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Dana Kaplan, Eva Illouz: Was ist sexuelles Kapital?

Cover Dana Kaplan, Eva Illouz: Was ist sexuelles Kapital? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. 125 Seiten. ISBN 978-3-518-58772-0. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783518469989. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783518299180. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783518298084.
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Thema

„Was ist sexuelles Kapital?“ fragen Dana Kaplan und Eva Illouz in ihrem neuen Werk und bringen damit bereits im Titel ihr Hauptanliegen in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. Zwar erfreut sich der Begriff des sexuellen Kapitals sowohl in der Soziologie als auch in den Gender- und Sexualwissenschaften immer größerer Popularität. Allerdings gerät er aufgrund unscharfer Begriffsbestimmungen mindestens ebenso oft in Kritik (s. Diskussion).

Genau an dieser Stelle setzen die Autorinnen an. Es geht in erster Linie darum, die soziologische Metapher des sexuellen Kapitals (wieder) als eine analytische Kategorie fruchtbar zu machen, die sich darüber hinaus als empirisch anschlussfähig erweist. Mit Hilfe der Darstellung von vier Idealtypen von Sexualkapital argumentieren sie – um es vorwegzunehmen, durchaus erfolgreich-, dass die von ihnen neu entwickelte Form des neoliberalen Sexualkapitals eine (oder die) entscheidende Rolle für eine adäquate Beschreibung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse zukommt.

Autorinnen

Dana Kaplan ist Soziologin und unterrichtet an der Open University of Israel in Ra'anana.

Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Im Suhrkamp Verlag sind von ihr zuletzt erschienen: „Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus“ (2018); „Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen“ (2018) sowie „Das Glücksdiktat. Und wie es unser Leben beherrscht“ (2019).

Aufbau

Das Werk lässt sich sowohl aufgrund der Länge (126 Seiten) als auch wegen des Versuchs, in ein noch auszubauendes Konzept von Sexualkapital einzuführen, als kurzes Buch mit essayistischen Charakter lesen. Es setzt sich aus fünf Kapiteln zusammen. Nach der Einleitung (Kap. 1) skizzieren die Autorinnen den Wandel von traditionellen zu modernen Formen von Sexualität (Kap. 2), um anschließend grundlegende Begrifflichkeiten zu definieren (Sex, Kapital, sexuelles Kapital [Kap. 3]). Auf das 55-seitige Hauptkapitel, in dem vier Kategorien sexuellen Kapitals vorgestellt werden (Kap. 4), folgt ein Fazit (Kap. 5). Die folgende inhaltliche Vorstellung der Kernideen beschränkt sich auf die Kapitel 2 bis 4.

Inhalt

Kapitel 2 (S. 27–34) – Sexuelle Freiheit und sexuelles Kapital

Bevor die Autorinnen detailliert auf den Begriff des sexuellen Kapitals eingehen können, werden im Voraus Grundzüge moderner Sexualität herausgestellt. Zwei Prozesse sind wegweisend: Zum einen lässt sich eine Rationalisierung (Stichwort Weber) sowie Objektivierung der Sexualität in wissenschaftlichen Wissensbeständen (Stichwort Foucault) beobachten. Zum anderen wird die Sexualität zu einer wichtigen identitätsstiftenden Eigenschaft der individuellen Person (29). Damit einher geht die Sublimierung sexueller Freiheit, die zu einem Grundpfeiler moderner Gesellschaften geworden ist.

Bereits als sich erste Modernisierungstendenzen abzeichneten, etablierte sich Sex als zunehmend „eigenständige Sphäre des menschlichen Handels“ (29), sodass bereits Weber die Entwicklung eines erotischen Feldes (im Sinne Bourdieus) konstatierte. Die Bedeutung der Sexualität sieht dieser in der Verheißung einer innerweltlichen Erlösung und als Zufluchtsort vor einer immer rationaleren, bürokratischeren und kälteren Welt.

