socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Senf, Michael Broda u.a. (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie

Cover Wolfgang Senf, Michael Broda, Dunja Voos, Martin Neher (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2020. 6., überarbeitete Auflage. 852 Seiten. ISBN 978-3-13-242079-3. D: 149,99 EUR, A: 154,20 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

‚Praxis der Psychotherapie‘ war bei seinem Erscheinen 1996 das erste große Lehrbuch der Psychotherapie im deutschsprachigen Raum, das nicht nur verschiedene Therapieverfahren beschrieb, sondern auch versuchte, diese mit dem Ziel eines Mehrwerts miteinander in Beziehung zu setzen. Zunächst waren das die psychoanalytisch begründeten Verfahren und die Verhaltenstherapie, die einander gegenübergestellt wurden; die systemische Perspektive gewann zunehmend den Wert einer eigenständigen Perspektive.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Erstherausgeber sind Wolfgang Senf (*1947), emeritierter Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Duisburg-Essen und Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen 1990–2011, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker und Michael Broda (*1952), Dr. phil., Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) in eigener Praxis in Dahn. Seit dieser Auflage sind hinzugekommen: Dr. med. Dunja Voos (*1971), Arbeitsmedizinerin, Autorin, Bloggerin und Psychoanalytikerin, niedergelassen in Puhlheim-Sinnersdorf und Dr. phil. Martin Neher (*1958), Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) in eigener Praxis in Lörrach; wie Broda ist auch Neher Fachgutachter der KBV, Dozent und Supervisor an einschlägigen Instituten.

Unter den mehr als 100 AutorInnen sind sowohl Prominente der psychodynamischen Richtung wie Michael Geyer, Wolfgang Mertens, Harald Freyberger, Anna Buchheim, Svenja Taubner oder Inge Seiffge-Krenke als auch der kognitiven Orientierung wie Christoph Flückiger, Andreas Maercker, Jörg M. Fegert, Frank Jacobi oder Peter Fiedler vertreten. Systemiker wie Jochen Schweitzer ergänzen das Spektrum; VertreterInnen humanistisch-existenzieller Richtung sind zumindest nicht explizit erwähnt.

Entstehungshintergrund

Als das Lehrbuch 1996 erstmals erschien, positionierte sich das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin erstmals als wissenschaftliche Organisation, die um eine Integration der bisher gespaltenen psychotherapeutischen Orientierungen bemüht war. Im Jahr 2000 erschien dann auch die Zeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ (PiD), die von den Herausgebern als Geschwister des Buchs charakterisiert wird. Ziel ist nicht nur die Überwindung des Schulenstreits, sondern auch eine Überprüfung der Möglichkeiten, in Wissenschaft und klinischer Praxis mehr voneinander zu lernen und aus diesen Einsichten einen Mehrwert für die Qualität der Patientenversorgung zu ziehen.

Aufbau

Zehn Hauptteile verteilen sich auf 864 Seiten; daneben wird mittels QR-Code ein kostenfreier Zugriff auf weitere Inhalte per Online-Plattform eRef geboten:

  1. Was ist Psychotherapie,
  2. Psychologische Grundlagen,
  3. Biopsychologische Grundlagen,
  4. Theoriemodelle,
  5. Allgemeine Psychotherapie,
  6. Spezifische Psychotherapie,
  7. Spezieller medizinischer Bereich,
  8. Besondere Problemstellung,
  9. Rahmenbedingungen und
  10. Anhang.

In 51 Kapiteln werden alle denkbaren Aspekte von Psychotherapie abgehandelt

Inhalt

Ein Werk dieses Umfangs kann natürlich nicht allumfassend besprochen werden; ich wähle die Perspektive des Sozialwissenschaftlers/​Sozialtherapeuten.

Einige Beiträge ragen aus dem insgesamt solidem Niveau der Texte heraus.

So öffnet der Beitrag von Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker an der Uni Freiburg die Augen für die komplexen ethischen Probleme in der Psychotherapie: Maio sieht Psychotherapie vor allem als Kunst des Verstehens und reklamiert eine hermeneutische Ethik für diesen Bereich. Gestützt auf die Philosophie Hans Georg Gadamers beschreibt er Grundelemente einer Ethik des Verstehens, die für mich unerwartet auch auf die Einhaltung einer Distanz gründet, da aus der teilnehmenden Identifizierung mit dem Subjekt des Patienten die Sicht des Therapeuten das Verstehen er hindert. Verstehen wird so auch zur Anerkennung der Andersartigkeit des Anderen.

