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Karl Hepfer: Verschwörungs­theorien

Cover Karl Hepfer: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. transcript (Bielefeld) 2021. 222 Seiten. ISBN 978-3-8376-5931-3. D: 25,00 EUR, A: 25,00 EUR, CH: 31,60 sFr.

Reihe: Edition Moderne Postmoderne.
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Thema

In dem Buch wird dargestellt, wie Verschwörungstheorien funktionieren und was sie von wissenschaftlichen Theorien unterscheidet. Mit zahlreichen Beispielen zeigt der Autor, dass das Verschwörungsdenken in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein reicht. Das Internet und der Vertrauensverlust in die Arbeit von Regierungen haben das Verschwörungsdenken enorm gefördert.

Autor

Karl Hepfer ist Privatdozent an der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Erkenntnistheorie, Ethik und Geschichte der Philosophie.

Inhalt

Nach den Vorworten und einer Einleitung folgen drei Teile mit mehreren kurz gefassten Kapiteln, Anhänge und ein Literaturverzeichnis. Am Ende jedes Kapitels wird von einer Gegebenheit berichtet, die erfunden wurde oder verschwörungstheoretisch interpretiert wird. 

In der Einleitung macht der Autor klar, dass es Sinn macht, sich aus philosophischer Sicht mit Verschwörungstheorien zu befassen. Sie sind weit verbreitet, und sie sind wie wissenschaftliche Theorien mitunter durchaus schlüssig. 

Erster Teil

Im Kapitel 1.1 wird erläutert, dass sich Verschwörungstheorien mit einfachen Erklärungen begnügen und dass sie sich vor allem in Zeiten des Umbruchs verbreiten, wenn nämlich die bisherigen Deutungsmuster nicht mehr ausreichen. Ein Kernsatz ist: „Der Rückzug auf einfache Welterklärungen, wie Verschwörungstheorien sie anbieten, ist daher eine naheliegende Strategie der Gegenwehr gegen eine zunehmend unübersichtliche und unverbindliche Realität“ (S. 24).

Im Kapitel 1.2 werden wissenschaftliche Theorien und Verschwörungstheorien einander gegenüber gestellt. Für beide gilt, dass es vereinfachte Modelle der Wirklichkeit sind, mit denen Phänomene erklärt werden. Sie versprechen ein besseres Verständnis von der Welt. Typisch für Verschwörungstheorien ist die Annahme einer Verschwörung, an der mehrere Personen beteiligt sind, die ihre Aktivitäten geheim halten und die auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Im Kapitel 1.3 wird die asymmetrische Beweisführung beschrieben: Empirische Belege, um eine Theorie zu verifizieren oder zu falsifizieren, werden als Argumente in Verschwörungstheorien nicht gewürdigt.

Das Kapitel 1.4 beginnt mit der Feststellung, dass Verschwörungstheorien Ereignisse auf nur eine einzige Ursache zurückführen und sodann die Welt in gut und böse einteilen. Zugleich stellt Hepfer dar, dass die Wirklichkeit durch eine aktive Eigenleistung des Gehirns erzeugt wird, d.h. die Wirklichkeit ist zu großen Teilen eine Funktion unseres Erkenntnisvermögens. Das Ergebnis ist auch hier ein vereinfachtes Modell der Welt.

Im Kapitel 1.5 wird die Frage aufgeworfen: Was gibt es? Es geht es um Existenzbehauptungen, die Kontroversen auslösen. Vieles lässt sich nicht direkt überprüfen; meistens stützen wir uns auf Informationen aus zweiter oder dritter Hand.

Im Kapitel 1.6 wird der Blick auf den philosophischen Skeptizismus gerichtet. Danach ist die Wirklichkeit das, was wir für wahr halten. Doch jeder Standpunkt, den wir einnehmen, ist ein Standpunkt innerhalb unseres Horizonts. Verschwörungstheorien lassen durchaus Zweifel an unseren Gewissheiten aufkommen. „Es bleibt tatsächlich immer ein Restzweifel, ob eine verschwörungstheoretische Interpretation nicht doch zutrifft“ (S. 61).

