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Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus

Cover Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. 192 Seiten. ISBN 978-3-518-12782-7. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: edition suhrkamp - 2782.
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Thema

Natascha Strobl nimmt in ihrem kurzen Buch den zeitgenössischen Konservatismus unter die Lupe und diagnostiziert, dass sich dessen Rhetorik und Strategien heute in vielen Fällen einer klassischen extremen Rechten annähern. Im Zuge der Entwicklung des Konzepts eines „Radikalisierten Konservatismus“ werden vor allem die österreichische FPÖ unter der Führung von Sebastian Kurz sowie die US-amerikanische republikanische Partei unter Donald Trump analysiert.

Autor

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin und war zuvor an den Buchveröffentlichungen „Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“ und „Rechte Kulturrevolution. Wer und was ist die Neue Rechte von heute?“ beteiligt. Einem breiteren Publikum ist Strobl insbesondere auch durch ihre Politik-Analysen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bekannt geworden, in denen bspw. die Diskursstrategien rechter politischer Akteuer:Innen offenlegt werden.

Inhalt

Das erste Kapitel „Rückblick: Konservative Bewegungen“ nimmt zunächst eine Charakterisierung der Ideologie des Konservatismus vor und in diesem Zuge werden bspw. Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der Ideologie des Faschismus bestimmt. Als Mischspektrum beider Strömungen ist im Folgenden die sogenannte Neue Rechte vorgestellt, die in den 1960er Jahren in Frankreich aufkommt („Nouvelle Droite“) und in einer aktualisierten Form heute prominent bspw. im Umfeld der sogenannten „Identitären Bewegung“ verortet ist. Strobl thematisiert einerseits, wie – bspw. über „alternative (online) Medien“ – das Gedankengut einer Neuen Rechten auch ein konservatives Bürgertum erreicht. Zentral auf das Konzept der „rohen Bürgerlichkeit“ von Wilhelm Heitmeyer zurückgreifend macht Strobl andererseits stark, dass der parteiförmige Konservatismus sich dem Rechtsextremismus selbst annähert und in diesem Zuge einen Wandel zu einem „radikalisierten Konservatismus“ vollzieht.

Der Hauptteil des Buches ist das zweite Kapitel „Eine Analyse in sechs Schritten“ und Strobl analysiert hier das Phänomen des „radikalisierten Konservatismus“ anhand verschiedener Themenfelder:

  • Erstens werden politische Regelbrüche fokussiert, die der „radikalisierte Konservatismus“ bewusst und systematisch anwende. Dies sowohl auf formeller Ebene (bspw. die Missachtung von Gesetzen und Beschlüssen) als auch auf informeller (bspw. der Bruch ungeschriebener Regeln der Parteipolitik). Hierbei ist insbesondere die Funktion der Lüge als politisches Instrument fokussiert.
  • Zweitens ist eine permanente Polarisierung zwischen einem „Wir“ und „den Anderen“ thematisiert. Während der klassische Konservatismus auf die Bewahrung von Ordnung abzielt, strebe der „radikalisierte Konservatismus“ vielmehr nach Entzweiung. Er knüpfe hierfür einerseits an den Kulturkampf einer extremen Rechten an – in dem die Welt unablässig in einer kriegerischem Auseinandersetzung zwischen „den Guten“ und „den Bösen“ begriffen ist – und andererseits an die neoliberale Differenzierung von „Fleißigen“ und „Faulen“. Anhand der Beispiele von Trump sowie der ÖVP wird gezeigt, dass hierbei verschwörungstheoretische Narrative zentral werden, mit denen sowohl die direkte politischen Konkurrenz als auch diffuse außerparlamentarische Akteure („die Antifa“, „die Migranten“) zu Feindbildern erklärt werden.
  • Drittens wird die Zentralität einer starken Führungspersönlichkeit im „radikalisierten Konservatismus“ betont. Ungleich klassischer konservativer Parteien finde sich eine strikte Ausrichtung der Partei an einem bestimmten einzelnen (meistens) Mann, der sich als Heilsbringer einer vorgeblich „schweigende Mehrheit“ inszeniert. Indem die Führungspersönlichkeit als letzte und einzige Chance der Aufrechterhaltung von Ordnung präsentiert ist, werde dieser von Parteimitgliedern und Anhängerschaft zunehmend unhinterfragt gefolgt.
  • Viertens ist der Angriff des „radikalisierten Konservatismus“ auf etablierte demokratische Institutionen hervorgehoben. Zwar würden die Parteien des „radikalisierten Konservatismus“ ihre politische Macht zunächst durchaus selbst auf dem „klassischen“ demokratischen Weg gewinnen, jene Macht werde im Folgenden jedoch zentral für die Zerstörung bzw. den radikalen Umbau der demokratischen Institutionen genutzt. Dies betrifft bspw. die Judikative (deren Unabhängigkeit angegriffen wird), die Parlamente (deren Kontrollfunktion im demokratischen Prozess unterminiert wird) oder die Medien (freie Berichterstattung wird verhindert und sogenannte „alternative Medien“ aufgebaut).
  • Hieran anschließend wird – fünftens – das Verhältnis des „radikalisierten Konservatismus“ zu den Medien spezifisch fokussiert. Zentral wird eine „Aufreger-Industrie“ herausgearbeitet, denn der „radikalisierte Konservatismus“ flute die Medien mit polarisierenden Narrativen (bspw. „die Migranten“ betreffend) und nehme permanent bewusste Grenzüberschreitungen in Kauf. Zentral habe dies einerseits die Funktion, dauerhaft im Gespräch zu bleiben und somit im politischen Diskurs omnipräsent zu sein. Andererseits gelinge es hierdurch jedoch ebenfalls von eigenen politischen Versäumnissen und Skandalen abzulenken.
  • Dem „radikalisierten Konservatismus“ wird sechstens der Versuch des Aufbaus von „Parallelrealitäten“ bescheinigt. Dies wird bspw. anhand der „QAnon“-Verschwörungsbewegung sowie dem Trumpschen Narrativ der „gestohlenen Wahl“ illustriert. Die „Parallelrealitäten“ beschreiben hierbei mehr als ein bloßes Geflecht aus Lügen, denn es werden ganz eigene Welte erschaffen, in denen objektive Lügen für eine Vielzahl von Anhänger:Innen zu tatsächlichen Wahrheiten werden.

Das dritte Kapitel „Ausblick: Weimar Calling“ bietet einen knappen historischen Blick auf die politischen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, wobei erneut insbesondere die Rolle des Konservatismus in den Blick genommen ist. Als zentrale Beispiele dienen im Folgenden die Strömung der „Konservativen Revolution“ sowie die österreichische konservative Rechte der Nachkriegszeit. Diese werden als programmatische Beispiele eines „radikalisierten Konservatismus“ benannt; ein Konservatismus der sich – insbesondere im Kontext gesellschaftlicher Krisenzeiten – mit einer radikalen (faschistischen) Rechten verknüpft.

Diskussion

Strobl bietet in ihrem Buch „Radikalisierter Konservatismus“ eine relativ knappe, jedoch dichte und gut nachvollziehbare Analyse. Hierzu tragen insbesondere die vielfältigen konkreten Beispiele aus dem politischen Tagesgeschäft bei, anhand derer die Funktionsweisen des „Radikalisierten Konservatismus“ illustriert werden. Die analysierten Beispiele beschränken sich hierbei allerdings nahezu ausschließlich auf die österreichische FPÖ unter der Führung von Sebastian Kurz sowie die US-amerikanische republikanische Partei unter Donald Trump. Zwar wird bspw. Boris Johnson im Vorbeigehen ebenfalls als ein Vertreter des „radikalisierten Konservatismus“ identifiziert, allerdings erscheint es insgesamt etwas unklar, welche Parteien oder Persönlichkeiten dem „radikalisierten Konservatismus“ spezifisch zuzuordnen sind und als wie stark verbreitet das Phänomen aufgefasst ist. Hiermit im Zusammenhang steht die Problematik, dass dem Konzept des „Radikalisierten Konservatismus“ teilweise die Trennschärfe zu anderen Phänomenen zu fehlen scheint. So finden sich viele der von Strobl problematisierten Merkmale des „Radikalisierten Konservatismus“ ebenfalls in der vielfältigen Literatur zum Themenfeld des Rechtspopulismus und Strobl erklärt bspw. auch selbst, dass dieser die Sprache und die Strategien des Rechtspopulismus übernehme (S. 39, 90). Ungesagt bleibt jedoch, inwiefern sich der „Radikalisierte Konservatismus“ und der Rechtspopulismus überhaupt unterscheiden. Das Buch endet mit einem kurzen Nachwort, das einen positiven Abschluss bieten soll, jedoch recht unspezifisch bleibt: progressive Kräfte werden aufgefordert, die Kräfte zu bündeln und mittels einer nachvollziehbaren Politik für eine bessere – idealerweise postkapitalistische – Zukunft zu kämpfen.

Fazit

Das Buch „Radikalisierter Konservatismus“ enthält eine lesenswerte Analyse, die für Interessent:innen an zeitgenössischen politischen Entwicklungen – insbesondere im Kontext einer erstarkenden politischen Rechten – einen Mehrwert bietet. Die Stärken des Buches liegen in der Offenlegung der Sprache und Strategien einer konservativen (mitunter extremen) Rechten, wobei das Konzept eines „Radikalisierten Konservatismus“ allerdings etwas unscharf bleibt.


Rezension von
Marian Pradella
Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 11.10.2021 zu: Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-518-12782-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28818.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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