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Thomas Goll, Ingrid Schmidt (Hrsg.): Politische Bildung von Anfang an?

Rezensiert von Prof. i. R. Dr. Margitta Kunert, 05.05.2023

Cover Thomas Goll, Ingrid Schmidt (Hrsg.): Politische Bildung von Anfang an? ISBN 978-3-7815-2466-8

Thomas Goll, Ingrid Schmidt (Hrsg.): Politische Bildung von Anfang an? Kindertageseinrichtungen und Grundschulen als Orte politischer Bildung und demokratischen Lernens. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2021. 184 Seiten. ISBN 978-3-7815-2466-8.

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Thema

Es handelt sich um die Dokumentation der Vorträge und Workshop-Ergebnisse der Tagung Politische Bildung von Anfang an (Kindertagesstätten und Sachunterricht), die 2019 an der TU Dortmund stattfand. Die Tagung beleuchtete den Stand der demokratiebezogenen und politischen Bildung in Kitas und Grundschulen. Möglichkeiten der Kooperation zwischen Kita und Schule, insbesondere im Übergang, wurden ausgelotet. Zielgruppe des Bands sind Studierende und Lehrende der politischen Bildung und der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkten Frühe Bildung und Primarstufe sowie Leitungen von Kindertagesstätten und Lehrende des Unterrichtsfach Sachunterricht und Leitungen von Grundschulen.

AutorInnen

Univ.-Prof. Dr. Thomas Goll, Professor, Lehrstuhl für integrative Fachdidaktik Sachunterricht und Sozialwissenschaften an der TU Dortmund, Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Didaktik des Sachunterrichts, schulische und außerschulische politische Bildung

Ingrid Schmidt, Diplompädagogin und Grundschullehrerin. Fachleiterin für das Fach Sachunterricht am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Arnsberg: TU Dortmund/und abgeordnete Lehrkraft

Entstehungshintergrund

Einleitend verweisen die Herausgebenden auf die Veröffentlichung von Dagmar Richter (Hrsg.) 2007: Politische Bildung von Anfang an. Demokratie-Lernen in der Grundschule. Bundeszentrale für politische Bildung Bonn sowie die KMK-Empfehlung zur Demokratiebildung (2018), die offenbar Einfluss auf das Forschungsprojekt an der TU Dortmund mit ebenfalls gleichem Titel PBKSS= Politische Bildung von Anfang an (Kindertagesstätten und Sachunterricht) hatten, aus dem die vorliegende Publikation entstand. Das Projekt unternimmt den Versuch, Ansätze des Demokratielernens in Kindertagesstätten mit Ansätzen politischer Bildung im Rahmen des Sachunterrichts an der Grundschule zu verbinden und die Notwendigkeit der Kooperation beider Institutionen herauszustellen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht neben der Einführung durch die Herausgebenden aus 3 Kapiteln: Grundlagen und Befunde (Kap. 1), Praxisreflexionen (Kap. 2) und Workshopergebnisse (Kap. 3). Ein Verzeichnis der Autor*innen schließt sich an.

Kapitel 1 Grundlagen und Befunde

Thomas Goll identifiziert in seinem Beitrag Politisches Lernen und politische Sozialisation in Kita und Grundschule einen enormen normativen Überschuss im Feld der politischen bzw. demokratischen Bildung in der frühen Kindheit, so in den Bildungsplänen der Bundesländer, Erklärungen der KMK und in den Lehrplänen, die eine demokratische Einstellung als Erziehungsziel der Grundschule verbindlich festlegen. Eine empirische Fundierung dieser Ansätze fehlt hingegen. Die Ziele in Kitas werden als Demokratielernen identifiziert, das die kindgemäße Partizipation an vielen, die Kinder betreffenden Entscheidungen, sichern soll und im Sinne des Demokratie leben lernen praktiziert wird. In den Grundschulen soll im Rahmen des Sachunterrichts der Erwerb von Politikkompetenz verfolgt werden. Nach der 4. Klasse sollen die Schüler*innen über politische Urteilsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit und methodische Fähigkeiten verfügen, wie z.B. kurze Referate zu Themen der politischen Bildung entwerfen und vortragen.