In Kapitel 1.7 werden zwei Ansätze vorgestellt, auf deren Grundlage die Wahrheit von Behauptungen beurteilt wird. Zum einen ist es die Korrespondenztheorie: die Aussagen müssen mit den Gegebenheiten der Erfahrungswelt übereinstimmen, zum anderen die Kohärenztheorie: die Aussagen müssen widerspruchsfrei sein und mit anderen Behauptungen übereinstimmen.

Im Kapitel 1.8 wird die Frage untersucht, wie von der Korrespondenztheorie ausgehend die Wahrheit einer Meinung begründet wird. Die beiden Möglichkeiten sind das deduktive und das induktive Vorgehen. Etwaige Zweifel werden beim induktiven Vorgehen durch eine möglichst große Zahl an Beobachtungen beseitigt.

Kapitel 1.9 setzt den Gedankengang fort, dass Verschwörungstheorien oft mit einer umfangreichen induktiven Absicherung aufwarten. Es sind keine Glaubenssätze, die sich auf Übernatürliches beziehen. Beliebt unter Verschwörungstheoretikern ist der Analogieschluss von vergangenen auf zukünftige Handlungen.

Im Kapitel 1.10 geht es um Dogmen, die weder wie der Analogieschluss einer kohärentistischen Verweisstruktur noch eines selektiven Erfahrungsbezugs bedürfen. Dogmen sind Begründungen, die sich auf einen Grundsatz beziehen, der von keiner Erfahrung widerlegt werden kann. Beispiele sind die Mathematik, die indessen nicht den Anspruch hat, Wahrheiten über die Erfahrungswelt zu verkünden, die Religion, die auf Jenseitiges verweist, und die Wirtschaftswissenschaften, deren Dogma die Kraft des Marktes ist. Typisch für Verschwörungstheorien ist ihr Umgang mit nicht passenden Beobachtungen, sie werden einfach nicht beachtet.

Im Kapitel 1.11 wird an den selektiven Erfahrungsbezug von Verschwörungstheorien angeknüpft. Charakteristisch für die verschwörungstheoretische Beweisführung ist die Selektion von Daten, eine Verschleierung der Quellen, die Untergrabung der Glaubwürdigkeit des Gegners und die Herstellung von vermeintlichen Zusammenhängen.

Das Kapitel 1.12 ist überschrieben mit „Theoretische Sparsamkeit“. Diesem löblichen Prinzip sollte jedoch nicht bedingungslos gefolgt werden, denn gerade Verschwörungstheorien vereinfachen über die Maßen. Es gilt vielmehr: „Misstraue jeder Idee, die alles aus einem einzigen Prinzip erklärt“ (S. 94).

Im Kapitel 1.13 folgt ein kurzes Zwischenfazit in Form von vier Punkten: Verschwörungstheorien geben Antworten; die Normen der wissenschaftlichen Argumentation werden scheinbar erfüllt; die Welt wird in Gut und Böse eingeteilt; man verzichtet auf empirische Beweise. 

Zweiter Teil

Im Kapitel 2.1 geht es um Nutzen und Motive. Die meisten Verschwörungen werden aufgedeckt, wenn es viele Mitwisser gibt und der Zeitraum lang ist. Zum Nutzen ist zu rechnen, dass Menschen gern den Erklärungen Glauben schenken, die in ihr Weltbild passen. Motive sind nach Machiavelli Rache, das Streben nach Freiheit und die Gier nach Macht.

Themen im Kapitel 2.2 sind Allmacht und Unfehlbarkeit. Verschwörungstheorien bieten Sinnstiftung an, die angesichts der Erkenntnis, dass es unzählige Versionen von Wirklichkeit gibt und das Leben keinen tieferen Sinn hat, höchst willkommen ist.