Die psychologischen Grundlagen orientieren vor allem über den Wissensstand der akademischen Psychologie, der auch im Feld der eher kognitiv orientierten TherapeutInnen weniger bekannt sein dürfte als allgemein angenommen.

Stephanie Spenglers und Prof. Christine Heims (beide Charité) Beitrag zu frühkindlichem Stress und Neurobiologie können manches psychotherapeutische Scheitern erklären, verweisen aber auch neue Perspektiven.

Prof. Martin Grunwald und Stephanie Müller vom Paul Flechsig Institut der Uni Leipzig eröffnen überraschende Einblicke in das Feld der Körperschema und Körperbild.

Die Beiträge zur Entwicklungspsychologie aus analytischer Perspektive von Prof. Inge Seiffke-Kenke, Uni Mainz und aus VT-Perspektive von Dr. rer. nat. Kurt Quaschner, Uniklinikum Gießen, zur Bindungstheorie von Prof. Anna Buchheim(Uni Innsbruck) und Dr. med. Philine Senf-Beckenbach (Charité), zum Mentalisieren von Prof. Svenja Taubner (Uni Heidelberg) und zu Persönlichkeitstheorien von Prof. Peter Fiedler aus Heidelberg beschreiben den gegenwärtigen Wissenstand.

Die Notwendigkeit soziale und gesellschaftliche Fragen ernsthaft in psychosomatische Fragestellungen einzubeziehen wird von Dr. Anna Aydin, Dr. Sebastian Stegmann und Professor Jan Häusser begründet. In intraindividuelle-, interpersonelle- und Gruppenprozesse gegliedert, beschreiben sie empirisch fassbare Prozesse. Bei den intraindividellen Themen sind das etwa Attribution, kognitiver Dissonanz und Selbstregulation.

Die unter III. dargestellten neurobiologischen Voraussetzungen der Psychotherapie führen in den relativ neuen Bereich der affektiven Neurowissenschaft ein. Hier wird am ehesten sichtbar, dass die Psychotherapie zu Recht auch der Medizin verbunden bleibt, wenn auch Ärzte im Feld immer rarer werden.

Prof. Franz Caspar(Uni Bern), Prof. Kathrin Koch (TU München, Klinikum rechts der Isar) Prof. Frank Schneider (Uniklinikum Düsseldorf) und Dr. rer. nat. Gerd Wagner (Uniklinikum Jena) referieren knapp sowohl den gegenwärtigen Wissensstand als auch die Forschungsmethodik und Implikationen der neurobiologischen Befunde. Eine der spannendsten Fragen ist die nach neurobiologischen Veränderungen durch Psychotherapie, für die noch keine wirklich belastbaren Befunde vorliegen, die aber wahrscheinlich sind. Selbst die unmittelbare prozessbegleitende Information der Therapeutin mit neurobiologischen Befunden wird für möglich gehalten.

Das sich anschließende Kapitel über Emotionsregulation von Prof. Claas-Hinrich Lammers (Asklepios Ochsenzoll) und Prof. Matthias Berking (FAU Erlangen Nürnberg) verweist implizit auf einen relativ neuen Trend in der klinischen Psychotherapie: Bereits bei Kindern wird immer mehr versucht, affektive Zielsyndrome medikamentös zu behandeln; immerhin gibt es aber auch Befunde zu erfolgreichen Veränderungen der Emotionsregulierung in Folge psychotherapeutischer Prozesse. Welche unterschiedlichen fehlenden emotionsregulatorischen Kompetenzen zur Entwicklung psychischer Störungen beitragen, wird genauso dargestellt wie umgekehrt der zentrale Beitrag von Dysregulationen für bestimmte Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Borderline-Störungen, Essstörungen, Substanzmissbrauch oder Traumafolgestörungen.

