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Alireza Sibaei: Wachkoma

Cover Alireza Sibaei: Wachkoma. Störungen der Wahrnehmung. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2021. 2021. Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-8248-1282-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Thema

Es geht in diesem Buch um die Bewusstseinsstörung, die aus einer schweren Hirnschädigung resultiert und „eine reduzierte Erregbarkeit sowie pathologische und/oder verminderte Reaktionen aus der Umgebung zur Folge hat“ (Klappendeckel).

Autor

Alireza Sibaei ist Direktor des Deutschen Instituts für Wachkoma-Forschung und ehemaliger wissenschaftlicher Kollaborationspartner der Alexianer in Köln. Er leitet eine Praxis für Ergotherapie und ist Experte für Neurorehabilitation und Neuromodulation.

Aufbau

  1. Bewusstsein: Definition des Bewusstseins
  2. Bewusstseinsstörungen: Definition, Kriterien und Klassifikation
  3. Wahrnehmung und Störungen des Bewusstseins
  4. Assessments und Diagnose der Bewusstseinsstörungen
  5. Pharmakologische, medizinische und therapeutische Interventionen
  6. Sensorische Regulation und normale Fazilitation für die Rehabilitation von Patienten mit Bewusstseinsstörungen

Inhalt

Unter Bewusstsein ist ein bestimmter Tätigkeitsmodus der kognitiven Grundfunktionen, als da wären Gedächtnis, Wahrnehmung, Handlung und Planung zu verstehen.

Beim Wachkoma handelt es sich um einen Zustand, nachdem das zentrale Nervensystem schwer geschädigt worden ist und die Betroffenen am Öffnen der Augen erkennbar erwachen. Ansonsten zeigen die Menschen im Wachkoma allerdings keine Reaktionen.

Dieser Begriff hat eine Entwicklung mitgemacht, die 1940 mit Ernst Kretschmer beginnt, der dieses Phänomen erstmalig beschrieb und als apallisches Syndrom bezeichnete.

1972 hielt international die Bezeichnung persistent Vegetative Satte (PVS) Einzug in die Nomenklatur. Aufgrund der negativen Assoziationen, die diese Bezeichnung hervorruft, einigte man sich auf Unresponsive Wakefulness Syndrome (UWS) oder Syndrom reaktionsloser Wachheit.

Das Koma bezeichnet einen Zustand der Bewusstlosigkeit, in der eine minimale Gehirnaktivität erkennbar ist. Die Betroffenen leben, sind aber nicht aufweckbar. Der komatöse Verlauf zeigt sich in:

  • einer Erholung
  • einem vegetativen Zustand, in dem der Betroffene wach, sich selbst und seiner Umwelt jedoch nicht bewusst ist.
  • einem minimal bewussten Zustand, in dem der Betroffene Bewusstseinszeichen zeigt, jedoch nicht funktionell kommunizieren kann.
  • einem Locked-in-Syndrom, in dem der Betroffene wieder zu Bewusstsein kommt, aber fast vollständig gelähmt ist.
  • einem chronischen Koma, welches unumkehrbar ist.
  • einem Hirntod, dem Funktionsverlust des gesamten Großhirns und des Hirnstamms.

Für die Beurteilung eines Komaverlaufs ist die Wahrnehmung des Betroffenen ein wesentlicher Faktor.

Für die Regulierung von Wachheit und Schlaf-Wach-Übergängen beispielsweise ist das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) verantwortlich. Wenn im ARAS-Probleme auftauchen, ist der Betroffene nicht dazu fähig, sein Bewusstsein zu erlangen.

Weitere Aspekte der Wahrnehmung, die es im Zusammenhang eines gestörten Bewusstseins zu beachten gilt, sind:

  • die auditive Wahrnehmung
  • die visuelle Wahrnehmung
  • die taktile und vestibuläre Wahrnehmung
  • die Schmerzwahrnehmung
  • die olfaktorische und gustatorische Wahrnehmung

Fortschritte in der Diagnostik von Bewusstseinsstörungen haben technische Verfahren wie Positronen-Emissions-Tomografie, Magnetresonanztomographie oder Elektroenzephalografie, in Gang gebracht. Hierüber können die verbliebenen Gehirnfunktionen und das Bewusstsein bestimmt werden.

Für die therapeutische Intervention ist die Plastizität des Gehirns „d.h. die Fähigkeit, sich in Konnektivität und Funktion als Reaktion auf Erfahrungen zu verändern“ (S. 110), eine wichtige Erkenntnis.

Für die pharmakologische Therapie ist zu konstatieren, dass es keine Medikamente gibt, „die sicherstellen, „dass sich ein Patient aus dem Zustand der Bewusstseinsstörung erholt“ (S. 116). Gleichwohl werden Wirkstoffe genannt, die „die Chancen auf eine natürliche Besserung“ (ebd.) erhöhen.

Ebenso werden chirurgische Verfahren genannt, die bei Bewusstseinsstörungen zum Einsatz kommen.

Als klassische therapeutische Interventionsmaßnahmen – und eigene Erfahrungen bestätigen die Wirksamkeit in vollstem Umfang – nach einer Bewusstseinsstörung eignen sich:

  • Physiotherapie
  • Ergotherapie
  • Logopädie und Sprachtherapie
  • Musiktherapie

Zur Verbesserung der Erregbarkeit wird sich im Rahmen der Behandlung von hirngeschädigten Wachkoma-Patienten der sensorischen Regulation/​Stimulation bedient. Hierbei kommen visuelle, auditive, taktile, olfaktorische und kinästhetische Umweltreize zum Einsatz.

Diskussion

Zum Wachkoma kann ich mich an eine inhumane Äußerung eines Chefarztes aus dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erinnern, dem diese Patientengruppe am liebsten ist, da sie am wenigsten Arbeit macht, aber das meiste Geld einbringt. Diese Äußerung von einer Klinikleitung erinnert sehr an das Dahinvegetieren, das durch Persistent Vegetative State bereits zum Ausdruck kam.

Der Titel „Wachkoma“ irritiert m.E. etwas, da es sich beim Wachkoma, so wie wir es gegenwärtig benutzen und der Bundesverband Schädel-Hirnpatienten in Not e.V. als Titel für seine Verbandszeitschrift „Wachkoma und danach“ verwendet, um einen der schwersten komatösen Zustände nach einem hirntraumatischen Ereignis handelt. In der besprochenen Publikation werden jedoch Bewusstseinsstörungen, die auch in ein Wachkoma münden können, behandelt.

Fazit

Das Buch richtet sich v.a. an Ergotherapeuten, aber auch andere Interessierte, z.B. von einer Bewusstseinsstörung betroffene – und diese erfolgreich überstanden habende – Menschen. Wir erhalten einen umfassenden Einblick zu den Bewusstseinsstörungen, z.B. zu den anatomischen Gegebenheiten. Es bleibt dem Autor zu wünschen das die Publikation in den ergotherapeutischen Bibliotheken Eingang findet, „da dieser Praxisbereich im Rahmen der gesamten ergotherapeutischen Arbeit bislang noch eher klein ausfällt […]. Auch gibt es bisher keine speziell auf Ergotherapie ausgerichtete Literatur zu diesem Thema“ (S. 9).


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 06.10.2021 zu: Alireza Sibaei: Wachkoma. Störungen der Wahrnehmung. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2021. 2021. Auflage. ISBN 978-3-8248-1282-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28823.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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