Im Kapitel 2.3 ist von einem Masterplan die Rede. Die Vernunft ist ein instrumentelles Vermögen, sie befähigt den Menschen, Zusammenhänge zwischen den Zielen und den bestmöglichen Mitteln herzustellen, um sodann ohne Ausprobieren die Ziele zu erreichen.

Ein aktuelles Thema ist die Virtualisierung, auf die im Kapitel 2.4 eingegangen wird. Die weltumspannende Kommunikation, für die nichts weiter als ein Internetzugang erforderlich ist, stärkt den Glauben an Verschwörungstheorien. Die unüberschaubare Vielfalt an Informationen und Meinungen im Internet erleichtert es, sich das Passende für den eigenen Mix auszusuchen. Das Gefühl der Überforderung in Anbetracht einer überwältigenden Informationsmenge weckt den Wunsch nach verbindlichen Vorgaben.

In Kapitel 2.5 stellt Hepfer eine Verbindung zwischen Verschwörungstheorien und Mythen her. Hervorgehoben werden die Schöpfungsmythen, die zum Ausdruck bringen, wie die Vergangenheit die Gegenwart formt. Diese Sichtweise liefert Orientierung. Speziell in den Großstadtmythen geht es wie in den Verschwörungstheorien darum, Gefühle der Bedrohung und Ohnmacht erträglicher zu machen, indem sie erklärt werden.

Wahn und politische Legitimation sind Themen von Kapitel 2.6. Gemeint ist die wahnhafte übertriebene Zuspitzung der Schlechtigkeit des Gegners, was Maßnahmen rechtfertigt, die andernfalls keine Zustimmung finden würden.

In Kapitel 2.7 wird der Blick auf den psychischen Abwehrmechanismus der Projektion gerichtet, der die Verschwörer in ein bestimmtes Licht rückt.

In Kapitel 2.8 geht der Autor der Frage nach, was Verschwörungstheorien ihre Überzeugungskraft verschafft. Sie überzeugen dadurch, dass sie in kleinen Schritten vorgehen. Zunächst werden Zweifel an der offiziellen Version gesät, dann werden alternative Erklärungen präsentiert.

Mit den Werkzeugen von gestern, die in den frühen Zeiten der Menschheit einmal passend waren, befasst sich Kapitel 2.9. Der Überfluss an Informationen und ihre leichte Zugänglichkeit haben unser Leben komplexer gemacht. Einfache Erklärungen werden attraktiv, weil sie kaum eine mentale Anstrengung erfordern.

Das Fazit in Kapitel 2.10 liefert einige grundlegende Aussagen: Man kann Verschwörungstheorien nicht pauschal zurückweisen, weil es durchaus reale Verschwörungen gibt; man kann aus der verschwörungstheoretischen Argumentation lernen; die Popularität von Verschwörungstheorien weist auf Krisensituationen hin; die Verschwörer werden als böse Akteure dargestellt; Verschwörungstheorien sind sinnstiftend, sie kommen unserer Vorliebe für einfache Erklärungen entgegen. 

Dritter Teil

Im dritten Teil nimmt der Autor in vier knappen Kapiteln auf die Corona Pandemie Bezug, die dem Verschwörungsdenken einen großen Schub beschert hat. Hier gibt es durchaus Profiteure, darunter den Online Handel. Es gibt vielerlei Erklärungen und es gibt Proteste. Die Kritik am offiziellen Umgang mit der Pandemie ist nicht aus der Luft gegriffen, insbesondere was die Einschränkungen und die Eingriffe in die Bürgerrechte, sowie den fortgesetzten Schlingerkurs der Regierung betrifft. Abschließend plädiert Hepfer für mehr Eigenverantwortung.

Diskussion

Das Bemühen, wissenschaftlich fundierte Theorien von Verschwörungstheorien zu unterscheiden, ist der rote Faden, der sich durch alle Kapitel hindurch zieht. Der Autor kommt letztlich zu dem Schluss, dass man Verschwörungstheorien nicht pauschal abweisen kann, weil sie durchaus ein Körnchen Wahrheit enthalten können. Damit tut sich eine Grauzone auf, die von dem im zweiten Anhang vorgestellten „Verschwörungs-Barometer“, das von „frei erfunden“ über sehr unwahrscheinlich und wahrscheinlich bis hin zu „aufgedeckt“ reicht. 