Zwar stimmen Kaplan und Illouz der Analyse zur Entstehung der modernen Sexualität zu, doch uneins sind sie mit Weber, wenn es um die sozialen Folgen des beschriebenen Prozesses geht. Anstatt den Wert der sexuellen Autonomisierung im reinen Lustgewinn zu sehen, sind „selbstregulierende moderne Heiratsmärkte“ (31) entstanden, auf denen die Partner*innenwahl immer weniger durch die wirtschaftliche Stellung geregelt wird, sondern auf sexuellem Begehren und emotionaler, seelischer oder psychologischer Kompatibilität fußt (31 f.). Genauso ist die moderne Sexualität beim Gründungsvater der Soziologie vom ökonomischen Marktgeschehen enthoben, während die sexuelle Befreiung für Kaplan und Illouz der ökonomischen Logik des Konsumkapitalismus den Weg bereitet (28).

Unter dieser neuen Perspektive gewinnt der Begriff des sexuellen Kapitals überhaupt erst an Bedeutung, „um zu erklären, wie sexuelle Subjektivitäten, Erfahrungen und Interaktionen, einschließlich sexueller Handlungen, Gefühle und Gedanken, von sozialen Akteur*innen in ökonomischen Märkten, Heiratsmärkten oder sexuellen Beziehungen zu ihrem Vorteil genutzt werden“ (33).

Kapitel 3 (S. 35–42) – Was ist sexuelles Kapital?

Da sich die im Anschluss formulierten vier Kategorien von sexuellen Kapital darin unterscheiden, wie sie die Termini „sexuell“ und „Kapital“ verstehen, betreiben Kaplan und Illouz im dritten Kapitel definitorische Grundlagenarbeit.

Im Wissen um die Schwierigkeiten einer Begriffsbestimmung von Sexualität, schlagen sie vor, den „Bereich des sexuellen Erlebens [als] ein Kontinuum [zu beschreiben], das sich vom Begehren über reale sexuelle Verhaltensformen, Handlungen und Fähigkeiten bis zu dem erstreckt, was als öffentliche Identitäten verstanden wird“ (35). Mit Sexyness als Attraktivität von Körpern, die für andere begehrenswert sind (1) und dem Bereich des sexuellen Erlebens und Selbstausdrucks (2), werden zwei analytisch zu unterscheidende Dimensionen menschlichen Handels ausfindig gemacht (36).

Bei der Bestimmung des Kapitalbegriffes stehen Kaplan und Illouz in Bourdieu'scher Tradition, und nehmen an, dass Kapital auch nicht ökonomischer Art sein kann. Darüber hinaus bauen sie seine Konzeption aus, indem sie das emotionale Kapital, als „Art und Weise … wie Gefühle für die Konkurrenz am und um den Arbeitsplatz geformt und ausgedrückt werden“ (38), hinzufügen. Gründe den Kapitalbegriff über den rein monetären Bereich hinaus zu erweitern sind den Autorinnen zufolge sowohl definitorischer als auch analytischer Natur. Zum einen herrscht besonders in den Wirtschaftswissenschaften keine Einigkeit darüber, wie der Begriff des Kapitals zu verstehen ist. Zum anderen lassen sich nur so verschiedene Formen von Ungleichheit sowie Handlungsmöglichkeiten der Menschen zur Kapitalaufwertung in den Blick nehmen (39 f.).

Zusammengenommen führen die vorherigen Begriffsbestimmungen zur Anschlussfrage, wie denn nun der Begriff des sexuellen Kapitals zu verstehen sei. Den Autorinnen zufolge bedarf es einer Neuakzentuierung und Refomulierung der ursprünglichen Fragestellung. Es geht vor allem darum, zu untersuchen, „welcher Art [denn] die Vorteile, zu denen der Vorrat an verkörperten und individuell verfügbaren sexuellen Fähigkeiten verhelfen kann“, beschaffen sind (41). Und darauf aufbauend: „Unter welchen Bedingungen kann sexuelles Kapital wirtschaftlich wertvoll werden“ (42)? Antworten auf beide Fragen werden in Form der im anschließenden Hauptteil formulierten Kategorien von sexuellem Kapital gegeben.