Im IV. Teil

beschreibt Prof. Wolfgang Mertens (MLU) die Grundlagen psychoanalytisch fundierter Therapien aus der Sicht eines pluralistischen Verständnisses. Er vertritt eine pluralistische Auffassung zur Psychoanalyse und betrachtet alle bedeutungsvollen Entwicklungen der jüngsten Zeit.

Prof. Jürgen Hoyer (Uni Dresden), Dr. Sylvia Helbig-Lang (Uni Hamburg) und Prof. em. Hans Reinecker (CIP Ambulanz Bamberg) verantworten das 37-seitige Kapitel über kognitive Verhaltenstherapie als „auf der empirischen Psychologie basierende psychotherapeutische Grundorientierung“. Das umfasst

  • fertigkeiten- und verstärkungsbasierte Strategien (mit Selbstbeobachtung, Training sozialer Kompetenz und Selbstbehauptung, Training in Problemlösungskompetenzen, Verhaltensaktivierung, Verhaltensverträge, Habit-Reversal-Training)
  • expositionsbasierte Strategien (Expositionstherapie, Reaktionsverhinderung)
  • kognitionsbasierte Strategien (Rational-emotive Verhaltenstherapie, kognitive Therapie nach Beck, Selbstinstruktionstraining)

Die Autoren merken an, dieser Katalog sei jederzeit erweiterbar, etwa durch Methoden der dritten Welle, wie achtsamkeitsbezogene Verfahren, Schematherapie etc. Diese Expansion der Verhaltenstherapie hat dazu geführt, das VT in der Gegenwart immer mehr das Feld dominiert, sich jedoch weiterhin um anthropologische, sinnorientierte und psychodynamische Fragestellungen drückt (den geisteswissenschaftlichen und verstehenden Methoden der Psychologie wird eben nach wie vor die empirische Basis abgesprochen). Was die empirische Basis für die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie letztlich ausmacht, sind statistische Belege der Wirksamkeit, deren Limitierung von den AutorInnen selbst eingeräumt wird: So zeigt sich „dass selbst bei Angststörungen, die als sehr gut behandelbar gelten, nur etwa die Hälfte der behandelten Patienten praktisch bedeutsam profitieren“ (S. 261).

Die systemische Therapie wird von Prof. Jochen Schweitzer-Rothers und PD Christina Hunger-Schoppe (beide Uni Heidelberg) vorgestellt: Für die die systemische Perspektiven gibt es die Voraussetzung, dass das Verhalten von Elementen nicht aus ihrem endogenen So-Sein erklärt würde sondern auch ihrer Beziehung zu anderen Elementen. Daraus ergibt sich die Bedeutung der Zirkularität, die Kausalitäten verwirft, die Bedeutung von Kommunikation (Inhalts- und Beziehungsaspekt), von Regeln der Kommunikation, sowie von System-Umwelt-Grenzen. – Eine Kybernetik erster (Theorien der 50- Mitte der 70 Jahre)und zweiter Ordnung (Theoriebildung nach 1980) werden postuliert. Mit dieser Entwicklung wird der radikale Konstruktivismus endgültig als erkenntnistheoretische Matrix installiert. Der Abschnitt ist mit 10 Seiten knapp gehalten; er beschreibt methodologische Grundsätze als konkrete Verfahrensweisen, gibt aber dennoch einen guten Einblick in die systemische Schule.

Die Kapitel 16–22 behandeln Aspekte der Methodenintegration in der Psychotherapie und stellen so das eigentliche Zentrum des Werks dar:

„Psychotherapieintegration aus störungsspezifischer und transdiagnostischer Perspektive – evidenzbasierte Praxis am Beispiel der generalisierten Angststörung“ lautet der sperrige Titel, mit dem Prof. Christoph Flückiger eine vielleicht am ehesten mit Klaus Grawes Integrationsbemühungen vergleichbare Praxis darstellt, die sich auf die Ergebnisse der Psychotherapieprozessforschung stützt sowie psychologische Empirie außerhalb der tradierten Therapieschulen.

