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Anton Amann: Die großen Alterslügen

Cover Anton Amann: Die großen Alterslügen. Generationenkrieg - Pflegechaos - Fortschrittsbremse? Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2004. 256 Seiten. ISBN 978-3-205-77246-0. 29,90 EUR.
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Einführung und Gesamteindruck

Seit Jahren sind Schlagworte und dahinter nur notdürftige verborgene Schuldzuschreibungen, wie "Generationenkrieg", "Pflegechaos", "Fortschrittsbremse" oder "Land der Greise", im öffentlichen Diskurs um demographische Entwicklung und Alter(n) vorherrschend. Mittels dieses Diskurses wird symbolische Macht ausgeübt: Panikmache, Katastrophenszenarien und ein Diktat des Ökonomismus und der Alten- und Alter(n)sfeindlichkeit werden sichtbar. Eindringlich, gut nachvollziehbar und mit Hilfe einer Fülle versachlichender, wissenschaftlich fundierter und nachvollziehbarer Argumente und Daten entlarvt Anton Amann diesen Diskurs in seinem Buch als "Die großen Alterslügen". Er macht Zusammenhänge sichtbar, argumentiert - immer begründet und rational nachvollziehbar - gegen kurzfristiges und eindimensionales Denken und vor allem gegen Abstempelung der alten Menschen und des Alter(n)s als Sündenböcke und gegen entsprechende Schuldzuweisungen. Sichtbar wird die Gestaltung des Alter(n)s in der Gesellschaft und der "Alter(n)sgesellschaft" im Kontext demographischen und darüber hinausgehender - damit verwobener und gemeinsam wirkender - sozialer Wandlungsprozesse als zentrale Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe. Die Perspektive kann nicht sein, alte Menschen als (scheinbare) Problemgruppe zu marginalisieren; sie sind vielmehr als wichtiger, (auch anders) produktiver und sinnvoller Teil der Gesellschaft einzubeziehen. Und zwar primär aus sachlichen Gründen einer Gesellschaft, in der es sich nicht nur für wenige leben lässt.

Die wissenschaftliche Aufklärung aus Sicht der Sozialgerontologie und Soziologie, das Entlarven und Widerlegen gesellschaftlicher Alterslügen und die Korrektur verzerrter Realitätsauffassungen gelingen Anton Amann nicht zuletzt deshalb in so vorzüglicher Weise, weil er sich einerseits wissenschaftlicher Daten und Fakten wie Argumentationsweisen bedient, sie andererseits jedoch in einer sehr gut verständlichen und eingängigen, ja ästhetischen Sprache auch dem "Alltagsmenschen", dem "gewöhnlichen Leser" (Virginia Woolf; vgl. auch Samuel Johnson) nahe zu bringen und zu vermitteln weiß. Auch Amann spricht - wenngleich er hier keine literaturkritischen Essays verfasst - den gesunden Menschenverstand des Lesers an, der - wenn auch beeinflusst durch Vorurteile - dennoch in der Lage sein wird, seinen Text als Schlüssel zur Auflösung von Vorurteilen zu verstehen. Auch Amann arbeitet mit Stilmitteln, wie "Pointen, die von ... Ironie getränkt sind", mit dem "gehämmerten Wort, der Sentenz, ohne je pompös zu werden" (Samuel Johnson). Sollte seine Monographie den (Wieder-)Einstieg in wissenschaftskritisches essayistisches Schreiben anzeigen? Den "gewöhnlichen" wie ungewöhnlichen Leserinnen und Lesern wäre es zu wünschen.

Ausgangspunkt der Analysen Anton Amanns sind österreichische und bundesdeutsche Verhältnisse, allerdings mit Ausblick auf globale Verhältnisse: Denn nicht nur Wirtschafts- und Sozialsysteme stehen unter dem Einfluss der Globalisierung, der gesamte Alltag der Gestaltung von Lebenslagen und Lebensweisen, wie auch die Frage des Umgangs mit Alter und Altern stehen unter diesem Vorzeichen, und zwar weltweit.

