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Silke Remiorz: Sozialisation und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 25.05.2022

Cover Silke Remiorz: Sozialisation und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ISBN 978-3-339-12508-8

Silke Remiorz: Sozialisation und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in Familie und stationären Heimeinrichtungen. Eine empirische Studie zu Geschlecht und geschlechtersensibler Pädagogik. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2021. 334 Seiten. ISBN 978-3-339-12508-8. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR.
Reihe: Gender Studies - 35
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Heim oder Daheim?

Die gewählte, provokante und eigentlich wenig treffende Überschrift suggeriert ein – Missverständnis! Denn sie enthält mehrere Infragestellungen: Da ist zum einen die Behauptung, dass Heimunterbringung und -erziehung per se schon problematischer, schlechter und ablehnenswerter sei als familiale Erziehung; zum anderen, dass man sich „daheim“ nur in der Familie fühlen könne…

Im sozialwissenschaftlichen Diskurs um Fragen nach der Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit des so genannten „natürlichen“ Aufwachsens in familiären Zusammenhängen, und die eher als „Sonderwege“ und „abseitige“ Praktiken bezeichneten Sozialisationsformen in der außerfamilialen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in den verschiedenen Sozialeinrichtungen, werden unterschiedliche, positive und negativ e Analysen präsentiert. Da wird „Heimerziehung als Chance“ dargestellt (Benjamin Strahl, Heimerziehung als Chance? Erfolgreiche Schulverläufe im Kontext von stationären Erziehungshilfen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25177.php); da werden Chancen zur Identitätsentwicklung aufgezeigt (Renate Hofer, u.a., Hrsg., Verwirklichungschance SOS-Kinderdorf. Handlungsbefähigung und Wege in die Selbstständigkeit, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22314.php); und es geht um die Darstellung von Missständen (Anke Dreier-Hornig, u.a., Hrsg., Zwangsarbeit – Über die Rolle der Arbeit in der DDR-Heimerziehung, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24172.php; sowie: Ralf Marten, „Ich nenne es Kindergefängnis“. Spezialheime in Sachsen-Anhalt und der Einfluss der Staatssicherheit in der Jugendhilfe der DDR, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20068.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Das Für und Wider zur Sozialisation und den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in der Familie und/oder in stationären Heimeinrichtungen in der Kinder- und Jugendhilfe wird im gesellschaftlichen Dialog kongruent und kontrovers thematisiert, und im Sozialgesetzbuch (SGB) rechtlich geregelt. Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen ist keine Lappalie oder zu vernachlässigende Situation. Die offizielle Statistik weist aus, dass in Deutschland 148.142 Kinder und Jugendliche in Heimen aufwachsen (2017). Fragen nach den Ursachen von Heimunterbringung, den Zielen und Arbeitsweisen der Heime und den Befindlichkeiten von Heimbewohner*innen werden in der sozialwissenschaftlichen Forschung thematisiert.

Die Sozialwissenschaftlerin Silke Remiorz von der Fachhochschule Dortmund hat in einer wissenschaftlichen Studie Kinderund Jugendliche zu ihren Erfahrungen in ihren Herkunftsfamilien und zu ihren aktuellen Lebenssituationen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe befragt. Sie informiert über das Forschungsprojekt in der Dissertation „Sozialisation und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in Familie und stationären Heimeinrichtungen“. Die bemerkenswerten Ergebnisse vermitteln eine Reihe von Fragen, Antworten und Lücken für die theoretische und praktische Soziale Arbeit. Pi mal Daumen lassen sich erst einmal drei Feststellungen treffen, die keinesfalls als sensationell oder neu anmuten: „Die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen in der stationären Heimeinrichtung unterscheiden sich … von denen in den Herkunftsfamilien“ – Es zeigen sich keine eindeutigen Unterschiede beim „subjektiven Erleben der Kinder und Jugendlichen im Bereich einer geschlechtsspezifischen Sozialisation in ihren Familien und in den Heimeinrichtungen“ – Sozialpädagogische Fachkräfte weisen keine signifikant professionellere geschlechterspezifische Sensibilisierung aus als in familialen Zusammenhängen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin befragte mit einem leitfadengestützten, halbstandardisierten qualitativen Interviewfragebogen 26 ausgewählte, ca. 14-jährige Jugendliche (12 weibliche/14 männliche). Die Fragen umfassten die (Selbst-)Wahrnehmung, das Geschlechterbewusstsein, die Einstellungen und Erfahrungen mit der institutionalisierten Kinder- und Jugendhilfe, und individuelle Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen. Alle Interviewten gaben an und waren sich bewusst, dass ihre Heimunterbringung einerseits auf Unzulänglichkeiten, Problemen und Konflikten in ihren Herkunftsfamilien zurückzuführen seien, andererseits durch eigene Schuld veranlasst wurde: Alle Befragten berichteten von kindeswohlgefährdenden Erlebnissen. Die Schwerpunkt-Forschungsfragen fokussieren die familialen Vorerfahrungen mit dem aktuell Erlebten in den stationären Heimeinrichtungen: „Welche Rolle spielt die Kategorie Geschlecht innerhalb der (inner- und außerfamiliären) Sozialisation?“ – „Findet eine geschlechtersensible Begleitung … durch die Fachkräfte… statt?“ – „Welche Vorstellungen haben die befragten Kinder und Jugendlichen sowohl im Allgemeinen als auch in der stationären Heimerziehung von Geschlecht und Diversität?“.