„Zentral ist die Annahme, dass PatientInnen eine Psychotherapie nicht grundsätzlich wegen einer spezifischen psychischen Störung aufsuchen, sondern weil sie ihre Bewältigungsstrategien nicht mehr zielführend wahrnehmen. Der Therapieanlass ist somit nicht primär die Symptombelastung, die oft über Jahre dauert, sondern die Demoralisierung bezüglich der eigenen Handlungsfähigkeit.“

Insgesamt ähnelt das Verfahren jedoch grundsätzlich eher einem modernen verhaltenstherapeutischem Vorgehen, da alle operationalisierbaren und darum auch zu Evidenzbasierung geeigneten Konzepte dem methodologischem Verständnis der empirischen Psychologie nahestehen, während unbewusste Konflikte, Einstellungen und Sinnkonstruktionen viel weniger der Operationalisierung zugänglich sind als gut beobachtbare Phänomene. Selbst in OPD-Kriterien lassen sich diese Dimensionen nicht ohne Verlust abbilden.

Auf den umfangreichen Teil der störungsspezifischen Behandlungsansätze (VI. Spezifische Psychotherapie) kann hier aus Platzgründen nur am Rande eingegangen werden. Der mehr als 250 Seiten umfassende Komplex gliedert die Behandlungsansätze nach Diagnosegruppen orientiert am ICD-10. Dabei kommen relevante psychodynamische und kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze in der Regel gleichberechtigt zur Sprache, systemische oder humanistische Ansätze allerdings nur ausnahmsweise. Die Kapitel sind überwiegend von renommierten Praktikern geschrieben, dennoch sind sie von unterschiedlicher Qualität.

Einen umfassenden Einblick vermittelt das Kapitel 25: Psychotherapie der Persönlichkeitsstörungen. Dr. phil. Johannes Ehrenthal von der Uniklinik Heidelberg und PD Ueli Kramer von der Uniklinik Lausanne untersuchen den Bereich der manualisierten psychodynamischen Borderlinetherapien mit großer Sachkunde und ohne Voreingenommenheit. Aber auch der Abschnitt bezüglich der innovativen Ansätze der VT (die größtenteils zur sog. 3. Welle gehören) ist außerordentlich informativ und sachkundig und die Studienlage angemessen berücksichtigend, wobei ein paar Worte zu den methodischen Limitierungen der Studien mir gut gefallen hatte. Auch wenn die DBT von Marsha Linnehan die höchste Evidenz in RCT-Studien erreicht, hält die Begeisterung in der Versorgungslandschaft sich in Grenzen. Besonders herausheben möchte ich auch den angesichts der neuesten Entwicklungen besonders relevanten Abschnitt zu Sexualität von Christoph J. Ahler und Gerhard Schaefer aus Berlin: In mehreren Unterkapiteln differenzieren sie relevante Themen wie Störung der sexuellen Funktionen, Störung der sexuellen Orientierung, Störung der sexuellen Identität, Störung der Sexualpräferenz, Störungen der Geschlechtsidentität. Nebenbei werden Phänomene behandelt wie das sprunghafte Anwachsen sexueller (eigentlich geschlechtlicher) Transidentitäten bei biologisch weiblichen Adoleszenten.

Die kürzeren Abschnitte VII (spezieller medizinischer Bereich, widmet sich den ärztlich-, medizinischen Aufgaben in der Psychosomatischen Medizin), VIII Besondere Problemstellungen (Kinder und Jugendliche, Ältere; interkulturelle Fragen; Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung, Psychotherapie und Pharmakotherapie, Arbeitswelt und seelische Gesundheit, Sozialmedizin und Begutachtung sowie e-Mental-Health) und IX (Versorgungsstruktur, praktische Hinweise für den Alltag, Aus- und Weiterbildung, Antragstellung sowie rechtliche Grundlagen) sind eher knapp gehalten und können nur als Texte zur ersten Orientierung verstanden werden.

Der X. Teil umfasst das Literatur und Sachverzeichnis.

Diskussion

Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch auch als eine hervorragende Einführung in den klinischen Bereich der Psychotherapie gelesen werden kann. Mit der sogenannten Reform der psychotherapeutischen Ausbildung durch die Novellierung des Psychotherapeutengesetzes ist diese Perspektive für Sozialwissenschaftler*innen, insbesondere für Sozialpädagog*innen ziemlich marginal geworden. Die berufliche Praxis der Psychotherapie (bisher für Kinder und Jugendliche sowie für den Bereich der Abhängigkeitskranken möglich) ist nun den AbsolventInnen eines besonderen Psychotherapiestudiums reserviert, das analog des Medizinstudiums nach 5 Jahren mit der Approbation endet.

