschlange vor der Supermarktkasse die Ungeduld der folgenden Personen und mangelnde Wertschätzung spürt. Da ist die alte Frau, die im Seniorenheim beginnt zu malen und Collagen zu machen.

Es geht um können, nicht mehr können, anders können, verstehen. Es geht um eine subjektive Perspektive, um Heterogenität. Es geht darum, die Bedeutung von Anregung zu verstehen, nicht als plumpe Aktivierung, sondern als Versorgung der Seele, der Psyche. Es geht um die Bedeutung des Gesprächs, darum, Zeit zu haben. Es geht um Produktivität als Gegenprogramm zu Verlust und Sterben, besonders auch in Form von Integration der Endlichkeit.

Diskussion

Das Buch „Produktives Altern“ von Sünje Lorenzen und Katja Specht ist eine spannende und interessante Lektüre. Das Buch ist leicht zu lesen, weil es so lebendig ist. Es öffnet viele Fenster auf unterschiedliche Lebensgeschichten, jede für sich wertvoll und anregend, voller Leben. Zudem setzen sich Sünje Lorenzen und Katja Specht mit Eleganz über das in der aktuellen Fachliteratur zum Alter(n) vorherrschende Schisma „wohnen zuhause“ versus „institutionelles Wohnen“ hinweg. Sünje Lorenzen und Katja Specht bringen Beispiele für betreutes Wohnen zuhause und geben Einblicke in das Leben in Alters- und Pflegeheimen, welche ganz und gar nicht dem weit verbreiteten Bild trister „Versorgungsanstalten“ entsprechen.

Vielleicht hätte das Buch noch gewonnen, hätten Sünje Lorenzen und Katja Specht die gesellschaftliche Perspektive noch stärker betont. Sie könnten ihre Erkenntnisse noch stärker für eine gute Alterspolitik zuspitzen. Alte werden eben gerade nicht mehr als produktiv wahrgenommen. Altersdiskriminierung und dieser Irrtum sind ein Problem der ganzen Gesellschaft, nicht der alten Menschen.

Fazit

Das Buch sollte sein Publikum bei Fachpersonen der Sozialen Arbeit und der Pflege finden. Menschen, welche sich mit der Betreuung von Alten, mit Philosophie, Sozialphilosophie und allgemein der Kunst des Lebens befassen, können aus diesem Buch viel lernen. Ebenso bietet das Buch wertvolle Anregungen und Hinweise für Politiker*innen, Leiter*innen und Planer*innen von betreutem Wohnen, Senioren- und Alterszentren etc.

Rezension von
Prof. Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
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Es gibt 45 Rezensionen von Simone Gretler Heusser.

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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 12.08.2022 zu: Sünje Lorenzen, Katja Specht: Produktives Altern. Von der Kunst, wach, lebendig und aktiv zu bleiben. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-86321-609-2. Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 127. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28776.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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