Kapitel 4 (S. 43–98) – Formen sexuellen Kapitals: Die vier Kategorien

(1) Die erste Kategorie betiteln Kaplan und Illouz als „Vorgegebenes sexuelles Kapital“. In traditionellen, patriarchalen Gesellschaften stellte sexuelle Enthaltsamkeit und die Bewahrung der Jungfräulichkeit für Frauen ein Sexualkapital dar. Dem weiblichen Körper wurde durch die männliche Kontrolle ein moralischer Wert beigemessen, der sich für Frauen auf dem Heiratsmarkt in ökonomisches Kapital ummünzen ließ. Der Wandel der Arbeits- und Lebensformen durch Lohn- und Fabrikarbeit ging mit einer größeren wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frauen einher, was deren sexuelle Unterordnung legitimierte. „Das vorgegebene sexuelle Kapital“ bringt eine im wissenschaftlichen Diskurs erzeuge doppelte Geschlechterideologie zum Ausdruck, wonach die Naturalisierung der Frauen als jungfräulich und sexuell gefügig, die Unterscheidung in moralische und unmoralische Frauen ermöglichte (43 f., 57–62).

(2) Die zweite Kategorie wird als „Sexuelles Kapital als Mehrwert des Körpers“ bezeichnet. Hiermit meinen die Autorinnen die Kommodofizierung des sexuellen Körpers durch Prostitution und Sexarbeit. Sexuelle Dienste werden unmittelbar und explizit gegen Geld eingetauscht. Dabei lässt sich eine Verschiebung der gesellschaftlichen Normen feststellen, die die alte Unterscheidung in guten (häuslichen) und schlechten (kommerziellen) Sex zunehmend auflöst. Sexarbeiter*innen werden weniger mit Problemen von Ausbeutung und Entfremdung, sondern mehr mit „der wachsenden Nachfrage nach Gefühlsarbeit, dem Umgang mit Stigmatisierungen und der Bildung einer eigenen Marke (Personal Branding)“ (70) konfrontiert. Es entsteht ein Zirkelschluss, wonach sich Formen von Sexarbeit ihrer Art nach mehr und mehr Dienstleistungstätigkeiten angleichen und diese andersherum auch zunehmend sexualisiert werden (44, 62–71).

(3) Steht bei der zweiten Kategorie noch die Monetarisierung der Sexualität im Vordergrund, ist das „Verkörperte sexuelle Kapital“ als dritte Kategorie nur indirekt kapitalbildend. In kapitalistischen Gesellschaften entstehen immer mehr Branchen, besonders im Bereich der Kulturproduktion, in denen sich aus sexualisierten Körpern und sexuellen Identitäten Nutzen ziehen lässt. Gleichermaßen werden sexuelle Attraktivität und Erfahrung zu Fähigkeiten, die sich auch im zwischenmenschlichen Bereich, etwa bei der Suche und Aufrechterhaltung von Partnerschaften, als bedeutend erweisen. Die theoretische Einbettung gelingt den Autorinnen über die Konzeption sexueller Felder, definiert als „kleinformatige Ökonomie der sozialen Rangordnung mit ihren eigenen internen Verhaltensregeln, die um die Begehrtheit des Selbst für andere organisiert sind“(73). Nur so kann die Bedeutung des Austauschs von Ressourcen und Fähigkeiten zwischen den Beteiligten zur Anhäufung sexuellen Kapitals aus einer interindividuellen und interaktionistischer Sicht erkannt werden. Da „Verkörpertes sexuelles Kapital“ klassenmäßig, geschlechtlich und ethnisch kodiert ist, ist es darüber hinaus möglich, machtkritische Fragen zu stellen, wie jene wer welche Maßstäbe für Sexyness und Attraktivität setzt (44 f., 71–82).

(4) Die Begründung des „Neoliberalen sexuellen Kapitals“ (4. Kategorie) stellt nach Kaplan und Illouz den zentralen Mehrwert ihrer Untersuchung dar. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass in spätmodernen Gesellschaften “viele Menschen sexuelle Entspannung in Gefühle von sozialer Kompetenz, von Selbstwirksamkeit und Selbstwert zu übersetzen vermögen, die ihrerseits eine proaktive, unternehmerische Einstellung nähren können, wie sie von Arbeitgeberinnen gesucht werden“ (45).