Die Sozialisationstheorien als der eigentliche Beitrag der Sozialwissenschaften zu Medizin und Psychotherapie beschränken sich in diesem Werk auf ein 6-seitiges Kapitel „Was ist Sozialpsychologie und warum ist sie hilfreich für die Psychotherapie?“und auf die übliche knappe Erwähnung des Themas Salutogenese im Unterkapitel 9.2. Persönlichkeit und Salutogenese im Beitrag von Prof. em. Peter Fiedler unter anderem im Kontext „Verhaltenskontrolle“. Ob das im Sinne Aron Antonowskys wäre, sei dahingestellt. Jedenfalls kann man nur feststellen, das die oft postulierte Bio/Psycho/​Soziale Betrachtung von Gesundheit und Krankheit sich im wesentlichen auf Bio- psychologische Perspektiven beschränkt.

Dass ‚Sozialpsychologie, sozialer und gesellschaftlicher Kontext‘ überschriebene Kapitel von Anna Aydin, Sebastian Stegmann und Jan Häusser begrenzt sich auf einige methodische Probleme und lässt alle Kontroversen ungenannt – nicht einmal die bildungs- und schichtabhängige Zugänglichkeit der Psychotherapie werden analysiert. Der massive ökonomische und staatsdirigistische Zugriff auf die Psychotherapie bleibt völlig unerwähnt. Die sozialen Folgen der jüngsten „Reformbestrebungen“ des Gesundheitsministeriums konnten beim Redaktionsschluss im August 2019 noch nicht bekannt sein.

Allenfalls kommt sozialwissenschaftliches Wissen noch im Feld der Epidemiologie durch Frank und Tanja Jacobi zum Einsatz.

Vor allem das wichtige Gebiet der Affektsozialisation wird nicht einmal erwähnt, wie auch etwa Alfred Lorenzer nicht einmal im Literaturverzeichnis auftaucht. Damit ist aber auch schon die wesentliche Schwäche dieses Buchs benannt. Und fairerweise muss dazu gesagt werden: Diese Schwäche teilt das Werk mit vielen anderen aus dem Bereich Psychosomatik und Psychotherapie.

Mit 44 Seiten ist Wolfgang Mertens Psychoanalyse-Kapitel eines der längsten in diesem Buch und zweifellos eines der Gehaltvollsten. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, Mertens hätte den Inhalt seines dreiteiligen Bandes „Einführung in die psychoanalytische Therapie“ auf diesen 44 Seiten untergebracht. Der Text weist auf nahezu alle psychodynamischen Konzepte und Unterströmungen hin. Für psychotherapeutisch Erfahrene stellt dieser Text eine hervorragende Übersicht über die zeitgenössischen Konzepte der Psychoanalyse dar. Vielleicht ist es von vornherein aussichtslos, Konzepte der empirischen Psychologie mit ontologischen und (tiefen-)hermeneutischen Ideen integrieren zu wollen, selbst wenn die OPD-Diagnostik (dargestellt im Kapitel 19) dazu Optionen öffnet. Jedenfalls finden sich auch die evidenzbasierten psychodynamischen Konstrukte nicht wirklich in den Modellen der integrativen Psychotherapie, wie sie von den HerausgeberInnen und HauptautorInnen dieses Handbuchs dargestellt werden. Richtig scheint mir, dass fast alle praktisch ausgeübten Psychotherapien einem eklektischen persönlichen Integrationsversuch entsprechen. So integrieren nach meiner Beobachtung VT-TherapeutInnen gern humanistische Verfahren (in diesem Text nicht separat dargestellt); psychodynamische Therapeuten haben oft eine Affinität zu körperbezogenen, imaginativen oder künstlerischen Therapieverfahren. So entspricht die gelebte Praxis oft nicht der postulierten. Diese Praxis wird jedoch nicht untersucht, weil sie nicht in Therapiemanualen dargestellt wird. Die Idee, dass jede Psychotherapie letztlich individuell ist und sich kaum mit der Therapie eines anderen (therapeutischen) Paars vergleichen lässt, wird weder in den heute üblichen RCT-Studien überprüfbar sein noch mit den hoch elaborierten Psychotherapieprozessstudien wie sie etwa Orlinskys und Howards (1953) „Generic Model of Psychotherapy“ zum Ausdruck kommen können. In einer Übersicht beschrieben als: Trennungsmodell; die verglichenen Therapieformen sind grundsätzlich unvereinbar. Übersetzungsmodell; Begriffe und Sprache eines Systems werden in die des anderen oder eines dritten Systems übersetzt. Koplementaritätsdodell; jede Therapie bezieht sich auf verschiedene Probleme desselben Patienten. Das Emergenzmodell besagt: Die Kombination zweier Techniken entwickelt neue Eigenschaften, die aus der Kenntnis der Komponenten nicht vorhersagbar waren. Die Theoretische Integration versucht ganze Theorien zu integrieren (S. 303).

