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Stefan Thomas: Ethnografie

Cover Stefan Thomas: Ethnografie. Eine Einführung. Springer VS (Wiesbaden) 2019. 169 Seiten. ISBN 978-3-531-18078-6. D: 14,95 EUR, A: 15,37 EUR, CH: 19,00 sFr.

Reihe: Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch.
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Thema

Der in der Lehrbuchreihe „Qualitative Sozialforschung“ des Springer Verlags erschienene Band bietet Sozialwissenschaftler*innen eine kompakte Einführung in die ethnografische Forschung. Damit ist im deutschsprachigen Raum neben dem Band von Dellwing und Prus aus dem Jahr 2012 (Einführung in die Interaktionistische Ethnografie) und dem Buch von Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff und Nieswand (Ethnografie, Die Praxis der Feldforschung) aus dem Jahr 2013 ein drittes Einführungswerk in die Ethnografie erschienen. Der Band zielt darauf ab, sowohl mit Ethnografie und ihren theoretischen Hintergründen vertraut zu machen, als auch mit Hilfe ethnografischer Forschungen des Autors Hinweise an die Hand zu geben, ein eigenes Ethnografieprojekt durchzuführen.

Aufbau und Inhalt

Nach dem Vorwort beginnt der Band mit einer Einleitung (Ethnografische Entdeckungsreise). Sodann folgen ein Kapitel zu den theoretischen Hintergründen der Ethnografie (2), der Fragestellung und dem Forschungsdesign (3), der Datenerhebung (4), dem Verfassen von Beobachtungsprotokollen und Feldnotizen (5), der Datenauswertung (6) und dem Schreiben des ethnografischen Berichts (7). Das Buch schließt mit einer Schlussbetrachtung (8). Die einzelnen Kapitel 2–7 enthalten jedes für sich Aufgaben, die sich an Studierende richten sowie eine weiterführende Lektüreempfehlung.

Im einleitenden Kapitel 1 Ethnografische Entdeckungsreise wird deutlich, dass unter Ethnografie vor allem eins zu verstehen ist: Feldforschung. Die durch beobachtende Teilnahme gewonnene Sensibilität des Forschenden für die empirische Welt, die es zu erschließen gilt, ist das Hauptcharakteristikum des ethnografischen Forschungsansatzes. Alles andere ist diesem unterzuordnen, wie etwa die gestellte Frage nach dem Einsatz weiterer Methoden, die als angemessen erscheinen, die Forschungsfrage zu beantworten.

In Kapitel 2 Theoretische Hintergründe werden die historischen Traditionslinien in der Sozialanthropologie und in den Sozialwissenschaften und auch vergleichend im englisch- und deutschsprachigen Raum nachgezeichnet. Zudem werden unter der Überschrift „Methodologische Herausforderungen“ die Relation zwischen Fremdem und Eigenem diskutiert und schließlich der Erkenntnisanspruch ethnografischen Forschens in der Verhältnissetzung von Empirie und Theorie skizziert.

In Kapitel 3 Fragestellung und Forschungsdesign wird Ethnografie als ein auf Entdeckung ausgerichtetes Verfahren erneut eingeführt und Zugänge und Positionen des/der Forschenden im „Feld“ erörtert. Mit beispielhaften Antworten auf die Fragen, wie man Entdeckungen macht („Catching the phenomenon“), diese nachvollziehbar für Dritte darstellt und schließlich welche Gütekriterien sich ethnografische Forschung stellt und welche ethischen Anforderungen es dabei zu beachteten gilt, endet das Kapitel. In Kapitel 4 Ethnografische Datenerhebung geht es zunächst erneut um die Entdeckung fremder Welten, die durch unterschiedliche Art und Weisen der Teilnahme und Beobachtung ermöglicht wird. Das Kapitel schließt mit dem Einsatz von Medien in der ethnografischen Forschung sowie der ethnografischen Erforschung virtueller Welten. In Kapitel 5 Beobachtungsprotokolle und Feldnotizen geht es um das Protokollieren von Beobachtungen zwischen „dünner“ und „reicher“ Beschreibung. Kapitel 6 thematisiert die Ethnografische Datenauswertung im Sinne einer synthetischen Auswertung mit dem Ziel einer dichten Beschreibung und der analytischen Auswertung durch Kodierung sowie dem Verfassen von Memos. Auch die computergestützte Auswertung spielt hier eine Rolle.