Es lassen sich vier Verbindungslinien zwischen der Privatsphäre der sexuellen Erfahrung und der öffentlichen Sphäre des Berufs erkennen: Sex vermag arbeitsmarktrelevante Fähigkeiten wie Selbstachtung und Selbstvertrauen (1) sowie Sozialkompetenz (2) fördern. Außerdem steigt die Arbeitszufriedenheit, die statistisch signifikante Auswirkungen auf das Einkommen hat, bei einem als erfüllt empfundenen Sexlebens (3). Schließlich stellt die Sexualität eine Möglichkeit dar, Formern des Beherrschens spielerisch einzuüben, die sich auch im Arbeitsleben als bedeutend erweisen können.

Für die Autorinnen ist „die Fähigkeit, sexuell autonom, kreativ und expressiv zu sein und zudem Kapital daraus zu schlagen“ (90) nicht geschlechtsspezifisch, sondern viel eher durch Klassenverhältnisse bestimmt. Bei immer prekäreren Beschäftigungslagen und schwindender Arbeitsplatzsicherheit, man denke an die „Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey (2016), sind es vor allem die Subjekte der Mittelklasse, denen keine andere Möglichkeit bleibt, als ihre angeborenen sowie sexuell erweckten Fähigkeiten einzusetzen. Die Bemühungen, Kapital anzuhäufen stellen kein interessegeleitetes Verhalten dar, sondern sind habituell verankert (45, 82–97).

Diskussion

Im sozialwissenschaftlichen Diskurs ist der Begriff des sexuellen Kapitals durch die Schriften von Catherine Hakim (sie spricht von erotischem Kapital) stark in Verruf geraten. Ich werde mich im Diskussionsteil immer wieder auf die britische Soziologin beziehen, um darauf aufbauend einzuordnen, was Illouz und Kaplan zur Rekonzeptualisierung des Sexualkapitals beitragen. Im Folgenden sind bedenkliche Hauptaussagen und -absichten Hakim's zusammengefasst:

Erotisches Kapital, von der Autorin (2010: 110) unpräzise charakterisiert durch eine „schwer greifbare Mischung aus Sexappeal, äußerer Schönheit und sozialer Attraktivität“ (Hakim 2010: 110) könne erarbeitet, entwickelt und erlernt werden. Deswegen sei es auch „nicht mit sozialer Herkunft und Status kontrollierbar und hat daher einen subversiven [eigene Anmerkung: weil potentiell Schicht- und Mobilitätsgrenzen auflösenden] Charakter“ (ebd.: 116).

Weiter attestiert sie Frauen über verschiedene Gesellschaften hinweg ein höheres Maß an erotischem Kapital im Vergleich zu Männern, die eine biologisch begründet größere Libido besitzen und folglich ein Sexdefizit aufweisen (Hakim 2011: 9). Die daraus resultierende normative Schlussfolgerung ist noch diskussionsbedürftiger, denn die Investition der Frauen in ihr erotisches Kapital begreift sie als Schlüsselmoment der Emanzipation und als Chance der Frauen in Gesellschaft (Heiratsmarkt) und Wirtschaft (Arbeitsmarkt) Fuß zu fassen (ebd.: 110).

Autor*innen, die auf Hakim Bezug nehmen, üben scharfe Kritik. Zur Illustration: Rezensentin Andrea Rödig (2013: 227) beendet ihre Schmährede damit, dass dem Werk „ein gerütteltes Maß intellektuellen Kapitals“ fehle. Was die Wortwahl angeht, halten sich Kaplan und Illouz zwar deutlich mehr zurück. Ein zentrales Anliegen der beiden Autorinnen ist es dennoch, einen mehr als notwendigen Wiederbelebungsversuch zu wagen, um den Begriff des Sexualkapitals als analytische Kategorie nutzbar zu machen.

Die Reanimation gelingt aus mindestens zwei verschiedenen Perspektiven, unter denen Schwachstellen von Hakims Überlegungen bereinigt sowie die vier Kategorien von Sexualkapital in Anschlag gebracht werden können:

(1) Erstaunlicherweise bezieht sich Hakim in ihren Texten auf „die männliche Herrschaft“ von Pierre Bourdieu und würdigt dessen machtkritische Perspektive auf Geschlechterverhältnisse (Hakim 2010: 116). Allerdings verkennt sie einen sehr entscheidenden Punkt, heißt es doch in Bourdieus (2020: 112) Klassiker bedauerlicher- und zu weiten Teilen immer noch treffenderweise zugleich: „Alles in der Genese des weiblichen Habitus und dessen Aktualisierungsbedingungen wirkt darauf hin, aus der weiblichen Körpererfahrung den Extremfall der allgemeinen Erfahrung des Körpers für andere zu machen“. Die Arbeit am erotischen Kapital „macht Frauen im gesellschaftlichen Aggregat abhängig von männlichen Gunstbezeugungen, die sie in dem Maße erwarten können, in dem sie mit ihrem Erscheinungsbild und Gebaren männlichen Erwartungen entsprechen können (Schmitz & Riebling 2013: 64).

Anstatt nun die Aufwertung des erotischen Kapitals als emanzipatorisches Heilmittel zu verstehen, sind sich Kaplan und Illouz der misslichen Lage der Frauen bewusst und bekommen, besonders über die ersten beiden Formen des Sexualkapitals, Geschlechterperspektiven besser in den Griff.

Auch wenn die Bewahrung der Jungfräulichkeit in modernen Gesellschaften die Chancen der Frauen beim Eintritt in den Heiratsmarkt nicht mehr vergrößert, ermöglicht der Idealtyp des „vorgegebenen sexuellen Kapitals“ (2. Kategorie) noch immer interessante Einblicke. Denn auch heute scheint sexuelle Reserviertheit eine geschlechtsspezifisch unterschiedlich gewichtete Norm darzustellen, die bei Nichteinhaltung gesellschaftlich sanktioniert wird und damit ein Sexualkapital darstellen kann. So werden Männer, die viele sexuelle „Erfolgserlebnisse“ verbuchen, (in Männerkreisen) wohlwollend als „Stecher“ bezeichnet, während Frauen, die ihre Sexualität zu offen ausleben, den Stempel als “Schlampe“ aufgesetzt bekommen. 

Dass wie im Falle der Prostitution das Sexualkapital als Mehrwert des Körpers (2. Kategorie), trotz der zunehmenden Auflösung der Trennung von häuslichen und kommerziellen Sex, in vielen Fällen noch immer auf der Ausbeutung armer Frauen beruht, ist immer noch hoch problematisch und muss nicht weiter ausgeführt werden.

Ein letzter Geschlechteraspekt: Die Frage, wer über mehr sexuelles Kapital verfügt, lässt sich auch ganz anders beantworten, als es Hakim tut. Bereits in „Warum Liebe weh tut“ macht Illouz (2016: 540) darauf aufmerksam, dass es unter den Bedingungen der Moderne Männer sind, die über mehr sexuelle und emotionale Auswahl als Frauen verfügen und dadurch partnerschaftliche Bindungen verweigern. Das hat zur Folge, dass sich die “heterosexuellen Frauen der Mittelschicht in der merkwürdigen historischen Lage [befinden], souverän über ihren Körper und ihre Gefühle verfügen zu können … und dennoch auf … noch nie dagewesene Weise von Männern dominiert … werden“ (ebd.: 573).

(2) Im Anschluss lässt sich eine einfache Auslassungskritik an Hakim betreiben, die das erotische Kapital als Sprungbrett (der Frauen) in das Arbeitsleben betrachtet, ohne die Bedeutung der modernen Sexualität (beider Geschlechter) zur Reproduktion des kapitalistischen Systems kritisch zu beleuchten oder zumindest zu beschreiben.

Mit der Fokussierung des „Neoliberalen sexuellen Kapitals“ (4. Kategorie) ist es dagegen möglich, den für Eva illouz's gesamte Werkgeschichte spezifischen Blick auf die Durchdringung des Kapitalismus in Bereiche der Liebe und Erotik nachzuvollziehen. Zwar gehört der Grundtypus des Arbeitskraftunternehmers bereits seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zum arbeitssoziologischen Allgemeinwissen. Von den Beschäftigten wird zunehmend die Selbstkontrolle (bei der Arbeit), Selbstökonomisierung (der eigenen Arbeitskraft) sowie Selbstrationaliserung (des Alltags) eingefordert (Voß & Kleemann 2010: 433 f.).

Kaplan und Illouz hingegen sind Wegbereiterinnen wenn es darum geht, die Auswirkungen des Strukturwandels der Arbeitswelt und die damit einhergehenden Herausforderungen moderner Arbeit systematisch und konsequent auf die Sphäre der Sexualität zu übertragen. Schließlich sind die “Summe individuell akkumulierter sexbezogener affektiver Zustände, die Gefühle des Selbstwerts und der Selbstbestimmung hervorrufen, insbesondere solche, die mit Risikobereitschaft, Einzigartigkeit, Selbstverwirklichung, Kreativität und Ehrgeiz zusammenhängen“ (88), allesamt auch arbeitsmarktrelevante Qualifikationen eines Arbeitskraftunternehmers.

Vor diesem Hintergrund werden auch klassentheoretische Betrachtungsmöglichkeiten offengelegt, ist es doch ein Exklusivmerkmal und -erfordernis der Subjekte der Mittelklasse ihre, im sexuellen Bereich erworbenen, Fähigkeiten zu nutzen. Entgegen Hakims Auffassung verstehen Kaplan und Illouz unter Sex damit mehr „als ein bloß individualistisches, auf Maximierung ausgerichtetes Kapital atomistischer Akteure, die im Verfolgen ihrer Interessen kühl ihre Investitionen kalkulieren“ (100 f.). Stattdessen sehen sie Anreize zur Kapitalanhäufung „durch Klassendispositionen habitualisiert“ (97).

Bei dem „verkörperten sexuellen Kapital“ (3. Kategorie) verhält es sich ähnlich. Auch hier distanzieren sich die Autorinnen von Rational-Choice-Ansätzen und zeigen am Beispiel der Selfiekultur, wie Hierarchien sexueller Begehrtheit durch soziale Kräfte geprägt sind und auf klassenspezifischen Bewertungskriterien beruhen (76 f.).

Fazit

Mit dem Buch „Was ist sexuelles Kapital?“ ist Dana Kaplan und Eva Illouz ein vielversprechender erster Aufschlag gelungen, um den Begriff des sexuellen Kapitals als analytisches Instrument in der Soziologie sowie den Gender- und Sexualwissenschaften zugänglich zu machen.

Die Ausführungen der Autorinnen eröffnen erkenntnisreiche Einblicke aus geschlechter-und/oder klassenspezifischer Perspektive und verdeutlichen, wie sexuelles Kapital die Gesamtheit der kapitalistischen Reproduktion umfasst. Mit der Konzeptualisierung des „neoliberalen sexuellen Kapitals“ betreten sie darüber hinaus theoretisches Neuland und laden zu aussichtsreichen empirischen Untersuchungen zur Verbindung der sexuellen, privaten und der beruflichen, öffentlichen Sphäre ein.

Quellen

Bourdieu, Pierre (2020): Die männliche Herrschaft. 5. Auflage. Frankfurt a. M: Suhrkamp Verlag.

Hakim, Catharine (2010): Erotisches Kapital. Warum dieser Wert solange übersehen wurde – und warum das ein Fehler ist. In: Internationale Politik. Ausgabe 3, S. 110–119.

Hakim, Catharine (2011): Erotisches Kapital. Das Geheimnis erfolgreicher Menschen. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag.

Illouz, Eva (2016): Warum Liebe weh tut. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Roedig, Andrea (2013): Rezension zu: Erotisches Kapital. Das Geheimnis erfolgreicher Menschen von Catharine Hakim. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Ausgabe 38. S. 225–225.

Schmitz, Andreas & Riebling, Jan Rasmus (2013): Gibt es „erotisches Kapital“? Anmerkungen zu körperbasierter Anziehungskraft und Paarformation bei Hakim und Bourdieu. In: Rusconi, Alessandra; Wimbauer, Christine; Motakef, Mona; Kortendiek, Beate & Berger, Peter A. (Hrsg.): Paare und Ungleichheit(en). Opladen, Leverkusen: Barbara Budrich Verlag.

Voß, Günter G. & Kleemann, Frank (2010): Arbeit und Subjekt. In: Böhle, Fritz; Voß, Günter G. & Wachtler, Günther (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden: Springer Verlag.


Rezension von
Daniel Ewert
Masterstudent der Sozialwissenschaften an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
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Zitiervorschlag
Daniel Ewert. Rezension vom 15.11.2021 zu: Dana Kaplan, Eva Illouz: Was ist sexuelles Kapital? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-518-58772-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28808.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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