Autor und Hintergrund für die Entstehung des Buches

Der seit langem über die Grenzen Österreichs und des deutschsprachigen Bereichs hinaus bekannte Soziologe und Gerontologe Anton Amann ist Professor für Soziologie und Sozialgerontologie am Institut für Soziologie der Universität Wien. Er forscht und lehrt seit über 25 Jahren zu Fragen des Alters und des Alterns, der Lebenslagen und der Sozialpolitik. Er ist - neben seinen im klassischen Sinne wissenschaftlichen Aktivitäten - engagiertes Mitglied in zahlreichen Gremien und Kommissionen, in denen es um die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik bei der Gestaltung von Lebenslauf und Lebenslagen und insbesondere des Alter(n)s geht. Auch ein Blick in seine zahlreichen weiteren Publikationen, so - um nur auf zwei hinzuweisen - zum Thema: "Kurswechsel für das Alter" (Hrsg.) (2000) oder: "Die vielen Gesichter des Alters: Tatsachen - Fragen - Kritiken" (1989), lässt sein hohes Engagement in gründlicher und origineller wissenschaftlicher Analyse wie in Hinweisen zur gesellschaftlichen Gestaltung schnell erkennen.

Dass Amann sich - evtl. auch in der dringend erforderlichen Korrektur anderweitiger nicht immer wissenschaftlich ernstzunehmender Publikationen zu den gesellschaftlichen Schreckensszenarien des Alter(n)s - mit dem Thema der "großen Alterslügen: Generationenkrieg, Pflegechaos, Fortschrittsbremse?" auseinandersetzt und es einer breiten Leserschaft aus Öffentlichkeit, interessierten Laien wie auch Studierenden und Fachkollegium in besten Tradition der Aufklärung eindringlich ans Herz und vor allem in den Verstand legt, wundert angesichts seines fortdauernden Engagements und seiner Könnerschaft, insbesondere im Themenfeld, nicht. Und es zeugt dennoch von nicht unerheblichem Mut und Reife eines Wissenschaftlers, der die Scientific Communities mit ihren oftmals eigenartigen Zurückhaltungen kennt.

Aufbau und Inhalte

Der Aufbau der Monographie ist durch die sehr gelungene, da die Aufmerksamkeit erhöhende und den Spannungsbogen haltende, Abwechslung thematischer Kapitel und exemplarischer Exkurse gekennzeichnet.

  1. Im ersten Kapitel geht es um "Falsche Bilder", um das Widerlegen der Lüge, dass die Alten eine ökonomische Last für die Gesellschaft seien. Nicht die demographische Alterung und steigende Gesundheits- und Krankheitskostenkosten sind verantwortlich für die finanzielle Budgetkrise des Staates, sondern die Massenarbeitslosigkeit und der globalisierte Kapitalismus. Insofern geht es auch gegen eine ökonomisch halbierte Weltsicht. Der Exkurs widmet sich Alter und Altern in europäischer Perspektive (EU).
  2. Im zweiten Kapitel geht es um die Frage: "Wer ist für wen da?" Es geht um das Widerlegen der Lüge von den "reichen Alten" und vom Generationenkrieg. Diesen gibt es - so Amann - nicht, stattdessen gibt es Verteilungskämpfe um knappe Budgets. Nicht Generationen, sondern ärmere und reichere Bevölkerung- und Interessensgruppen stehen gegeneinander. Die Sanierung der Staatshaushalte geht tendenziell zu Lasten der Ärmeren und Benachteiligten. Die vielen Transfers der Alten und ihre gesellschaftliche Produktivität bleiben unbeachtet, da sie nicht ins Bild passen. Im anschließenden Exkurs geht es um die besonderen Probleme "armer Frauen" im Alter, vor allem in benachteiligteren Ländern.
  3. Im dritten Kapitel: "Land der Greise", geht es um das Widerlegen der Lüge von der Vergreisung der Gesellschaft durch die demographische Alterung. Es geht um Kritik an der angeblich bestehenden Rigidität und fehlenden Leistungsfähigkeit älterer Menschen. Amann entlarvt diese Vorstellungen insbesondere als ideologische Argumentationsweisen, die z.B. dazu dienen, die Ausgliederung (vor allem bestimmter) Älterer aus dem Arbeitsmarkt, aber auch aus anderen relevanten Bereichen der Gesellschaft, zu legitimieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Einsicht: Alte Menschen sind keine einheitliche, sondern eine überaus differenzierte soziale Gruppe: "Alter erklärt gar nichts", so Amann. Die Zunahme der Lebenserwartung und Herausbildung einer langen nachberuflichen Lebensphase sind nicht per se Schreckgespenst, sondern durchaus Chance: Sie beinhalten Möglichkeiten für neue, alternative Lebensentwürfe. Im Exkurs geht es hier um eine "Demographische Übersicht".
  4. Im vierten Kapitel: "Die Pflegerepublik", widerlegt Anton Amann die Lüge vom "Pflegechaos": Skandale und unzumutbare Bedingungen in der Pflege gibt es, diese sind jedoch primär strukturell erzeugt und nicht Ausdruck individueller Fehler. Notwendig sind Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der Pflege, bessere Aus- und Fortbildung von Pflegekräften und Abbau von Hierarchie und Machtstrukturen. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Auflösung des Vorurteils, dass Krankheit und Alter gleichzusetzen seien. Der anschließende Exkurs stellt zwei Lebensläufe nebeneinander: mit Bezug zum Aussetzen alter Menschen bei den Eskimos und zum Sterben im Pflegeheim.
  5. Schließlich geht es im fünften Kapitel um  "Altern Global". Vor dem Hintergrund einer knappen und fundierten Kritik am globalisierten Ökonomismus verbindet Amann die Armuts- mit der mit der Altersproblematik. Er zeigt auf, wie unsere Sozial- und Altersprobleme in die Dritte Welt exportiert werden. Und er argumentiert rational und sachlich begründet für einen gerontologischen Kampf um humanere Verhältnisse jenseits eines flachen Kosten-Nutzen-Denkens. Im Exkurs beschreibt er das Bild der Karawane, in der ökonomische und technologische Fahnenträger voranziehen, während schwache, arme und hochaltrige Menschen nicht mehr nachkommen. Dem angesichts unserer gesellschaftlichen Lage konkreten Realismus dieses Bildes können sich die Leserin und der Leser allenfalls entziehen, wenn sie ihn gar nicht erst an sich heranlassen.