Der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung 2020 verweist darauf, dass im Alltag der Einrichtungen durch Formen der Selbst- und Mitbestimmung Kinderrechte gesichert und durch Regelaneignung und -aushandlung gezielt Autonomie – und Selbstwirksamkeitserfahrungen gefördert werden sollen. Die Umsetzung dieses sozialpädagogischen Bildungsverständnisses wird im Hinblick auf Kitas aufgrund der geringen akademischen Ausbildung des Personals von Thomas Goll kritisch gesehen. Die anspruchsvollen Ziele der politischen Bildung im Sachunterricht der Grundschule werden dem gegenüber als politikwissenschaftlich und kognitionspsychologisch fundiert sowie politikdidaktisch strukturiert eingeordnet. Gleichzeitig scheinen die Bundesländer sowohl hinsichtlich der Ausbildung der Lehrkräfte als auch im tatsächlichen Unterricht in der Umsetzung weit von ihren Zielen entfernt. Voraussetzungen für eine besser gelingende politische Bildung im Vor- und Grundschulalter sind, so Goll, Professionalisierung, Fokussierung und Klarheit, die Schaffung von Bildungsorten der Demokratie, Verbindlichkeit und Qualitätssicherung sowie die Stärkung der Forschungsbasierung.

Der Beitrag Politisches Lernen und politische Sozialisation in der Kita. Oder: Geschichte und Wirkung des demokratischen Erziehungsstils von Rainer Dollase und Laura Bielefeld geht der Frage nach, ob oder wie Kinder ein politisches Verständnis entwickeln können und leuchtet das Spannungsverhältnis zwischen einer sich von selbst entwickelnden politischen Sozialisation und der politischen Bildung in Kita und Schule aus. Dazu wird die Entwicklungspsychologie befragt und der demokratische Erziehungsstil untersucht. Dieser weist große Ähnlichkeit zur Partizipation auf, die als Haltung und als konkrete Verhaltensweise definiert wird. Entscheidend sei eine Balance zwischen Freiheit und Anleitung. Das Programm Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita (MuM) wird als durch den demokratischen Erziehungsstil geprägt identifiziert. Dies wird durch Befragungen von am Programm Beteiligten belegt. Weitere Erziehungsstile werden kritisch durchleuchtet. Es werden eine Vielzahl von entwicklungspsychologischen Befunden zitiert, die belegen sollen, dass der demokratische und der autoritaristische Erziehungsstil am meisten geeignet sind, ein positives Sozialverhalten bei Kindern hervorzubringen. Auch wenn dezidiert keine Studie zum demokratischen Erziehungsstil an Schulen erwähnt wurde, wird am Schluss des Beitrags resümiert, dass demokratische und autoritaristische Erziehungsstile die Schulleistungseffekte und das demokratische Verhalten bei Kindern fördern. 

Der Beitrag Partizipation, inklusive Bildung und soziale Teilhabe in Kitas von Claudia Equit nimmt die Sicherung der Beteiligungsrechte von Kindern in heterogenen Kitagruppen unter die Lupe. Außerdem werden unterschiedliche Beteiligungskonzepte für die Gestaltung von Partizipation in Kitas vorgestellt. Es wird herausgestellt, dass zwei grundlegende widersprüchliche Logiken, Partizipation umzusetzen, existieren, ein kompetenzorientiertes sowie ein politisch orientiertes Verständnis. Die besondere Herausforderung besteht in der Heterogenität der Kindergruppen. Eine diversitätssensible Bildungsförderung müsse soziale Teilhabe und einen Abbau von Bildungsungleichheit verfolgen. Ein politisches Verständnis von Partizipation verfolgt die Schaffung einer institutionellen Umgebung, die allen Kindern im Sinne der Kinderrechte das Recht zusichert, zu partizipieren. Ein kompetenzorientiertes Verständnis soll die Fähigkeiten, Entscheidungen zu treffen und zu partizipieren bei den Kindern erst schaffen. Letzteres wird als tendenziell paternalistisches Konzept betrachtet, da Erwachsene bestimmen, welche Kompetenzen die Kinder erwerben sollen. In Befragungen wurde allerdings ein derartiges Verständnis von Partizipation, insbesondere im Hinblick auf Inklusion, bei Fachkräften festgestellt. Die Autorin plädiert für Modelle, wie die Assistenz für Kinder mit Behinderungen, armutssensibles Handeln, Sensibilisierung für kulturelle, insbesondere sprachliche Vielfalt.