Diesen integrativen Modellen liegt ein empirisches Verständnis allgemeiner Wirkprinzipien zu Grunde, die Lambert (1992), gegründet auf Ergebnisse der empirischen Psychotherapieforschung, wie folgt definierte:

  • a patientenbezogene/außertherapeutische Faktoren,
  • b) Beziehungsfaktoren,
  • c) Placebo-, Hoffnungs- und Erwartungsfaktoren,
  • d) spezifische Interventionen

Grawe benennt zuletzt (1998) drei Faktoren a) Bewältigungserfahrungen (Handlungskompetenzen) des/der PatientIn, b) Klärungserfahrungen (neu gewonnene Erkenntnisse und Einsichten), c) Ressourcenaktivierung (bestehende oder brach liegende Fähigkeiten, Fertigkeiten und motivationale Bereitschaften). Warmpold, Imel & Flückiger benennen a) Erleben echter Beziehungen im therapeutischen Setting und die Förderung positiver sozialer Erfahrungen, b) Schaffung von positiven Erwartungen bezüglich der angestrebten Veränderungen und der Behandlung, c) Erleben von gesundheitsfördernden Maßnahmen während der Therapie, die auf die therapeutischen Ziele und Aufgaben bezogen sind.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Psychotherapieforschung schlugen sich diese Prinzipien durchaus auch auf psychodynamische Behandlungsmodelle durch. Besonders MBT (Batemann und Fonagy) aber auch TFP (Clarkin/​Kernberg) findet sich in komplett manualisierter Form, mit Behandlungsvertrag, teilweise standardisierte diagnostischen Instrumenten Instrumente. Überwachung der Manualtreue während der Ausbildung. Das Vergehen der TherapeutInnen ist völlig transparent und folgt speziell formulierten Wegen (Kernberg spricht von Strategien und Taktiken).Während Kernbergs Konzept noch weitgehend dem psychoanalytischen Mainstream folgt, ist Fonagys Mentalisierungsbasierte Therapie im Grunde ebenso nah an die allgemeine psychotherapeutische (integrative) Praxis angelehnt wie an die psychodynamische Praxis.

Während diese Konzepte sich als evidenzbasiert verstehen und somit im Lichte der empirischen Psychologie alles richtig gemacht haben, verflüchtigt sich immer mehr die lebensweltliche Authentizität. 

Im Text des Handbuchs schlägt sich das besonders nieder in der Darstellung des von Erich H. Erikson entwickelten epigenetischen Prinzips (S 308): Hier werden für jede Lebensphase (Altersstufe) auf unterschiedlichen Dimensionen typische Entwicklungsaufgaben beschrieben (Impulse, Angstniveau, psychosozialer Modus, Gefühle und Konflikte, Abwehrfunktionen, Struktur). Dieses Konzept scheint mir für alle Therapieschule brauchbar zu sein. Es erlaubt aber eben keine Operationalisierung, weil es sich vielfach um lebensweltliche Konstrukte handelt.