Einschätzung und Fazit

Der Text spricht für sich und lässt staunen. Staunen ob der fraglos selbstverständlichen und wissenschaftlich fundierten und gerade dabei in der Sache höchst engagierten Argumentationsweise des Autors. Es handelt sich ohne jeden Zweifel um eine überaus wichtige soziologische und sozialgerontologische Aufklärungsarbeit für den Alltag nicht nur der Wissenschaft. Angesichts dessen, was in populärer und wissenschaftlich nicht oder allenfalls durch Missbrauch der Wissenschaft gestützter Weise über Alter und Altern zunehmend verbreitet wird. Anton Amann gelingt nicht nur ein sehr souveränes und sachkundiges Widerlegen falscher Altersbilder, es gelingt ihm auch deren Einbettung und Begründung im Kontext von gesellschaftlichen Interessen. Ihm gelingt eine Ideologiekritik im besten Sinne: Personen und Gruppen werden konkret benannt, die ein (primär ökonomisches) Interesse an der Aufrechterhaltung falscher Altersbilder und falscher Bilder von den gesellschaftlichen Zusammenhängen, Bedingungen und Folgen des Alter(n)s haben.

Eine Fülle an sozialgerontologischen Ergebnissen und Erklärungsansätzen wird in einer sehr lebendigen, bild- und wortmächtigen Sprache vorgestellt. Dabei kommt Anton Amann mit einem Minimum an Fachterminologie aus, ohne dass das in seinem Text je auf Kosten des Inhaltes ginge.

Die Lektüre kann nur vorbehaltlos und aufs Beste empfohlen werden: allen, die sich für Fakten, Hintergründe und Zusammenhänge wie Folgen und Bedeutungsgehalte dessen wirklich interessieren, was uns tagtäglich über Medien und Meinungen zu Alter und Altern in der modernen Gesellschaft vermittelt wird. Und denen, die tatsächlich etwas über die Entwicklungsaufgaben der modernen Gesellschaft, allem voran die Entwicklungsaufgabe Alter(n), erfahren und wissen wollen. Die Lektüre darf insbesondere auch als Mutmacher für alle Skeptikerinnen, Skeptiker und wirklich Interessierten und für ältere und alte Menschen gelten, die hier Argumente gegen ihre Abwertung als scheinbar überflüssige, belastende Bevölkerungsgruppe finden werden.

 


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Backes
Zentrum Altern und Gesellschaft Interdisziplinäres Forschungszentrum Hochschule Vechta - Universität


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Zitiervorschlag
Gertrud Backes. Rezension vom 24.01.2006 zu: Anton Amann: Die großen Alterslügen. Generationenkrieg - Pflegechaos - Fortschrittsbremse? Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2004. ISBN 978-3-205-77246-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2882.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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