Der Beitrag von Rainer Dollase und Laura Bielefeld: Evaluation von Programmen im Elementarbereich setzt sich zunächst mit der Definition von Evaluation auseinander und benennt Argumente, die auf die Komplexität anspruchsvoller Evaluation verweisen. Mit dem Verweis, dass die Curricula von Programmen im Elementarbereich von Pädagog*innen geschrieben werden, plädieren die AutorIn dafür, auch Formen des Qualitätsmanagements und der Qualitätssicherung in die Evaluation einzubeziehen. Schließlich verweisen sie auf Evaluationen, die hinsichtlich wissenschaftstheoretischer und methodischer Anforderungen in der Praxis kaum realisierbar sind. Schließlich sei alles Evaluation, was der verbesserten Kenntnis und Handhabung der Realität dienen würde. Anschließend werden Beispiele von Evaluationsprojekten im Elementar- und Primarbereich vorgestellt. Erörterungen zur ökologischen Validität von Ergebnissen und einige Fragen zur Evidenz und methodischen Klippen runden den Beitrag ab.

Ein Beitrag von Norbert Zmyj thematisiert unter dem Titel Demokratiepädagogik in der Kindertagesstätte – eminenz- oder evidenzbasiert die Frage der empirischen Absicherung von Schlussfolgerungen aus dem Programm Kinderstube der Demokratie. Dabei legt er Qualitätskriterien für psychologische Experimentalstudien zugrunde und unternimmt den Versuch einer Anwendung auf das Programm. Aus Sicht von Norbert Zmyj herrscht in der Kindertagesstätte a priori eine Gemeinwohlorientierung, aber keine Demokratie und kein Rechtsstaat, was er positiv bewertet. Der evidenzbasierten Pädagogik wird ein Ansatz der Reflexionstheorie gegenübergestellt und dafür plädiert, dass beide Ansätze in einen Wettstreit treten könnten. Der Autor vermutet, dass die reflexionstheoretische Pädagogik dabei respektable Ergebnisse erzielen könnte. Nur müsste man dafür deren Wirkung erst einmal messen. Gegenstand weiterer Erörterungen finden sich unter den Überschriften Moral und Empirie und Jenseits des Verfassungspatriotismus. Darin wird das Einsetzen für die Umsetzung der Kinderrechte als moralische Haltung etikettiert. Abschließend plädiert der Autor dafür zu fragen, ob Demokratiepädagogik überhaupt nötig sei. Es müsse sich erst noch zeigen, ob und in welcher Form Demokratiepädagogik überhaupt etwas bewirke.

Kapitel 2 Praxisreflexionen

Sigrid Meinhold-Henschel stellt im Beitrag Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita – Demokratiebildung im Elementarbereich, ausgehend von einer Verbindung der Programme zur Demokratiebildung mit den Intentionen der Menschenrechte und der UN- Kinderrechtskonvention, das Projekt jungbewegt- Für Engagement und Demokratie der Bertelsmann Stiftung vor, in dessen Rahmen das Konzept Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita entwickelt, erprobt und evaluiert wurde und in die Breite getragen wird. Hier wurde an dem Programm Kinderstube der Demokratie angeknüpft, das bereits seit 2001 existiert. Die Autorin verweist darauf, dass die Demokratiebildung als normativer Auftrag von Kitas auf der Basis des SGB VIII seit 2012 an die Betriebserlaubnis für Kitas gebunden ist. Nahezu alle Bundesländer haben Beteiligungsrechte von Kindern in die Kita-Gesetze aufgenommen. Alsdann werden konzeptionelle Grundlagen von MuM, die Qualifizierung von Kita-Teams als Implementierungsstrategie, die Skalierung durch Kooperation mit Trägern sowie Ergebnisse und Wirkungen aus Sicht der Projektbeteiligten dargestellt. Das Programm MuM konnte in 450 Kitas in Deutschland implementiert und damit 30.000 Kitaplätze erreicht werden.