Was dieses Buch besonders auszeichnet sind seine Bemühungen zur Integration im Sinne einer integrierten Psychotherapie. Alle diese Integrationsversuche erinnern mich an Bestrebungen, eine Weltsprache zu erfinden, mit dem hehren Impetus der Überwindung von Babel für den einzelnen und die Weltgemeinschaft; gleichzeitig nivellieren sie therapeutische Kulturen, die sich eben nicht ohne Verlust auflösen lassen. Damit ähneln sie Subkulturen einer Gesellschaft die sich durch einen eigenen Sprach- und Zeichenduktus auszeichnet, der wiederum nicht ohne Verlust in die jeweilige Hochkultur übersetzt werden kann. Gleichwohl sind diese Subkulturen aber enthnomethodischen Verstehens-Versuchen gegenüber offen und können als interkultureller Dialog durchaus zu verschiedenen Identitäten zusammengefasst werden. Eine derartige Perspektivenvielfalt hat sich seit den 90er Jahren etwa in der Psychoanalyse etabliert, wo die Idee einer Einheitswissenschaft fallengelassen wurde. Integration als eine Art interkultureller Dialog ist nur mit sozialwissenschaftlichen Kategorien vermittelbar. Und das untermauert m.E. die Bedeutung der Sozialwissenschaften und ausdrücklich der Ethnologie für die Psychotherapie.

Dennoch ist denkbar, dass in den nächsten Jahren, im Zuge der Ausbildungsreform infolge des novellierten Psychotherapeutengesetzes, eine solche integrierende Psychotherapiewissenschaft entstehen könnte und damit die heutigen Therapieschulen auf die Stufe häretischer Gemeinschaften zurückfallen könnten. Nicht zu verwechseln sind die Integrationsbemühungen Senfs und Brodas mit Thure von Uexkülls „Integrierter Medizin“, die die Aufsplitterung von klinischer Medizin und Psychosomatik verhindern wollte und bestrebt war, die Psychosomatik in alle klinischen Fächer der Medizin zu integrieren.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch geht im Umfang und in der Komplexität der Betrachtung über andere einschlägige Werke hinaus. Es kann angehenden PsychotherapeutInnen jeglicher Provenienz als Lektüre empfohlen werden. In seiner psychodynamischen Orientierung gibt das Werk einen sehr guten Überblick über die aktuellen Diskussionen und die schulenübergreifenden Auseinandersetzungen. Deutlich wird auch, dass Schulenintegration einen eigenen Weg beschreitet, der zwar näher an der VT liegt, aber keineswegs mit ihr identisch ist.

Literatur

Bateman, Anthony W. Und Perter Fonagy (2008): Psychotherapie der Borderlinestörung, Gießen: PsychoSozial

Ckarkin, John F., Frank E. Yeomans, Otto F. Kernberg (2008): Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeit, Stuttgart: Schattauer

Erikson, E.H. (1973): Identität und Lebenszyklus, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Grawe, Klaus, Ruth Donati, Friederike Bernauer (1994): Psychotherapie im Wandel – von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe

Grawe Klaus (2004): Neuropsychotherapie, Göttingen: Hogrefe

Lambert, Michael J. (1992). „Psychotherapy outcome research: implications for integrative and eclectic therapists“. In Norcross John C., Goldfried, Marvin R (eds.). Handbook of psychotherapy integration (1st ed.). New York: Basic Books

Lambert, Michael J.(Ed., 2013), Bergin & Garfields Handbook of Psychotherapy and Behavior Change, 6. ed., New York: Wiley

Lorenzer, Alfred (1970): Sprachzerstörung und Rekonstruktion, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Lorenzer, Alfred (1973): Über den Gegenstand der Psychoanalyse oder: Sprache und Interaktion, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Rudolf, Gerd (2006): Strukturbezogene Psychotherapie, Stuttgart: Schattauer

Uexküll, Thure mit Wolfgang Wesiack (1988): Theorie der Humanmedizin. Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns. München: Urban und Schwarzenberg

Warmpold, Bruce E., Zac I. Imel und Chistoph Flückinger (2018): Was Psychotherapie wirksam macht. Die Psychotherapiedebatte, Göttingen: Hogrefe


Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialtherapeut, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker. Langjährige psychotherapeutische Arbeit an der Schnittstelle von Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe, Supervision im klinischen und im Jugendhilfebereich. Niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung psychodynamisch orientierter Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (SIMKI,BAP), Psychotherapiegutachter der KV.
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Ulrich Kießling anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 15.11.2021 zu: Wolfgang Senf, Michael Broda, Dunja Voos, Martin Neher (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2020. 6., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-13-242079-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28805.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht