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Adam Tooze: Welt im Lockdown

Cover Adam Tooze: Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 408 Seiten. ISBN 978-3-406-77346-4. 26,95 EUR.
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Thematischer Hintergrund: Ungesunde, globale Obsession

Es sind Krisen, die Stoppschilder gegen Allmacht- und Alles-Können-Auffassungen der Menschen setzen. Es sind Natur- und menschengemachte Katastrophen, die den Menschen daran erinnern, dass er ein verletzbares „Mängelwesen“ (Plessner) ist (vgl. dazu: Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, socialnet Rezensionen: Angela Janssen: Verletzbare Subjekte | socialnet.de). Es sind im Leben der Menschen nicht in erster Linie die Selbstverständlichkeiten und Natürlichkeiten, die Dasein bestimmen, sondern die Risiken und Gefahren, die als Herausforderungen und Lebenskünste gelten (Julian Nida-Rümelin/Nathalie Weidenfeld, Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​28566.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Als im Januar 2020 sich – erst zögerlich, dann pandemisch – die Nachricht in der Welt verbreitete, dass im fernen China ein neuer, bisher unbekannter Krankheitserreger – SARS-CoV-2 – entdeckt wurde, schien erst einmal der technisch und industriell entwickelte Westen in distanzierte Wartestellung zu gehen; nicht einkalkulierend, dass das Virus in der sich global entwickelten Welt in Windeseile verbreiten und furchtbare Schäden an Leben, Leib und Wirtschaft anrichten würde. Ein Jahr später nämlich stellte sich heraus, dass „fast 95 % der Volkswirtschaften in der Welt gleichzeitig einen Rückgang des Pro-Kopf-BIP zu verkraften hatten“.

Der an der Columbia University in New York lehrende Ökonom und Historiker Adam Tooze setzt sich seit langem mit Entstehung und Folgen von Wirtschafts- und Finanzkrisen in der Welt auseinander (vgl. dazu auch: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24965.php). Mit der Analyse „Shutdown. HowCovid Shook the World’s Economy“, das in deutscher Sprache mit dem Titel „Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen“ erschienen ist, setzt sich Tooze mit den weltweiten Entwicklungen und Imponderabilien auseinander. Er identifiziert die Covid-Krise als die größte, bekannte Anfechtung im neoliberalen Zeitalter. Dabei beschränkt er sich in seiner Studie auf ein Jahr: 2020; freilich nicht, ohne den wissenschaftlichen, analytischen Blick auf die Jahrzehnte des ökonomischen, kapitalistischen und materialistischen menschlichen Schaffens zurück- und auf die zukünftigen, perspektivischen Entwicklungen des New Green Deal (Ann Pettifor, Green New Deal, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27787.php), und den Spagat zwischen Ökonomie und Ökologie zu richten (Hans Lenk, Human zwischen Öko-Ethik und Ökonomik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​23859.php).

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung gliedert Tooze seine Studie in vier Teile. Den ersten Teil titelt er mit „Krankheit X“. Er setzt sich auseinander mit den Merkwürdigkeiten des menschlichen Denkens und Wissens über das Leben und Schaffen. Entstehen und Vergehen, Gesundheit und Krankheit, Pandemien und Seuchen, als Ereignisse, die sich (meist) den menschlichen Zugriffen entziehen. Sie zu akzeptieren, wie sie auch zu beeinflussen, gehört zu den kreativen Aktivitäten; sie zu ignorieren zu den größten Dummheiten. Der Autor bezeichnet letzteres als „organisierte Unverantwortlichkeit“, als „vergeudete Zeit“ der Ignoranz und Höherwertigkeitsvorstellungen. Die Binsenweisheit, dass Risiken keine Grenzen kennen, wurde von den Mächten in der Welt ausgeklammert. Dadurch entwickelte sich der Monat März 2020 zum „globalen Lockdown“.

Im zweiten Teil schlüsselt Tooze auf, dass es sich bei der Corona-Epidemie um „eine globale Krise ohne Beispiel“ handelt. Die Analysen und Prognosen von IWF und Weltbank zeigten, dass die Produktion und der Konsum von Gütern weltweit einbrechen würden: „Der Angebotsschock nährte einen Nachfrageschock“; die Aktienmärkte brachen ein: Die Wirtschaft befand sich auf der Intensivstation“, wie wenig später auch Menschen. Auch wenn der Autor beispielhaft die Pandemie-Entwicklung in den USA – und anfangs hier die desaströsen Trump’schen und wirtschaftspolitischen Reaktionen – anführt, wird deutlich, dass die „Ellbogen-Logik“ sich als weltwirtschaftliche Misswirtschaft durchsetzte.

Im dritten Teil betrachtet der Autor den „heißen Sommer“ 2020. Es sind die finanz- und kreditpolitischen europäischen Aktivitäten, wie sie von der Europäischen Zentralbank eingeleitet wurden und die wirtschaftlichen, exportorientierten Interessen stützten, die wiederum auf die ambitionierten, ausgerufenen Ziele zur Klimabewältigung stießen. Und es sind die Abhängigkeitskonflikte der Europäer von den westlichen und asiatischen Märkten, die ein „Dazwischen“ und ein unrealistisches „Neutrum“ erzeugten.

Den vierten Teil nennt Tooze „Interregnum“. Es sind die Wettläufe, Tricks und Egoismen um die Vaksine, die solidarische, altruistische Einstellungen hintan stellen; die aber eine bis dahin kaum bekannte weltweite Skepsis und Wissenschaftsignorierung beförderten. Und die demokratische und fiskalische Schuldendisziplin aufweichten. Die Hoffnungen, dass es weltweit zu einer „Herdenimmunität“ bei der Covid-19-Pandemie kommen könne, werden verringert dadurch, dass in Schwellenländern nicht ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stehen, aber auch, dass in einigen Gesellschaften Impfgegner und Wirklichkeitsleugner auftreten und die Bemühungen zum Schutz gegen die Krankheit konterkarieren.

Diskussion

Die Bestandsaufnahme einer einjährigen Entwicklung während der Corona-Pandemie vermittelt eine Analyse des schwerpunktmäßig sich in den USA vollziehenden Kampfes gegen die „Krankheit X“ – immer bezogen auf die globalen Ein- und Auswirkungen. Es geht darum, sich mit Wissen und Macht in der Welt auseinanderzusetzen und den globalen Lockdown zu verstehen und damit umgehen zu können: „Es geht darum, arkanes Expertenwissen aufzudecken, es zu verorten und zu interpretieren, Begriffe zu entschlüsseln und die Narrative, die die Macht unaufhörlich über sich selbst erzählt, zu erkennen und für kritische Zwecke zu nutzen“.

Fazit

Adam Tooze bekennt: „Dieses Buch war nicht geplant“. Es ist entstanden im zustimmenden und kontroversen Diskurs darüber, wie die „Welt im Lockdown“ wissenschaftlich und intellektuell zu verstehen ist. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit, die sich als Literaturrecherche und Kommunikationsprozess darstellt. Das zeigen auch die 54seitigen Anmerkungen und Literaturanzeigen. Das Personenregister verweist auch darauf, dass die Studie als Handbuch benutzt werden kann, wenn es um die Frage geht, wie nützlich, hilfreich und notwendig die Auseinandersetzung mit dem „globalen Lockdown“ geht.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.09.2021 zu: Adam Tooze: Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen. Verlag C.H. Beck (München) 2021. ISBN 978-3-406-77346-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28828.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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