Ausgehend von der (ausgewählten) Thesenbildung, das erlebte Vorerfahrungen innerhalb der Herkunftsfamilie prägend sind, dass vertrauensvolle Beziehungen zu den (Heim-)Bezugspersonen familienähnliche Gefühle und Einstellungen bewirken können, dass das Heimleben positive Einstellungen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt ermöglicht, setzt sich die Autorin mit den vielfältigen, interdisziplinären Aspekten des Themenkomplexes auseinander, diskutiert die vorliegenden Forschungsansätze und -ergebnisse und stellt fest: „Im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, insbesondere innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe, wurde … eine eigenständige und reflektierte Auseinandersetzung mit der Geschlechterkategorie seit jeher vernachlässigt“ (S. 24). Der hier angestoßene Forschungsverlauf differenziert sich in mehrere Aspekte und Unterkategorien: Familiale Vorerfahrungen und ihre Bezüge und Auswirkungen im Heimleben – Bedeutung und Wirkung von Bezugspersonen – Selbst- und Fremdwahrnehmung – Geschlechtliche Zuschreibungen und Wahrnehmungen – Geschlechtsspezifische Sozialisation in der Heimerziehung – Geschlechtsspezifische Sozialisation in der Familienerziehung.

Die Studie schließt Handlungsempfehlungen für die Praxis der Sozialen Arbeit in der stationären Heimerziehung ein. Es sind Anregungen für die Aus- und Fortbildung, und für den kommunikativen, dialogischen Prozess zwischen den betreuenden Personen und den Schutzbefohlenen: „Eine höhere Sensibilisierung … bei allen beteiligten Personen in der Kinder- und Jugendhilfe kann dazu führen, dass Geschlecht, Sexualität, sexuelle Identität und Orientierung im Praxisalltag berücksichtigt werden“.

Diskussion

Die Studie greift ein Thema auf, das in der pädagogischen, sozialen, professionellen Arbeit bisher eher vernachlässigt wurde. Immer dann, wenn sich im gesellschaftlichen Miteinander und im Bildungs- und Aufklärungsbewusstsein neue Herausforderungen ergeben, sind Kooperation und Dialog gefordert. Sie stellen sich dar als didaktische und methodische Anforderungen, z.B. durch Coaching (Bernd Birgmeier, Sozialpädagogisches Coaching, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​28409.php) und durch „Runde Tische“ ( Barbara Giel, Moderierte Runde Tische in der pädagogischen und therapeutischen Arbeit,2021, www.socialnet.de/rezensionen/​28853.php).

Fazit

Die Forschungsarbeit von Silke Remiorz plädiert für Offenheit, Vertrauen und Zutrauen in der stationären Heimerziehung. Eine Voraussetzung wäre dabei, „Normalität zu schaffen und Kinder und Jugendliche innerhalb der Heimerziehung und darüber hinaus nicht auf ihre sexuelle Orientierung oder Identität zu reduzieren“, sondern: Freie Entfaltung der eigenen sexuellen Orientierung ermöglichen – Gegen Diskriminierung vorgehen – Grenzziehungen und Anonymität zulassen – Kommunikation und Dialog initiieren – Geschlechtergerechte Sprache fördern – Geschlechterstereotype und Vorurteile abbauen – Sexuelle Aufklärung betreiben – Offene Willkommenskulturen entwickeln!

Das umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis bietet Theoretikern und Praktikern der Sozialen Arbeit vielfältige Möglichkeiten zur Weiterarbeit an der wichtigen, pädagogischen Thematik an. Die tabellarisch zusammengestellten, für die Forschungsarbeit benutzten Kategoriensysteme – das deduktive und induktive Kategoriensystem – können auch in der universitären Ausbildung von sozialpädagogischen Kräften eingesetzt werden.

Der Buchpreis dürfte weniger motivieren, die Studie im eigenen Bücherregal einzuordnen; vielmehr wird empfohlen, das Buch in den Fachbibliotheken bereit zu halten.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.05.2022 zu: Silke Remiorz: Sozialisation und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in Familie und stationären Heimeinrichtungen. Eine empirische Studie zu Geschlecht und geschlechtersensibler Pädagogik. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2021. ISBN 978-3-339-12508-8. Reihe: Gender Studies - 35. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28786.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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