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Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: FAS(D) perfekt durch die Pubertät

Cover Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: FAS(D) perfekt durch die Pubertät. Ein Bilderbuch zum FAS(D) - Fetales Alkoholsyndrom bzw. Fetale Alkoholspektrumstörung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 54 Seiten. ISBN 978-3-497-03070-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch richtet sich im Bilderbuchteil an Jugendliche mit FASDD und im Textteil an (Pflege-)Eltern und Betreuungspersonen. Es thematisiert die möglichen Herausforderungen für Jugendliche mit FAS(D) im Alltag, insbesondere auch im Umgang mit Altersgenossen, im Bilderbuchteil aus der Perspektive eines Ich-Erzählers. Es wirbt für mehr Verständnis für Jugendliche mit FAS(D), die häufig soziale Regeln verletzen und sich leicht verleiten lassen.

Autor*innen

Reinhold Feldmann ist psychologischer Psychotherapeut in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Münster und in der FAS-Ambulanz in Walstedde. Er ist bereits durch verschiedene Publikationen und Vorträge zum Thema FASD in Erscheinung getreten. Anke Noppenberger ist Sozialpädagogin und arbeitet als FASD-Coach für Pflegeeltern.

Aufbau 

Das Buch beginnt mit einer kurzen an (Pflege-)Eltern und Fachkräfte gerichteten Einleitung. Es folgt ein 31seitiges Bilderbuch mit kleinen Texten in einfacher Sprache. Daran schließt sich ein 12-seitiger, ebenfalls mit Bildern untermalter Text für (Pflege-)Eltern und Fachkräfte an, der die im Bilderbuch thematisierten Herausforderungen für Jugendliche mit FASD erläutert. Ein kleines Literaturverzeichnis besteht hauptsächlich aus Texten, an denen der Autor Reinhold Feldmann mitgewirkt hat.

Inhalt

Im Bilderbuchteil geht es um Leon, der sich als Jungen mit FAS(D) vorstellt und von sich sagt: „ich bin nicht anders als die anderen … Ich bin ganz besonders“. Er wohnt in einer Wohngruppe und besucht oft seine Oma. Die Wohngruppe ist seine neue Familie. Er liebt seine beiden Mäuse. Leider wird er oft von anderen „veräppelt“ und zu Streichen oder zum Klauen verleitet. Auch schildert er, wie er Tini, in die er verliebt ist, angefasst hat und dafür sehr gescholten wurde. Als er nach einem Streich besonders abgestraft wird, läuft er weg und trifft Jugendliche im Park, mit denen er Alkohol trinkt. Zwei Polizisten bringen ihn zurück in die Wohngruppe. Über seine Betreuer und klare Regeln ist Leon froh. Er fühlt sich manchmal beim Denken wie „Spaghetti mit Löcherkäse“ und erhält Unterstützung im Alltag. Nachdem sein Lehrer über seine Situation informiert wird, erhält er viel mehr Verständnis. Besonders freut er sich über ein Praktikum auf einem Bauernhof.

Im zweiten Buchteil für (Pflege-)Eltern und Fachkräfte werden kurz Grundlagen zu FAS, pFAS und ARND erläutert, um dann auf die sozialen und emotionalen Schwierigkeiten der Kinder und Jugendlichen einzugehen. Die Autor*innen heben hervor, dass sich hinter einer selbstgefällig wirkenden Fassade nicht selten Unsicherheit, Trauer und Angst verbergen. Dargestellt wird, warum FAS(D) Betroffene in Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen geraten. Sie sind oft sehr hilfsbereit, aber auch leichtgläubig und verleitbar. Ausführlich gehen die Autor*innen dann darauf ein, dass Menschen mit FASD sowohl zum Opfer als auch zum Täter werden können und dass die gängigen Bestrafungen wenig Erfolg versprechen, da Menschen mit FASD aus Erfahrungen weniger lernen und impulsiv und verführbar bleiben. Auch der Umgang mit sexualisiertem Verhalten und Alkoholmissbrauch wird zum Thema, wobei Hinweise für klare Regeln und Aufsichtspflichten gegeben werden. Zum Schluss wird ein Blick auf einen typischen Wohngruppenalltag geworfen.

Diskussion

Das Buch thematisiert die typischen Lebensschwierigkeiten von Jugendlichen mit FAS(D), wirbt um Verständnis und betont gleichzeitig mögliche Interventionen und Grenzsetzungen. Das Bilderbuch schildert Situationen aus der Sicht eines Betroffenen und lässt so bei Nichtbetroffenen Empathie und Verständnis entstehen. Betroffene soll es direkt ansprechen, sodass Leon mit seiner Zuversicht und der Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, zur Identifikationsfigur werden kann. Die Bilder sind allerdings sehr kindlich gehalten. So versucht das Buch durch die leichte Sprache und die plakativen Bilder den Spagat zwischen kalendarischem Alter und Entwicklungsalter zu überbrücken. Ich weiß jedoch nicht, ob die Jugendlichen mit FAS(D) durch die sehr kindlichen Bilder wirklich erreicht werden und ob ein solches Buch nicht Stigmatisierungen besonders durch Gleichaltrige verstärken kann. Jegliche Aufklärung zu FAS(D) kann „janusköpfig“ werden, indem sie einerseits auf die Defizite hinweist und Empathie entstehen lässt und andererseits jedoch Stigmatisierungen verfestigen kann. Das Buch beginnt zwar mit den Worten „. Ich bin ganz besonders! Ganz besonders stark und schlau sogar!“ und endet mit: „Allen FAS(D)- Kindern und Jugendlichen und mir wünsche ich, dass man uns versteht, hilft, beschützt, nicht anstiftet und austrickst und uns gern hat, wie wir eben sind! Wir alle sind FAS(D) perfekt!“ aber die Bilder zeigen eher ein Kind als einen Jugendlichen und sind sehr naiv gehalten.

Fazit

Reinhold Feldmann und Anke Noppenberger haben ein Aufklärungsbuch veröffentlich, das aus einem Bilderbuchteil für FAS(D)-Betroffene und einem Textteil für (Pflege-)Eltern und Fachkräfte besteht. Es wirbt für Verständnis für Jugendliche mit FAS(D) und soll den Jugendlichen zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Vielleicht hätte man die Bilder noch besser an das Jugendalter anpassen können.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 20.10.2021 zu: Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: FAS(D) perfekt durch die Pubertät. Ein Bilderbuch zum FAS(D) - Fetales Alkoholsyndrom bzw. Fetale Alkoholspektrumstörung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-03070-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28821.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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