Die Überschneidungen sind unverkennbar. Auch wissenschaftliche Theorien sind immer Vereinfachungen. Sie beruhen wie letztlich die individuellen Versionen von Wirklichkeit auf einem selektiven Erfahrungsbezug. Verschwörungstheorien sind auch nicht vollständig kohärentistisch, denn sie beziehen sich auf konkrete Ereignisse wie 9/11 oder das Attentat in Dallas. Ein selektiver Erfahrungsbezug ist eine Notwendigkeit, denn der Mensch kann die ungeheure Informationsmenge weder aufnehmen noch verarbeiten.

Hepfer verweist auf die menschliche Urteilskraft, die Verschwörer durch ihr geschicktes Vorgehen außer Kraft setzen. Es fragt sich jedoch, inwieweit man mit ihrer Urteilskraft rechnen kann, wo es doch viele (subjektive) Wirklichkeiten gibt. Und wenn es viele Versionen von Wirklichkeit gibt: Warum werden Verschwörungstheorien nicht einfach als eine der möglichen Versionen eingeordnet? Was ist der Grund, sie als so besonders heraus zustellen und sich zu bemühen, „normale“ von Verschwörungstheorien zu unterscheiden? Es ist ihre Anziehungskraft, die ihre weite Verbreitung fördert. 

Der Autor bietet einen bunten Strauß an Geschichten, die deutlich machen, wie spannend Verschwörungstheorien sein können. Auch das macht sie attraktiv. Es ist also nicht nur die kognitive Sparsamkeit; auch die Gefühlsebene wird angesprochen. Spannende Geschichten werden emotional positiv erlebt. Der erste Mensch auf dem Mond, das Ereignis 9/11, die Unterstützung der Produktion harter Drogen, um die Rentenkasse zu entlasten usw. sind Geschichten, die es in sich haben. Verschwörungstheorien sind offensichtlich spannender als die sachlich nüchternen und schwerer zu begreifenden, empirisch fundierten wissenschaftlichen Theorien. 

Teil III ist weniger eine philosophische Analyse zur Corona – Pandemie, die Verschwörungstheorien Tür und Tor geöffnet hat, sondern eher eine Stellungsnahme des Autors, in der er „den anhaltenden Rückzug in die Echokammern des Verschwörungsdenkens“ (S. 174) geißelt. Die Forderung nach mehr Realitätssinn steht im Widerspruch zu seiner Feststellung, dass es viele subjektive Wirklichkeiten gibt und der Mensch gar nicht um einen selektiven Erfahrungsbezug herum kommt. 

Was man in dem Buch vermisst, ist die Diskussion von Verschwörungstheorien im Kontext des strategischen Framing und von Fake News. 

Fazit

Verschwörungstheorien sind ein gesellschaftlich wichtiges und aktuelles Thema, sodass deren detaillierte Betrachtung als politische Bildung gelten kann. Der Autor destilliert die wesentlichen Merkmale von Verschwörungstheorien heraus und präsentiert eine Fülle an Beispielen, die deren weltweite Verbreitung vor Augen führen, zugleich jedoch auch, dass es nicht sämtlich nur bloße Erfindungen sind. Das auch für nicht philosophisch versierte Leserinnen und Leser verständliche Buch ist allen an gesellschaftlichen Fragen Interessierten zu empfehlen.

Summary

Conspiracy theories are a socially important and topical subject, so that their detailed examination can be considered political education. The author distills the essential characteristics of conspiracy theories and presents a wealth of examples that demonstrate their worldwide spread, but also that they are not all just free inventions. The book, which can be understood even by readers not versed in philosophy, is recommended to anyone interested in social issues.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 18.10.2021 zu: Karl Hepfer: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5931-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28807.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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