Kapitel 7 Schreiben des ethnografischen Berichts thematisiert den finalen Schreibprozess bis zur Veröffentlichung als Balanceakt zwischen empirischer Fundierung und theoretischer Abstraktion. Bei der Vorstellung verschiedener Weisen, einen ethnografischen Bericht zu verfassen, wird auch kurz auf die Krise der ethnografischen Repräsentation eingegangen, keine objektiven Wiedergaben der Realität zu liefern, sondern wissenschaftliche Repräsentationen.

In der Schlussbetrachtung des Kapitel 8 werden knapp aktuelle Entwicklungen ethnografischer Forschung und deren Ausdifferenzierung in verschiedene Bindestrich-Ethnografien (z.B. Political-Ethnography, Organizational-Ethnography oder Feminist-Ethnography), die u.a. durch Einsatz von Medien, die Feldforschungsphase verkürzen.

Diskussion

Gerade das letzte Kapitel zeigt, dass nicht (mehr) alles ethnografische Forschung ist, was als solche aktuell bezeichnet wird. Dem Autor ist darin zuzustimmen, dass die Ethnografie zuvorderst Feldforschung bedeutet. Ethnografische Forschungsansätze ohne intensive Aufenthalte im Feld versprechen sicherlich je nach Fragestellung einen hohen Erkenntnisgewinn; ob dann jedoch noch von Ethnografie gesprochen werden sollte, bleibt fraglich.

Dem Autor ist eine – wenn auch sehr knappe – Darstellung ethnografischer Forschung gelungen. Gerade jedoch durch die Kürze der Darstellung scheinen manche Kapitel für Studierende jedoch auch voraussetzungsvoll. Dies ist der Kürze der Darstellung auf wenigen Seiten, wie bspw. in Kapitel 2 zum Verhältnis zwischen Empirie und Theorie, geschuldet. Hier ist sicherlich eine erweitere Lektüre – wie sie auch vom Autor selbst angeraten wird – hilfreich. Die Aufgaben am Ende der Kapitel für die Studierenden und die Aufforderung des Autors sich entlang der genannten Quellen tiefergehend einzuarbeiten, sind sehr hilfreich. In der Gesamtschau des Buches werden alle wichtigen Themen ethnografischer Forschung angesprochen. Nach der Einführung in die Ethnografie folgt eine chronologische Darstellungslogik des Forschungsprozesses. Obgleich dies plausibel erscheint, ist es doch auch immer wieder etwas sprunghaft im Text, da sich beispielsweise die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Empirie aus Kapitel 2 auch in anderen Stellen des Forschungsprozesses erneut stellt. Für einen ersten Einstieg in ethnografische Forschung ist das Buch in jedem Fall gut geeignet und bietet mit den Aufgabenstellungen am Ende der Kapitel eine gute Ausgangsbasis für die Hochschullehre.

Fazit

Wie auch in anderen einführenden Werken in die Ethnografie versucht der Autor einen ethnografischen Blick auf die eigene Praxis zu wenden und zu explizieren, was eigentlich beim ethnografischen Forschen passiert. Der Blick in die Praktiken des ethnografischen Forschens, die in dem Band anschaulich dargestellt und reflektiert werden, ermöglichen es etwas vorstell- und nachvollziehbar zu machen, was sonst in den Methodenkapiteln ethnografischer Forschung meist im Dunkel verbleibt. Und dennoch: Vieles bleibt aufgrund der Seitenzahl etwas verkürzter als dies in der Darstellung des umfassenderen Einführungswerk von Breidenstein et al. der Fall ist. Nichtsdestotrotz gelingt es Thomas, nicht nur Lust auf ein eigenes ethnografisches Projekt zu machen, sondern sich nach der Lektüre in der Lage zu fühlen, dieses Abenteuer bestreiten zu können.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 11.11.2021 zu: Stefan Thomas: Ethnografie. Eine Einführung. Springer VS (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-531-18078-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28817.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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