Im Beitrag Politische Bildung in der Grundschule – Formate und Perspektiven für die Lehrerausbildung stellt Ingrid Schmidt Überlegungen zur Verbesserung der politischen Bildung an der Grundschule im Rahmen des kompetenzorientierten Sachunterrichts an. Sie verweist auf drei relevante Handlungsweisen, das Überwältigungsverbot, das politische Indoktrination verbietet, das Kontroversitätsgebot sowie die Schülerorientierung. Guter Sachunterrichte habe immer einen Lebensweltbezug. Zunächst wird die rechtliche Legitimation zur Unterrichtung von politischen Themen an der Grundschule in NRW beschrieben. Es folgen Fachdidaktische Überlegungen zum Fach Sachunterricht in der Grundschule sowie Erörterungen zur Politischen Bildung im Bereich der zweiten Phase der Lehrerausbildung in NRW. In den Folgerungen wird auf die Notwendigkeit des theoretischen Inputs in der Lehrerausbildung und deren Umsetzbarkeit verwiesen. Die Lehrkräfte bräuchten eine Sensibilisierung im Hinblick auf die veränderte Lebenswelt der Kinder und eine entsprechende Diagnostik. Der Beitrag schließt mit einer Stichwortsammlung aus dem Workshop der Tagung.

Im Beitrag von Thomas Goll: Sprachbrücken – Vorbild für „Demokratiebrücken“? wird der Versuch unternommen, das Projekt Sprachbrücken, das insbesondere eine enge Kooperation von Kita und Grundschule vorsieht, auf mögliche Projekte der Demokratiepädagogik bzw. der politischen Bildung zu übertragen. Gute Netzwerkarbeit, gegenseitige Wertschätzung, verbindliche Strukturen, gemeinsame konzeptionelle Bausteine und eine effektive Projektbegleitung werden als Gunstfaktoren herausgestellt. Hemmfaktoren werden vor allem in der Schwierigkeit der Etablierung eines gemeinsamen Bildungsbegriffs sowie fehlender Grundkenntnisse der Inhalte und Methoden gesehen. Daraus werden Folgerungen für ein Projekt Demokratiebrücken gezogen. Die gemeinsame Konzeption, der Kooperationswille und die Sicherung der Kooperationsvoraussetzungen werden als Voraussetzungen formuliert. In einem weiteren Abschnitt werden Umrisse des Projektes Demokratiebrücken skizziert.

Kapitel 3 Workshopergebnisse

Dörte Kanschik und Thomas Goll berichten im Beitrag Der Wortschatz der Workshops – eine Reflexion zum Sprachgebrauch in Kindertagesstäten und Sachunterricht von der Suche nach Gemeinsamkeiten bzw. Unterschieden im Verständnis von Demokratiebildung bzw. politischer Bildung. Dazu wurden während der Tagung die Begriffe Partizipation, Politik und das Politische sowie Demokratie identifiziert. Es folgen politikwissenschaftliche und erziehungswissenschaftliche, Sachunterrichtsdidaktische Verortungen und analytische Perspektiven auf Partizipation. In eigenen Abschnitten werden Politik und das Politische sowie Demokratie untersucht. Zuletzt werden Ergebnisse zusammengefasst und Anknüpfungsmöglichkeiten für die Kooperation formuliert. Anstatt nach einer Einigung über Definitionen zu suchen, sei es besser, unter einer analytischen Perspektive nach Instrumenten zu suchen, um die eigene Bildungsarbeit transparent zu beschreiben und im Feld der politischen Bildung zu verorten. Es wird weiter resümiert, dass die frühkindliche Bildung hinsichtlich der Partizipation weiter sei als die Schule und es Ansatzpunkte gäbe, voneinander zu lernen.

Diskussion

Die Herausgebenden und Autor*innen dieses Bandes setzen sich- mit Ausnahme der Projektleiterin des Projektes der Bertelsmann Stiftung: jungbewegt… aus einer universitären Perspektive mit der politischen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen theoretisch auseinander. Während im ersten gleichnamigen Band von Dagmar Richter (Hrsg.) 2007 konkrete Beispiele politischer Bildung an Grundschulen breiten Raum einnahmen, finden sich in diesem Band bedauerlicherweise kein einziger, obwohl die Kooperation von Kita und Grundschule im Fokus steht. Stattdessen widmen sich allein unter den Grundlagen und Befunden von fünf Beiträgen vier ausschließlich der politischen Bildung in der Kita. Dabei nehmen Begriffsklärungen, die sich zwischen der in Kitas favorisierten Demokratiebildung und dem an den Schulen verwendete Begriff der politischen Bildung im Mittelpunkt. Unterschwellig findet eine Hierarchisierung der politischen Bildung an Schulen gegenüber den Ansätzen zum Demokratie lernen in Kitas statt. Verwiesen wird auf die geringere Akademisierung des Fachpersonals in Kitas und fehlende messbare Evaluationen. Obwohl mehrfach die Diskrepanz zwischen hohen theoretischen Ansprüchen zur politischen Bildung an Schulen und der geringen Umsetzung betont wird.

Es verwundert, dass mit dem Beitrag von Norbert Zmyj ein ausgewiesener Zweifler an der Notwendigkeit demokratischen Lernens in der Kita hier vertreten ist. Angesichts der Hinweise auf gesetzliche Vorgaben zur Partizipation von Kindern im SGB VIII und der Verpflichtung zu Konzepten der Beteiligung von Kindern als Voraussetzung für die Betriebserlaubnis von Kitas und nicht zuletzt der Existenz der UN-Kinderrechtskonvention sind prinzipielle Zweifel am Demokratielernen in der Kita hier – was die Intentionen des Projektes auf Kooperationen angeht, kontraproduktiv.

Im Kapitel 2 Praxisreflexionen fehlt ebenfalls eine Reflexion der politischen Bildung an der Grundschule. Stattdessen findet sich ein Beitrag zur Lehrerausbildung, der verdeutlich, wie gering Anteile der politischen Bildung an Grundschulen bislang im Studium vertreten sind. Auch das hier aus dem Workshop eingefügte Brainstorming von Teilnehmenden zur politischen Bildung in der Grundschule zeigt ein äußerst heterogenes Bild hinsichtlich des Diskussionsstandes und des Niveaus. Es entsteht der Eindruck, dass die Grundschulen aber ebenso die Ausbildungsstätten für Lehrkräfte hinsichtlich der politischen Bildung kaum ein eigenes ernst zu nehmendes Verständnis entwickelt haben.

Wie politische Bildung von Anfang an geht und dass diese in Kindertageseinrichtungen bereits seit mehr als 20 Jahren in Deutschland theoretisch fundiert und unter Anwendung von Qualitätsstandards umgesetzt und evaluiert wurde und wird, zeigt der herausragende Beitrag von Sigrid Meinhold-Henschel über das Projekt MuM. Dieser äußerst fundierte Beitrag, der politische-pädagogische Rahmungen, die Einordnung in die Kinder- und Jugendhilfe leistet sowie Grundlagen und Befunde zur Demokratiebildung in Kitas enthält und überzeugend darlegt, dass die dort durchgeführten Evaluationen respektable Ergebnisse hervorgebracht haben, wird völlig zu Unrecht unter dem Kapitel Praxisreflexionengeführt. Dieser Beitrag hätte einen eigenständigen Platz im Buch verdient.

Der einzige Betrag in Kapitel 3 „Der Wortschatz der Workshops“ enthält nicht, wie die Überschrift verspricht, eine Reflexion zum Sprachgebrauch in Kindertagesstätten und Sachunterricht, sondern liefert eine theoretische Ausarbeitung zu den verwendeten Begriffen. Hier wäre ein tatsächlicher Tagungsbericht hinsichtlich der Themen der Workshops und der Ergebnisse erhellender gewesen ebenso wie Angaben zur Zusammensetzung der Teilnehmenden.

Positiv können die Beiträge von Thomas Goll zum politischen Lernen zur politischen Sozialisation in Kitas und Grundschule sowie der Versuch anhand des Projektes Sprachbrücken ein Modell für Demokratiebrücken zwischen Kita und Grundschule gesehen werden. Hier finden sich wertvolle Hinweise für künftige Kooperationen. Zur Frage, warum die Kooperationen zwischen den Bildungsorten Kita und Grundschule so schwierig umsetzbar zu sein scheinen, geben die Herausgebenden und Autor*innen des Bandes implizit ein Stimmungsbild ab: Die Beiträge zeigen überwiegend eine große Ferne gegenüber den Zielgruppen und den Akteur*innen in der Praxis der Bildungsorte. Die Situation von Lehrkräften an Grundschulen angesichts immer größerer Herausforderungen hinsichtlich der Heterogenität der Schüler*innen und wachsender Problemlagen wird kaum thematisiert. Schule als Ort der Einübung in die Leistungsgesellschaft steht nicht zur Diskussion. Die Unterschiede in den Bildungszielen von Kita und Grundschule als struktureller Hemmschuh für Kooperationen wird nicht näher untersucht.

Indem Erzieher*innen als die Hauptakteur*innen real existierender Demokratiebildung in Deutschland nicht einmal als Zielgruppe des Bands in Betracht genommen wurden, wird hier eine Kultur des von oben herab praktiziert. Sie werden als Nicht-Akademikerinnen gesehen und damit gleichzeitig deren Praxis dequalifiziert und dies, obwohl die Ausbildung von Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen beide mit der Stufe 6 des Deutschen Qualifikationsrahmens DQR verortet werden.

Fazit

Die durch den Pisa-Schock ausgelöste Aufwertung der Frühen Bildung sowie die Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention hat in diesem Bereich einen Innovationsschub ausgelöst, der in den Grundschulen offenbar keine Entsprechung gefunden hat. Hier offenbart sich ein Gesamtproblem des Buchs. Die schulische politische Bildung ist in Theorie und Praxis weit von den Ansätzen zum Demokratielernen in Kitas entfernt. Solange Leistung und nicht die Kinder im Mittelpunkt stehen, muss die Schule sich fragen, welche Art der politischen Bildung mit welcher Zielsetzung sie denn betreiben will. Die Kooperation zwischen den Bildungsorten sollte auch in den Haltungen der Forschenden und Lehrenden gegenüber unterschiedlichen Bildungsorten und deren Akteur*innen beginnen. Ohne gegenseitige Wertschätzung, gegenseitige Lernbereitschaft und Kommunikation auf Augenhöhe kann die Kooperation kaum gelingen.

Rezension von
Prof. i. R. Dr. Margitta Kunert
Erziehungswissenschaftlerin, Frankfurt University of Applied Sciences Fachbereich 4 Soziale Arbeit, Frankfurt am Main
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Es gibt 7 Rezensionen von Margitta Kunert.

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Zitiervorschlag
Margitta Kunert. Rezension vom 05.05.2023 zu: Thomas Goll, Ingrid Schmidt (Hrsg.): Politische Bildung von Anfang an? Kindertageseinrichtungen und Grundschulen als Orte politischer Bildung und demokratischen Lernens. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2021. ISBN 978-3-7815-2466-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28785.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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